Tagesarchiv für den 18. August 2010

Kühne Worte sorgen für Unruhe

18. August 2010

Kraft, Ausdauer und Kondition. Das wurde heute im Volkspark trainiert. Genau 34 Minuten jedenfalls. Kraft, Ausdauer und Kondition sollten in diesen Zeiten auch die HSV-Fans tanken, denn offenbar kehrt in diesen Klub kaum einmal Ruhe ein. Beim Training bin ich von einigen Anhängern auf den heutigen Artikel im Abendblatt, den meine Kollegen Kai Schiller und Marcus Scholz verfasst haben, angesprochen worden. Tenor: „Warum wird drei Tage vor dem Saisonstart ein solcher Artikel veröffentlich, warum wird ein solches Fass aufgemacht? Es bestand dazu doch keine Notwendigkeit. Wir wollten doch nur voller Vorfreude am Sonnabend in die Arena kommen, wollten in aller Ruhe in die neue Spielzeit starten – aber das Abendblatt bringt nun wieder Unruhe rein. . . Muss das sein?“ Ja! Das sage ich eindeutig, ja! Das muss sein. Wenn sich ein Herr Kühne so äußert, dann kann sich keine Zeitung der Welt erlauben, es nicht zu veröffentlichen. Herr Kühne weiß genau, so denke ich, was er sagt und was er tut. Er ist kein Jüngling mehr, sondern ein ganz erfahrener und mit allen Wassern gewaschener Mann, ihm müssen seine Sätze sehr bewusst sein – und sie sind es ihm auch. Ganz sicher.“

Das ist Journalismus. Das Abendblatt ist kein „HSVlive“, sondern eine unabhängige Zeitung. Wenn Kühne so aus der Deckung kommt, dann wäre es eine Freude für jede Zeitung in Deutschland gewesen, diese Geschichte zu veröffentlichen, Und: Wartet morgen einmal ab, wenn die Kollegen der anderen Hamburger Zeitungen nachziehen. Alle hätten sie diesen Artikel gerne schon heute bei sich gesehen, deshalb gratuliere ich dem Duo Schiller/Scholz ausdrücklich dazu, sie hatten die Nase vorn.

Und was heißt denn „Ruhe und Vorfreude“? Darum kann es bei diesen brisanten Kühne-Aussagen doch nicht mehr gehen. Stellt Euch bitte einmal vor: Watergate 1972. Die Journalisten Robert Woodward und Carl Bernstein von der „Washington Post“ decken den Skandal auf, in den US-Präsident Richard Nixon verwickelt ist. Als dieser ungeheuerliche Vorgang in die Zeitung gehievt werden soll, kommt der Chefredakteur und sagt den beiden Herren: „Nein, nein, so geht das nicht, wir warten mit der Veröffentlichung der Affäre bis zur nächsten Wahl des Präsidenten, denn: Wir haben doch gerade so schöne Ruhe in unserem Lande . . .“

Jedem von Euch muss klar sein, dass der Herr Kühne zum großen Schweigen hätte ansetzen müssen. In etwa so: „Meine Herren Schiller und Scholz, es gibt nichts zu sagen, ich bin mit allem absolut zufrieden beim HSV. Und selbst wenn ich unzufrieden sein sollte mit dem HSV, so würde ich es Ihnen nicht auf die Nase binden, sondern mit dem Herrn Bernd Hoffmann persönlich darüber reden. Und Ende.“ So – oder so ähnlich – hätte es laufen müssen, und nur so. Aber der Herr Kühne, so denke ich, wird schon wissen, warum er die Flucht nach vorne angetreten hat. So sind die Fronten gleich geklärt, wenn er in der nächsten Woche mit Bernd Hoffmann über die Lage diskutieren wird. Da muss es dann kein langes Abtasten mehr geben, der Herr Kühne kann gleich dort ansetzen, wo er im heutigen Abendblatt aufgehört hat, nämlich mit seiner Enttäuschung über die seiner Meinung nach zu biederen Verpflichtungen zu dieser Saison.

