Tagesarchiv für den 24. August 2010

Wie sich Armin Veh veränderte

24. August 2010

Lange Gesichter im Volkspark. An diesem Vormittag schien die Sonne, doch von Schön-Wetter-Laune war weit und breit nichts zu sehen. Denn die Profis glänzten durch Abwesenheit. Zuerst waren sie im Kraftraum, dann liefen sie durch den Wald. Auf dem Trainingsplatz ließen sie sich aber nicht mehr sehen, erst zur Nachmittags-Einheit kehrten sie auf den Rasen zurück. Das enttäuschte vor allen Dingen jene Fans, die eine weite Anfahrt auf sich genommen hatten, um ihre Lieblinge an diesem Morgen bei der täglichen Arbeit zu inspizieren. Deswegen die langen Gesichter. Nicht wenige machten den Vorschlag: „Dann sollte doch im HSV-Trainingsplan stehen, dass die Profis nicht auf den Platz gehen, dann wären wir nämlich gar nicht erst losgefahren . . .“

Um es noch einmal jedem Fan, der sauer war, zu erklären: Solche Tage hat es beim HSV in der Vergangenheit schon öfter einmal gegeben. Die jeweiligen Trainer haben sich dann erst immer am Trainingstag für den Kraftraum oder für einen Waldlauf entschieden – und ich finde, das ist auch ihr gutes Recht. Es ist dann eben nur Pech, wenn an solchen Tagen die Veranstaltung in der Halle stattfindet.

Ein Spieler fuhr am Vormittag sofort wieder nach Hause: Ze Roberto hat eine leichte Erkältung, meldete sich ab, holte sich Medikamente und legte sich schnell wieder daheim ins Bett. Zwei Spieler aber haben die „Kiebitze“ dann auch noch beim Training erleben dürfen: Dennis Aogo und Tunay Torun. Sie sind um Anschluss an die Kollegen bemüht. Torun wird nach seinem Kreuzbandriss noch eine längere Zeit ausfallen, Aogo aber ist bald wieder „voll“ da. „Es geht aufwärts, es geht mir schon wieder besser, ich bin bald wieder im Mannschaftstraining“, sagte Nationalspieler Aogo. Das klingt doch erfreulich. Demnächst hat Trainer Armin Veh noch mehr Auswahl, denn Piotr Trochowski ist wieder uneingeschränkt dabei, hat keine Schmerzen mehr mit der Achillessehne. Vielleicht kommt er ja zum Frankfurt-Spiel am Sonnabend schon wieder mit in den Kader – denn in Frankfurt war ja mal was. Ihr erinnert Euch? Der Schuss vor etwas mehr als einem Jahr in die Europa League, der 3:2-Siegtreffer quasi in letzter Sekunde. Ich weiß, ich weiß, aus Abseitsposition, aber immerhin zählte der Treffer.

Damals wurde jedenfalls gejubelt, heute auch schon wieder. Oder immer noch. Seit Sonnabend. Der 2:1-Sieg über Schalke war heute noch bei vielen Fans ein sehr geschätztes Gesprächsthema. Es war keiner dabei, der schon gesagt hat, dass der HSV nun Deutscher Meister 2011 ist, aber alle waren der Meinung: „Auf ein solches Erfolgserlebnis lässt sich aufbauen.“ Was ja auch nicht von der Hand zu weisen ist. Und oft wurde auch über folgendes Szenario diskutiert: „Man stelle sich nur vor, dass der HSV nach den Vorstellungen gegen Cottbus und in Torgelow gegen Schalke verloren hätte. Was wäre dann wohl in Hamburg los gewesen? Dann wäre doch schon von Abstieg gesprochen – und geschrieben worden.“ Was ja durchaus so gewesen wäre, oder? Weil es ja vorher doch etliche Schwarzseher gegeben hatte.

Apropos Torgelow. Ex-Kapitän (ich schreibe diesen Begriff nun zum letzten Mal, geht mir auch auf den Geist) David Jarolim befand zu diesem mäßigen Pokalauftritt des HSV: „Der Fünftligist hatte viele gute Chancen gegen uns herausgespielt, das war uns vielleicht eine Warnung, das war vielleicht auch ganz gut so. Denn auch zuvor gegen Cottbus hatte bei uns ja einiges gefehlt.“ Quintessenz aus diesen schlechten Auftritten: Die Defensive musste verbessert werden. Mit diesem Vorsatz ging das gesamte Team in das Schalke-Spiel – und siehe da, es klappte. „Jaro“ befand: „Dass wir in der Offensive stark sind, das wussten wir, aber wir mussten in der Defensive etwas tun, weil wir da zu anfällig waren – und das ist uns gegen Schalke gelungen. Alle, auch unsere Offensivspieler, haben hervorragend gearbeitet.“ Dann fügte der Tscheche einen ganz wichtigen Satz hinzu: „Wenn jeder Spieler das in jedem Spiel so erfüllt, wie jetzt gegen Schalke, dann sind wir richtig stark.“

