Tagesarchiv für den 22. August 2010

Komplimente, Komplimente!

22. August 2010

„Familientreffen“ in München. Bastian Reinhardt und ich stiegen am Vormittag aus dem Flieger und stellten fest, dass wir nichts gesehen hatten. Und er auch nicht: Wolfgang Stark. Der Schiedsrichter aus Landshut flog zurück in die Heimat, der HSV-Sportchef zum Doppelpass. Natürlich sprachen wir über das Spiel. Zwei HSV-Tore, zwei Gelbe Karten. Bitter. Weil zweimal so gejubelt wurde, wie es nicht erlaubt war. Ruud van Nistelrooy und Ze Roberto sprangen jeweils über die Bande und liefen die Treppe hinauf zu den Fans, um mit ihnen zu feiern, Das ist verboten. Neu? Stark sagte: „Nein, nein, das ist schon immer so. Die Spieler wissen das auch, dass sie das nicht dürfen.“ Ihr werdet Euch erinnern: Als van Nistelrooy sein Gelb kassierte, legte er seinen Kopf an die Brust des Unparteiischen, umarmte ihn dabei und sagte: „Ich weiß es ja, ich weiß es ja.“ Aber schön war es doch. Und es ist wirklich jammerschade, dass so etwas bestraft wird – du armer, armer Fußball!

So, zum Familientreffen gehörte aber nicht nur der gute Schiedsrichter (hat er einen Fehler gemacht? Ich konnte keinen erkennen!). Mittags, vor dem Abflug lief uns erst David Jarolim über den Weg. Der Ex-Kapitän auf dem Weg nach Prag, zu seiner hochschwangeren Frau. Was „Jaro“ zu erzählen hatte, war schon etwas pikant: „Ich weiß nicht, wer es mir gesagt hat, aber angeblich soll Paul, die Krake, den HSV als Deutschen Meister auserkoren haben.“ Wenn das stimmen sollte . . . Haut rein, Jungs, Ihr seid schon auf einem guten Weg, jetzt müsst Ihr nur noch die restlichen 33 Spiele möglichst ungeschlagen überstehen, damit „Paul“ wieder richtig liegt.

Der dritte Bekannte, den wir dann noch trafen, war Benny Lauth. Der flog mit 1860 nach Düsseldorf, die Münchner spielen morgen in Bochum um Zweitliga-Punkte. Ich habe den ehemaligen HSV-Stürmer schnell noch einmal gelobt, weil er im Testspiel vor einigen Wochen gegen den HSV (in Schwaz in Österreich – sorry und danke) eine wirklich gute Leistung gebracht hatte. Obwohl ich einschränkend auch sagte, dass damals David Rozehnal auch nicht seinen besten Tag gehabt hat. Lauth darauf mehr zu Bastian Reinhardt als zu mir: „Ja, der Rozehnal hat ohnehin wohl ein wenig Pech bei Euch . . .“ Kann man so sehen.

Bei der Gelegenheit: Ich will gar nicht mehr über den Doppelpass reden. Nur so viel: Bastian Reinhardt wurde von Moderator Jörg Wontorra und den Machern der Sendung für seinen prima Auftritt sehr gelobt. Und ich habe Udo Lattek und meinem Freund „Manni“ Breuckmann einige Autogrammkarten aus ihren Kreuzen geleiert. Wer daran Interesse hat, der möge es bitte bei seiner Antwort beim neuesten Gewinnspiel vermerken, sie werden Euch dann zugeschickt.

So, nun aber zum Schalke-Spiel. Um noch einmal ein dickes Kompliment, das gestern vielleicht ein wenig zu kurz gekommen ist, los zu werden: Ihr Fans wart fantastisch, grandios, einmalig, sensationell! Welch eine Unterstützung, welch eine Lautstärke! Traumhaft. Kommentar von Armin Veh: „Es war wunderbar. Ich habe als Gästetrainer schon immer die Atmosphäre genossen, besonders wenn wir gewonnen haben. Aber auch bei Niederlagen, denn die Stimmung hier ist wirklich überragend. Und wenn du dazu noch so viele Schalke-Fans im Stadion hast, die auch noch richtig laut sind, dann ist es als Zuschauer etwas ganz anderes als die WM in Südafrika mit der Tröterei.“ Überhaupt kein Vergleich. Ich hatte das Gefühl, dass es in der Arena diesmal noch lauter war als sonst.

Es war ja auch eine Werbung für die Bundesliga, was dort auf dem Rasen ablief. Kompliment an beide Mannschaften, besonders aber an den HSV. Die nackten Zahlen belegen die Überlegenheit des HSV. 18 Torschüsse gegen 13, sieben Ecken gegen 4, 16 Flanken gegen neun. Ballkontakte waren 50:50, in den Zweikämpfen lag der HSV mit 58 Prozent recht deutlich vorn. Schalke führte nur in der Foul-Liste mit 16:12. Die meisten Torschüsse gaben Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy ab, jeweils sechs.Raktic brachte es nur auf drei, war damit bester Schalker. Er führte auch in der Wertung der Ballkontakte (93), bester HSV-Spieler hier Jarolim mit 87. Sieger in Sachen Zweikampfstärke, und nun genau hinsehen: Guy Demel (74 Prozent). Wenn das nicht erfreulich ist.

