Tagesarchiv für den 15. August 2010

Van Nistelrooy verhindert die Blamage

15. August 2010

Das Schlimmste an diesem HSV-Betriebsausflug an die polnische Grenze war die lange Busfahrt. Ansonsten dürfte sich kein einziger Hamburger verausgabt haben. Außer natürlich Busfahrer Miroslav Zadach. Der musste die blaue Nobelkarosse ganz allein nach Torgelow und von Torgelow an die Ziele bringen, das war Arbeit. Die Spieler aber haben sich an diesem Sonntag nach allen Regeln der Kunst geschont. Das war in Halbzeit eins Sommerfußball zum Abgewöhnen. Keine Bewegung, kein Tempo, kein Engagement – alles viel zu halbherzig. Was heißt halbherzig? Nein, das war sogar völlig ohne Herz! Zum Glück erwachte die Mannschaft noch im zweiten Durchgang, so dass es noch einen standesgemäßen 5:1-Sieg gegen den Oberliga-Klub Torgelower SV Greif gab. Aber was soll es: Der HSV steht in Pokal-Runde zwei – und am Sonnabend kommt Schalke, erst dann geht es richtig los.

Bereits nach einer Minute und 52 Sekunden hatte Torgelows Spitze Daniel Pankau allein vor Frank Rost gestanden, doch der HSV-Torwart ist bekannt für seine Nervenstärke in Eins-gegen-eins-Duellen, er hielt glänzend. Wieso aber konnte es überhaupt zu dieser Chance kommen? Ein langer Pass durch die Mitte der HSV-Defensive, Pankau startete aus der eigenen Hälfte (!) und lief Heiko Westermann mit einem Lied auf den Lippen davon. Die Frage, wo Joris Mathijsen stand, möchte ich gar nicht erst aufwerfen, denn die beiden Innenverteidiger standen einfach nur grausam schlecht. Alles mit einem Hauch von Arroganz umgeben – was will dieser Fünftligist eigentlich von uns?

Was hatte der HSV eigentlich erwartet? Ein Spiel auf Augenhöhe? In dem die Amateure kräftig mitmischen, richtig schön offensiv mitspielen? Es war doch klar, dass sich die Mannschaft aus Mecklenburg-Vorpommern vornehmlich einmauern würde, um dann auf Konter zu setzen. Der HSV aber reagierte auf diese Defensive behäbig, arrogant und schlafmützig. Komm’ ich heut’ nicht, komm’ ich morgen. Ein Wahnsinn.

Und Wahnsinn auch, wie anfällig diese HSV-Defensive in der ersten Halbzeit gegen Konter war! Unfassbar. Als wäre gar keine Defensive vorhanden. Der neue Kapitän Westermann hatte einen rabenschwarzen Tag, er wurde ausgetanzt und überlaufen, als gäbe es nichts Leichteres. Unglaublich. Das lässt für den Bundesliga-Start Schlimmes befürchten.

Auch weil es keinerlei Aufbäumen gab im HSV-Team. Es wehrte sich im ersten Durchgang niemand gegen diesen Theken-Kick! Im Gegenteil. Einige tauchten völlig ab. Was heißt einige? Die meisten! Mladen Petric sollte eigentlich über rechts kommen, kreuzte aber vorzugsweise in der Mitte auf – und dort standen gefühlt fast alle Feldspieler aus Torgelow. Links lief sich beim HSV Jonathan Pitroipa in schöner Regelmäßigkeit fest, aber er gab es nie auf. Er versuchte sich immer wieder, merkte aber nicht, dass es zwecklos war . . .

Typisch für das Spiel des Mannes aus Burkina Faso: In der 34. Minute schoss er unbedrängt aus elf Metern auf das TSV-Tor, traf aber nur den Pfosten. Die Frage sei erlaubt: Wieso traf der „Piet“ nur den Pfosten? Das musste eigentlich das 1:0 für den HSV sein. Zum Glück war Ruud van Nistelrooy per Nachschuss zur Stelle, es war die erste nennenswerte Aktion des Niederländers, der in den ersten 30 Minuten kaum einmal gesucht und angespielt wurde (34.).