Und, wenn ich das einmal aus meiner beschaulichen Ecke äußern darf; Das, was der Herr Kühne jetzt gemacht und gesagt hat, das sieht sehr wohl und ganz stark nach operativem Geschäft aus. Auch wenn es die HSV-Führung nicht wahrhaben will.

Bin ich Multi-Millionär, und bin ich dazu auch HSV-Fan und will meinem Klub nur etwas Gutes tun, so halte ich die Klappe und vertraue den Leuten, denen ich mein Geld in die Hand gedrückt habe. Habe ich aber kein Vertrauen zu ihnen, drücke ich ihnen gar nicht erst mein Geld in die Hand – sondern gehe auf eine wunderschöne und lange Weltreise. Zum Beispiel.

Ich weiß, dass ich einigen (oder vielen) von Euch mit meiner Erklärung auf den Geist gehe, aber ich kann nicht anders. Sonst hätte ich meinen Job verfehlt. Sorry, aber genau so geht Journalismus, und zwar nicht nur beim Hamburger Abendblatt, sondern in allen großen Zeitungen dieser Welt. Anders wäre es, wenn das HA oben auf der Seite eins die Raute präsentieren würde und dort dann auch gleichzeitig zu lesen wäre: „Das offizielle Vereins-Organ des Hamburger SV“. Steht da aber noch nicht. Und, auch das möchte ich noch einmal anfügen: Es wäre die Aufgabe von Bernd Hoffmann gewesen, den Herrn Kühne vor einem etwaigen „Auspacken“ zu bremsen. Wäre ich der HSV-Vorstandsvorsitzende, und hätte mir der Herr Kühne dann die Millionen in die Hand gedrückt, dann hätte ich mich durchaus mal mit dem Herrn Kühne unterhalten, ob denn auch alles so in Ordnung war, wie es gelaufen ist. Aber das ist ganz offenbar nicht geschehen. Oder auch nicht so oft.

Übrigens: Wer von Euch Angst um den Saisonstart des HSV hat, weil es ja nun neue Unruhe im Klub gibt, dem sei gesagt: Die Mannschaft hat heute ganz normal trainiert. Die ließ sich nichts davon anmerken, dass sich der Herr Kühne so geäußert hat, wie er sich geäußert hat. Ich glaube auch nicht, dass es auch nur einen HSV-Profi jucken wird, dass sich der Herr Kühne zu Wort gemeldet hat. Die Spieler konzentrieren sich auf Schalke, die denken nicht an Kühne, nicht an Kühne & Nagel, nicht an Spedition, nicht an Bernd Hoffmann und auch nichts ans operative Geschäft, sondern nur an Schalke 04. Und das ist auch gut so. Die einzige, die sich Gedanken um den Herrn Kühne machen, sind die besorgten Fans. Aber die müssen ja auch nicht am Sonnabend die Tore schießen und die Gegentore verhindern. Jedenfalls nicht auf dem Rasen.

Zum Fußball. Nach Kraft, Ausdauer und Kondition wurden nach Pässe im Direktspiel geübt, dann folgte ein Spielchen über vier Viertel. Das A-Team gewann gegen die Reservisten (mit Wolfgang Hesl als Linksverteidiger) 3:1. Robert Tesche hatte für das 0:1 gesorgt (glänzende Vorarbeit von Paolo Guerrero), dann drehten Ruud van Nistelrooy (zweimal) und Ze Roberto das Spiel. Im letzten Viertel tauschten übrigens Guerrero und Mladen Petric das Trainingshemdchen, der Peruaner spielte dann im „Stamm“.

Es ging einige Male recht hart zur Sache: Joris Mathijsen grätschte gleich zweimal Gojko Kacar um (spielte dabei aber regelgerecht den Ball), dem Serben wurde nach dem zweiten Mal ein Eisverband um den linken Knöchel angelegt. Einmal brachte auch Petric noch David Jarolim recht schmerzhaft zu Fall – wobei man wissen muss: Es wird ja ohne Schienbeinschützer trainiert. Da geht es ganz hart von Knochen zu Knochen. Zudem knickte einmal der nach seiner langen Pause schon wieder gut aufgelegte Reservist Piotr Trochowski kurz um, konnte aber nach einigen Schrecksekunden weitermachen. Noch auffällig an dieser Einheit: Ruud van Nistelrooy schoss nicht von ungefähr zwei schöne Tore, er war voller Spiellust und zu 100 Prozent bei der Sache. Da kommt schon Freude auf, wenn man das als Trainingskiebitz so sieht. Allerdings war „Van the man“ auch so ziemlich der einzige Spieler, der mit Lust und Freude auf dem Platz herumtollte. Die anderen „arbeiteten“ eher, als dass sie Spaß am täglichen miteinander hatten. Das aber kann ja auch daran liegen, dass sich nun alle ganz, ganz doll auf Schalke 04 konzentrieren.

