Tagesarchiv für den 2. September 2010

Sind wir hier beim 1. FC Köln?

2. September 2010

Der Riesenkran arbeitet immer noch, aber bislang steht bzw. hängt kein Buchstabe auf dem Dach im Volkspark. Das ist die einzige aktuelle Neuigkeit, die ich Euch vermelden kann. Trainiert wird diesmal nicht neben der Arena, sondern in einer Halle. Das überschaubare Team der Nicht-Länderspielreisenden hat sich zum Badminton getroffen. Nun werden einige von Euch wieder den Kopf schütteln und sagen: „Mann, die sollen Fußball spielen und an ihren Schwächen arbeiten…“ Ich würde in diesem Fall erwidern: Lasst sie doch auch mal etwas abseits des Fußballs gemeinsam machen, das schweißt zusammen. Und Einheiten holen erfahrungsgemäß mehr Punkte als Zwietrachten.

Ich habe heute Morgen den Anruf eines Freundes bekommen, der in der Nähe von Nürnberg lebt. Er ist HSV-Sympathisant und schaut hin und wieder mal in unseren Blog hinein. Heute war er wirklich ein bisschen geschockt nach der Lektüre der vielen Kommentare. „Was ist denn bei Euch los? Schon wieder Krisenstimmung?“, fragte er mich. Und ich konnte ihm so wirklich hundertprozentig keine Antwort liefern. Es wirkt auch auf mich so, dass es hier in Hamburg eine Art Schwelbrand gibt. Man sieht ihn nicht, aber man spürt ihn, man erahnt ihn. Und irgendwann, womöglich schon nach dem ersten Rückschlag in dieser noch so jungen Saison, wird er in Nullkommanix zum Großfeuer, zum Flächenbrand. Warum ist das so?

Klar, es hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren einiges aufgestaut: Misstrauen, Skepsis, Ärger, Wut – und (davon die größte Portion) Frust. Bernd Hoffmann hat bei vielen von Euch jeglichen Vertrauenskredit verspielt, und alle, die an ihm „dranhängen“, werden ähnlich betrachtet. Sportchef Bastian Reinhardt genießt zwar noch ein bisschen Welpenschutz, aber ihm wird mitunter ja schon ganz direkt unterstellt, nur eine Marionette (besser: Bastionette) Hoffmanns zu sein. Den Aufsichtsrat (AR) erwähnt schon kaum noch einer, weil da eh Hopfen und Malz verloren scheint. Und in Sachen Mannschaft bedient sich beispielsweise bei der Personaldebatte um Mladen Petric jeder der Betrachtung, die gerade in seine Argumentationskette oder in sein Meinungsbild passt. Überspitzt formuliert: Die Einen bemitleiden den ungerecht behandelten Petric, der ja vermeintlich fast vom Hof gejagt werden sollte und nun gegen den Willen der Macher hier bleiben muss (an die Wolfsburg-Nummer vor einigen Monaten erinnert sich von diesen Experten niemand), das andere Extrem verteufelt Nörgler Petric als Stänkerer, der froh sein soll, dass er überhaupt beim HSV spielen darf. Sie würden ihn zur Abschreckung bestimmt sogar ganz gerne einmal auf die Tribüne setzen.

Die Wahrheit, und das sollten alle HSV-Freunde auch in diesem Blog wissen, liegt natürlich irgendwo in der Mitte zwischen allen Thesen, Vorwürfen und Behauptungen. Ich bemühe mich wirklich inständig, Euch täglich meine neuesten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen „sauber“ mitzuteilen. Dabei gibt es aber natürlich auch Fragen, die sich nicht zu 100 Prozent beantworten lassen. Wenn mich beispielsweise jemand fragt, ob Rafael van der Vaart wirklich nicht nach Hamburg wollte. Oder ob er wollte, der HSV aber nicht konnte, dann kann ich das nicht mit kompletter Sicherheit beantworten. Ihr wisst doch selbst nur zu gut, wie das Geschäft Profifußball ist. Eine Antwort auf diese Frage könnte eigentlich nur VdV selbst geben – und wenn er dies nach seinem Wechsel zu Tottenham Hotspur in einer Tageszeitung täte, wäre ich immer noch nicht ganz sicher, ob er seine Antwort wahrheitsgemäß oder imagebetrachtend formulieren würde.

