Tagesarchiv für den 28. August 2010

Ze-Ecken drehten das Spiel

28. August 2010

Was nützt der schönste und längste Ballbesitz, was nützt die tollste Zweikampf-Bilanz – wenn man hinterher mit leeren Händen auf die Heimfahrt geht? Diese Frage stellten sich die HSV-Fans sicherlich zur Pause des Auswärtsspiels bei Eintracht Frankfurt. Der HSV überlegen, aber die Hessen führten 1:0. Unverdient, aber so etwas gibt es eben im Fußball. Zum Glück bewies der HSV Geduld, und fand im zweiten Durchgang auch zu seiner Linie zurück, besann sich auf sein Können – und siegte noch verdient 3:1. So kann es weitergehen, der Saisonstart scheint zu glücken, dem HSV winken offenbar wieder bessere Zeiten, auch wenn zwei Siege in zwei Spielen natürlich noch nichts beweisen. Wie sich das Veh-Team aber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog, das war schon beeindruckend. Die Euphorie hält an, die Welle geht weiter – und es darf jetzt durchaus einige Tage an der Elbe geträumt werden.

Spiele, an denen Maik Franz beteiligt sind, die sind immer ein Graus für mich. So war es auch diesmal. Nach nicht einmal drei Minuten rammte der Frankfurter dem HSV-Kapitän Heiko Westermann mit der Schulter zu Boden. Allerdings lag nicht nur der Hamburger auf dem Rasen, sondern auch Franz. Natürlich. Er zuckte wie ein auf dem Rücken liegender Maikäfer. Schmerzen? Die hätte nur Westermann haben dürfen, aber Franz ist der größte Schauspieler der Liga. Jedes Mal errege ich mich wieder, aber die Schiedsrichter merken es offenbar nicht. Die haben die tollsten Szenen von der WM, in denen Fouls gezeigt werden – aber diese Schauspielerei prangert keiner an, entlarvt auch keiner.

Es geht ja auch umgekehrt. In der 17. Minute prallt Franz auf den Rücken von Ruud van Nistelrooy. Der Hesse wurde garantiert nicht im Gesicht getroffen, aber er hielt sich die Hände an den Kopf – die Betreuer müssen kommen und den Schauspieler pflegen. So könnte man eventuell den Schiedsrichter wieder auf seine Seite ziehen, Motto: „Der arme Franz, der ist ja auch zu bedauern . . .“ Zum Glück gab ihm Felix Zwayer später Gelb (sorry!), als er Jonathan Pitroipa brutal zu Boden schickte. Dass der „Treter“ dann abwinkte, sich auch nicht Gelb zeigen ließ, das war der I-Punkt. Das hätte auch Gelb-Rot nach sich ziehen können, aber der Schiedsrichter beließ es bei der Verwarnung. Es spricht allerdings für Maik Franz, dass er sich nach dem Gelb zurückhielt, nicht mehr foulte und somit auch nicht vom Platz gestellt wurde.

Aber es gab ja noch etwas Wichtigeres: Fußball. Der HSV hatte, so schien es in der ersten halben Stunde, alles im Griff. Der Ball wurde gehalten, der Ball wurde nach Belieben erobert, Frankfurt schon weit vor dem HSV-Strafraum abgewehrt. Dieses Spiel, so dachte ich bei mir, kann der HSV gar nicht verlieren, zu klar sind die Verhältnisse auf dem Rasen geregelt. Aber: Nicht nur ich habe mich einlullen lassen, auch die HSV-Mannschaft ging der Eintracht auf den Leim.

Teilweise wurde beim HSV viel zu pomadig, mal viel zu kompliziert, mal zu bieder und hausbacken, oft viel zu überheblich nach vorne gespielt. Das war fast schon aufreizend arrogant. Motto: „Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Im Zweifel wurde auf jedes Risiko verzichtet, dann wurde der Ball eben mal zurück gespielt. Wir haben ja alle Zeit der Welt.“ So, das muss deutlich festgestellt werden, spielt keine Bundesliga-Spitzenmannschaft. Oder doch? Weil man erst den Gegner toben lässt, der wittert sich in Sicherheit – und dann schlägt man zu? Zum Glück dauerte auch das Spiel in Frankfurt nicht nur 45 Minuten.

Wobei es in Halbzeit eins nicht nur daran krankte, dass der Aufbau viel zu lahm war, es krankte auch im Nachrücken und vor allem an der Präzision der Zuspiele. Gab es doch einmal Flanken oder Eingaben von den Flügeln (die gab es viel zu selten!), dann fanden sie nie einen Hamburger. Wahnsinn! Eljero Elia begann gut, war aber nach 15 Minuten bis zu seiner Auswechslung in der 60. Minute nicht mehr zu sehen. Was ist da los? Das war hart an der Grenze zum Totalausfall. Rechts legte Pitroipa ebenfalls mächtig los, beim ihm dauerte der „Anfall“ auch etwas länger, aber es kam auch bei ihm letztlich nichts Produktives heraus. Im Gegenteil, als er seine „Hundertprozentige“ in der 26. Minute vergeben hatte (freistehend mit links aus 15 Metern über das Tor), schien er innerlich wieder von Zweifeln geplagt, danach gelang nichts mehr.