Die Vorentscheidung in diesem ungleichen Duell? Mitnichten. Petric dribbelte sich fest und verlor ohne Gegenwehr den Ball, der kam zu Pankau, der tunnelte Westermann, lief dem Nationalspieler anschließend wieder einmal weg und traf zum 1:1 (42.). Halbzeit.

Dann ließen – erwartungsgemäß – die Kräfte der Amateure nach. Zudem dürfte Armin Veh seinen Mannen auch ein wenig den Marsch geblasen haben. Es ging von nun an etwas zielstrebiger und auch mit ein wenig mehr Engagement zur Sache. Paolo Guerrero, der eigentlich ganz gut weil ideenreich begonnen hatte, dann aber doch abtauchte, nutzte einen 20-Meter-Freistoß zum 2:1 – sehr schön verwandelt ((53.). Der Bann war gebrochen. Ruud van Nistelrooy machte dann den Unterschied aus. Der Niederländer köpfte erst eine Rechtsflanke von Guerrero ein (65.), dann drosch er einen 28-Meter-Freistoß humorlos ins Netz (81.). „Van the man“ hätte sogar ein Hattrick erzielen können, als er nach Tesche-Pass schon Torwart Greulich umkurvt hatte, aber van Nistelrooy legte uneigennützig auf den mitgelaufenen David Jarolim ab, der die Kugel aus drei Metern nur noch ins leere Tor schieben musste – 5:1 (81.).

Auf eine Einzelkritik verzichte ich diesmal bewusst. Weil ja doch kaum ein Hamburger an seine 100 Prozent gegangen ist, gehen wollte.

„Wir haben in der ersten Halbzeit zu langsam gespielt“, gab Ruud van Nistelrooy später zu. Schwamm drüber. Für den HSV war es im zweiten Durchgang im Grunde genommen nur ein Auslaufen unter Wettkampfbedingungen. Erst am Sonnabend zählt es wirklich. Wenn Schalke kommt.

Der HSV spielte mit Rost; Demel (70. Rincon), Demel, Mathijsen, Elia; Jarolim, Ze Roberto; Petric, Guerrero, Pitroipa (70. Tesche); van Nistelrooy (81. Choupo-Moting).

19.32 Uhr

Eine Schweizer Sommergeschichte

15. August 2010

Bis zum Pokalspiel in Torgelow sind es ja noch ein paar Stunden, vorher könnte sich zum Beispiel noch der SC Victoria im Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen als zweite Hamburger Klub für die zweite Hauptrunde qualifizieren . . . Weil ja am Abend der HSV folgen wird. Vorher aber gibt es noch eine weitere Folge der Sommergeschichten. Sie kommt heute aus der Schweiz, von „C.H.Bert“, vielen Dank dafür.

Wo ich gerade bei Dank bin. Noch immer gibt es Glückwünsche zum einjährigen Geburtstag, das ist einfach nur schön. Zwei ganz besondere Danksagungen möchte ich aber an dieser Stelle noch einmal loswerden: Danke für die Blumen, „Gobi“, sie sind erst gestern (!) entsorgt worden. Und auch vielen Dank auch Dir, „Trainerglück“, für Deine ganz besondere Mühe mit der Danke-Mappe. Da steckt viel Arbeit und viel Liebe drin – super, ich werde sie ganz sorgfältig aufbewahren. Und das „fleißige Lieschen“ natürlich im Garten aussäen – ein ganz kleines, aber feines und nettes Detail.

So, nun aber los – mit der Geschichte aus der Schweiz:

Mit dem Rad nach Westen

Schönes Wetter war angesagt in jenem August `84. Der HSV spielte am ersten Spieltag gegen den BVB. Damals war das Westfalenstadion noch nicht dauerhaft ausverkauft, und für ein paar Mark für die Schülerkarte könnte ich dabei sein. Ich hatte noch eine Woche Schulferien und rief in Dortmund an, ob es noch Karten gebe. Da ich Zeit hatte und wenig Geld, und zudem ein Fahrrad, war der Plan schnell gemacht: Aus der Nähe von Göttingen, gut 200 Kilometer Hinweg. Das schaffe ich in einem Tag, dachte ich mir mit meinen 16 Jahren.

