Tagesarchiv für den 19. August 2010

Petric? Guerrero? Van der Vaart?

19. August 2010

Mann muss auch verlieren können. In 50 Jahren Sport habe ich das gelernt. Mir war klar, dass ich „um die Ohren bekommen“ würde, deshalb kann ich mit dem Echo gut leben. Und ich tröste mich wie folgt: Diejenigen, die mir ans Leder gingen, sind in meinen Augen hundertprozentige HSV-Fans. Die geben alles für ihren Klub, die würden auch niemals einen HSV-Spieler ihrer Wahl vernichten, weil alle und jeden lieben, die verzeihen und sie tolerieren auch die kleinste HSV-Schwäche. Gut so. Finde ich wirklich gut. Und diejenigen User, die es mit ihren Kommentaren gut mit mir meinten, die sehen die Sache eben so wie ich. Und ich sehe sie heute immer noch so, wie ich sie gestern sah. Obwohl ich damit nun wahrlich kein neues Öl ins Feuer gießen möchte. Nein, nein, das möchte ich garantiert nicht, denn es geht doch jetzt einzig und allein um einen gelungenen Saisonstart. Schalke kommt, nur darum kann es nun gehen, der HSV soll und muss gut aus den Startlöchern kommen, das allein zählt und steht im Mittelpunkt.

Deswegen nun zum Fußball! Dennis Aogo fällt für das Spiel am Sonnabend auf jeden Fall aus, der Nationalspieler ist auch heute nur gelaufen und nahm noch nicht am Mannschaftstraining teil. Wieder „voll“ dabei ist Piotr Trochowski, aber die Chance, dass er im Kader für das Schalke-Spiel steht, ist 50:50. So wie ich die Aussage von Trainer Armin Veh interpretiere, ist der kleine Dribbelkönig, der einige Tage wegen einer Achillessehnenverletzung pausieren musste, eher nicht mit von der Partie: Trainingsrückstand. Das träfe zwar auch auf Marcell Jansen zu, aber da Veh hinten links einen Spieler benötigt, wird der WM-Teilnehmer wohl nicht nur im Kader sein, sondern auch von Beginn an spielen.

Was in meinen Augen ein gewisses Risiko mit sich bringt, denn erstens ist Jansen (noch lange) nicht bei 100 Prozent, und zweitens sind die beiden Innenverteidiger, Joris Mathijsen und Heiko Westermann, ja auch noch nicht bei 100 Prozent. Drei Abwehrspieler, die eigentlich noch nicht so weit sind – ob das nicht der eine oder andere Spieler zuviel ist? Veh aber muss wohl das Risiko eingehen. Und sollte es dann doch gut gehen (ein Sieg gegen Schalke!), dann hat der Coach auf jeden Fall einen kleinen aber auch ganz feinen Trost: Jede Spielminute bringt einen noch nicht restlos fitten Spieler wieder den 100 Prozent näher.

Kurz zum Training von heute. Nach der Aufwärmphase mussten die Spieler alle (jeweils) auf einen Balance-Ball. Der sieht wie ein überdimensionales Nadelkissen aus, die nach oben zeigende Seite ist rot. Der Ball ist dazu groß wie ein Medizinball, und wirkt so, als wäre er nur schlecht aufgepumpt. Auf einem solchen „Gerät“ musste jeder Spieler auf der Stelle laufen. Das allein ist schon schwierig, um nicht vom „Stengel zu kippen“, aber dazu wurde dann auch noch mit fünf, sechs oder sieben Bällen „Handball“ gespielt. Das heißt: Ein Spieler rief einen anderen Kollegen, der entfernt von ihm stand, an, dann warf er die Kugel zu – und der betreffende Spieler musste den Ball dann, auf dem Balancekissen stehend, fangen. Was natürlich nicht jedem gelang. Mein ungekrönter König dieser Übung: Mladen Petric. Wie er Ball und Balancekissen beherrscht, ist einfach phänomenal. Wie ein Kind aus dem Zirkus . . . Es sieht mühelos leicht aus bei ihm.

Zum Schluss des Spiels wurde daraus dann die „Reise nach Jerusalem“. Immer wurden zwei Kissen entfernt, wenn die Spieler in dem Rechteck liefen und sich die Bälle zuwarfen, und auf Pfiff von Leistungsdiagnostiker Manfred Düring musste sich dann ein Kissen gesucht werden – und drauf. Das gab herrliche Duelle. Und als sich einmal Gojko Kacar und Guy Demel nicht einig werden konnten, wer Sieger war, spielten die beiden Kontrahenten schnell „Djing-djang-djung“: Demel siegte. Zu den Gewinnern gehörten am Schluss David Rozehnal, Heiko Westermann, Paolo Guerrero, Tomas Rincon und Demel.

Im Anschluss daran wurde auf drei Stationen „fünf gegen zwei“ gespielt. Und ich staune dabei immer wieder, was für ein guter Fußballer Frank Rost doch ist. Er hat ja nicht nur große Hände, sondern auch Füße wie ein kanadischer Waldbrandaustreter, aber was er damit fußballerisch veranstaltet, das ist aller Ehren wert. Und köpfen kann der Keeper auch noch sehr gut.

Zum Schluss des Vormittags gab es dann Torschussübungen auf zwei Tore. Auf einer Seite mussten Slalomstangen umkurvt werden, bevor es ans Schießen ging, auf der anderen Seite mussten Flanken verwandelt werden. Die Bälle wurden von rechts von Demel und Rincon zur Mitte gebracht, links von Jansen und Ze Roberto. Den meisten Beifall der Kiebitze erhielt Petric, der mit einem unglaublichen Fallrückzieher Erfolg hatte. Den „Hoch-und-weit-Preis“ des Tages teilten sich Ruud van Nistelrooy und Eric-Maxim Choupo-Moting, deren Bälle weit über den Zaun flogen und wahrscheinlich noch bis morgen gesucht werden müssen. Sehenswerte Tore erzielten an diesem Vormittag noch Robert Tesche und Joris Mathijsen, die ihren Kugeln jeweils wunderschön in den Torwinkel droschen. An 90 Minuten fehlten 240 Sekunden, als Armin Veh die Einheit beendete.