Der Aufbruch zu wieder besseren HSV-Zeiten? Nicht wenige Fans und Experten werten den ersten Saisonsieg so. David Jarolim blickte noch einmal zurück, sagte über das erste Halbjahr 2010: „Wir sehen jetzt, dass alle Spieler, die zum Einsatz kommen, fit sind. Das waren die Spieler zu Beginn des Jahres aber nicht. Da kehrten viele Spieler zurück, die über Monaten verletzt gefehlt hatten, die konnten gar nicht fit sein, da war keiner bei 100 Prozent, sie konnten ja nichts dafür, aber wir haben sie gebraucht. Optimal aber war das nicht, und dann war es klar, dass uns in den Spielen etwas gefehlt hat.“

Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Obwohl mit den WM-Spieler Joris Mathijsen, Marcell Jansen und Eljero Elia noch immer einige HSV-Profis nicht bei 100 Prozent sind, nicht sein können. Aber sie spielen eben so lange wie sie können, und dann kommen Ersatzleute, die schon bei 100 Prozent sind.

Viele Experten und Fans waren sich bei David Jarolim übrigens sicher, dass er sein Spiel umgestellt hat. Er trennt sich nun schneller vom Ball. Oder? „Jaro“ sagt erstaunt: „Das würde ich nicht so sehen.“ Dann begründet er seine Aussage: „Das ist immer abhängig davon, ob man die Chance hat, den Ball abzuspielen. Man will den Ball gar nicht lange halten, aber wenn man keine Anspielstation findet, dann muss man ihn halten.“ Dann hat sich das jetzt geändert? Läuft sich der HSV jetzt besser frei? Jarolim: „Wenn man diese Freude am Spiel hat, dann macht man das wohl verstärkt oder besser. Wenn man die Leute hat, die sich freilaufen, dann kann man auch direkt spielen.“ Aber der HSV spielt doch mit denselben Spielern (bis auf Heiko Westermann). Es liegt wohl mehr daran, dass jeder mit viel mehr Lust und guter Laune seinem Job nachgeht.

Jarolim war gegen Schalke nicht nur durch viele Balleroberungen aufgefallen, nicht nur durch seine großartige Laufbereitschaft, sondern auch dadurch, dass er eine Reihe glänzender Pässe in die Spitze spielte. Er über sich: „Ich kenne mich bestens, es ist ja nicht so, dass ich solche Pässe nicht spielen kann. Ich bin 31 Jahre alt, es ist ja nicht so, dass ich jetzt plötzlich ganz andere Sachen mache. Schalke spielte aber gegen uns mit, spielte auch nach vorne, da gab es dann die Räume für mich.“ Auf jeden Fall aber stellte er fest: „Der Trainer hat nie mit mir darüber gesprochen, dass ich mein Spiel umstellen solle.“ Dann aber, lieber David Jarolim, war es wohl Intuition. Er sagt zu diesem Thema auch noch: „Der Trainer hat mich gesehen, wie ich spiele, dann hatte er immer noch die Entscheidung, ob er mich braucht oder ob er mich wegschicken sollte – und ich bin immer noch hier. Über alle anderen Sachen mache ich mir keine Gedanken.“

Die muss sich nun Armin Veh machen. Und er macht sie sich auch. Ich kann es immer nur wiederholen: Wie gelassen, wie ruhig und wie realistisch dieser neue HSV-Coach ist, das ist schon höchst erstaunlich. Und ebenso auch erfreulich – für mich. Unerschütterlich, dieser Mann. Äußerlich auf jeden Fall. Das ist bei einem Spiel auch ganz auffällig: Armin Veh sitzt anscheinend mit stoischer Gelassenheit am Rand, zeigt selten einmal eine Gefühlsregung. Er sagt: „Das hat etwas mit dem Alter zu tun. Das ist so. Früher war ich sehr emotional. Da hatte ich in jungen Jahren, als Spieler und als junger Trainer, einen gewissen Jähzorn, und daran musste ich arbeiten.“ Er hat die richtigen Mittel gefunden, um sich zu ändern. Und sagt: „Es macht für mich als Trainer gar keinen Sinn, da außen herumzuturnen, es bringt für mich nichts.“ Wie er die Umstellung von Brause zu stillem Wasser geschafft hat? Veh: „Ich habe mit mir selber gesprochen. Ich habe mich gefragt: Was bist du nur für ein Rindvieh? Ich weiß, dass es nicht okay war, deswegen habe ich es abgestellt. Das Alter und die Erfahrung hat mir dabei geholfen.“

