Tagesarchiv für den 8. September 2010

Ruud van Nistelrooy einfach nur happy

8. September 2010

Sein Autogramm war nach dem Training wieder einmal heiß begehrt. Ruud van Nistelrooy musste schreiben, schreiben, schreiben. Und für Fotos posieren. Gelassen ließ er alles über sich ergehen. Auch deshalb, weil er im Moment wohl eine seiner glücklichsten Phasen als Fußballer erlebt. Die Rückkehr in die niederländische Nationalmannschaft hat den 34-jährigen Torjäger total happy gemacht. „Beim Abspielen der Nationalhymne habe ich über die letzten zwei Jahre nachgedacht, was alles passiert ist – es war ein sehr emotionaler Moment für mich“, gibt der Routinier ehrlich zu. Für ihn ist diese Berufung keine Normalität, für ihn ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Gerade nach der verpassten WM in Südafrika. Und weil nach einem solchen Turnier bei etlichen Nationalteams ein Neuanfang bevorsteht, hat „Van the man“, das gibt er zu, auch nicht mehr mit einem Anruf seines Nationaltrainers Bert van Marwijk gerechnet. Umso schöner war es dann, als der HSV-Stürmer hörte: „Du bist dabei, morgen früh um sechs Uhr geht dein Flieger.“ Seine Antwort war nur: „Alles klar, ich werde kommen.“

Und nun? Wie geht es weiter? Erst einmal das Thema Nationalmannschaft. Er hat mit dem Coach darüber gesprochen. Es wird wohl (weiterhin) von Spiel zu Spiel gedacht. Die Situation ist entscheidend. Ist er fit, so wie jetzt, und schießt er weiterhin so viele Tore, wie jetzt, so stehen wohl weitere internationale Einsätze bevor, das scheint sicher. „Jetzt bin ich dabei, ich genieße jeden Moment, es ist ein Riesen-Moment für mich – und alles Weitere wird man dann sehen. Ich hoffe natürlich, dass ich weiter dabei bleiben kann, möglichst bis zur EM 2012. Und im Moment scheint alles nur positiv, aber ich vergesse nicht, ich weiß auch, woher ich komme . . .“ Eineinhalb Jahre war er verletzt. Hat in dieser Leidenszeit zwei Spiele für Real Madrid absolviert. Die Karriere schien am Ende, doch viele Experten irrten sich. Ruud van Nistelrooy biss sich zurück, er ist wieder da – und wie! Und wie ist seine Zukunft in Hamburg? Verlängern? Eine in diesen Tagen oft gestellte Frage. Van Nistelrooy sagt aber genau das, was er schon im Sommer immer gesagt hat: „Ich entscheide mich am Ende der Saison. Und dann ist für mich entscheidend, wie ich mich fühle. Jetzt werde ich auf jeden Fall nicht über eine Vertragsverlängerung sprechen, auch nicht einmal darüber nachdenken.“

Er will trotz aller Euphorie, die jetzt um ihn herum herrscht, die auch ihn erfasst hat, „neutral“ bleiben, wie er es sagt. Abwarten, den Ball flach halten. In sich hinein horchen, sehen, wie sein Körper die kommenden Strapazen verkraftet. Seine Überlegungen dabei: „Ich habe noch einige Jahre zu spielen, wenn du aufhörst kommt es niemals zurück. Deshalb will ich es voll ausnutzen, so lange es noch geht.“

Ich kenne etliche Spieler, die ihre Karriere zu früh beendeten, die deshalb sauer auf sich selbst waren. Teilweise noch Jahre danach. Felix Magath ist mein Muster-Beispiel. Er hörte nach der WM 1986 auf, wurde HSV-Manager. Ohne Not hörte er auf, später bedauerte er diesen Entschluss oft, oft, oft. Aber das nur am Rande.

Für mich ist es bemerkenswert, wie demütig auch ein Ruud van Nistelrooy werden kann, wenn er über seine Karriere und die jetzige Situation spricht. Der Mann war ganz oben, stand mit seinen Toren an der Spitze der Welt – aber er zeigt sich auch dankbar. Immer wieder. Auch jetzt. „Ich habe es auch in Holland gesagt: Der HSV hat mir die Möglichkeit gegeben, meine Karriere noch einmal neu zu starten. Ich war weit weg. Und wenn ich noch eine schwere Verletzung bekommen hätte, dann hätte das auch mein Ende als Spieler sein können. Dann noch einmal nach einigen Monaten neu zu beginnen, das wäre vielleicht zuviel für mich gewesen.“ Aber es kam anders. Ruud startete durch. „Es waren damals nicht viele Vereine, die mich wollten. Für mich war es wichtig, dass man mir die Chance gegeben hat. In Hamburg standen sie alle hinter mir, das war fantastisch. Und dass es nun so gelaufen ist, das ist wirklich ein Top-Szenario. Mir wurde hier ein riesig großes Vertrauen entgegen gebracht, das vergesse ich nicht“, Ruud sagt van Nistelrooy. Wenn man ihn so reden hört, dann ist erkennbar, dass dieser Weltstar Hamburg schon tief in sein Herz geschlossen hat – Hamburg und den HSV. Deswegen sagt er wohl auch: „Wenn es um einen neuen Vertrag geht, dann ist Hamburg der erste Verein, mit dem ich sprechen werde.“

Versprochen Ruud? Versprochen!

