Tagesarchiv für den 12. September 2010

Vehs Hang zur Sachlichkeit

12. September 2010

Moin liebe Matz-abber, auf geht’s zur zweiten und vorerst letzten Version von Interimslösung Pletz-da. Das gestrige Spiel des HSV hat mir (wie vielen von Euch) noch einiges an Nachbetrachtungszeit gekostet. Ich konnte bei vielen Eurer Beiträge nicken, bei einigen musste ich allerdings auch irritiert den Kopf schütteln.

Nehmen wir mal den Fall Piotr Trochowski, bei dem einige von Euch Dieter Matz ja schon ein persönliches Fandasein anlasten. Seine Leistung gestern war bescheiden, nein, sogar extrem schwach, wenn man den einen Traumpass auf Ruud van Nistelrooy kurz vor der Pause mal außer Acht lässt. Armin Veh hat ihn nach 55 Minuten vom Platz geholt und damit ja auch bestätigt, dass dieser Auftritt nicht seinen Vorstellungen entsprach. Ob das allerdings gleich ein Grund ist, vernichtende Pauschalverurteilungen über „Troche“ herauszukramen, die ja letztes Jahr auch immer wieder zu hören und zu lesen waren, bezweifle ich. Denn erstens ist Trochowski ja nun wahrlich nicht die zentrale Figur und Seele des HSV-Spiels (abgesehen von der Position auf dem Rasen – wie auch als „MITspieler“?), außerdem war er gerade gegen den 1. FC Nürnberg ja nun nicht der einzige Hamburger Spieler, der eine enttäuschende Leistung geboten hat. David Jarolim (was bei ihm eine absolute Seltenheit ist), Paolo Guerrero ab der 15. Minute, aber auch Marcell Jansen und mit Abstrichen Jonathan Pitroipa liefen ihrer Form weit hinterher. Warum es in der Anschlussbetrachtung dann solch gravierenden Bewertungen mit zweierlei Maß gibt, verstehe ich nicht.

Das soll aber kein Angriff auf Eure Erkenntnisse sein, denn die sind im Vergleich zu vielen vermeintlichen Expertenmeinungen und Bewertungen viel sachlicher und fachlicher begründet. Ich würde aber viel lieber noch ein Stück tiefer in die sachliche Analyse eingehen. Und da muss ich Armin Veh mal ein Riesenlob aussprechen. Ich rede ja nicht ansatzweise so häufig mit ihm wie Dieter und höre ihm auch nur ab und zu mal bei seinen Ausführungen zu (beim Training sehe ich ihn ja meist schweigend mit den Händen a la Beckenbauer auf dem Rücken), aber wie er das Match gestern analysiert hat, war prägnant, sachlich und traf den Nagel wirklich auf den Kopf. Ohne dass er Namen nannte, gab es von ihm eine klare Fehlerzuteilung. Und die entspricht auch dem, was ich von der Tribüne aus gesehen habe.

Fangen wir beim Schiedsrichter an. Mit dessen Entscheidungen hatte Veh auch ein paar Probleme, anders als einige seiner Spieler unterstellte der Trainer dem Unparteiischen aber nicht, Hauptschuldiger an den verschenkten zwei Punkten zu sein. „Wenn du 1:0 gegen so einen Gegner in Führung gehst, dann musst du das nach Hause fahren. Es kann ja nicht sein, dass aus einer Überzahlsituation für uns ein Elfmeter für Nürnberg wird“, sagte er. So habe ich es auch gesehen. Für mich ist es unbegreiflich, dass eine Defensivzentrale mit Jarolim, Zé Roberto und Westermann, Mathijsen trotz der Führung die Mitte so preisgeben wie vor dem 1:1. Ob Rost Schrieber nun berührt hat oder nicht, ob es ein Elfer war oder nicht, das ließ sich gestern selbst nach der zehnten Zeitlupe nicht einwandfrei klären. Für mich war das ein typischer „Kann man pfeifen, muss man aber nicht“-Strafstoß. Schließlich hat Rost den Ball auch nicht berührt.

Noch einmal zu Trochowski. Veh wurde natürlich auch nach dem umstrittenen Mittelfeldmann befragt. Und er befasste sich einzig und allein mit den Erkenntnissen des Auftritts. Trochowski hätte den Abstand zur Spitze van Nistelrooy enger halten müssen, sagte Veh, „aber das muss er auch noch lernen, schließlich hat er diese Rolle jetzt erstmals von Anfang an gespielt“. Der Trainer sieht den Nationalspieler eher auf dieser Position als auf der rechten Seite, weil er „da mit seinen Vorzügen mehr beschicken kann“. Veh verdammte Trochowski nicht, sondern kritisierte ihn hart und gerecht.

Was ihn offensichtlich aber noch viel mehr ärgerte, war die Leichtfertigkeit, mit der seine Mannschaft einen eigentlich sicheren „Dreier“ aus der Hand gegeben hatte. Und da sah er die Ursachenfrage auch zweigeteilt. Einerseits hätte sein Team die druckvolle Anfangsphase besser nutzen müssen („da müssen wir bei Bällen in die Mitte einfach mal knipsen“), zudem hätte sich die Verteidigung besser auf das Nürnberger Spiel einstellen müssen, was vor allem für die vielen Konter in Hälfte eins zutraf: „Es kann nicht sein, dass wir die Mitte zweimal in dieser Form aufgeben.“ Insgesamt lautete Vehs Fazit: „Da müssen wir noch dazulernen!“ Er hat leicht Reden. Im Gegensatz zu den meisten von Euch (mich eingeschlossen) hat er diese Dauerfrustration der vergangenen Jahre in einigen entscheidenden Szenen vornehmlich gegen „kleine Gegner“ wie den FCN ja auch nicht als HSV-Verantwortlicher, -Fan oder –Beobachter mitmachen müssen.

Der Dauerfall Mladen Petric bleibt uns auch erhalten. Im TV-Interview deutete Veh wohl „Altlasten“ des atmosphärischen Problems Petric/HSV an, was eigentlich nur Differenzen zwischen Petric und Bernd Hoffmann bedeuten kann, denn Bastian Reinhardt ist für „Altlasten“ zu frisch im Geschäft, und Veh selbst ist ja auch noch ein Neuling hier an der Elbe. Aber diesen sensiblen Bereich überlasse ich gerne Dieter, der ja morgen wieder in alter Form übernehmen wird. Petric war heute beim Training übrigens wieder nur Laufen.

Ansonsten beginnt nun wirklich der Countdown für das Derby beim FC St. Pauli. „Wir freuen uns auf dieses Spiel“, sagt Veh, der mit seinen Jungs weiter am „Spagat“ arbeiten will und muss, dass druckvolles Mann-gegen-Mann-Spiel einerseits, aber auch abgeklärtes und stabiles Defensivverhalten mit Absicherungen andererseits zum Erfolgsrezept werden.

Ich drücke ihm die Daumen und wünsche Euch weiterhin viel Spaß mit Matz-ab.

12:30 Uhr