Tagesarchiv für den 23. August 2010

Die Euphorie tut trotzdem gut

23. August 2010

Zurück zum Fußball. Der HSV hat in dieser Saison noch keinen Titel gewonnen, und er ist auch noch nicht Meister geworden. Danke für die zahlreichen Hinweise. Und dennoch war es doch so: Niemand von Euch, von uns, wusste doch, wo der HSV steht. Nach dem Pokalspiel in Torgelow erst recht nicht. Umso überraschte durfte man doch sein, dass es ein solches Spiel gegen Schalke gab. Wir haben heute noch einmal in der Redaktion gesprochen, die Magath-Truppe hätte ja auch 1:6 oder 1:7 untergehen können. Und das lag daran, dass der HSV wirklich klasse gespielt hat. Ich sprach danach mit dem ehemaligen HSV-Kapitän Jochen Meinke, der gemeinsam mit den Meisterspielern von 1960 und 1963 jetzt zwei Tage lang gefeiert wurde. Und der Stopper befand: „Es war eine Super-Leistung vom HSV, die in dieser Form wohl kaum einer vorhergesagt hat, vorhersagen konnte. Ich war überrascht, wie gut es schon lief, das macht Hoffnung auf mehr.“

Was Meinke besonders lobte? „Der Heiko Westermann hat, nach seiner misslungenen Premiere im Pokal, eine ganz starke Leistung geboten. Das Zusammenspiel mit seinem Nebenmann Joris Mathijsen klappte schon prima. Ich verstehe nicht, dass Westermann vielfach eine schwächere Leistung vorgehalten wurde, das stimmt nämlich nicht.“ Ein Extra-Lob gab es dann noch für die beiden „Staubsauger“: „Was David Jarolim und Ze Roberto geboten haben, das war Extraklasse, beide waren überragend.“

Mich freuen diese Sätze, diese Einschätzungen. Sehr sogar. Zeugen sie doch davon, dass auch die „Altmeister“ eine gewisse Euphorie durchleben – nicht nur ich. Alle sind wohl auch ein Stück weit (ein ehemaliger Trainer lässt grüßen) erleichtert, denn viele hatten vorher prophezeit: „Das wird schon ein Richtung weisendes Spiel.“ Und wenn es das tatsächlich war, dann zeigt der Pfeil schon nach oben. Auch wenn Armin Veh nach dem 2:1-Sieg ganz nüchtern festgestellt hatte: „Jedes Spiel ist wichtig.“ Recht hat er ja. Dennoch glaube ich, dass sich dieser HSV in eine gewisse Rolle „hineinspielen“ kann. Mit dem hinzu gewonnenen Selbstvertrauen und einer gehörigen Portion Euphorie.

Um noch einmal auf Meinke zurück zu kommen: Auffällig war auch für mich, wie gut die Innenverteidiger Westermann und Mathijsen schon in ihrem Zusammenwirken waren. Wirken schreibe ich deswegen, weil es ja nicht nur ums Spielen geht. Nach dem 1:0 von Ruud van Nistelrooy achtete ich darauf, als sich die Spielertraube nach dem gemeinsamen Jubel löste: Mathijsen und Westermann liefen gemeinsam zurück und besprachen schon wieder, wie sie sich der nächsten oder der zu erwartenden Schalker Angriffe gemeinsam erwehren wollen. So muss es sein. So war es aber in der vergangenen Saison kaum einmal. Hier aber sieht man nun ein Paar, das die Sache gemeinsam anpacken will, dass um Harmonie bemüht ist – auch weil einer dem anderen vertraut. Und weil beide Spieler Respekt vor dem Kollegen haben. Sie wissen, was sie voneinander zu halten haben, sie kennen die jeweilige Vergangenheit in den Nationalmannschaften.

Dazu passt schon, dass Joris Mathijsen gegen Schalke endlich wieder eine rundherum gelungene Partie zeigte, in der viele, viele Zweikämpfe gewann, in der er etliche Situationen erahnte und damit auch entschärfte. So stark spielte der Niederländer für mich zuletzt unter der Regie von Landsmann Huub Stevens. Und diese 90 Minuten vom Sonnabend werden Maßstab für alle künftigen Spiele des HSV sein, Mathijsen wird sich daran messen lassen müssen. Wenn er diese Prüfungen immer mit jener Bravour wie im Schalke-Spiel besteht, dann hat der HSV schon viel gewonnen. Denn an Stabilität hat es der HSV-Defensive in der vergangenen Saison oftmals gefehlt – sehr sogar. Deswegen wäre es umso schöner, wenn sich das Duo Westermann/Mathijsen noch mehr perfektionieren würde.