Ein leidiges Thema ist auch der Schwung, der von hinten über die Flügel kommen soll. Und nicht kommt. Marcell Jansen nehme ich noch halbwegs in Schutz, er ist nicht bei 100 Prozent, kann es noch nicht sein, deswegen muss er sich seine Kräfte einteilen, verzichtet wohl auch deshalb auf Flankenläufe. Guy Demel aber deutete gegen Schalke an, dass er es doch viel, viel besser kann – und dann dieser Rückschritt in Frankfurt. Nicht eine Szene in der ersten Halbzeit, das spielte er „Verstecken“. Wenn er so spielt, dann kann da auch ein Amateur spielen, der ist sicher nicht schlechter. Ich erhoffe, nein, ich erwarte von Armin Veh, dass er das seinem Mann von der Elfenbeinküste vermitteln kann: Da muss viel, viel mehr kommen. Es kann doch nicht sein, dass Demel kaum einmal flankt. Und wenn er flankt, dann sind es in der Überzahl Rohrkrepierer, mit denen kein Hamburger etwas anzufangen versteht. Erst in der 67. und 68. Minute hatte Demel zwei halbwegs gute Szenen auf dem rechten Flügel, als zweimal die Bälle auch tatsächlich zur Mitte kamen.

Aber es lag ja nicht nur an den vier (!) Flügelspielern. Paolo Guerrero hatte den Vorzug gegenüber Mladen Petric erhalten, aber der Peruaner konnte seine Nominierung nicht rechtfertigen. Kaum einmal eine Idee, kaum einmal Tempo, kein Zusammenspiel mit Ruud van Nistelrooy, kein Spiel in die Spitze – meistens nur quer und zurück. Ich hatte auch das Gefühl, dass Guerrero der Verantwortung einige Male aus dem Wege ging, Motto: „Nimm du den Ball, Kollege, ich hole Verpflegung.“ Schade, denn in den ersten Testspielen (gegen klassentiefere Klubs!) hatte er durchaus überzeugt. Und in der Schlussphase konnte Guerrero dann ja auch noch einiges von seinem Können zeigen. Zum Glück für ihn, zum Glück für den HSV.

Vorne wartete van Nistelrooy bis kurz vor dem Halbzeitpfiff vergeblich auf ein vernünftiges Zuspiel, die Mitspieler schienen ihn erst gar nicht zu suchen. Kapitulation vor der übermächtigen Frankfurter Defensive? Mir tat der Niederländer sehr leid, denn er hing in der Luft, fand mit seiner Gefährlichkeit lange gar nicht erst statt. Aber ein „Van the man“ wäre kein Weltstar, wenn er in solchen Spielen und Situationen aufgegeben hätte. Auch diesmal biss er. In der 81. Minute war er da, als er benötigt wurde. Eckstoß von Ze Roberto, Kopfballverlängerung am ersten Pfosten von Guerrero, dann köpfte „Rudi“ ein. Traumhaft – 2:1.

Und wer genau gelesen (oder gesehen) hat: Zwei Eckstöße führten zur Führung. Endlich kann es der HSV, endlich. Nach jahrelanger Flaute geht es plötzlich. Ihr erinnert Euch: Veh hatte vor einigen Tagen auf diese Eckstöße hingewiesen. Und sagte (auch mit ein wenig Stolz in der Stimme): Ze gibt diese Bälle super nach innen, und vorne kann Paolo diese Bälle wunderbar verlängern.“ Genau so war es, ganz genau so! Und ich predige es schon seit einem Jahr und länger, dass es genau so gehen kann. Und muss. Endlich, endlich, endlich.

Immerhin, das muss generell festgehalten werden, ging es im zweiten Durchgang schneller nach vorne. Bei beiden Teams. Der HSV war weiter tonangebend, und er schaffte auch den verdienten Ausgleich. Eckstoß Ze Roberto, Kopfball Joris Mathijsen, Tor, 1:1 (60.). Der Niederländer belohnte sich damit für eine erneut erstklassige Leistung. Seinem Nebenmann Westermann hätte ich das auch sehr gerne bescheinigt, doch was war das für ein haarsträubender Fehler in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Da schlug der Kapitän glatt am Ball vorbei, so dass der ehemalige Hamburger Alex Meier die „Hundertprozentige“ zum 2:0 auf dem linken Fuß hatte, aber er schoss vorbei.

Für den Schlusspunkt sorgte Guerrero. Das zweite Tor vorbereitet, das dritte selbst gemacht. Einen Abschlag des sicheren und guten Frank Rost bekam der Peruaner gut unter Kontrolle (mit der Hand?), Köhler sah ganz schlecht aus – und „Paolo“ schoss den Ball hoch in den langen Winkel – 3:1 (89.). Und nur noch Jubel.

Einen kurzen Satz kann ich mir zum Schluss dann doch nicht verkneifen: Immer wieder werde ich ja dafür getadelt, dass ich Piotr Trochowski mit guten Leistungen im Training lobe. Das wird auch künftig so sein, wenn ich gute Leistungen von ihm sehe, denn ich sehe nicht ein, das zu verschweigen, nur weil es einigen von Euch in den Kram passt. Armin Veh denkt übrigens genau so wie ich, denn er wechselte „Troche“ in der 60. Minute ein. Veh so „blind“ wie „Jogi“ Löw? Entscheidet selbst. Ihr seid die Experten.

PS: Auf Sky sagte Sportchef Bastian Reinhardt, er befürchte, dass der HSV kein Geld für einen Transfer von Rafael van der Vaart habe. Ich befürchte das schon seit Monaten, es ist nur schön, dass es nun einmal offiziell bestätigt wurde. Leider. Aber so ist nun einmal die Realität. In diesem Fall bitte ich alle HSV-Fans, nicht mehr zu träumen. Aber in Sachen Liga-Spitze darf natürlich ganz kräftig geträumt werden.
Nur der HSV!

17.42 Uhr