Das Thema Taktik ist längst keines mehr, das ausschließlich in der täglichen Trainingsarbeit und bei den Pflichtspielen in der Bundesliga Verwendung findet. Wenn jetzt beispielsweise Petric in kroatischen Medien wirklich angedeutet haben soll, dass das Thema Vereinswechsel nur aufgeschoben und nicht aufgehoben sei (im Hinblick auf die Winterpause), dann muss man sich als logisch denkender HSV-Begleiter doch die Frage stellen: Warum sagt so einer das? Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er kein unerfahrener Jungspund oder einfach gestrickter Dampfplauderer ist. Ist das Trotz? Ist das Kalkül? Ist das der Start zum Einsetzen eines Druckmittels?
Die HSV-Verantwortlichen, das weiß ich, wollen erst einmal Petrics Rückkehr abwarten. Sie legen seine Worte nicht auf die Goldwaage (bislang hat er ja auch noch keinen Verantwortungsträger persönlich attackiert), sondern setzen auf den Faktor „Beruhigung“.

Dieser Faktor sollte auch in unserem Blog Beachtung finden. Emotionsgeladene Diskussionen, hier und da vielleicht auch mal ein Streitgespräch unter Fans, das ist natürlich erlaubt und macht unseren HSV ja auch so spannend, aber bitte nicht überziehen. Und vielleicht auch mal darüber nachdenken, wie die aktuelle Situation des HSV eigentlich aussieht.

Das hat mein Freund aus dem Frankenland nämlich sofort getan. Er sprach vom gelungenen Saisonauftakt, von einem auf fast allen Positionen hervorragend besetzten Kader (seine Ausnahme war nur die des Rechtsverteidigers), von dem Vorteil der Doppel- statt Dreifachbelastung, vom Konkurrenzkampf, vom tiefenentspannten Armin Veh und von der sensationellen Atmosphäre beim ersten Heimmatch gegen Schalke. „Wenn man die Kommentare im Blog dann liest, könnte man meinen, man habe sich in einem Blog über den 1. FC Köln verirrt. So viel negative Stimmung, so viele Anfeindungen gegenüber HSV-Amtsträgern. Tu mal was, Dieter!“, sagte er.

Schönen Dank auch, mir die Verantwortung zu übergeben. Ich habe es hiermit erwähnt, und jeder kann ja mal selbst darüber nachdenken. Ich möchte aber nicht vermissen anzumerken, dass auch mir diese brodelnde Atmosphäre schon mehrfach aufgefallen ist. Es scheint fast so, als warteten einige Dauerenttäuschte nur auf das Scheitern in dieser Saison um dann sagen zu können: „War doch klar, das war doch absehbar.“ Oder sind es vielleicht doch ernstzunehmende Warnsignale, dass der sportliche Erfolgszug der ersten Ligawochen vieles verdeckt, was im Argen liegt?

Das Thema wird uns in jedem Fall weiter beschäftigen. Und es ist nicht das einzige. Investor Kühne hat nicht nur die Saure-Gurken-Zeit mit Schlagzeilen gefüllt, sondern wird dank immer neuer Informationen zu seinen geplanten und zum Teil auch geplatzten Deals weiterhin Diskussionsgrundlage sein, Petric wird nach seiner Rückkehr im Mittelpunkt des Interesses stehen und muss sich genau überlegen, wie er was und wann von sich gibt. Armin Veh kann das ganze Treiben wie gewohnt gelassen von Innen betrachten, solange er jede Woche Dreier einfährt, sonst gerät er auch bald in das kritische Rampenlicht. Und immer wieder werden neue „Baustellen“ als Tagesthema eröffnet werden.

Nicht, dass mich jetzt jemand missversteht. Ich verurteile das nicht. Es ist Teil des Bundesligageschäfts und im Grunde genommen die Grundlage meines Berufslebens. Ich werde mich auch weiterhin an diesen Diskussionen beteiligen und meine Meinung kundtun. Aber nach dem Irrsinn der vergangenen Tage möchte ich zumindest versuchen, die Kirche im Dorf zu lassen und nicht jeden möglicherweise gescheiterten Deal als „Skandal“ oder „Grundsatzfehler“ zu bezeichnen und die Beteiligten damit zu „Deppen“ und Prügelknaben zu machen. Es geht schließlich für uns alle um eine durchweg positive Sachen, um einen Verein: den HSV.

12:38 Uhr