In Madrid hatte er seine erste Knieverletzung, die schließlich zur Operation geführt hat. Er sagt: „Ich hatte nie eine Knieverletzung. Und nach der Knieverletzung kamen dann Muskelverletzungen hinzu. Ich hatte auch nie Muskelverletzungen. Der Oberschenkel war hinten lädiert, vorne lädiert – und ich habe mich gefragt: Was ist das nur alles? Ich wusste nicht, was los war.“ Dann gibt er zu: „Natürlich habe ich daran gedacht, dass ich nun 32 Jahre bin, vielleicht ist der Körper nun am Ende? Diese Zweifel gab es. Aber ich habe weitergemacht, ich hatte ja auch noch Vertrag.“

Bis dann der Wechsel nach Hamburg anstand. RvN: „Das war das Beste was ich machen konnte.“ Er wurde hier mit offenen Armen aufgenommen, bevor er überhaupt an Elbe und Alster war, gab es schon einen riesigen Hype um ihn. Er sagt: „Auf der einen Seite war es komisch. Ich wurde hier empfangen wie ein Weltstar, aber ich war gerade in einer ganz, ganz schwierigen Phase meines Lebens. Ich war verletzt, hatte lange nicht gespielt. Und ich konnte nur hoffen. Habe auch gehofft, dass ich diesen Leuten, die so auf mich setzten, dass ich ihnen irgendetwas zurückgeben könnte. Zum Glück ist es so eingetroffen, Gott sei Dank.“

Eine WM hat in diesem Sommer auch van Nistelrooys Teamkollege Heiko Westermann verpasst. Im letzten Testspiel eine Verletzung, das war es dann für ihn. Nun aber ist der 27-jährige Abwehrspieler wieder Mitglied der deutschen Nationalmannschaft – und nicht nur das. Westermann brach gegen Aserbaidschan den Bann, indem er das wichtige 1:0 erzielte. Folgt nun am Sonnabend auch gleich das erste HSV-Tor in der Bundesliga? Gegen Nürnberg? Westermann der Realist: „Das ist mir absolut egal, die Hauptsache ist, dass wir gewinnen.“ So ist es in der Tat. Zu seinem dritten Tor im Nationaltrikot befand er nur: „Es war mal wieder höchste Zeit, dass ich getroffen habe. Und irgendwie war es für uns alle ja auch eine Erlösung, dass wir dieses 1:0 geschafft hatten.“

Über das Team von Bundestrainer Löw befindet der HSV-Kapitän fast ein wenig zu nüchtern: „Die Mannschaft ist stark wie zuvor, ist aber vielleicht noch selbstbewusster geworden. Wir haben eine riesige Chance in den nächsten Jahren, denn diese Mannschaft ist jung. Und sie wird spielerisch die beste Mannschaft sein, die der DFB jemals gehabt hat. Dementsprechend gehen alle zu Werke.“

Zum Thema HSV sagt Heiko Westermann kurz und knapp: „Ich habe gleich gesagt, dass ich für mich die beste Entscheidung getroffen habe, hierher zu gehen. Beim HSV spiele ich in der spielerisch besten Mannschaft, in der ich je gespielt habe – habe ich aber auch schon gesagt. Der HSV ist ein enorm großer Klub, auch ein erfolgreicher Klub, und alle sind hungrig, an diese Erfolge anzuknüpfen. Es macht einfach nur Spaß, hier zu spielen.“

Jetzt hat ihn der Alltag wieder. Und er ist Realist genug, um die nächste Aufgabe auch mit dem nötigen Ernst anzugehen: „Wir dürfen den 1. FC Nürnberg nicht unterschätzen. Ich habe den Club gegen Mönchengladbach gesehen, da fand ich das Team nicht schlecht. Nürnberg wird mit zwei jungen Stürmern kommen, auf die wir höllisch aufpassen müssen.“ Dann warnt er: „Wenn wir nur einige Prozent locker lassen, dann wird es schwer für uns – auch gegen Nürnberg.“ Obwohl er auch sagt: „Ich habe noch nie gegen den 1. FC Nürnberg verloren, weder mit Greuther Fürth, noch mit Arminia Bielefeld oder Schalke 04.“ Das klingt viel versprechend. Und sollte sich dann mit dem HSV auf keinen Fall ändern . . .

