Tagesarchiv für den 3. September 2010

Trochowski als Diplomat

3. September 2010

Ich will es kurz machen. Ich bin hellauf begeistert von den Reaktionen, die ich in den vergangenen Stunden gelesen, nein, verschlungen habe. Man kann wirklich nur jedem HSV-Insider und –Verantwortlichen empfehlen, hier mal reinzuklicken und der „Seele des HSV“ ein bisschen näher zu kommen. He, denkt jetzt nichts Falsches, ich will mir und uns nicht auf die Schultern klopfen und behaupten, dass der Matz-ab-Blog das Maß aller Dinge ist. Aber er ist auf jeden Fall eine Plattform, auf der man neben allen Extremen (Meinungslagen) auch eine erstaunliche Vielzahl an sachlich-fundierten Beiträgen findet, die sich mit Kernproblemen und grundsätzlichen Bedenken vieler HSV-Fans und –Mitglieder beschäftigen. Dass Bernd Hoffmann seit Dietmar Beiersdorfers „Abgang“ oder „Flucht“ oder „freiwilligem Rückzug“ mehr denn je im Blickpunkt steht und kritisch beäugt wird, wird hier ebenso mit vielen kleinen Details und Anmerkungen versehen wie das Verhalten und die Außenwirkung des neuen Trainers.

Und in einer mehrfach gelesenen These Eurerseits möchte ich sogar widersprechen. Viele von Euch behaupten zwar, dass es in der Fangemeinde nicht ansatzweise noch negativ, kritisch und pessimistisch zugeht wie hier in der Bloggemeinde, aber das glaube ich so nicht. Vielleicht ist es eher so, dass hier von mehreren Personen das gnadenlos ausgesprochen wird, was auch außerhalb der Matz-abber-Gemeinde in den Gedanken vorhanden ist, aber selten so klar zum Ausdruck kommt. Der Verein ist zerrissen – das habe ich heute in einem Kommentar gelesen. Das klingt hart, vielleicht sogar zu hart. Ich würde eher sagen: Der Verein ist hin- und hergerissen. Und letztlich wird es irgendwann, wahrscheinlich sogar in dieser Saison, zu einer Art Showdown kommen. Stellen sich endlich die gewünschten, nein, herbeigesehnten Erfolge in welchem Wettbewerb auch immer ein (sind ja nur zwei, ist also überschaubar), dann wird die Skepsis der meisten an Verantwortlichen, Strategien, neuen Wegen und so weiter abebben und einer Glückseligkeit weichen, die dieser Verein und diese Stadt so sehr brauchen. Passiert jedoch das Gegenteil, beispielsweise das Aus in DFB-Pokalrunde zwei in Frankfurt und Mittelmaß in der Liga (wobei das wahrscheinlich schon auf Rang sechs beginnt), dürfte es bei den Rothosen ganz, ganz ungemütlich werden – und das gilt für sämtliche sportliche Verantwortliche über fast alle Vorstände bis hin zu den Aufsichtsräten. Die Ratlosen, wie sie ein Fan kürzlich beschrieb, werden eh schief angeguckt, weil sie selten bis nie positive Eigenwerbung betreiben konnten. Horst Becker nahm einige Fettnäpfchen mit, Jörg Debatin setzte sich eigenmächtig gegen ein kollektives Schweigegelübde hinweg, als er nach Beiersdorfers Abschied nachkartete und so weiter.

Aber glücklicherweise ist das ja alles Schnee von gestern und – sofern es denn irgendwann Sekt oder Selters heißt – Zukunftsmusik. Ich bin jedenfalls froh, dass wir uns in diesem Blog auch und vor allem sportlichen Themen annehmen können. Dem Bereich, der uns wahrscheinlich allen wirklich am Herzen liegt und über den sich so herrlich diskutieren lässt, bis wir uns dann an Wochenenden eines Besseren belehren lassen oder uns bestätigt fühlen.

Wenn ich jetzt eine vage Behauptung aufstelle, werde ich mir wahrscheinlich gleich wieder den Zorn vieler Matz-abber zuziehen, aber da wir ja vor einem Wochenende ohne Bundesligaspiel stehen, werde ich mich davon gut erholen können. Ich glaube nämlich, dass Piotr Trochowski gegen den 1. FC Nürnberg in einer Woche einer der herausragenden Spieler sein wird. Und das gilt auch für den Fall, dass er nur eingewechselt wird. Wie ich darauf komme? Ein Gefühl. Ich finde, er hat sich nach seinen Achillessehnenproblemen gut erholt und wieder in Form gebracht. Jetzt muss er es auf dem Platz krachen lassen. Zudem hat es ihm sichtlich und hörbar gut getan, dass er für die EM-Qualifikationsspiele nicht berücksichtigt wurde.

„Ich fühle mich soweit fit“, sagt „Troche“ selbst, für den die jüngsten 90 Minuten im Test beim SC Victoria (5:1) „wichtig für die Routine“ waren: „Ich bin dran, wieder topfit zu sein“, sagte er und – das freut mich besonders – nahm den Mund in Bezug auf eigene Erwartungen und Forderungen und Möglichkeiten nicht ansatzweise so voll wie noch vor einigen Monaten.

Trochowski hat dazu gelernt. Er ist reifer geworden und äußert sich auch zum aktuellen Hickhack um Mladen Petric fast schon diplomatisch: „Jeder Spieler ist mal in so einer Situation, dass er nicht erste Wahl ist. Dann muss man sich durchsetzen. Er wird beißen und sich durchsetzen wollen.“ Auf diese Reaktion setzt ja auch Trainer Armin Veh, der sich nach Petrics Rückkehr von der Nationalmannschaft mal mit dem Kroaten unter vier Augen unterhalten will um seine wirkliche Gemütslage zu erfragen.

Trochowski wird nachher sicherlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zum Spiel gegen die Belgier schauen. Der Mittelfeldspieler, der sich möglichst schnell wieder für eine Nominierung des DFB empfehlen will, warnt seine Nationalelfkollegen: „Die Belgier darf man nicht unterschätzen, die haben eine gute Mannschaft.“

Was seine eigene Position beim HSV betrifft, die ja im Verein (nicht in der sportlichen Leitung!) ähnlich umstritten ist wie hier in unserem Blog, legt Trochowski eine erstaunliche Ruhe an den Tag. „Ich bin da vollkommen gelassen“, sagt der Billstedter Jung, dessen Vertrag am Ende dieser Spielzeit ausläuft. „Ich will den Verlauf der kommenden Wochen positiv gestalten, dann sehen wir weiter“, sagt der Schussexperte. Spätestens in einem Monat wissen wir mehr. Sollte Trochowski es bis dahin geschafft haben, seine angestrebte Rolle zentral hinter den Spitzen für sich zu gewinnen, steht einer raschen Vertragsverlängerung nichts im Wege. Kommt er aber über Kurzeinsätze und Jokerrollen nicht hinaus, dann werden die Zeichen eindeutig auf Trennung stehen – zum Saisonende oder vielleicht sogar schon zur Halbserie. Denn eines ist allen klar: Trochowski muss endlich den nächsten Schritt in seiner Entwicklung vollziehen, und das darf angesichts seiner Ansprüche und Fähigkeiten eben nicht die Existenz als zwölfter bis 14. Mann sein.

15:36 Uhr