Tagesarchiv für den 16. August 2010

Vehs erste Elf steht noch nicht

16. August 2010

Nach dem Pokal ist vor dem Bundesligastart. Und auch wenn man an dieser Stelle trefflich noch über den einen oder anderen Fauxpas oder komplett enttäuschenden Auftritt einiger HSV-Spieler in Torgelow diskutieren könnte, möchte ich es wie Trainer Armin Veh halten. Der sagte heute bei der Anschlussbesprechung des Duells: „Bei allen Fehlern und Erkenntnissen werden wir das Spiel jetzt trotzdem nicht zu hoch hängen, schließlich haben wir 5:1 gewonnen.“ Das heißt natürlich nicht, dass der Trainer ebenso wie die meisten von Euch und ich selbst nicht noch die eine oder andere Problemzone gesehen hätten.

Eine davon bereitet mir ja schon seit ein paar Tagen und Wochen Bauchgrummeln, die im rechten Offensivbereich. Mladen Petric wirkte auch gestern einige Male so, als behage ihm die Rolle gar nicht, als wehre sich sein ausgesprochen leistungsfähiges Fußballerherz mit aller Macht gegen diese Position. Ob er auch glaube, dass Petric dort nicht so gerne spiele, wurde Veh gefragt, und der Trainer verschärfte prompt seinen Ton: „Wo kommen wir denn da hin, wenn es einem nicht passt, wo er spielt?“ Seiner Gegenfrage ließ er sofort eine Erklärung folgen: „Von Mladen war das sicherlich auch noch zu wenig in Torgelow. Ich habe aber von ihm noch nie gehört, dass er die Position nicht spielen will – zumal er in seiner Nationalmannschaft ja auch über rechts kommt.“

Veh ist so etwas wie ein menschlicher Detektor. Manchmal wirkt dieser Trainer so entspannt und gar nicht gefesselt oder engagiert, wenn er teilnahmslos auf der Trainerbank sitzt oder auch mit den Händen auf dem Rücken wie einst Franz Beckenbauer in Rom über den Trainingsrasen neben der Imtech-Arena schlendert. Aber Vehs Worte von heute haben mir unmissverständlich klar gemacht, dass der Coach sehr wohl registriert, wer was wann und wie macht, wo die tiefgründigen Probleme liegen und wie er sich ihnen widmen will. Natürlich habe auch so ein Spiel wie beim Oberligaklub in Torgelow Erkenntnisse gebracht, sagte er nickend: „Und jetzt muss man gucken, was man bis Samstag zum Spiel gegen Schalke noch anders macht.“ Der Nachsatz beinhaltete eine Warnung an alle Spieler, die möglicherweise fest mit einem Platz in der Startelf rechnen: „Fußball ist Wochengeschäft, das ist auch bei mir so. Und wer sich nicht aufdrängt, hat schlechtere Karten. Unsere Mannschaft für Samstag steht noch nicht!“

Die größten Sorgen bereiten dem Fußballlehrer offensichtlich die Abstimmungs- und Formprobleme in der Vierer-Abwehrkette. „Da müssen wir uns erheblich verbessern. Ich hoffe, dass Marcell Jansen bis zum Wochenende wieder einsatzfähig ist. Denn links hinten sind wir ja total verwaist. Ein Einsatz von Dennis Aogo ist ausgeschlossen, der muss erst einmal ein bisschen trainieren, ehe er wieder zum Kandidatenkreis zählt“, so Veh.

Angesichts dieser Aussage könnte Piotr Trochowski (Achillessehnenreizung) auch maximal für einen Platz auf der Bank in Frage kommen. „Troche“ kehrte nach vier Behandlungstagen in München in verbessertem Zustand nach Hamburg zurück. Heute Morgen absolvierte er die Trainingseinheit mit den Reservisten problemlos, vorsichtshalber allerdings nur 45 Minuten lang. „Ich muss jetzt immer schauen, wie die Sehne reagiert. Ich brauche Geduld und wage noch nicht, eine Prognose abzugeben, wann ich wieder dabei bin. Aber das wird schon“, sagte Trochowski. Wenn sich keine weiteren Schmerzen ergeben sollten, dürfte er Mitte der Woche wieder voll im Teamtraining stehen.

