Monatsarchiv für September 2010

Zittern um Ze Roberto, Jansen und Demel

30. September 2010

Um erst einmal sportlich zu beginnen: Guy Demel fehlte beim heutigen Training, denn er hat eine Magen- und Darm-Grippe. Marcell Jansen fehlte beim heutigen Training, er hat eine Stirnhöhlenentzündung. Und Ze Roberto fehlte beim heutigen Training, weil er eine kleine Muskelverhärtung hat und die medizinische Abteilung meinte, dass es besser wäre, wenn der Brasilianer einmal einen Tag mit dem Training aussetzen würde. Trainer Armin Veh aber rechnet für das Sonnabend-Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern fest mit dem „großen Ze“, ob es mit Demel und Jansen gehen wird, das ließ der Coach noch offen. Wobei Jansen schon eine Lücke hinterlassen würde, die schwer zu schließen sein dürfte. „Wenn Marcell Antibiotika schlucken müsste, dann dürfte er wohl sicher ausfallen, auch sonst könnte es knapp werden“, sagt Veh über den deutschen Nationalspieler. Der Coach zur allgemeinen Lage: Wir jammern aber trotzdem nicht, denn wir haben noch genügend Leute.“ Wobei Mladen Petric und Paolo Guerrero ohnehin schon als Ausfälle feststanden.

Vier Spiele ohne Sieg. Das ist schlimm genug. Und zudem hat der Kicker heute geschrieben, dass der HSV seit einem Jahr die zweitschlechteste Bundesliga-Mannschaft ist. Nur neun Siege seit einem Jahr. Nürnberg holte als Schlusslicht acht . . . Eine Wahnsinns-Bilanz. Die ich niemals für möglich gehalten hätte. Das ist so wie mit den gefühlten Temperaturen im Wetterbericht. Da heißt es ja auch oft: „Gemessen zwölf Grad, gefühlte sechs.“ Beim HSV hätte ich gedacht: Gefühlte zehn bis 15 Siege – aber tatsächlich gezählt sind es neun. Ein Wahnsinn. Auf einer Veranstaltung am Nachmittag, zu der ich am Ende dieses Beitrags noch komme, sprach ich mit Felix Magath darüber. Der hätte die Zahl von neun Siegen auch nicht für möglich gehalten, weil er den guten Saisonstart von vor einem Jahr noch im Gedächtnis hatte. Dann sagte er aber: „Ich halte nichts von solchen saisonübergreifenden Statistiken, man dreht es sich dann so hin, wie man es braucht.“ Stimmt ja, aber nur neun Siege? Ich kann es nicht fassen, nein, das hätte ich niemals für möglich gehalten. Kommentar Veh: „Ich bin ja erst ein paar Wochen da, zu diesem Jahr kann ich nichts sagen. Aber wenn ich ein Jahr lang diese Ergebnisse habe, dann bin ich auch nicht mehr da . . .“

Folgt am Sonnabend nun der dritte HSV-Sieg in der Ära Veh? Er sagt: „Vier Spiele ohne Sieg, das passt mir gar nicht. Wir müssen es jetzt erzwingen, das Ergebnis, den Sieg, ganz einfach, und ich bin guter Dinge, dass wir das auch können. Die Mannschaft kann es, sie hat es auch drauf.“

Hoffentlich.

Sollte Jansen tatsächlich nicht spielen können, dann stünden Eljero Elia oder Piotr Trochowski als Alternativen parat. Und für Demel, so denke ich, sollte gegen Kaiserslautern ohnehin Tomas Rincon spielen. An einen Ausfall von Ze Roberto mag ich ja gar nicht denken, aber Veh ist optimistisch.

Beim Training heute gab es nach dem Aufwärmen an drei Stellen das beliebte „Fünf-gegen-zwei-Spiel“, anschließend wurden (Direkt-)Pässe in jeder Form geübt, später über eine halbe Stunde Flanken mit Torabschluss. Eric-Maxim Choupo-Moting „versenkte“ sicher, gekonnt und manchmal spektakulär, Eljero Elia schoss hart und platziert, Robert Tesche ebenfalls – und dann tauchen zwei Namen in dieser Rangliste auf, die Euch alle verblüffen werden: David Jarolim muss Spinat gegessen haben, er schoss wie Popeye und traf mehrfach sehenswert, wie übrigens auch Jonathan Pitroipa. Der hat nach seinem Bremen-Knaller wohl Gefallen an harten Schüsse gefunden. Er drosch die Kugel einmal so wuchtig gegen die Latte, dass sich auf der anderen Seite de Trainingsanlage die Kiebitze erschraken . . . Na bitte, es geht doch! Den Hoch-und-weit-Preis des Vormittags erschoss sich Choupo-Moting, der es als einziger HSV-Profi fertig brachte, die Kugel auch über den hohen Abfangzaun zu schießen. Den Ball suchen sie morgen noch . . .

