Tagesarchiv für den 20. August 2010

Petric drin, Guerrero draußen

20. August 2010

Um 16.25 Uhr wurde es interessant. Für einige wenige Zuschauer. In der fast menschenleeren Arena trainierte der HSV, und kurz vor halb Fünf verteilte Trainer Armin Veh die grünen Hemdchen für die A-Elf. Er ließ sich dabei Zeit. Gaaaanz ruhig ging er von Mann zu Mann, nichts überstürzen. Das erste Stück Textil ging an David Jarolim. Dann folgten Marcell Jansen, Jonathan Pitroipa, Ruud van Nistelrooy. Dann wurde es spannend. Die Hamburger Journalisten reckten die Hälse nach oben und fragte sich laut: „Und, wer bekommt es nun? Mladen Petric oder Paolo Guerrero?“ Veh machte es noch einige Sekunden spannend, dann ging er an Guerrero vorbei und gab Petric das dünne Hemdchen. Die Entscheidung war gefallen. Petric gibt am Sonnabend „den Guerrero“. Der Kroate wird die Position hinter van Nistelrooy einnehmen, dort hatte in den meisten Vorbereitungsspielen Guerrero seinen Platz gefunden.

Es muss eine Millimeter-Entscheidung gewesen sein. Und vielleicht wollte Armin Veh mit dieser Entscheidung auch gleich den ganz großen Ärger vermeiden. Und damit sind die Weichen für den Start gestellt, denn der HSV wird gegen Schalke mit Rost; Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Elia, Petric, Pitroipa; van Nistelrooy spielen. Die „Generalprobe“ gelang, denn das A-Team besiegte die Reservisten mit 2:1, die Siegtore erzielten Ze Roberto und Mladen Petric, beim Gegentor leistete sich Heiko Westermann mit einem bösen Querpass im Strafraum einen kapitalen Bock. Für alle Fans von Piotr Trochowski sei gesagt: Er ist nicht dabei. Aus Gründen der mangelnden Fitness – nach den Achillessehnenbeschwerden.

Es wird weitere HSV-Spieler geben, die noch nicht bei 100 Prozent sind, aber da müssen alle durch: Die Spieler, die Mannschaft, der Trainer und die Fans. Es wird sicher die eine oder andere Sache geben, die noch nicht perfekt funktionieren wird, aber das wäre dann völlig normal. Eljero Elia, Marcell Jansen und Joris Mathijsen können noch nicht restlos fit sein, denn die Kollegen haben ja bekanntlich sehr viel mehr trainiert, haben zwei Trainingslager in den Knochen. Zudem haben die Niederländer ja immer noch die Final-Niederlage der Weltmeisterschaft im Anzug hängen. Auch wenn Mathijsen sagt: „Natürlich steckt man eine solche WM-Final-Niederlage nicht so einfach weg, wenn man so ein Finale verliert, dann tut das weh für den Rest des Lebens, aber jetzt ist sie für mich abgehakt. Wir müssen fit sein, wir müssen voll da sein, die WM ist kein Thema mehr – wir sind bereit für den Start in die Bundesliga.“ Der Innenverteidiger ergänzt noch: „Es gibt kaum etwas Schöneres für uns, als die Heimpremiere mit einem Spiel gegen Schalke zu feiern. Besser geht es nicht.“

Vorfreude, Freude, Spaß, Lust am Fußball – das sind einige Dinge, die dazu gehören, aber Joris Mathijsen sagt auch: „Wir wissen schon, dass es wichtig ist, im ersten Spiel zu punkten. Denn wenn man die ersten zwei, drei Spiele nicht gewinnt, dann wird das Selbstvertrauen ganz sicher auch nicht besser.“

Viel wird für mich beim „neuen“ HSV davon abhängen, ob es der Mannschaft gelingen wird, eine Einheit zu werden. Eine Gemeinschaft, wo jeder für den Nebenmann eintritt, in der man sich gegenseitig motiviert und mitreißt, in der alle – ich zahlen drei Euro ins Phrasenschwein – alle an einem Strang ziehen. Und in der es keinen Neid untereinander gibt, sondern nur ein harmonisches Miteinander, so dass alle mit Herz und Leidenschaft einem Ziel nachjagen: dem Sieg.

Aber, so schön wie das auch klingt: Ich habe meine Bedenken, dass der HSV es schon jetzt zu Beginn der Bundesliga-Saison schaffen wird, eine solche Einheit auf den Platz zu zaubern. Erfolge sind das beste Mittel, um eine Einheit zu festigen, damit muss an diesem Sonnabend dann eben begonnen werden. Und wenn ich mir so einen Ruud van Nistelrooy in dieser Woche beim Training angeschaut habe, dann denke ich bei mir: Der Weltstar ist bereit, der gibt nicht nur alles, der hat Spaß und Freude an seinem Job, der will. Ruud will, davon bin ich restlos überzeugt, und ich bin auch davon überzeugt: Ruud kann auch.

