Tagesarchiv für den 25. August 2010

Rudi – einfach nur Rudi

25. August 2010

„Rudi. Rudi. Rudi.“ Marcell Jansen hatte sich auf dem linken Flügel freigelaufen, deshalb forderte er den Ball – aber der kam nicht. „Rudi“ spielte sie Kugel statt zu Jansen auf die rechte Seite. Diese Szene hatte allerdings eines zur Folge: Wir „Kiebitze“ schauten uns an und fragte: „Rudi?“ Ja, „Rudi“, so wird van Nistelrooy von den Kollegen genannt. Klingt vielleicht ein wenig despektierlich für den Weltstar, soll und ist es aber bestimmt nicht. Es ist wohl eher nett und auch ein wenig liebevoll gemeint. Und ist gewiss auch ein Zeichen, dass „Van the man“ ein ganz normaler HSV-Profi ist. Und so ist es ja auch in der Tat.

Das Training am Vormittag begann mit 20 Minuten Koordination. Es war ein Parcours über 30 Meter aufgebaut, in dem Hütchen verteilt waren. Über die musste gelaufen werden, und zwar in jeder Form: Drehungen, rückwärts, an die Hütchen nach links und rechts greifen, sprinten. Alles ohne Ball. Dann wurde 25 Minuten lang auf drei Stationen „fünf gegen drei“ gespielt, wobei die Gruppe mit Frank Rost, Joris Mathijsen, Heiko Westermann, Muhamed Besic, Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric und Piotr Trochowski die Kugel am besten laufen ließ. Auffällig dabei, die nach wie vor sehr gute und lockere Stimmung. Da wurde nicht nur ernsthaft der Ball behauptet, da wurde auch gescherzt und gelacht. So einmal, als Rost seinem Vordermann Westermann den Ball aus fünf Metern vor das Schienbein drosch – der Kapitän konnte mit einem solchen „Zuspiel“ natürlich nichts anfangen, der Ball flog weit an Freund und Feind vorbei ins Aus – Gelächter. Bis auf Westermann, der fluchte . . .

Es folgte ein Spiel ohne Tore, ungefähr auf einem Dreiviertel des Spielfeldes, an einem Ende warteten jeweils zwei von einem Team, um sich anspielen zu lassen. 15 Minuten ging das so, dann gab es ein Spielchen A gegen B – dann, nur für alle, die sich nun fragen, ob mit Tore oder ohne – mit. Von Rost und Drobny gehütet.
Und nun genau hinsehen: Mladen Petric spielte im B-Team, Paolo Guerrero bei A! Der Peruaner schoss auch das einzige Tor für seine Mannschaft, die ansonsten mit der Aufstellung vergleichbar war, die gegen Schalke begann. Das Tor hatte Guy Demel mit einer herrlichen Flanke (!) vorbereitet – es geht doch! Geurerro traf volley aus zwölf Metern, unhaltbar für Jaroslav Drobny.

Zuvor aber hatte Mladen Petric schon das 1:0 für B erzielt, und B siegte dann auch durch zwei Treffer von Eric-Maxim Choupo-Moting. Der Nationalstürmer Kameruns gefiel mir bei diesem Spiel sehr gut, was wohl auch damit zu tun haben könnte, dass er den HSV noch verlassen wird. Das, soviel kann ich verraten, steht schon fest, als neuer Klub wird Rapid Wien gehandelt. Obwohl HSV-Medienchef Jörn Wolf sagt: „Davon habe ich nichts gehört.“ Und: „Warum sollten wir ihn jetzt noch abgeben?“ Das ist genau die Frage, die ich mir auch stelle. Aber da Trainer Armin Veh ja bei einer Spitze bleiben wird, van Nistelrooy, Petric und Guerrero dort spielen könnte, käme Choupo-Moting erst an vierter Stelle. Wenn überhaupt, denn irgendwann wird ja auch Heung Min Son wieder da sein. Hoffentlich.

Übrigens: Während es im Spiel teilweise ganz schön rustikal zur Sache ging (Tomas Rincon gegen Guerrero und umgekehrt!), trainierten am Rande Dennis Aogo und Tunay Torun mit Reha-Coach Markus Günther – und teilweise auch schon mit Ball. Es geht aufwärts. Mit einem Eisverband um die linke Wade ging Guy Demel in die Kabine. Er hatte einen Tritt von Lennard Sowah einstecken müssen, aber Demel sagte: „Daran liegt es nicht.“ Es soll sich um eine Vorsichtsmaßnahme handeln.

