Tagesarchiv für den 1. September 2010

Schluss mit Nachtrauern

1. September 2010

Habt Ihr den gestrigen Tag und die Nachwehen des Wechselirrsinns auch so gut überstanden wie ich? Ist es nicht herrlich, wie ruhig die Telefone heute wieder sind? Ich genieße es wirklich, auch wenn es jetzt natürlich noch einiges aufzuarbeiten gibt. Angefangen bei den Transfers, die noch über die Bühne gegangen sind, bei denen ich noch einige Infos schuldig geblieben war. David Rozehnal wechselt zunächst auf Leihbasis nach Lille. Die Franzosen zahlen keine Leihgebühr, der HSV übernimmt sogar noch einen Teil seines Grundgehalts. Das stellt einmal mehr unter Beweis, welch geringen Stellenwert der Tscheche bei Trainer Armin Veh zuletzt noch hatte.

Wolfgang Hesls Abgang habe ich übrigens total verschwitzt. Der dritte Torwart wurde an den SV Ried in die österreichische Bundesliga verliehen. Für ein Jahr, meines Wissens auch ohne eine nennenswerte Leihgebühr. In Österreich soll „Wolle“ reifen und Spielpraxis sammeln, um dann möglichst zur nächsten Saison der Nummer eins in Hamburg (dann vielleicht nur Jaroslav Drobny) Dampf zu machen. In dieser Saison, das war ja eigentlich schon mit Drobnys Verpflichtung klar, hätte Hesl kaum Chancen für eine Berücksichtigung bei den Profis gehabt. Zuletzt kam er ja auch ausschließlich bei Rodolfo Cardosos Amateuren zum Einsatz.

Und nun noch einmal Rafael van der Vaart. Ja, es ist richtig, dass sich der HSV um den Niederländer bemüht hat. Ja, es ist auch richtig, dass Bernd Hoffmann den Edeltechniker und Torgaranten liebend gerne zurück an die Elbe gelotst hätte. Aber ebenso richtig ist es halt auch, dass die Chancen für einen Transfer van der Vaarts zum HSV in den vergangenen Wochen nie höher als zehn Prozent lagen. Sportchef Bastian Reinhardt hat das ja auch mehrfach angemerkt, aber hier in Hamburg mag das offenbar niemand hören. Wenn ich jetzt die vielen Kritiker höre und lese, die dem HSV-Vorstand in Bezug auf den „kleinen Engel“ Versäumnisse vorwerfen, von einer vertanen Großchance reden und mit dem Kopf schütteln, dass van der Vaart für eine Ablöse in Höhe von zehn Millionen Euro nach Tottenham gegangen ist, dann muss ich schon mächtig durchschnaufen um nicht selbst ins Kopfschütteln zu verfallen.

Van der Vaart wollte gar nicht zurück nach Hamburg. Zudem sind die besagten Kritiker leider meist auch die ersten, die nach einigen Misserfolgen und schlechteren Wirtschaftszahlen dem gleichen HSV-Vorstand Missmanagement vorwerfen würden. Uns allen, die wir (und da zähle ich mich dazu) Rafael van der Vaart liebend gerne wieder im HSV-Trikot gesehen hätten, muss immer wieder bewusst gemacht werden oder sein: Der HSV ist angesichts der aktuellen internationalen Wettbewerbsflaute finanziell keinesfalls mit rosigen Einnahmeerwartungen ausgestattet. Der aktuelle Kader ist teuer und hochwertig besetzt. Ein Van-der-Vaart-Deal hätte ein bei einem Dreijahresvertrag (Real wollte unbedingt verkaufen) mindestens 25 Millionen Euro mit allen Nebengeräuschen verschlungen, und dieses unkalkulierbare Risiko kann und will von den HSV-Machern niemand eingehen. Ganz abgesehen davon, dass Tottenham noch einige Zusatzreize (z.B. Handgeld, Sonderprämienzahlungen) in sein Vertragswerk integriert haben soll.

