Tagesarchiv für den 27. August 2010

Guerrero drin, “Troche” für Tesche

27. August 2010

Die Würfel sind gefallen. Zumindest wenn man dem Abschlusstraining vertrauen darf. Bei strömendem Regen bat Armin Veh seine Mannschaft vor dem Abflug nach Frankfurt neben der Imtech-Arena auf den Trainingsrasen. Alle warteten nach dem Aufwärmprogramm und einigen Sprintsequenzen auf die Verteilung der Leibchen für die Stammelf. Und dann folgte eine wirklich kuriose Szene. Co-Trainer Reiner Geyer verteilte die roten Hemden. David Jarolim bekam eines, Zé Roberto, Heiko Westermann und so weiter, aber Mladen Petric ging leer aus. Und – zur Überraschung aller – blieb auch Paolo Guerrero ohne Leibchen. Was war da los? Vielleicht doch eine Spontanchance für Piotr Trochowski? Nein, keine Sorge, der Grund war eher lustig: Es gab nur neun rote Leibchen. Also sammelte Geyer sie alle wieder ein und verteilte dann die gelben. Und da bekam Guerrero wie erwartet eines, Petric blieb im B-Team.

Im anschließenden Spielchen über knapp 40 Meter Länge fiel der Kroate dann auch anfangs eher negativ auf. Weil Eric-Maxim Choupo-Moting das Sturmzentrum besetzte, musste Petric auf die ungeliebte rechte Seite ausweichen, auf der er sogleich einen „Riesenbock“ schoss und in der Defensive eine fast perfekte Vorlage für Ruud van Nistelrooy lieferte – dieser spielte allerdings im gegnerischen A-Team. Danach lief das Spielgeschehen meist an Petric vorbei, ehe er dann doch auf sich aufmerksam machte. Mit einem sehenswerten Tempodribbling veräppelte er Marcell Jansen, Joris Mathijsen und auch noch Heiko Westermann, ehe er den Ball flach ins lange Eck versenkte. Gerechtigkeitshalber sei aber auch erwähnt, dass sich Guerrero in der A-Elf als Aktivposten mit vielen Überraschungsmomenten präsentierte und sehr gut mit Jonathan Pitroipa und Ruud van Nistelrooy harmonierte. Veh beobachtete das Treiben zurückhaltend und extrem aufmerksam.

Ich bin, wie im gestrigen Beitrag ja schon erwähnt, sehr gespannt, was der Trainer von Piotr Trochowskis neuer Ausrichtung hält. Der diesmal für Robert Tesche in den Kader gerückte Nationalspieler hat nämlich so etwas wie eine Kampfansage losgelassen, aber nicht etwa, wie man vermuten könnte, an Pitroipa, der seine Stammposition im rechten Mittelfeld belegt, sondern ausgerechnet an das eben so umfangreich beschriebene Duo Petric/Guerrero. „Natürlich sehe ich mich in der ersten Elf“, verdeutlichte der deutsche Nationalspieler sein gehöriges Selbstvertrauen und fügte an, dass er sich „eher im Zentrum sehe, denn da bin ich am stärksten“.

Hört, hört. Trochowski orientiert sich bei seiner spielerischen Ausrichtung an weltmeisterlichen Mittelfeldgrößen wie Iniesta und Xavi. Er will Impulse geben und sieht seine zusätzliche Stärke im Abschluss, der von einer zentralen Position aus natürlich leichter zu bewältigen ist als auf dem Flügel. Trochowski hofft, dass er möglichst rasch die Chance bekommen wird, sich auf dieser Position zu empfehlen. Für ihn wäre das so etwas wie „zurück zu den Wurzeln“, denn in der Jugend und auch in seinen ersten Herrenspielen lief „Troche“ als zentraler Offensivmann hinter den oder hinter der Spitze auf und machte auf sich aufmerksam.

Dass er von Joachim Löw nicht für die Länderspiele gegen Belgien und Aserbaidschan nominiert wurde (vom HSV sind nur Marcell Jansen und Heiko Westermann im Kader), traf Trochowski nicht sonderlich. „Das war mir vorher bewusst, ich trainiere ja auch erst sein anderthalb Wochen wieder richtig“, sagte er. Trotzdem, und das war ein klarer Appell an Trainer Veh, ihn bei allen personellen Planungen mit zu berücksichtigen, sei er „topfit“ und fühle sich frisch: „Alles Weitere kommt mit Spielminuten.“