Um das noch einmal abschließend zu sagen: Die Stimmung heute im Volkspark war gut. Teilweise wurde viel gelacht und gescherzt. Aber auch einmal gezittert und gebangt. Da lag bei fünf gegen zwei plötzlich Frank Rost am Boden und krümmte sich vor Schmerzen. Er war beim Kampf um den Ball mit Choupo-Moting ganz hart zusammengeprallt, das sah wirklich böse aus, Jarolim und Joris Mathijsen gaben an die medizinische Abteilung schon das Auswechselzeichen, aber dann erhob sich der Keeper doch noch, schüttelte sich kurz und „panzerte“ wie eh und je dem Ball nach. Aus solchem Holz sind echte Kerle geschnitzt.

Zum Abschluss des Trainings gab es ein „Scheibenschießen“. Aus 16 Metern Entfernung wurde das Tor, das abwechselnd von Rost und von Jaroslav Drobny gehütet wurde, „befeuert“. Wer traf, durfte das Training beenden. Und, wer war der Erste? Elia. Der schlug vor Freude einen Purzelbaum mit anschließender Schraube und einem Köllerbacher Übersteiger. Endlich einmal eine positive Regung der „Rakete“, es hat ja lange genug gedauert. Platz zwei ging an Muhamed Besic, Platz drei an Collin Benjamin. Nicht trafen Piotr Trochowski, Heiko Westermann, Dennis Diekmeier, Lennard Sowah und Choupo-Moting. Es ging dabei nicht nur um Treffer oder eben kein Treffer, nein, es ging um Geld für die Mannschaftskasse. Diejenigen, die nicht trafen, die müssen „blechen“.

Aber: Trotz der Tatsache, dass die Stimmung „draußen“ beim HSV locker war, es bleibt die Tatsache, dass jetzt gewonnen werden muss. Und demzufolge stehen sie alle unter Druck: Die Vereinsführung, die (und der) Trainer, die Mannschaft. Wie empfindet Armin Veh die derzeitige Situation? „Sie ist unbefriedigend. Ich möchte gewinnen. Und die Möglichkeiten waren in jedem Spiel da, aber wir haben nicht gewonnen. Und damit kann man nicht glücklich und zufrieden sein.“

Deswegen gab es in dieser Woche schon einen härteren Umgangston des Trainers, und es wurde sich meiner Meinung nach noch intensiver mit den bevorstehenden 90 Minuten beschäftigt – und auch mit den zurückliegenden. Am Mittwoch gab es Video-Anschauungsunterricht. Es gab Szenen von anderen Spielen (zum Beispiel Liverpool gegen Barcelona), in denen taktische Dinge, die aufgingen, exemplarisch gezeigt wurden. Wobei auch gute Szenen des HSV (ja, die gibt es!) dabei waren. Denn es war bisher ja nicht alles schlecht. Veh: „Diese Szenen zeigen insgesamt, wie wir uns das Spiel vorstellen, wie wir es haben wollen. Und so etwas werden wir nun öfter machen.“ Bei der Gelegenheit: Morgen (Freitag) ist um 16 Uhr Training, aber in der Arena, das bedeutet: unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Mit Kaiserslautern kommt nun ein Gegner nach Hamburg, der auch eine kleine Durststrecke hinter sich hat. Veh gibt aber zu: „Wir haben natürlich mehr Druck, keine Frage. Kaiserslautern hat es einfacher, die werden sich auf die Defensive stützen, die werden ganz kompakt stehen um dann zu kontern. Und die haben mit Hoffer und Lakic ganz schnelle Angreifer.“

Übrigens: Heute war auch der „Matz-abber“ „Gravesen“ (nicht nur er, aber auch er!) beim Training. Und als wir uns über David Jarolim unterhielten, sagte er genau das, was auch ich immer sage und schreibe: „Ich kann es nicht nachvollziehen, dass immer wieder einige fordern, Jarolim aus der Mannschaft zu nehmen. Der ist so enorm wertvoll für diesen HSV, der erobert unheimlich viele Bälle, der opfert sich förmlich für das Team auf – der ist nicht zu ersetzen.“ Mein Reden. Aber „Grave“ und ich sind wohl eine Sorte aussterbender Spezies, denn für die tschechische Nationalmannschaft ist „Jaro“ auch diesmal nicht nominiert worden. Muss Tschechien eine starke Nationalmannschaft haben, wenn sie auf einen so guten (HSV-)Spieler verzichten kann . . .