Und das ist wohl so.

„Ich denke, wir sind gut drauf. Und das wird ohnehin nur die Bundesliga prüfen, wie gut wir wirklich drauf sind“, sagt David Jarolim und spricht damit indirekt noch einmal die zurückliegenden 90 Pokal-Minuten von Torgelow an. Wobei der Ex-Kapitän auch noch einmal direkt darauf zu sprechen kommt: „Die erste Halbzeit war natürlich nicht so gut, aber es gibt solche Spiele. Das müssen wir jetzt viel besser machen gegen Schalke, gegen den Vizemeister, gegen einen Champions-Legaue-Teilnehmer. Das Team ist kämpferisch stark, ich denke aber, dass wir fußballerisch besser sind – und eingespielter.“ Dann ergänzt „Jaro“ noch: „Wichtig ist, dass wir die Zweikämpfe annehmen und dass wir gut verteidigen. Dass wir guten Fußball spielen können, das wissen wir, und wir haben auch die Leute, die die nötigen Tore schießen können. Wir müssen richtig Gas geben, und wir dürfen nicht ohne Kopf spielen, wir müssen immer die Ordnung behalten.“

Leichter gesagt als getan. Im Training wurde es gestern und heute geübt. Die Viererkette stand in einem Korridor rund zehn Meter hinter der Mittellinie, die frühe Balleroberung der gesamten Mannschaft war angesagt.

Im A-Team spielte auch Eljero Elia mit. Natürlich. Auch wenn Juventus Turin immer noch keine Ruhe gibt, den Niederländer noch nach Italien locken will. Ich habe aber gar keine Angst, dass da noch etwas passiert, denn Trainer Armin Veh hat vor Tagen ganz deutlich gesagt, dass er sein Veto einlegen werde, sollte es doch noch einmal eng werden mit Elia. Der Coach hatte klar gesagt: „Ende des Elia-Theaters, er bleibt, und das ist sicher.“ Darauf vertraue ich. Und Ihr solltet es auch tun.

Ganz zum Schluss. Ich wurde beim Training auch auf meinen heutigen Kommentar im Abendblatt angesprochen (die HSV-Beilage). Weil ich dort meinen Wunsch, das 4:4:2-System geäußert habe. Dazu stehe ich, mir wäre lieber, wenn der HSV mit dieser Taktik spielen würde, denn dann würde auch Mladen Petric eine andere Rolle spielen können – als die rechts draußen. Aber, ich sage es auch deutlich: 4:4:2 wäre mein Wunsch, wenn es der Trainer anders sieht (und will), füge ich mich natürlich, denn er ganz allein hat das Sagen.

17.26 Uhr

Schnell noch eine aktuelle Ergänzung:

Gerade sprach ich mit Jürgen Hunke. Der ehemalige Präsident ist über diese neue Situation um Geldgeber Kühne entsetzt und sagte mir: “Wenn ich zu entscheiden hätte, dann würde ich dem Herrn sofort seine 15 Millionen zurückgeben. Der Verein ist stark genug, er könnte das. Ich bin richtig entrüstet über das, was da heute im Abendblatt zu lesen war, und ich weiß, dass ich nicht allein so denke. Das ist ein Tiefpunkt des Vereins.” Dann ergänzte Hunke noch: “So etwas dürfen sich die Organe des HSV nicht gefallen lassen, ich plädiere für eine Elefantenrunde, um diese Situation zu besprechen – und zu klären.”
Ergänzt um 17.35 Uhr