Generell befindet Veh: „Dass man mit 50 anders ist als mit 29, als ich als Trainer angefangen habe, das sollte selbstverständlich sein. Als junger Trainer bin ich auf jedes Ding aufgesprungen, war mit meinen Gedanken überall. So muss man zwar auch am Anfang sein, aber man kann mit 50 nicht mehr so sein.“ Und: „Man kann nach außen ja auch nicht immer das wahre Gesicht zeigen. Unsere Trainer-Krankheit ist doch, dass wir uns immer verfolgt fühlen. Das ist permanent so. Für uns gibt es keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gibt es ohnehin nicht, aber unsere eigenen Gerechtigkeit erst recht nicht. Immer wieder denkt man: Oh, der will mir etwas Böses. Da muss man gewaltig aufpassen.“ Sonst leidet man von Mal zu Mal mehr. Und geht eventuell auch daran kaputt.

Auf die Frage, ob Armin Veh mit seiner ruhigen Art eine Mannschaft besser erreichen kann, als vorher mit der lauten und emotionalen, sagt der Coach: „Im Prinzip versuche ich die Dinge so zu machen, wie ich sie für richtig halte. Ob es dann richtig ist, das ist die Frage.“ Generell befindet er zu seinem Job: „Im Erfolg bist du der Größte, bei Misserfolg bist du der Depp.“

Noch ist Veh zwar nicht der Größte, aber das kann ja noch werden. Weil er viel über Fußball weiß – und seine Erfahrungen gesammelt hat. Dazu passt noch ein ganz spezielles Thema, ein Lieblings-Thema von mir: die Ecken. Das will ich, ich weiß, ich bin schon viel zu lang, schnell noch einmal anreißen:
Armin Veh hat sich dazu entschieden, die Eckstöße von rechts von Ze Roberto mit links schlagen zu lassen, und von links von Eljero Elia mit rechts. Also immer zum Tor, nicht vom Tor weg. Veh begründet das wie folgt: „Paolo Guerrero kann den Ball am ersten Pfosten sehr gut verlängern, Ze Roberto schlägt die Bälle auch sehr gefährlich zur Mitte.“ Stimmt. Veh sagt aber auch: „Das kann aber durchaus mal variieren.“ Bei Ecken gegen den HSV fällt auf, dass am kurzen Pfosten kein Spieler steht. Veh: „Am langen Pfosten steht auf jeden Fall immer ein Spieler. Vorne kommt es darauf an, was der Torwart will. Er entscheidet, ob er einen zweiten Mann am kurzen Pfosten stehen haben will.“ Kommt der Ball dann lang, geht automatisch, so ist es abgesprochen, Mladen Petric doch noch an den kurzen Pfosten.

Kurz noch zum Nachmittags-Training, bei dem “Benno Hafas” unser Beobachter war. Es wurde das Passspiel in vier Gruppen geübt, die Einheit wurde von Co Michael Oenning geleitet. Auffällig war, wie locker alle drauf waren, es wurde gescherzt und gelacht. Mladen petric gab sogar vor dem Training Autogramme! Und Ruud van Nistelrooy, der fast zu spät gekommen wäre, raste regelrecht auf den Platz, um ja noch vor Armin Veh das Grün zu betreten: geschafft! Die fans durfte, weil die Tore zunächst verschlossen blieben, auf Anweisung des Chef-Trainers dann doch auf das Gelände. Großes Gelächter gab es, als van Nistelrooy in der Spitze angespielt wurde, den Ball mit der Hacke weiterleiten wollte – doch Frank Rost stand genau hinter dem Niederländer und pflückte ihm den Ball von der Ferse.

Bemerkenswert: Armin Veh nahm sich kurz vor Trainingsende Eljero Elia zur Seite, der Trainer legte den Arm auf die Schulter der Flügel-Rakete und sprach intensiv mit ihm. Ein weiteres Vier-Augen-Gespräch gab es auch noch zwischen dem Coach und Paolo Guererro. Da ging es eventuell schon um den “Kick” am Sonnabend: Spiel oder nicht Spiel, das ist hier die Frage.

PS: Am 31. August (kommenden Dienstag) spielt der HSV um 19 Uhr an der Hoheluft gegen den SC Victoria. Damit löst Bernd Hoffmann ein vor einem Jahr gegebenes Versprechen ein (Kompliment!). Der Oberliga-Meister kann dann schon einmal für das Pokalspiel gegen den VfL Wolfsburg testen – wie spielt (und besiegt) man einen Erstliga-Vertreter.

19.07 Uhr