„Ich wäre zur Nationalmannschaft gefahren, aber ich soll ja nicht. Das ist vielleicht auch ganz gut so und besser für mich, denn dort zehn Tage zu verbringen und eventuell nicht zu spielen, das ist nicht gut“, sagt David Jarolim und fügt an: „Es ist die Entscheidung des Trainers, aber er braucht mich wohl nicht.“ Zu seinem heute sehr starken Schusstraining befand „Jaro“: „Es ist ja nicht so, dass ich nicht schießen kann, wichtig ist, dass man den Mut hat zu schießen. Das hat man bei Jonathan Pitroipa in Bremen gesehen.“ Zugabe, Zugabe möchte man rufen . . .

Zum Thema Mentalität hat David Jarolim übrigens eine etwas andere Meinung als sein Trainer. Der ehemalige HSV-Kapitän sagt: „Nach dem Bremen-Spiel müssen wir nicht über Mentalität sprechen, denn alle haben gesehen, das wir Mentalität haben. Es fehlen Kleinigkeiten, dass wir dieses Spiel nicht gewonnen haben, aber es lag nicht an der Mentalität, jeder will doch etwas erreichen, jeder marschiert doch. Und wir haben uns doch gegen Wolfsburg und Werder nicht schlecht präsentiert. Wir haben zehn Gegentore bekommen, da müssen wir uns verbessern. Jeder muss dafür zuständig sein, die Defensive zu verbessern. Jeder. Das fängt schon bei den Stürmern an.“ Dann ergänzte Jarolim noch: „Wir spielen doch keine Katastrophe zusammen, wir spielen doch nicht ohne System. Wenn das so wäre, dann hätte ich Schmerzen, aber ich denke, dass wir auf einem ganz guten Weg sind.“ Dennoch gibt er zu: „Angenehm ist der Blick auf die Tabelle zurzeit nicht, das ist klar.“

So, und nun werde ich doch noch ein wenig länger, denn ich muss noch über eine ganz besondere Veranstaltung, die am Nachmittag im Volkspark stattfand, berichten. Es gibt vier neue Füße, zwei neue Hände und eine Gedenktafel rund um den Uwe-Seeler-Fuß auf dem „Walk of fame“. Der Hamburger Unternehmer Andreas Maske (großes Kompliment, Herr Maske!) ist dafür verantwortlich, er lud zu einer ganz besonderen Feierstunde ein – und alle, alle kamen. Es war überwältigend, und Kult-Masseur Hermann Rieger gab danach zu: „Das ging mir sehr zu Herzen, ein Traum, alle diese Leute wieder zu sehen, ein einmaliges Erlebnis, einfach nur super.“

So war es. Ihren Fußabdruck haben nun hinterlassen: Felix Magath, Horst Hrubesch, Georg Volkert und Bernd Wehmeyer. Auf seine Hände blicken kann jetzt Rudi Kargus, und für Weltmeister Jupp Posipal gibt es eine Gedenktafel. HSV-Chef Bernd Hoffmann hielt die einführende Rede, Laudator war Dr. Peter Krohn, der danach viel Lob erhielt – auch von „seinem“ Trainer Kuno Klötzer (88): „Das kann er, das hat er auch richtig gut gemacht.“ Stimmt. Was super war: Nicht nur die geehrten Spieler waren alle da, es war auch fast gesamte große HSV-Familie zugegen. Einmalig.

Dr. Krohn in seinem Resümee: „Zählt man einmal die sportlichen Erfolge der sechs Männer, die heute in den Walk of fame aufgenommen wurden, zusammen, dann ergibt sich ein imponierendes Bild von zusammen 1420 Liga-Pflichtspielen für den HSV, zusammen 112 A-Länderspielen als HSV-Spieler, eine Weltmeisterschaft, zwei Europapokalsiege, drei deutsche Meisterschaften und einen DFB-Pokalsieg – das verdient unseren großen Applaus.“ Und den gab es dann reichlich.

Wie gesagt, eine traumhafte Veranstaltung, zu der viele HSV-Größen gekommen waren: Uwe Seeler, Dr. Wolfgang Klein, Udo Bandow, Jochen Meinke, Horst Schnoor, Gerhard Krug, Erwin Piechowiak, Klaus Neisner, Manfred Kaltz, Harry Bähre, Uwe Reuter, Arkoc Özcan, Bastian Reinhardt, die Ehefrauen von Jupp Posipal, Horst Dehn und Klaus Stürmer (aus Lemgo!) und Kuno Klötzer, um nur einige zu nennen. Fotos von dieser Veranstaltung wird demnächst (so denke ich) unserer „rasender Matz-ab-Reporter“ Benno Hafas (danke, Benno!) zeigen, dann habt Ihr einen kleinen Eindruck, was dort heute im Volkspark abging.

20.09 Uhr

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