Möglicherweise aber auch schon morgen, wenn Veh seine Mannschaft um 16 Uhr zur Einheit bittet. „Bei einer kurzen Woche mache ich nicht frei. Wir haben noch viel zu tun“, sagt der Trainer, der heute einen altbekannten Beobachter an der Seitenlinie hatte: Sergej Barbarez. Der Bosnier startete heute sein einwöchiges Praktikum im Rahmen der bosnischen Fußballlehrer-Ausbildung und wurde von einigen Profis freudestrahlend begrüßt. Der ehemalige Aufsichtsrat hospitiert allerdings nur eine Woche beim HSV und drückt der Mannschaft gegen Schalke natürlich die Daumen. Über seine persönlichen Ziele verriet der Ex-Stürmer, dass er sich demnächst ein Engagement in der Bundesliga erhoffe, so ähnlich wie es Bernd Hollerbach unter Felix Magath ermöglicht wurde. Aber erst einmal wolle er nun sein Praktikum machen. Die Fans neben der Arena freuten sich jedenfalls diebisch, dass sie Autogramme ihres ehemaligen Lieblings ergattern konnten – ohne ihm hinterher sprinten zu müssen.

Das mussten sie nämlich, wenn sie einen der zwölf Profis erwischen wollten, die – wie üblich – mit dem Golf-Elektrowagen der medizinischen Abteilung vom Trainingsplatz zur Umkleide fuhren. Die Spritzfahrten könnten demnächst übrigens die Mannschaftskasse belasten. Hinten rechts war der Reifen des Vehikels platt und machte nicht gerade gesunde Geräusche. Nun gut, angeblich ist das Gefährt auch maximal für vier Personen zugelassen.
Zurück zum Sportlichen. Die Reservisten trainierten eifrig, Marcell Jansen mischte nach seinem grippalen Infekt munter mit. Die Stammspieler radelten im Volkspark und betätigten sich im Kraftraum. Ruud van Nistelrooy brauchte sich nicht aufs Fahrrad zu schwingen. Nach seinen drei Treffern absolvierte er eine Regenerations- und Pflegeeinheit in den Katakomben.

Apropos Ruud: Der Niederländer begeisterte nicht nur die Fans dank seiner drei Tore zum Pokalauftakt. „Bei ihm sind neben seiner fußballerischen Qualitäten Charakter und Herz entscheidend. Er bringt mental das Beste mit, will immer treffen, auch wenn er schon einen Torerfolg hinter sich hat, und er will immer gewinnen. Darum hat er auch überall, wo er war, Erfolg gehabt“, sagte Veh und adelte seinen ersten Angreifer, auf den am Samstag alle schauen werden, die das direkte Aufeinandertreffen der beiden Ex-Real-Madrid-Stars van Nistelrooy und Raul mit einer Lupe beobachten.

Der Vergleich mit Schalke sorgt auch bei mir schon für ein bisschen Kribbeln. Für die Medien ist das Spiel natürlich wie eine Geschichten-Maschine: Felix Magath und Bernd Hollerbach bei ihrem Ex-Klub, Heiko Westermann trifft gleich im ersten Match als neuer HSV-Kapitän auf seine ehemaligen Mitspieler, Raul und van Nistelrooy und, und, und.

Selbst für Zé Roberto ist dieses Spiel eine kleine Besonderheit, im positiven Sinne. „Das ist jetzt genug mit Vorbereitung, die war für mich so lang wie noch nie“, sagt der Brasilianer, der bei Kontakten mit Landsleuten aus Spanien und Italien immer wieder hörte, dass deren Vorbereitung viel entspannter gewesen sei. Am schlimmsten sei aber gar nicht der körperliche Teil („Der hat mir echt gut getan!“), sondern der mentale. „Wenn du immer unterwegs bist, von der Familie getrennt, das ist anstrengend.“ Zé Roberto ist sehr gespannt auf den Bundesligabeginn, hält sein Team für gut präpariert. Und dann wurde er noch an seine gemeinsame Vergangenheit mit Felix Magath erinnert. Zé Robertos emotionsfreier Kommentar: „Magaths Vorbereitung ist sehr, sehr hart, aber Gott sei Dank trainiere ich nicht mehr unter Magath. Mal sehen, wie Schalke kommt: fit oder müde…“

14.10 Uhr