Tagesarchiv für den 21. August 2010

Ein sensationeller Auftakt!

21. August 2010

Großartig, dieser Auftakt. Das war super, das war geil, das war traumhaft, das war Fußball! Der HSV kommt großartig aus den Startlöchern, besiegt Vizemeister Schalke 04 mit 2:1 und darf nach dieser gelungenen Vorstellung voller Zuversicht in die nächsten Spiele gehen. Das war schon einmal sehr gut, diese 90 Minuten dürften Selbstvertrauen für die kommenden Wochen geben, darauf lässt sich aufbauen. Die Stimmung in der Arena war sensationell, und der Mann des Spiels war Ruud van Nistelrooy, der mit seinen beiden Treffern für den Erfolg und für den ersten Dreier gesorgt hatte. Das darf so weitergehen. Hey, hey, hier kommt Hamburg! Und wie!

Vor dem Anpfiff konnte ich noch mit Felix Magath unter vier Augen sprechen. Er fragte: „Und, machst du dir Sorgen um den HSV?“ Ich: „Nein, eigentlich nicht. Ich weiß ja gar nicht, wo Schalke steht und wo der HSV steht.“ Magath: „Das stimmt, das weiß ja keiner.“ Ich: „Deswegen bin ich ganz gespannt. Aber ich glaube, dass es besser für den HSV ist, heute auf Schalke zu treffen, als in acht Wochen, denn ihr wollt Euch ja noch verstärken. Und wenn Ihr Euch dann gefunden habt, dann wird es sicherlich schwerer . . .“ Magath nickte zustimmend.

Und dann ging es los! Extrem laut der HSV-Anhang bei diesem Spitzenspiel. Obwohl Armin Veh ja in der Woche nichts von einem „Spitzenspiel“ wissen wollte, denn er betonte immer wieder: „Ein Spitzenspiel muss man sich erarbeiten.“ Und das kann man sich wohl kaum vor dem ersten Spieltag . . . Obwohl der HSV in der ersten Halbzeit, prächtig und mächtig vom Anhang aus dem Norden und Nord-Westen unterstützt, sehr viel konzentrierter und disziplinierter auftrat als in den zurückliegenden Spielen (Cottbus, Torgelow). Jeder Spieler war unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw darum bemüht, immer die Ordnung zu halten. Das begann schon in der Offensive. Dort redeten Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric, der auf der „Zehn“ zentral hinter dem Niederländers spielte, viel miteinander. Und sie motivierten sich auch gegenseitig. Dinge, die es bislang in dieser Form selten bis gar nicht gegeben hat. Und nach genau drei Minuten und 58 Sekunden kamen sich „Van the man“ und der Kroate auch auf die etwas andere Art näher: Nachdem van Nistelrooy mit seinem Schussversuch abgeblockt worden war (der Ball flog zur Ecke), klatschte er sich mit dem nachrückenden Petric ab. Na bitte, es geht doch!

Auffällig an dem „neuen HSV“: Bei Eckstößen der Schalker waren bis auf van Nistelrooy alle Spieler im eigenen Strafraum. Beim zweiten Eckball, von Rakitic zur Mitte gegeben, kam trotzdem nur Höwedes mit dem Kopf an die Kugel, aber zum Glück für den HSV köpfte der Innenverteidiger den Ball aus fünf Metern ins Seitenaus (9.)!.

Neu auch eine Variante auf dem rechten Flügel: Als Jonathan Pitroipa dort Richtung Schalke-Strafraum lief, wurde er von Guy Demel im Rücken hinterlaufen. Und der Ball kam dann auch noch einen Tick weiter nach außen. Ein Spielzug, der in der vergangenen Saison nie zu sehen war, da gab es ganz einfach kein „Hinterlaufen“.

Beide Mannschaften agierten (fast) auf Augenhöhe. Die Spielanteile waren in etwa 60:40 für den HSV verteilt. Die größte Tormöglichkeit hatte zunächst aber Schalke, als Edu frei vor Frank Rost auftauchte, noch außerhalb des Strafraums abzog, doch der HSV-Keeper hatte ganz clever den Winkel so verkürzt, dass er den Ball abwehren konnte (24.).