Ich persönlich habe mich damit abgefunden, dass die seinerzeit sensationelle Verpflichtung van der Vaarts von Dietmar Beiersdorfer ein Überraschungscoup mit anschließendem Genuss während der Spielzeiten war. Wie oft habe ich nach Toren des „kleinen Engels“ mit der Zunge geschnalzt, und wie oft habe ich mich gefragt, wie die HSV-Macher so einen Spieler überhaupt zum Wechsel an die Elbe bewegen konnten?! Nun bin ich gespannt, ob sich van der Vaart auch in der Premier League durchsetzen kann. Ich habe einige Zweifel bezüglich seiner Geschwindigkeit, aber andererseits hat ihn auch die Härte der Bundesliga nicht aus dem Tritt gebracht. Er hat mitunter genial gespielt und getroffen. Ich wünsche ihm alles Gute beim Ex-Verein von Martin Jol.

Schluss mit dem Nachtrauern, das sollten wir alle beherzigen. Schauen wir doch einfach mal auf den vorhandenen Kader. Dort sehe ich natürlich auch noch einige Baustellen und Fragezeichen, aber ich sehe keinerlei Gründe, warum wir uns nicht mit den Topvereinen der Liga messen können sollten. Die Hamburger Defensive gewinnt zunehmend an Stabilität, das Mittelfeld ist vielseitig und für alle Bedarfsfälle besetzt, und eine personell derartig hochkarätig besetzte Abteilung Attacke würde sich mancher Champions-League-Teilnehmer in Europa wünschen.
Wie fandet Ihr Petrics Reaktion auf den geplatzten Stuttgart-Wechsel? Ich habe nach seiner zum Ausdruck gebrachten Enttäuschung in den Hamburger Medien erst ein bisschen gegrollt, aber dann habe ich es auch wieder sein lassen. Lasst ihn doch eine Woche schmollen und in Ruhe, dann wird er anschließend schon wieder und umso schneller in die Spur zurückfinden. Petric ist ein Vollprofi, mit allen Wassern gewaschen. Dass er sich jetzt hinstellt und so tut, als müsse er zu einem Arbeitgeber zurückkehren, der ihn gerne abgegeben hätte, ist nur ein Teil der persönlichen Frustbewältigung.

Zumal es überhaupt nicht den Tatsachen entspricht. Ich habe schon häufiger mit Armin Veh und auch mit Bastian Reinhardt über den Kroaten gesprochen. Beide halten viel von ihm und würden seine Qualitäten nicht freiwillig aus den eigenen Reihen verbannen. Interessant und brenzlig wäre es geworden, wenn Stuttgart sieben oder mehr Millionen für Petric geboten hätte. Dann hätte es nämlich zu einigen internen Differenzen zwischen wirtschaftlichen und sportlichen Verantwortungsträgern kommen können, was eine Zustimmung oder Ablehnung in Sachen Transferfreigabe betrifft. Und mittendrin der Aufsichtsrat. Heißa, das wäre wieder hoch hergegangen. Aber zum Glück blieb und bleibt uns das vorerst erspart.

So, das war es heute von mir. Vom Training kann ich nicht viel berichten. Nach dem 5:1-Testspielsieg gegen den SC Victoria fuhr die Mannschaft zum Ausradeln in den Volkspark. Warum Paolo Guerrero alleine in den Wald joggte, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen, ist aber bestimmt nichts Schlimmes. Vielleicht ja Rad-Angst… Nein, Spaß beiseite. Die größte Neuigkeit vom HSV-Gelände ist wahrscheinlich die, dass die riesigen Knaack-Kräne samt Mitarbeitern in luftiger Höhe begonnen haben, die Vorarbeiten für die Buchstabenbestückung des Arena-Daches vorzunehmen. Dann wird aus der HSV-Heimstätte bald wirklich die endgültige Imtech-Arena.

12:52 Uhr