Spielpraxis und weitere gemeinsame Spielerfahrungen sind auch das Schlüsselwort, was die Harmonie der Viererkette mit Joris Mathijsen und Heiko Westermann in der Innenverteidigung betrifft. Bei den heutigen Tests der Standardsituationen berieten sich die beiden Abwehrgrößen immer und immer wieder, diskutierten über Laufwege und potenzielle Hürden im gesamten Defensivverhalten. Da die Gespräche sehr sachlich und lösungsorientiert wirkten, habe ich ein recht gutes Gefühl, dass der HSV für die Standards der Eintracht in Frankfurt gewappnet ist. Zumal für die Hessen ja erschwerend hinzu kommt, dass sie gar keinen Trochowski mit derartigen Freistoßflanken in ihrem Team haben. Denn „Troches“ Versuche waren mit zwei Ausnahmen wirklich grandios.

Heute Abend, das verriet Joris Mathijsen, steht beim HSV im Mannschaftshotel Videogucken auf dem Programm. Die Herren Profis haben aber keine freie Wahl, was die Vorführung betrifft: Trainer Veh ist der Filmchef – und das heißt: Eintracht scheibchenweise. Stärken und Schwächen, offensive und defensive Standards der Frankfurter werden gezeigt und besprochen. „Es ist gut so vorbereitet zu werden“, sagt Zé Roberto. Mathijsen ergänzt: „Trotzdem müssen wir uns voll auf unser Spiel konzentrieren.“ Er weiß um die große Chance auf einen perfekten Start: „Dafür müssen wir konzentriert zu Werke gehen.“

Bei der Eintracht, deren Defensive durch den Ausfall von Stammtorhüter Oka Nikolov geschwächt sein wird, erwarte ich persönlich eine Hamburger Dominanz gerade in der Anfangsphase. Sollte dem HSV in den ersten 20 Minuten ein Treffer gelingen, steigen die Chancen auf einen „Dreier“ immens. Dann könnte nämlich auch die Kontergefahr dank Pitroipa und Eljero Elia zum Tragen kommen.

Ich hoffe nur, dass es keinen Elfmeter geben wird. Denn wer würde den schießen? Ruud van Nistelrooy eher nicht, nachdem er gestern nach der Einheit viermal in Folge gegen Jaroslav Drobny scheiterte. Vielleicht ja sogar Guerrero, der nur einmal anlief und unaufgeregt traf, als hätte er nie etwas Einfacheres gemacht.

So, zum Schluss noch ein paar Neuigkeiten aus der Gerüchteküche. Solange das Transferfenster noch geöffnet ist (bis 31. August), wird es bestimmt noch die eine oder andere Spekulation geben. Rafael van der Vaart ist seit seinem Abschied ein Dauerthema, der mögliche Abschied von aktuellen HSV-Spielern sowieso. Ich glaube auch, dass noch etwas Bewegung in den Kader kommen wird, weil sich womöglich noch ein bis zwei Kandidaten verabschieden werden. Paolo Guerrero, an dem nach dem Schalke-Spiel Felix Magath Interesse gezeigt haben soll, gehört ganz sicher nicht dazu. Ich habe mit Schalkes sportlichem Chef persönlich gesprochen und mir versichern lassen, dass er kein Angebot für Guerrero unterbreitet habe. Im Klartext: Er will ihn gar nicht haben.

Aber trotzdem sollten wir alle die Augen und Ohren offen halten, denn auch aktuelle Stamm- oder Faststammspieler könnten ja noch zur Debatte stehen. Oder denkt Ihr, dass es ausgeschlossen ist, dass plötzlich ein namhafter Klub ein interessantes Angebot für Trochowski oder auch Petric abgibt? Ich jedenfalls nicht. Und ich bin mir ebenso sicher, dass Sportchef Bastian Reinhardt für so einen unerwarteten Fall X eine Lösung B parat hat, die da heißt: Wenn noch einer geht, holen wir als erstes einen Innenverteidiger. Ich weiß jedenfalls nicht, wie das Dauerthema van der Vaart überhaupt finanziell gewuppt werden könnte. Jedenfalls nicht, wenn alle aktuellen Stammkräfte und Großverdiener da blieben. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Niederländer bei Real (mal wieder) auf dem Abstellgleis stehen soll.

So, das war es vorerst. Ich bin gespannt auf die Partie morgen und wage mal einen Tipp für die ersten 20 Minuten: starker Beginn des HSV mit einem Torerfolg für Eljero Elia. Was dann kommt, lasse ich erst einmal offen…

PS: Einer ist schon weg. Mickael Tavares wurde für ein Jahr (plus Kaufoption) an den englischen Zweitligaklub FC Middlesbrough verliehen.

16:07 Uhr