Dann kam der HSV. Eljero Elia flankte von links, Petric köpfte aus elf Metern – vorbei (30.). Und in der 45. Minuten schoss van Nistelrooy einen 20-Meter-Freistoß an die Latte. Den Nachschuss hätte Elia eigentlich verwandeln können (oder gar müssen), doch Neuer hielt. Halbzeit.

Und dann der Paukenschlag im zweiten Durchgang. Nach 20 Sekunden stand es 1:0. Elia setzte sich links gegen Matip durch, Flanke, und in der Mitte nahm van Nistelrooy den Ball aus sechs Metern volley – traumhaft. Alle kamen zum Jubeln. Natürlich auch Petric. Er war mittendrin und nicht nur dabei.

Der HSV hatte Chancen, der HSV drückte, der HSV war überlegen, machte „den Sack“ aber nicht zu. Das rächte sich. Farfan, von Westermann bewacht, traf zum 1:1 (80.). Aber ein Mann hatte die Abseitsstellung von gleich drei Schalkern aufgehoben, sonst wäre es gar nicht zu diesem Tor gekommen. War es Mathijsen? Egal.

Egal? Ja, weil der HSV noch einmal zurückkam. Ze Roberto auf links unwiderstehlich, flach zur Mitte, van Nistelrooy mit dem Doppelpack (83.). Da habe ich gedacht, ich bekomme einen Hörstürz . . . Sensationell.

Gar nicht sensationell aber, dass nach den Toren zuerst van Nistelrooy und später auch Ze Roberto den gelben Karton sahen. Die Schiedsrichter, hier Wolfgang Stark, sind angehalten, Gelb zu zeigen, wenn ein Spieler über die Bande springt und zu den Fans an den Zaun läuft. Ist ja alles schön und gut, aber ich glaube, dass Ze Roberto über die Bande springen musste, sonst wäre er dort dagegen gelaufen. Und wenn das so war, dann ist dieses Gelb einfach nur Unsinn. Aber die Herren der Regelkommission werden sich schon etwas dabei denken . . .

Der HSV einzeln:

Rost hielt souverän, klasse, ruhig, sinnig – wie eine Nummer eins halten muss. Hervorragend. Guy Demel zeigte sich deutlich verbessert – ist ihm Selbstvertrauen eingeredet worden? Nach hinten erledigte er seine Aufgabe solide, nach vorne wirkte er ruhiger und durchdachter – und einfach besser. Heiko Westermann hatte wieder einige Fehlpässe auf Lager, aber er steigerte sich stetig. Und hatte auch vorne gute (Kopfball-)Szenen. Was für ihn spricht: Er wird nie kopflos, alles wirkt nüchtern, solide und abgeklärt. Der Nebenmann des Kapitäns, Joris Mathijsen, bot eine ganz starke Partie. Habe ich ihm in dieser Form noch nicht zugetraut, aber der Niederländer hatte offenbar voll die Lust, eine tragende Rolle in diesem „neuen HSV“ zu spielen. Bestens gelungen. Links begann Marcell Jansen ein wenig verhalten, für mich läuft er auch nicht ganz „rund“, aber trotz der Tatsache, dass er „WM-geschädigt“ noch nicht bei 100 Prozent sein kann, fiel er nicht ab. Und, wie schon so oft geschrieben: Jede Minute bringt ihn der Bestform wieder näher. Und seine Füße trugen ihn immerhin bis zur 77. Minute. Dann ging Ze Roberto zurück, der dann eingewechselte Tomas Rincon auf die „Sechs“.

Von den beiden „Staubsaugern“ erwischte David Jarolim den besseren Start. Unglaublich, welche Bälle sich der Tscheche erlief, wie er kämpfte, rackerte, das Spiel beruhigte oder nach vorne trieb. Eine ganz, ganz große Stütze, der Ex-Kapitän. Ze Roberto begann verhalten, legte aber stetig zu – und spielte vor allen Dingen in den Zweikämpfen ganz clever seine Routine aus. Unersetzlich, der Brasilianer, weil er auch in ganz engen und kniffligen Situationen die Ruhe (am Ball) bewahrt. Der „große Ze“ war ganz sicher ein großer Held dieses Spiels.

