Tagesarchiv für den 9. September 2010

Plötzlich war es mucksmäuschenstill

9. September 2010

Für einen Moment war es mucksmäuschenstill im Volkspark. Die Uhrzeiger näherten sich elf Uhr, als Ruud van Nistelrooy flach wie eine Briefmarke am Boden lag. Die Kollegen sagten nichts, die Trainingskiebitze erst recht nicht. Es war so, als hielten alle für einige Sekunden den Atem an. Was für ein Schreck! „Van the man“ regungslos auf dem Rasen. Erst allmählich berappelte er sich, hielt sich den Arm, die Schmerzen waren ihm anzusehen. Der Ellenbogen war aus der Pfanne gesprungen, weil ein Teamkollege beim Abschlussspiel des Tages auf den Arm des Niederländers gefallen war. Zum Glück aber gab es dann doch schnell Entwarnung, Ruud van Nistelrooy konnte sogar noch weiter spielen. Dennoch: Der Schreck war ihm deutlich anzumerken. Mit aschfahlem Gesicht ging er vom Platz. Und dann das eigentliche „Wunder“. Jeder Spieler wäre wohl sofort in Richtung Kabine gegangen, doch Ruud van Nistelrooy blieb sich auch in dieser Ausnahmesituation treu. Mit blassem Gesicht schrieb er tapfer jede Menge Autogramme, stellte sich sogar zu Fotos mit den Fans. Einmalig, wirklich einmalig dieser Weltstar! Er soll, so berichteten später einige ganz Aufmerksame, sogar kurzfristig ohnmächtig gewesen sein.

Während RvN aber am Sonnabend spielen wird, gibt es Sorgen um Mladen Petric, der an diesem Donnerstag nicht trainieren konnte. Ein Bluterguss im Oberschenkel, eingefangen im Länderspiel zwischen Kroatien und Griechenland, verhinderte einen Einsatz des Stürmers. Trainer Armin Veh zur Schwere der Verletzung: „Das Risiko, dass etwas passieren kann, wenn er spielen sollte, ist da, so sagt es der Arzt, und dementsprechend gehe ich davon aus, dass Mladen im Normalfall gegen Nürnberg nicht im Kader stehen wird, denn dieses Risiko müssen wir ja nicht eingehen.“

Mit „eingeschnappt“ oder „maulig“ soll diese Verletzung nichts zu tun haben, auch damit nicht, dass Petric vor einigen Tagen noch unbedingt zum VfB Stuttgart wollte, weil er Signale empfangen hatte, dass ihn der HSV loswerden wollte. Heute haben sich deswegen Petric und Sportchef Bastian Reinhardt an einen Tisch gesetzt, sich einmal ausgesprochen. Reinhardt dazu: „Wir haben uns über die Vorgänge der vergangenen Tage ausgetauscht, jetzt muss es aber auch weitergehen, ich bin sicher, dass sich Mladen nun wieder voll reinhängen wird.“

Aber wohl kaum gegen Nürnberg. Zumal Veh personell aus dem Vollen schöpfen kann. Alle Nationalspieler sind unverletzt von ihren Qualifikationsspielen zurückgekehrt – bis auf Tomas Rincon, der erst im Laufe des heutigen Abends von seiner „Weltreise“ in Hamburg einschweben wird. Ob Armin Veh gegen den „Club“ die Sieger von Frankfurt auflaufen lassen wird, ließ der Coach noch offen. Er schließt allgemein nämlich nicht aus, sich auch mal nach dem Gegner zu richten – wenn es Spieler gibt, die gegen einen Gegner besser passen sollten als einer, der zuvor zwar mithalf, dass der HSV sein Spiel gewann, der dann aber dennoch auf die Bank müsste. Veh: „Es gibt solche Situationen, dafür haben wir ja eine gute Mannschaft. Und deshalb wird es immer so sein, dass immer ein, zwei oder drei gute Spieler auf der Bank sitzen werden. Das wird sich, hoffentlich, auch nicht ändern.“