Dann traten die Autogrammjäger auf den Plan. 400 waren auch an diesem Tag wieder mindestens dabei. Und etliche Spieler schrieben sehr lange. Nicht alle, weil sich einige immer auch mit dem „Golf-Car“ vom Acker machen, aber die meisten. Allen voran Ze Roberto und Ruud van Nistelrooy, deren Einstellung auch in diesem Punkt ganz hervorragend ist. Kurios: Als Mathijsen von einem kleinen Jungen um ein Autogramm gebeten wurde, ohne einen entsprechenden Stift zu haben, stibitzte der Niederländer kurzerhand einem neben ihm stehenden Knaben den Stift, unterschrieb, gab den Schreiber zurück, ging und ließ zwei staunende kleine Fans zurück. So geht es ja auch – bevor man nichts macht und die enttäuschte Jugend stehen lässt.

Zum Sportlichen: Armin Veh weiß noch nicht, wie die Aufstellung gegen Schalke aussehen wird. Vor allen Dingen steht er noch vor der Frage, wie der HSV-Angriff besetzt ist. Eine Spitze? Zwei Spitzen? Veh: „Es können auch drei werden.“ Eine Finte in Richtung Felix Magath? Veh weiter: „Ab und zu spielen wir auch mit drei Stürmern, auch wenn das noch nicht alle mitbekommen haben.“ Eine Frage des Systems. Der Trainer sagt: „Ich habe irgendwo gelesen, dass das 4:2:3:1-System zu offensiv ist. Das habe ich auch nicht gehört. Ein 4:2:3:1 ist im Prinzip etwas defensiver als ein 4:4:2. Es kommt doch aber immer darauf an, wie nach hinten gearbeitet wird.“

Veh stellt sich somit (wohl) selbst vor die Frage, ob van Nistelrooy allein im Angriff spielen soll, oder ob dem Niederländer noch eine zweite Spitze an seine Seite gestellt wird? Die zweite Spitze könnte dann Petric oder Guerrero heißen. Entweder oder. Bei einem 4:2:3:1 aber könnte Veh beide Offensivkräfte bringen, Petric und (!) Guerrero – und beide sind ja irgendwie auch lange Zeit die Lieblingsspieler des Trainers gewesen, als er noch für den VfL Wolfsburg arbeitete (also vor einem Jahr). Sollte Veh Petric oder Guerrero zunächst auf der Bank lassen, so könnte es nicht nur ein langes Gesicht am Sonnabend geben, sondern auch einigen Ärger. Ob sich der Coach diesen Ärger gleich zu Beginn der Punktrunde zumuten will – und wird?

Veh: „Das Schöne an der Situation im Sturm ist ja, dass wir mehrere Optionen haben. Das ist mir lieber so, als wenn ich gar nicht wüsste, wen ich aufstellen soll. Es birgt natürlich die Gefahr, dass der eine Stürmer dann unzufrieden ist, oder der andere Stürmer dann unzufrieden ist – aber davon leben wir ja alle.“ Weil es dann wieder Stoff für so manche Schlagzeile gibt . . .

Probleme könnte es übrigens auch mit dem einen oder anderen Fan geben. Denn Armin Veh hat sich noch einmal zu den Kühne-Millionen und zu Rafael van der Vaart geäußert. Auf die Frage, wie der Trainer zu den Ausführungen von Kühne steht, der sich ja bekanntlich im Hamburger Abendblatt ausführlich (und nicht immer nur positiv) geäußert hatte (wir „sprachen“ schon kurz drüber!), sagte Veh: „Der Herr Kühne wollte ja noch einen absoluten Top-Mittelfeldspieler holen, dagegen habe ich ja nichts. Also ein van der Vaart könnte mir schon gefallen, das ist kein Problem.“ Dann lacht Veh und fügt noch hinzu: „Van der Vaart will sich ja in Madrid durchbeißen, aber das wäre sicher ein Spieler, der nicht schlecht wäre für Hamburg . . .“

Und damit ist das Feuer wieder eröffnet. Wer von Euch ist für Rafael van der Vaart?

Nein, nein, nein, bitte legt diese Frage ganz schnell wieder zu den Akten. Ein van der Vaart ist vom HSV nicht zu bezahlen. Selbst wenn der „Engel“ ablösefrei kommen dürfte – auch dann nicht. Es sei denn, der Herr Kühne greift noch schnell einmal in seine Portokasse (die für die deutsche Post) und sagt: „Ich will den Knaben van der Vaart unter allen Umständen, und ich finanziere ihn hier auch für die nächsten zehn Jahre – der HSV muss sich um nichts kümmern, ich übernehme ihn ganz allein.“

Aber glaubt Ihr an Märchen?

PS: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Rafael van der Vaart nicht zum HSV kommen wird. Zu 99 Prozent steht das für mich fest. Oder vielleicht auch nur zu 90? Das könnt Ihr Euch aussuchen.

Übrigens: Zur Beurteilung des Herrn Kühne gegenüber den HSV-Neuerwerbungen befand Armin Veh: Was soll ich dazu sagen? Einen Fußballlehrer hat er nicht, von daher soll man das auch nicht so ernst nehmen. Ich zumindest nicht.“

Vier alle vielleicht nicht?

18.07 Uhr