Ja, und dann geht es nach vorne. Ich weiß, ich weiß, an Pitroipa scheiden sich die Geister. Er ist immer noch höchst umstritten, wird es wohl auch noch lange bleiben, aber: Der Mann ist für jede Abwehr eine stete Gefahr, weil er in seiner unorthodoxen Art, wie er Fußball spielt, nie auszurechnen ist. Das „Eichhörnchen“ schockt mit seinen Aktionen ja auch oft die eigenen Kollegen, und dennoch sage ich: Er ist eine Bereicherung für den HSV. Weil er auch Dinge beherrscht, die in dieser Art und Weise kein anderer kann. Deswegen rate ich: Jeder soll sich ruhig weiterhin die Haare raufen, wenn ihm Dinge misslingen, aber alle dürfen auch jubeln, wenn er etwas Positives veranstaltet.

Ähnlich verhält es sich ja auch mit Mladen Petric. Auch er hat seine „Gegner“. Weil er manchmal nicht alles zu geben scheint, weil er gelegentlich auch lustlos wirkt. Ich glaube ja, es wirkt nur so. Es ist seine Art, und mit der hat er schon so viele Tore erzielt und auch viel Positives für den HSV bewirkt. Diesmal war von Beginn an bedacht, sich keine Blöße in Sachen Defensivverhalten zu geben, darunter litt die Offensive. Aber 15 Minuten vor dem Seitenwechsel schien er die richtige Mischung gefunden zu haben. Von da an trat er selbstbewusster und entschlossener auf. Ich behaupte: Das war eine gute Vorstellung von Petric. Auch wenn sie nur bis zur 70. Minute dauerte, als er von Paolo Guerrero abgelöst wurde, Trotz allem muss ich natürlich auch sagen: Petric kann und darf sich ruhig weiter steigern.

Links durfte Elia „endlich“ auf seiner Lieblingsposition ran. Zunächst beließ er es bei einigen guten Ansätzen, aber mit der richtigen Betriebstemperatur wusste auch er sich zu steigern. Und nach diesem ersten Auftritt lege ich mich fest: Elia kommt in dieser Saison noch ganz groß in Fahrt. Und dann ist er kein Mann für Juventus, sondern für Real. Mindestens. Elia wurde in der 80. Minute von Gojko Kacar abgelöst.

Und dann ganz vorne. Da gab es erneut die Ruud-van-Nistelrooy-Show. Die Trainingseindrücke, die ich Euch geschildert hatte, die täuschten nicht: Der Mann ist in einer Super-Verfassung, und nicht nur das. Er will, er beißt, er hat vor allem Lust. Und er ist hungrig auf Tore. Das zeichnet ihn aus. Der Mann ist eine Klasse für sich, der Mann ist Weltklasse. Immer noch. Genießt ihn, HSV-Fans, genießt jede Minute und jedes Tor, einen solchen Stürmer gibt es nicht an jeder Straßenecke – und der HSV hat ihn hier, hier im Volkspark. „Ruuuuuuuuuuuuud“.

Übrigens, eine ganz kleine Randnotiz: Mein großer Kollege Rolf „Töppi“ Töpperwien vom ZDF war heute zum letzten Mal als Reporter im Volkspark. Noch sechs Bundesliga-Spiele, dann geht er in Rente. Alles Gute, „Töppi“, Du warst immer ein Klasse-Kollege, bist immer ein Mann des Volkes geblieben, Du wirst schwer zu ersetzen sein, ich behaupte, dass es dem ZDF nicht gelingen wird.

PS: Wenn es heute etwas gedauert hat, dann lag das an der Arena. Kein Mensch hatte Empfang, keiner konnte senden – erst im Presseraum ging es. Was da schief läuft, weiß ich nicht, aber man muss es ergründen.

Noch eine kleine Frage: Wer hatte 2:1 getippt?

20.40 Uhr