Ich habe es schon mehrfach geschrieben; Der HSV ist in der glücklichen Lage, einen ganz ausgeglichenen Kader zu haben. Sollte jetzt der eine oder andere Stammspieler ausfallen, so könnte er adäquat ersetzt werden – das war nicht immer so. Einer derjenigen, die ständig in die Stammformation drängen, ist Gojko Kacar. Er musste noch eine Extraschicht mit Steigerungsläufen absolvieren. Weil Armin Veh unzufrieden mit dem Serben ist? Keineswegs. Der Trainer erklärt: „Er hat gut trainiert heute, aber er war nun mit der Nationalmannschaft unterwegs und hatte wenig Einsatzzeiten. Deswegen gab es jetzt diese Zusatzschicht für ihn, denn ich möchte, dass er noch fitter wird.“ Veh sagt nämlich auch: „Gojko ist noch nicht bei 100 Prozent. Und deswegen war der Aufenthalt bei seinem Nationalteam nicht gut, denn hier in Hamburg hätte er sicher intensiver trainieren können – aber das ist nun einmal so.“

Erfreulich für den HSV: Sowohl Dennis Aogo als auch Marcell Jansen dürften nach jetzigem Stand gegen Nürnberg spielfähig sein. Jansen trainierte heute erstmalig wieder mit, hat noch einige Schmerzen mit dem linken Knie, aber es wird wohl gehen, denn der Nationalspieler erklärte: „Wenn ich am Freitag noch einmal so trainieren kann wie heute, dann kann ich auch gegen den Club spielen.“ So sieht es auch Armin Veh, der Jansen aufstellen würde (und wohl auch wird), denn generell hat Aogo bislang zu lange gefehlt, so dass sein Einsatz ein viel größeres Risiko wäre.

Aber auch für die Position „hinten links“ gilt das, was ich eben schrieb: Es gibt Alternativen, und zwar beste. Das macht sich auch im Training bemerkbar. Es lässt sich keiner hängen, alle geben Vollgas, um sich ständig anzubieten. Jansen auf meine Frage, ob sich das gegenüber der vergangenen Saison geändert habe: „Wir haben gezielt Spieler dazu bekommen, der Kader ist größer und besser geworden. Das ist Fakt. Über das erste halbe Jahr der vergangenen Saison müssen wir nicht reden, besser ging es fast nicht. Aber in der Rückrunde haben wir dann einfach zu viele Punkte liegen gelassen. Jetzt ist es so, dass die Arbeit Spaß macht, die Kommunikation ist gut, das Trainer-Team kommt gut bei der Mannschaft gut an.“ Marcell Jansen weiter: „Das sind zwar immer Zeitaufnahmen, soll auch nicht heißen, dass sich ändern wird, aber in schwierigen Situationen wird es sich zeigen, wie wir als Mannschaft funktionieren.“ Dass der Spaßfaktor in der vergangenen Saison dann irgendwann auf der Strecke geblieben ist, das weiß auch Jansen: „Nachher, in der Rückrunde, hat sich irgendwie alles zerrieben, da hat man gemerkt, dass die vielen Spannungen noch da waren. Spaß und positive Spannungen aber braucht man, denn eines wird sich nie ändern, dass man Woche für Woche unter Druck steht, gewinnen zu müssen.“ Dann ergänzt der Abwehrspieler noch: „Fußball ist immer noch ein Spiel, und zu einem Spiel gehört immer auch Spaß. Und dazu gehört auch, dass jeder mitmacht. Wenn alle mitmachen und richtig gut mitziehen, dann wird man auch Erfolg haben. Wir haben eine gute Mannschaft mit einem riesigen Potenzial, wenn das Mentalitätsdenken der Kompaktheit noch hinzukommt, dann sehe ich für uns eine gute Chance.“

Eine Chance für die Rückkehr in die nationale Spitze? Oder sogar noch mehr? Wie Jansen schon sagte, alle müssen richtig gut mitziehen. Auch wenn es mal Rückschläge gibt, Rückschläge mit der Mannschaft oder auch der persönlichen Art – wie es Mladen Petric derzeit durchleben muss.