Zu einem anderen Duo: Jonathan Pitroipa und Eljero Elia werden künftig noch einige Abwehrreihen mit ihrer Schnelligkeit vor Rätsel stellen. Zwei Spieler, die in Hamburg in diesem Jahr (oder schon länger?) nicht unumstritten waren. Und ich erinnere mich noch (weil es gar nicht lange her ist!), wie sehr zwei ganz, ganz große HSV-Fans vor (!) dem Schalke-Spiel auf mich einredeten, weil sie mit der Aufstellung von „Piet“ so ganz und gar nicht einverstanden waren. Und noch während der Anfangsphase sprang einer dieser HSV-Fans wie Rumpelstilzchen voller Ärger von seinem Platz auf, weil Pitroipa mal wieder eine Sache daneben gegangen war.

„Piet“ hat das Vertrauen des Trainers, das hat ihm vielleicht in seiner HSV-Vergangenheit oftmals (oder immer) gefehlt – jetzt kann er nur noch davon profitieren, dass Armin Veh auf ihn setzt. Und ich glaube, der „Piet“ wird es mit guten bis erstklassigen Leistungen zurückzahlen. Glaube ich ernsthaft.
Und, um auf die linke Seite zu gehen, genau davon bin ich auch bei Eljero Elia schon seit der WM in Südafrika überzeugt. „Elli“ fand gegen Schalke erst allmählich ins Spiel, dann aber wurde es heftig mit ihm. Spätestens in Halbzeit zwei war er „voll“ da. Und von dieser Art Spiele werden wird künftig noch mehrere sehen, sogar noch bessere. Elia mischt die Bundesliga auf – ich glaube nach wie vor daran. Weil er ganz einfach diese Fähigkeiten hat. Und mit der richtigen Ansprache im Rücken, die er vom Trainerteam oder vom Sportchef erhalten könnte, wird es noch mal so gut laufen, denn Elia ist ja auch ein kleines Sensibelchen, das seine (täglichen) Streicheleinheiten dringend benötigt.

Und, um auch diesen Aspekt noch einmal zu durchleuchten: Mit Dennis Aogo, Piotr Trochowski, Dennis Diekmeier und Heung Min Son hat der HSV ja noch wirkliche Alternativen, die bislang noch nicht eingreifen konnten. Das sind doch nun wahrlich die herrlichsten Aussichten für den weiteren Saisonverlauf, da kann man doch in der Tat in Euphorie geraten. Auch wenn ich diesen Anfall jetzt, da werde ich mich disziplinieren, nicht weiter ausleben möchte – der HSV ist ja noch kein Meister! Ich habe es schon begriffen. Obwohl? Die Krake . . . Ach, lassen wir das.

20.30 Uhr

Eine unfassbare Aktion

23. August 2010


Die Wellen schlagen hoch. Deswegen möchte ich, bevor es hier sportlich weitergeht, noch einmal auf die Hooligans des HSV eingehen, die dafür gesorgt haben, dass es bis zum Hamburger Derby beim und gegen den FC St. Pauli in den jeweiligen Fan-Szenen sehr unruhig werden könnte. Nach wie vor fehlt mir jegliches Verständnis für diesen Gewaltausbruch, es ist ein Rückfall in alte, längst vergessen geglaubte Zeiten – und es ist absolut unfassbar für mich.
Dazu möchte ich Euch den Beitrag zeigen, den die Kollegen der Deutschen Presse-Agentur heute veröffentlicht haben. Von meiner Seite nur noch eines: Gute Besserung den verletzten St.-Pauli-Fans. Und an alle: Bitte bewahrt die Ruhe und nehmt Euch diese Schläger nicht zu Vorbildern.