Zurück zu Ruud van Nistelrooy. Wir hatten die Gelegenheit, mit dem Torjäger zu sprechen. Wie schon beim Interview in Längenfeld (Österreich) muss ich auch heute feststellen: Immer wieder ein Erlebnis, sich mit ihm zu unterhalten, weil er nichts von einem Star-Gehabe an sich hat. „Rudi“ ist eben so, es ist sein Naturell. Wie steht er zu diesem „Rudi“? Er sagt: „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber es ist okay.“ Ist der HSV sein erster Verein, in dem er „Rudi“ gerufen wird? Nein. RvN: „In England klang es nur anders. Englisch eben.“ Eher ein wenig nach „Rjudy“. Oder so. Der Stürmer sagt: „Rudi ist vielleicht einfach zu sagen, als Ruud.“

Zum Fußball. Ich fragte ihn, ob er nicht ein wenig überrascht sei, dass der HSV nach den Auftritten gegen Cottbus und Torgelow so gut gegen Vizemeister Schalke aus den Startlöchern kam. RvN dazu: „Da muss ich wohl ja sagen. Torgelow und Cottbus waren nicht die größten Spiele von uns, aber wenn ich denn an die ganz Vorbereitung denke, dann bin ich nicht überrascht. So wie wir jeden Tag trainiert haben, wie alle durchgehalten haben – und dann kommt das erste Heimspiel, die Spannung dazu, und dann sieht man, wie wir darauf reagieren, dass wir es gut umsetzen können, was wir wollen. Letztlich hat es mich dann doch nicht überrascht.“

Und die Atmosphäre in der Arena? Wie hat er die großartige Stimmung empfunden? Van Nistelrooy: „Neuer Start, gut gespielt, darauf hat das Publikum reagiert. Die Fans haben sich gefreut, wir haben uns auch gefreut – es war wirklich ein sehr schöner Fußballabend, es hat alles gepasst, das Spiel, die Stimmung, das schöne Stadion. Es war einfach nur zum Genießen.“

Bis auf die Gelbe Karte, die er sich in der 46. Minute, nach seinem 1:0, bei Schiedsrichter Wolfgang Stark abholen musste. Weil „Rudi“ erstmals in Hamburg nicht nur über die Bande sprang. Sondern auch noch die Treppe hinauf zu den Fans nahm. Zum ersten und gleichzeitig auch zum letzte Mal. RvN: „Die Gelbe Karte hilft nicht, es noch einmal zu machen. Aber es war trotzdem ein schöner Moment, und den wollte ich mit den Jungs, die dort hinter dem Tor standen, einfach nur teilen – es war schon schön, aber, wie gesagt, einmalig.“

Obwohl er natürlich weiterhin seine Tore schießen will – und wird. Auch am Sonnabend in Frankfurt. Gegen die Eintracht, die ihr erstes Erfolgserlebnis feiern will. Es wird nicht leicht. Aber der HSV kommt mit frischem Selbstvertrauen, dazu mit einer gewissen Euphorie. Ist RvN ein so erfahrener Mann, dass er seine jüngeren Kollegen ermahnt, auf dem Teppich zu bleiben? „Was ich mache, ist etwas anderes. Ich versuche nicht zu reden, ich versuche es mehr zu zeigen. Auch im Training. Da muss man nach einem Spiel wie gegen Schalke wieder mit dem Kopf da sein, und ich denke, dass ich auf dem Platz mit meiner Leistung ein Signal geben kann. Das zeigt mehr als Worte. Ich muss zeigen, dass ich ein Spieler bin, auf den man bauen kann“, sagt van Nistelrooy.

Er zeigt es seit Wochen, nicht nur im Schalke-Spiel. Auch in der Vorbereitung war seine Einstellung beeindruckend. Und er ist mit Lust und guter Laune bei der Sache. Ich fragte ihn nach einer Sache, die er in Längenfeld geäußert hatte. Dort sagte RvN damals: „Ob ich nach dieser Saison noch eine weitere Saison spiele, das entscheide ich danach, wie ich mich fühle.“ Und wenn er sich heute entscheiden müsste? RvN: „Dann würde ich wohl ein weiteres Jahr dranhängen, denn ich fühle mich sehr gut. Warum sollte ich dann aufhören? Hoffentlich aber fühle ich mich am Saisonende auch noch immer so gut.“

Seine Familie lebt inzwischen in Hamburg, die Kinder gehen in den Kindergarten, sie lerne im Moment täglich ein wenig mehr Deutsch. Es passt alles. Da wäre es doch ratsam, dass die Van-Nistelrooy-Kinder noch einige Jahre mehr Deutsch lernen würden – in Hamburg, oder?

