Tagesarchiv für den 29. August 2010

Eine Mannschaft mit Charakter

29. August 2010

Als das 1:1 in Frankfurt gefallen war, das Joris Mathijsen per Kopfball erzielt hatte, da gab es keinerlei Jubel bei Trainer Armin Veh. Er hatte Wichtigeres zutun. Der Coach sprach mit dem vor Sekunden ausgewechselten Eljero Elia. Eine kleine Mischung aus Trost und Erklärung. „Ich habe ihm nur gesagt, dass er nicht traurig sein muss, dass es im Fußball ja öfter mal passiert, dass man ausgewechselt wird“, sagte Veh. Schon in der Woche hatte der Coach mit dem Niederländer unter vier Augen gesprochen. Veh legte den Arm auf die Schulter Elias ging mit dem Nationalspieler über den Trainingsrasen. Veh: „Er ist ein junger Spieler, mit dem muss du öfter einmal reden, der hat unheimliche Fähigkeiten. Er muss nur dahin kommen, dass er Konstanz in sein Spiel bekommt. Wenn er es auf Dauer beweist, dann ist er wirklich ein guter Spieler.“

Armin Veh stoppte kurz, dann fügte er hinzu: „Elia ist ein guter Spieler, aber er muss auch noch torgefährlicher werden. Es ist da ähnlich wie bei Jonathan Pitroipa. Irgendwann ist das was zählt, was dabei heraus kommt. Entweder dass sie vorbereiten, oder dass sie abschließen. Aber sie bringen natürlich auch durch ihre Eins-gegen-eins-Situationen auch immer mal wieder einen frei, der dann den Pass geben kann. Das machen beide Spieler ja schon, aber das letzte Ding, das müssen sie noch lernen. Entscheidend ist doch, was dabei heraus kommt.“

Ich bin fest davon überzeugt, nach wie vor, dass Elia eine gute bis sehr gute Saison spielen wird. Aber es ist natürlich hervorragend, wie der HSV es lösen kann, wenn Elia einmal keinen guten Tag erwischt hat und er ausgewechselt werden muss. Diesmal ging Pitroipa nach links, Paolo Guererro nach rechts und der eingewechselte Piotr Trochowski nahm die zentrale Position hinter Ruud van Nistelrooy ein. In meinen Augen auch eine sehr gute Variante. Was letztlich aber unter dem Strich zählt ist das: Der HSV hat genügend hervorragende Möglichkeiten, auf beinahe alle Situationen mit Qualität zu reagieren.

An dieser Stelle sei kurz noch eingefügt: Am Montag ist trainingsfrei, Dienstag wird um 10 Uhr trainiert, um 19 Uhr findet dann das Testspiel beim SC Victoria statt, Mittwoch, Donnerstag und Freitag wird jeweils um 10 Uhr eine Einheit im Volkspark stattfinden, dann ist Sonnabend und Sonntag frei.

Ob Ze Roberto und Ruud van Nistelrooy Dienstag gegen den SC Victoria mitspielen werden, das ließ Armin Veh noch offen. Es sah am Sonntag eher nicht danach aus – die Angst, dass sich einer der beiden Routiniers verletzten könnte, ist offenbar zu groß. Was „Vickys“ Trainer Bert Ehm nicht akzeptieren möchte, ihm fehlt das Verständnis: „Diese Angst ist unbegründet. Wir sind doch keine Treter.“ Weiter sagt der Coach des Oberliga-Meisters: „Wenn der HSV schon ohne seine aktuellen Nationalspieler antreten muss, so wäre es doch fair, wenigstens mit jenen Spielern zu kommen, die noch in Hamburg sind. Gegen die Zweite des HSV könnten wir doch auch jederzeit in einem Testspiel antreten, deshalb hätte ich kein Verständnis dafür, wenn wir gegen die Regionalliga-Mannschaft antreten müssten, obwohl uns doch die Profis zugesagt wurden.“

1000 Karten wurden bereits im Vorverkauf abgesetzt. Und: Immerhin werden Spieler wie Trochowski, Robert Tesche, Paolo Guerrero, David Rozehnal und wohl auch Dennis Aogo dabei sein. Aogo mischte am Sonntag schon wieder richtig gut im Training mit, und obwohl er noch nicht restlos fit ist („Hier und da zwickt es schon noch mal“), will er gerne eine Halbzeit auf der Hoheluft mitspielen. Denn, so sagt der Nationalspieler, das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (11. September) ist sein Ziel, da möchte er wieder im Kader sein.