Eine schlimme Zeit hat ganz sicher auch Eric-Maxim Choupo-Moting hinter sich. Erst ein Blitzstart beim HSV, dann viele Monate verletzt, in der vergangenen Saison dann an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen – nun zurück und irgendwie doch zwischen Baum und Borke. Dennoch habe ich das Gefühl, als wenn sich „Choupo“ derzeit ganz wohl fühlt in Hamburg. Er trainiert seit einigen Tagen deutlich besser, wirkt engagierter, wirkt auch enorm selbstbewusst. Er sagt über sich: „In Nürnberg habe ich einen weiteren Schritt nach vorne gemacht, weil ich mehr gespielt habe, und nun bin ich zurück und habe wieder Fuß gefasst beim HSV.“ Und er ist Nationalspieler Kameruns geworden, sogar WM-Teilnehmer: „Es war immer mein großer Traum, Nationalspieler einer A-Nationalmannschaft zu werden, entweder Deutschland oder Kamerun, und dieser Traum ist in Erfüllung gegangen.“

Beim HSV steht er dennoch hinter Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric, Paolo Guerrero. Er muss Geduld haben. Choupo-Moting: „Ich akzeptiere die große Konkurrenz, akzeptiere, dass diese Spieler vor mir stehen, aber ich werde weiter versuchen, mein Potenzial abzurufen und mich so anzubieten, mehr Möglichkeiten habe ich ja auch nicht.“ Fest stand für ihn im Sommer aber schon: „Der HSV ist mein Verein, Hamburg ist meine Stadt, ich wollte hier bleiben. Es ist nicht immer leicht, aber ich muss an mir arbeiten und den Trainer irgendwann von meiner Qualität überzeugen.“

Das ist offenbar zuletzt immer besser gelungen, denn Armin Veh sagt über Choupo-Moting: „Er hat sich jetzt kontinuierlich im Training gesteigert, aber er muss Konstanz in sein Spiel bringen. Im Trainingslager hat er noch ziemlich lethargisch trainiert, das hat mir nicht so gut gefallen, aber jetzt hat er deutlich zugelegt.“ Der Trainer weiter: „Deswegen hätte ich nun auch keine Bedenken, ihn mal von Anfang an zu bringen. Und das ist etwas, was sehr schön ist für mich als Trainer.“

Kommentar „Choupo“: „Ich fühle mich momentan ganz gut, aber ich weiß, dass ich noch besser kann. Aber das gilt wohl für alle. Wichtig ist für mich, im Kopf frei zu sein, und wenn man gut drauf ist, dann kann man sein Potenzial auch abrufen. Schlechte Tage wird es zwar immer wieder mal geben, aber die Hauptsache ist, dass die guten überwiegen.“

Im letzten Länderspiel Kameruns schoss Eric-Maxim Choupo-Moting einen Elfmeter, die beiden anderen Tore für sein Team erzielte Samuel Etoo. Wie kam es dazu, dass nicht Etoo den Strafstoß schoss? „Choupo“: „Ich hatte den Elfmeter auch herausgeholt, und ich habe mich sehr gut gefühlt, wollte gerne das Tor machen. Etoo wollte eigentlich schießen, aber ich habe ihn dann gefragt, ob ich schießen kann, und er hat mir den Ball gegeben. Und zwar mit den Worten: Wir sind eine Familie, natürlich darfst du schießen. Und es ist wirklich so, dass wir wie eine Familie sind, auch wenn es natürlich eine Hierarchie gibt und Etoo der Weltstar ist.“

Vielleicht darf „Choupo“ ja auch am Sonnabend gegen seinen ehemaligen Klub ran, als Einwechselspieler? Und wer weiß, wenn er dann wieder einen Elfmeter „herausholt“, dann wird er vielleicht fragen, ob er den Schuss auch ausführen darf. Ob er dann auch tatsächlich dürfte?

18.39 Uhr