Neuerdings schießt „Rudi“ nun auch Freistöße. Gegen Torgelow drosch er den Ball aus weiter Entfernung mit Schmackes ins Netz, gegen Schalke traf er die Torlatte. Ein neues Betätigungsfeld für ihn? „Der Trainer hat zu mir gesagt, dass ich ruhig mal einige Freistöße schießen soll, wenn ich möchte.“ Und er mochte. Und wird wohl auch weiter damit machen. Denn das sah ja auch sehr gut aus. „Ich habe mir den Ball nicht einfach genommen, der Trainer hatte mir das gesagt. Und ich fühle mich zurzeit auch sehr gut. Und ich denke, dass ich den Ball auch treffen kann . . .“

Kann man durchaus bestätigen. RvN sagte dann noch: „Auch wenn ich Freistöße im Spiel bislang nicht oft geschossen habe, aber im Training eigentlich regelmäßig. Da habe ich es nach dem Ende schon immer gemacht, aus weiterer Entfernung, ab 20 Metern.“

In den Testspielen war auch „Rudi“ einmal der HSV-Kapitän. Jetzt ist Neuling Heiko Westermann der Spielführer geworden. Wie beurteilt ein Mann von Welt den ehemaligen Schalker? Van Nistelrooy: „Er ist neu hier, aber ich habe das Gefühl, als wäre er schon fünf Jahre beim HSV. Ein solcher Typ ist er auch. So ist er bei uns reingekommen. Er ist total unkompliziert, ein normaler Junge, er lacht, er redet mit allen, er ist konstant in seinen Leistungen, und er ist kopfballstark, er macht ganz sicher noch einige Tore für uns, auch mit dem Kopf.“ Dann ergänzt van Nistelrooy noch: „Ein guter Typ.“ Der Kollege Babak Milani (Bild) sagte danach spontan: „Wenn ich erst jetzt den Raum betreten hätte, dann würde ich denken, da wird über Joris Mathijsen gesprochen.“ Ruud van Nistelrooy dazu: „Das stimmt. Beide sind gleiche Typen, nur dass der eine mit links und der andere mit rechts schießt . . .“

Ein neutraler Beobachter hätte allerdings auch denken können, dass van Nistelrooy über sich selbst gesprochen hat. Denn alles das, was er über Westermann (und damit auch Mathijsen) gesagt hat, trifft auch auf ihn zu. Auch er ist total unkompliziert. Er über sich: „Es kostet am wenigsten Energie, wenn ich ich selbst bleibe. Dann muss ich mich nicht verstellen, mache einfach ganz normale Dinge. Dann fühle ich mich auch wohl.“ Und der HSV profitiert davon. Hoffentlich noch recht lange.

Letzte Frage: Vermisst er eigentlich seinen Son? „Rudi“ strahlt bei seiner Antwort, als würde er über seinen Sohn sprechen: „Heute war er wieder da. Das erste Mal nach seiner Verletzung. Ich hatte schon Muhamed Besic gefragt, ob Son gar nicht mehr kommt, ob er uns nicht mehr sehen will? Was ist da los habe ich gefragt – aber heute war er wieder da. Das war gut.“ Ja, so ist der, der gute Ruud. Ein Weltstar zum Anfassen. Und einer der immer seine Leistung bringen will, weil er voller Ehrgeiz steckt.

PS: Heute gab oder gibt es noch das Treffen HSV und Kühne. Sollte ich noch etwas hören, würde ich auch berichten. Noch aber gibt es nichts. Wobei ich mir gut vorstellen könnte, dass es so bleibt, denn: Der HSV sagt, dass es einen rechtsgültigen Vertrag mit dem Investor gibt, un´d der Kontrakt wird auch eingehalten. Der HSV ist jedenfalls gewillt. Nun könnte es nur so sein, dass Kühne selbst nicht mehr will, weil es ja inzwischen zu öffentlichen Irritationen gekommen war. Aber auch von dieser Variante geht der HSV selbst nicht aus. Also müssen wir abwarten und uns überraschen lassen.

Zu meiner heutigen Verspätung: Ich hatte gestern auf dem Heimweg einen leichten Unfall, weil ich einem braunen BMW ausweichen musste, dabei küsste mein Auto einen höchst unangenehmen Kantstein. Die Spuren davon musste ich heute ebseitigen lassen, denn Reifen und Felge waren schlicht im Eimer. Der braune BMW, der direkten Kurs auf mein Auto genommen hatte (ích auf der Vorfahrtsstraße), fuhr natürlich auf und davon . . .

20.27 Uhr

Kühne und Nagel