Wo er dann zum Einsatz kommen wird, ist offen. Auf „seiner“ Position spielt derzeit noch Marcell Jansen. Der ist zwar noch nicht bei 100 Prozent, aber das, was daran noch fehlt, will er sich nun bei der Nationalmannschaft holen: „Das ist für mich wie ein Mini-Trainingslager. Ich will schnell wieder in Fahrt kommen.“

Armin Veh hätte Jansen liebend gerne in Hamburg behalten, um mit ihm trainieren zu können, aber Jansen sagt: „Wenn man zu EM-Qualifikationsspielen eingeladen wird, dann geht man da auch hin, das zeugt ja auch von Vertrauen des Bundestrainers. Und ich freue mich darauf, mit dieser jungen Mannschaft, mit der wir so gut bei der WM gespielt haben, den Weg fortsetzen zu können.“

In Frankfurt lieferte Marcell Jansen nicht unbedingt eine Glanznummer ab. Eher war das Gegenteil der Fall. Auch beim 0:1 war er beteiligt, obwohl er sagt: „Es war nicht mein Mann, der da geschossen hat. Ich wollte Joris Mathijsen helfen, der in der Mitte gegen zwei Frankfurter stand, das war für mich die gefährlichere Situation. Und wäre der Ball dann nicht abgefälscht worden, hätte Frank Rost die Kugel wohl mit dem Fuß gestoppt . . . Das war ja ein harmloser Schuss mit der Innenseite.“

Aber auch diesen Rückschlag hat das Team verkraftet. Wie schon in dem überlegen geführten Schalke-Spiel das überraschende 1:1 von Farfan. Ein Hinweis darauf, dass der Teamgeist wieder besser geworden ist (als noch in der vergangenen Saison?). Jansen sagt: „Jedes Jahr ist anders, jedes Trainer-Team arbeitet auch anders. Wir haben jetzt einen kleinen Vorteil, den wir auch nutzen müssen: Wir können uns jetzt die Liga konzentrieren. Diesen Vorteil müssen wir unbedingt nutzen, wir müssen uns auf die Liga konzentrieren. Und dann müssen wir auch in jedem Spiel in der Lage sein, das Glück zu erzwingen. Oder auch stärker sein, um die drei Punkte zu holen. Das war in der vergangenen Saison mit dem internationalen Wettbewerb unheimlich schwer, von daher müssen wir diesen kleinen Vorteil einfach nutzen.“

Aber, noch einmal auf die Frage zurück zu kommen: Gibt es nun eine bessere Stimmung im Team? Marcell Jansen: „Der Charakter der Mannschaft stimmt in dieser Saison, wir haben auch ein bisschen aus der vergangenen Saison gelernt, dass wir nicht gleich wieder sagen, dass alles gut ist. Es ist aber eine Qualität, dass wir nach einem Rückstand ruhig bleiben, um unser Spiel doch noch durchzubringen und noch zu gewinnen. Daran müssen wir aber hart weiter arbeiten, denn es wird viele Mannschaften geben, die noch ins Laufen kommen werden.“

Beruhigend ist da aber zu wissen, dass der HSV schon ins Laufen gekommen ist. Das macht vielleicht auch die Ausgeglichenheit im Team. Wie es das „Duell“ zwischen Aogo und Jansen hinten links gibt, so gibt es solche Zweikämpfe auch auf den meisten Positionen – sogar im Tor. So hat es sich Armin Veh gewünscht. In der vergangenen Woche ging es beispielsweise vor allem darum, ob Paolo Guerrero oder Mladen Petric zentral hinter van Nistelrooy spielt. Der Peruaner setzte sich schließlich (hauchdünn) durch. Und sagt: „Es tut der gesamten Mannschaft gut, wenn es solche Konkurrenzkämpfe gibt, und es tut auch mir gut. Dennoch habe ich keinerlei Probleme mit Mladen, wir verstehen uns trotz allem, er ist ein guter Spieler, er ist ein Knipser, hat eine sehr gute Technik.“

Paolo Guerrero hat viel Selbstvertrauen durch das Spiel in Frankfurt getankt, und er sagt von sich, dass er allmählich wieder zu jenem Rhythmus findet, den er benötigt, um seine Bestleistungen abrufen zu können. Paolo Guerrero: „Wenn du draußen sitzt, so kannst du deinen Rhythmus natürlich nicht finden. Und das Selbstvertrauen leidet auch.“ Selbstkritisch stellte er nach dem Frankfurt-Spiel fest: „Ich habe eine längere Zeit gebraucht, zu meinem Spiel zu finden, aber es wurde gegen Ende besser. Und zum Glück habe ich ja auch noch ein Tor geschossen, das baut mich auf.“

Der HSV-Anhang wird es mit Freude vernehmen.

PS: Dass es heute zwei Beiträge gegeben hat, das liegt an der Tatsache, dass der HSV ja durchaus erfolgreich in die Saison gestartet ist. Da gibt es dann eben eine solche Themen-Vielfalt, und die habe ich kurzerhand mitgenommen. Soll nicht so oft vorkommen, kann aber mal . . .

23.30 Uhr

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