Und nun der DPA-Bericht:

Der Überfall von gewalttätigen HSV-Hooligans auf Fans des FC St. Pauli schockt die Vereine, der DFB ist alarmiert – das brisante Hanseaten-Derby soll aber wie geplant im Herzen von Hamburg stattfinden. Wenn die beiden Klubs schon am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga aufeinandertreffen, herrscht die höchste Sicherheitsstufe rund ums Millerntor-Stadion. „Das ist schon etwas, worüber wir uns Gedanken machen. Und wo wir auch aktiv werden“, sagte der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, Helmut Spahn. „Wir werden gerade mit Blick auf das Derby am 4. Spieltag aber Gespräche mit den Verantwortlichen der Klubs führen“, kündigte Spahn an. Der Sicherheitsexperte sieht in der Attacke, sollten sich die Sachverhaltschilderungen und Motive bestätigen, eine neue Qualität, weil es sich um eine gezielte Aktion gehandelt haben könnte.

Rund 15 vermummte HSV-Hooligans hatten den St.-Pauli-Fans Sonnabendnacht nach dem Spiel des Kiezklubs beim SC Freiburg am Bahnhof Altona aufgelauert und vier von ihnen bei brutalen Attacken verletzt. Dabei handelt es sich um eine Mutter mit ihrem 16-jährigen Sohn und dessen gleichaltrigen Freund sowie einen etwa 50-jährigen Mann, wie der Verein mitteilte. Das Quartett hatte eine organisierte Reise des St.-Pauli-Fan-Ladens genutzt. Nach Polizeiangaben war von cirka 20 St.-Pauli-Anhängern die Rede, die angegriffen wurden. Die Mannschaft, die im gleichen Zug heimreiste, war bis auf Ersatztorwart Benedikt Pliquett zuvor an drei Hamburger Bahnhöfen ausgestiegen. Pliquett wurde aus einiger Entfernung Zeuge des Überfalls. An seinem Kopf sei eine Flasche vorbei geflogen, berichtete der Kiezklub.

Bei der Attacke wird eine geplante Aktion vermutet. „Wir sind total konsterniert, können das nicht begreifen“, sagte St.- Pauli-Teammanager Christian Bönig am Montag. „Das waren keine Ausschreitungen, das war ein Angriff auf Wehrlose.“

Der HSV mit dem Vorsitzenden Bernd Hoffmann und Sportchef Bastian Reinhardt hat sich beim Stadt-Rivalen entschuldigt. „Das ist ein beschämendes Verhalten und trübt die Freude über zwei Hamburger Siege in der Bundesliga am Wochenende. Wir werden die Täter bestrafen, müssen aber erst prüfen, in welchem Zusammenhang sie zum Verein stehen“, sagte HSV-Sprecher Jörn Wolf.

Laut Polizei befanden sich unter den Angreifern vier Personen, die als „Gewalttäter Sport“ geführt werden. Auch Dauerkarten-Besitzer des HSV und Mitglieder der Fan-Abteilung Supporters sollen unter den Hooligans gewesen sein. „Wir verurteilen jegliche Form von gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hier gibt es nichts zu tolerieren“, sagte Ralf Bednarek, Abteilungsleiter des rund 60000 Mitglieder starken Supporters-Clubs. Die zwischenzeitlich in Gewahrsam genommenen Hooligans sind wieder auf freiem Fuß. „Der HSV oder die DFL sind zuständig, Stadionverbote zu verhängen“, sagte Bednarek.

Sollte sich bestätigen, dass Supporters unter den Tätern waren, wird ein Ausschluss aus der Abteilung erwogen. „Wir dürfen aber nicht überreagieren“, sagte der Abteilungsvorsitzende. Beide Vereine fordern, das in vier Wochen angesetzte Derby im Millerntor-Stadion (17. bis 19. September) am Samstagnachmittag auszutragen. Den genauen Termin legt die Deutsche Fußball Liga (DFL) erst fest. „Kritische Abendspiele am Millerntor sind gescheitert. Das haben die Partien gegen Hansa Rostock bewiesen“, sagte Bednarek.

Die Gegebenheiten im Stadtteil St. Pauli würden die Schlichtung möglicher Auseinandersetzungen im Dunkeln erschweren. Im Vorfeld werden sich beide Vereine und Fan-Abteilungen sowie Landes- und Bundespolizei mit der Sicherheit beim ersten Erstliga- Treffen beider Klubs seit April 2002 auseinandersetzen. Eine Verlegung ins größere und nach Sicherheitsaspekten besser zu kontrollierende HSV-Stadion ist nach Ansicht beider Vereine kein Thema.

16.52 Uhr