Kurz noch zum heutigen Trainingstag: Vier Spieler ging laufen: Joris Mathijsen, Mladen Petric, Westermann und der noch angeschlagene Marcell Jansen. Über den deutschen Nationalverteidiger sagte Trainer Armin Veh: „Wir warten jetzt einmal ab, wie Marcell diese Belastung übersteht, hat er keine Probleme, so könnte er am Donnerstag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.“ Also besteht noch die Hoffnung, dass Jansen am Sonnabend doch auflaufen kann.

Wieder mit im Mannschaftstraining steht Neuzugang Dennis Diekmeier, der auch beim abschließenden Spiel (neun gegen neun) das einzige Tor des Abends (für die Reservisten) schoss. Ein Tor für die Sieger-Neun erzielte auch Eric-Maxim Choupo-Moting, aber da wohl eine Abseitsstellung vorgelegen hatte, zählte der Treffer nicht. Auffällig bei diesem Spielchen, wie sehr sich Paolo Guerrero und Lennard Sowah „beharkten“. Zwei „Reservisten“ stachen für mich aus ihrem Team hervor: Collin Benjamin und Gojko Kacar. Bemerkenswert zudem, wie Frank Rost seine Leute (die Reservisten) lautstark dirigierte und am Band hatte. Insgesamt muss ich sagen, dass im Training schon, wie am Vortag, ordentlich Gas gegeben wird, dass sich keiner schont – es ist Zug drin, wie es so schön heißt. Und das kann dem Nürnberg-Spiel ja nur förderlich sein.

Dass Dennis Aogo nach dem Kick wieder von Physiotherapeut Uwe Eplinius „verarztet“ werden musste, das werte ich mal nicht als (kleines) Alarmzeichen. Ich hoffe, dass das aus Vorsicht geschah . . .

So, ganz kurz noch zu einem leidigen Thema. Ich wollte es eigentlich nie wieder erwähnen, aber ich muss es wohl doch. Es geht um den Beitrag von „Herrn Eiermann“. Der hatte über ein Nicht-Fußball-Thema referiert, diese Zeilen standen nur einige Minuten drin – und wurden von mir gelöscht. Jawohl, von mir. Dazu stehe ich. Es ging um dieses leidige Thema, dass ein ehemaliger HSV-Trainer eine Frau eines HSV-Profis „angebaggert“ haben soll. Was für ein Blödsinn! Es ist einfach nur unwahr, auch wenn hier einer das gehört haben will, dort einer noch mehr. Es soll teilweise auch von Aufsichtsräten weiter geflüstert werden, aber es ist NICHTS dran an diesem bösen Gerücht. Nichts! Und ich bitte nur noch einmal jeden, mit diesem Mist nun endlich aufzuhören. Das Gerücht gibt es seit Januar 2010, wer es jetzt erst erfährt, der lebt wirklich hinter dem Wald.

Wer aber meint, es immer wieder schreiben zu müssen, dem wünsche ich dann tatsächlich einmal jenen Fall, dass sich dafür die Staatsanwaltschaft interessiert – auch wenn es sich garstig anhört. Ich habe zu diesem Thema aber ganz einfach nur die Schnauze voll, ich sage es, wie es ist. Es ist einfach nicht wahr. Hört endlich auf damit. Und ich will damit auch nichts vertuschen, wir wollen damit nichts vertuschen, es ist einfach nur falsch. Bitte, macht endlich Schluss damit.

PS: Auch damit, ganz nebenbei, ich mit den „schönsten“ Kraftausdrücken gegenseitig zu beschimpfen. Auch das ist einfach nur widerlich – und muss in einem HSV-Blog nun wirklich nicht sein. Ich appelliere an Eure Vernunft. In beiden Fällen.
Danke.

PS: Zwei besondere Gäste gab es heute im Volkspark zu sichten: Cornelius Jol war mal wieder da, der Bruder des heutigen Ajax-Trainers Martin Jol. Und der frühere HSV-Stürmer Andreas Merkle drückte mir eine nagelneue CD in die Hand. “HSV-FANtastic” singt darauf “HSV bist unser Leben” und “Die Hamburger sind da”.
Hoffentlich. Am Sonnabend. Die CD soll es, wenn ich es richtig im Ohr haben, spätestens nächste Woche auf dem Markt geben.

So, es ist spät, zu spät geworden, deswegen drücke ich nun auf den Freigabeknopf. Bitte verzeiht alle Flüchtigkeitsfehler, ich denke, die Zeit drängt jetzt.

20.27 Uhr