An ihm sollten und können sich die Kollegen aufrichten, ihn zum Vorbild nehmen. Und sollten das auch alle tun, dann gibt es sicherlich auch keine atmosphärischen Störungen mehr, die es in der vergangenen Saison gegeben hat – und zwar nicht zu knapp. Joris Mathijsen sagt aber zur heutigen HSV-Mannschaft: „Ich sehe keine Probleme innerhalb der Mannschaft – im Moment. Was in der vergangenen Saison gewesen ist, das habe ich schon vergessen. Jetzt läuft es sehr gut, alle arbeiten hervorragend für ein Ziel, das nächste Spiel zu gewinnen.“

Zuletzt aber war in die insgesamt gut verlaufene Vorbereitung ein wenig Sand ins Getriebe des HSV gekommen. 1:3 gegen Cottbus, 1:1 zur Pause gegen den Fünftliga-Klub Torgelow. Gibt das nicht auch den Spielern zu denken? Mathijsen: „Testspiel sind anders zu betrachten, da kommt man aus dem harten Vorbereitungs-Training. Und dass es dann im Pokal gegen einen Amateurklub eine Halbzeit lang nicht so gut geklappt hat, das wollten wir ganz sicher auch nicht, aber so etwas gibt es.“ Der Niederländer weiter: „Bundesliga ist eben etwas anderes, Schalke hat am Sonnabend auch einiges zu verlieren, deshalb gibt es auch ein ganz anderes Spiel.“ Mathijsen sagt dann auch noch: „Nach dem Spiel werden wir analysieren können, dann wissen wir, wo wir stehen.“

Apropos stehen: Als ich heute mit dem Auto unterwegs war, hörte ich im NDR plötzlich die Stimme von Dennis Aogo. Der verletzte Nationalspieler war zu einem längeren Interview im Sender – und was er sagte, gefiel mir. Der junge Mann hat es drauf. Vor allem: Er bekannte sich ganz klar zum HSV, obwohl seine Vertragsverlängerung noch lange nicht in trockenen Tüchern ist. „Wir haben die Absicht, mit ihm zu verlängern, aber nun soll er erst einmal seinen Platz in der Mannschaft finden“, sagt Sportchef Bastian Reinhardt. Ähnlich, fast würde ich sagen genauso, sieht es bei Piotr Trochowski aus. Es gab schon Vorgespräche, und es soll noch in diesem Jahr mit einer Verlängerung Vollzug gemeldet werden.

Übrigens sagte Reinhardt auch das, was kürzlich schon Armin Veh kundtat: Es wird keine weiteren Neuverpflichtungen mehr geben. Es sei denn, es passiert ein kleines Wunder. Vielleicht der Art, wie ich es zuletzt im Zusammenhang mit dem Investor Kühne geschrieben hatte. Ganz sicher aber ist, dass ein Rafael van der Vaart in diesen Tagen und Wochen kein Thema für den HSV ist. Was zum Beispiel, wenn es anders wäre, Joris Mathijsen wissen müsste, denn die beiden Nationalspieler telefonieren täglich. Mathijsen: „Der HSV spielt dabei aber kein Thema.“

Ich persönlich hoffe jetzt auch ganz dringlich, dass diese elenden Spekulationen bald, möglichst noch heute ihr Ende finden. Nun geht es los, jetzt liegt die Wahrheit auf dem Platz, jetzt muss Gas gegeben werden. Und ich bin auch guter, nein, sogar bester Hoffnung, dass genau das auch der HSV gegen Schalke tun wird. Bastian Reinhardt verrät dazu dann auch noch seine Wünsche zum Start: „Ich hoffe auf viele Siege, ausverkaufte Stadien, Super-Stimmung, insgesamt auf eine erfolgreiche Saison. Dazu ist ein guter Start natürlich wichtig – obwohl ich auch denke, dass es, weil einige Spieler noch nicht bei 100 Prozent sein können, auch einen leicht holprigen Auftakt geben könnte.“

Ich tippe auf einen 2:1-Sieg des HSV. Der wäre gut für die Fans, für den Verein, für die Mannschaft, und auch für Bastian Reinhardt und für mich, denn wir sitzen am Sonntag um 11 Uhr im Doppelpass von Sport 1. Oft wurde sich ja von Eurer Seite schon darüber beschwert, dass der HSV nur eine untergeordnete Rolle bei den Münchnern spielt, diesmal hat der HSV gleich zu Saisonbeginn eine der Hauptrollen der beliebten Sendung für sich reklamiert – und Ihr könnt beweisen, dass HSV-Fans durchaus vor dem Bildschirm sitzen bleiben, wenn Jörg Wontorras Doppelpass mit Udo Lattek (und diesmal auch mit dem legendären Manni Breuckmann!) auf Sendung ist.

Auf geht’s! Nur der HSV!

20.45 Uhr

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