Ohnehin gab es ja viele erfreuliche Aspekte für den HSV in diesem Spiel. Der „Veh(l)-Start“, der von vielen (oder auch nur einigen?) prophezeit worden ist, trat nicht ein. Der HSV engagiert, konzentriert und diszipliniert auf. Auch dafür ein dickes Kompliment, denn in Torgelow und zuvor gegen Cottbus hattees noch ganz anders ausgesehen. Und: Alle Fans, die an Trainer Veh gezweifelt haben, müssten spätestens jetzt ins Grübeln kommen. Motto: “Kann es der Veh vielleicht doch besser, als ich gedacht habe?” Ich bin davon überzeugt. Der Mann ist die Ruhe selbst, er weiß genau, was er will, und die Spieler folgen ihm offensichtlich. Das war zwar auch vor einem Jahr, bei Vehs Vorgänger, der Fall, aber damals nutzte es sich schnell, viel zu schnell ab. In dieser Saison, auch da lege ich mich fest, wird das nicht passieren. Weil der HSV erstens nicht nur eine gute Mannschaft hat, sondern auch eine starke Ersatzbank – Veh hat also immer die Wahl. Und zweitens lässt sich Veh nicht auf der Nase herumtanzen. Er hat einfach Ahnung und Erfahrung, dieser Coach weiß, wie es zu laufen hat – Kompliment, Herr Veh.

Dass er es kann, das kann ich auch anhand eines Beispiels belegen: Zu welchem Thema könnte Armin Veh folgenden Beitrag gesagt habe: „Ich bin Trainer hier, und die Spieler haben da zu spielen, wo ich sie hinstelle.“ Ja, zu welchem HSV-Profi passt das? Genau. Zu Mladen Petric. Der Kroate hatte nach dem Spiel gesagt: „Ich mache gerne die Drecksarbeit, so lange es am Ende dazu führt, dass die Mannschaft Erfolg hat. Aber bald kann ich auch für den Marathon melden . . .“ Das hat er nicht im Bösen gesagt. Er hat sich so geäußert, weil er jetzt plötzlich, in einer neuen Rolle, viel mehr laufen muss, viel mehr nach hinten arbeiten muss. Petric sieht sich ansonsten ja mehr ganz vorne, dort, wo jetzt van Nistelrooy spielt. Weil Petric meint, dort am besten Tore machen zu können. Dazu Veh: „Wenn man aus der Position, auf der Mladen zum Einsatz kam, keine Tore machen kann, dann kann ich das alles nicht nachvollziehen.“

So, und damit erst einmal Ende dieses Themas. Aber, so vermute ich auch, Fortsetzung folgt.

Erfreulich an diesem Spiel und diesem Sieg waren aber auch andere Dinge. Zwei ganz große „Sorgenkinder“ trumpften riesig auf: David Jarolim und Jonathan Pitroipa. Mein Komplimet an diese beideen Spieler. Es waren vielleicht zwei Auftritte, die bei einigen HSV-Fans auch dazu führen könnten (oder sollten?), ihre absolut kritische Haltung gegenüber diesen beiden HSV-Profis noch einmal zu überdenken, gegebenenfalls sogar zu revidieren? Schön wäre es. Wobei im Falle Jarolim eigentlich die Aussagen von Armin Veh, der den ehemaligen Kapitän bei Amts-Beginn eigentlich nicht so recht auf dem Zettel gehabt hatte, ihn nun aber als Vorbild-Profi lobt und hinstellt, zu denken geben sollten. Der Trainer ist ja nun absolut unverdächtig, Partei für einen Spieler zu ergreifen, der beim eigenen Anhang nicht nur Freunde hat. Diesmal müssen aber eigentlich „Freund und Feind“ anerkennen, dass Jarolim eine erstklassige Leistung geboten hat.

Wie natürlich auch Ruud van Nistelrooy. Als er zu Saisonbeginn im (Lauf-)Trainingslager auf Sylt immer nur hinterher lief, dachte nicht nur ich bei mir: „Das wird nichts mehr. Schade.“ Und dann dieser Wandel, dieser Einsatz des Niederländers, dieser Kampfgeist, diese Aufholjagd, die Lust am Job, diese Freude am Fußball. Kompliment, Ruud van Nistelrooy, das ist wirklich Weltklasse. Und dabei ein so vorbildlicher Profi und auch noch ein netter, authentischer und volksnaher Star. Und Kompliment auch an den HSV, zu Jahresbeginn voll auf die Karte van Nistelrooy gesetzt zu haben – obwohl es schon ein großes Wagnis war. Aber, wie hatte der damalige Trainer doch immer wieder betont: „Wir bauen Ruud vor allem für die nächste Saison auf.“ Genau so ist es gekommen.

Und damit auch Mladen Petric noch seine Streicheleinheiten bekommt: Er lief tatsächlich viel (mehr als sonst), er arbeitete für die Mannschaft, dirigierte und motivierte. Für ihn absolutes Neuland, aber er sollte versuchen, sich daran zu gewöhnen. Zu seinem Trost sei dazu noch gesagt: Es ist ja nichts Verwerfliches, wenn man alles für die Mannschaft tut, ackert, rackert, kämpft und spielt. Das machen andere Kollegen ja auch schon seit Jahren (Jarolim). Wenn es dann, Petric selbst hat es ja schon erkannt, immer von Erfolg gekrönt ist, dann hat er, dann hat der Trainer und dann hat auch das Team alles richtig gemacht. Ich jedenfalls kann für mich feststellen, dass ich mit Mladen Petric in der neuen Rolle durchaus zufrieden war. Wobei ich auch festhalten möchte: Sein Ersatzmann Paolo Guerrero hatte später dann auch noch einige ganz feine Szene.

Das aber ist ja nur ein großer Vorteil für den HSV. Und wer weiß, vielleicht hat „Paul“ ja doch recht, am Ende der Saison?

20.15 Uhr