Meine Eltern fanden das okay. Sie kannten mich: Die Zimmerwand hatte keinen Quadratzentimeter, in dem nicht ein HSV-Poster hing. Meine Kutte mit Westkurve Block E hing immer am Schreibtischstuhl, und quer durchs Zimmer um die Lampe gewickelt hing mein sechs Meter langer HSV-Schal, von meiner Patentante gestrickt. Seit meiner Hamburger Grundschulzeit war ich HSV-Fan. Warum weiss ich auch nicht: Auch wenn Papa mit mir Bud Spencer im Kino anguckte. Zu Mighty Mouse und Rudi Kargus ist er mit mir leider nicht gegangen, denn die kannte ich nur vom Erzählen der Schulkameraden und von der Sportschau. Dann zogen wir nach Südniedersachsen. Und irgendwann kaufte ich mir die damals modischen Schweissbänder in blau-weiss-schwarz, ein weisses HSV-Trikot mit der Raute und BP (leider nicht das Original), bei dem ich von unserem Biolehrer immer ironisch gefragt wurde, ob ich von der Bayern-Partei sei. In der Freistunde stand ich beim Zeitungsstand und blätterte im Kicker, um eine HSV-Meldung zu erwischen.

In unserem Ort und auch in der Schule gab es neben den Schalkern, Gladbachern und Bayern nur noch einen weiteren HSVer. Wir standen so manche Schlacht gemeinsam durch: Ab und zu fuhr mein Vater mich und meinen Freund zu HSV-Spielen in die Pampa – nach Bielefeld, Braunschweig und Bremen. Im Viertelfinale (!) des DFB-Pokals kam der HSV 1982 mal in unsere Nähe zu Göttingen 05.

In Braunschweig hatte ich das Glück, dass wir nach dem Spiel direkt zum Mannschaftsbus kamen und ich auf Kutte und Trikot von etlichen Spielern (Groh, Wehmeyer, Hieronymus . . .) ein Autogramm ergattern konnte. Wenn`s hoch kam, dann sparte ich mir ein Zugticket für über 50 Mark nach Hamburg. Einmal waren wir bei Verwandten in Bayern und mein Vater fuhr mit mir in meiner Kutte mit „FCB-Nein danke“-Aufnäher zu den Seppls ins Olympiastadion.

Und sonst war ich im Kuchenblock vor dem Radio zu finden: Jeden Samstag um 16.05 Uhr NDR-live mit meinem Kumpel. Vorher Einkicken und Elferschiessen auf dem Bolzplatz, dann Kuchen von seiner oder meiner Mama, und am Radio mitfiebern.
An diesem Samstag im August sollte es anders sein. Ich fuhr am Freitag los mit dem Rad gen Westen durch den Solling, über die Weser, weiter durch Ostwestfalen. Es war ziemlich heiss, so dass ich in einem Ort mit Schwimmbad und Zehn-Meter-Turm anhielt. Damals hatte ich die bei Fans verbreitete magische Vorstellung, dass ich zu einem Sieg meiner Mannschaft etwas beitragen könnte: Also kletterte ich gleich mehrmals auf die zehn Meter und sprang (neulich wollte ich meinen Kleinen zeigen, dass ich vom Fünf-Meter-Turm springe, da wurden mir jetzt ganz schön die Knie weich). Dann wieder aufs Rad, weiter hinter Paderborn auf die B1 und auf dem Highway immer geradeaus. Als die Sonne unterging, war ich irgendwo vor Unna und musste mir ein Plätzchen zum Schlafen suchen. Die Grillen zirpten, und irgendwie dachte ich mir, dass es auch schön wäre ein Dach zu haben. Bei einem Bauernhof stand eine Scheune, daneben waren unter einem Vordach Viehwagen mit Stroh. Kein Mensch war zu sehen. Da rollte ich meinen Schlafsack aus und übernachtete dort.
Am nächsten Morgen dann früh raus, das Heu abgeschüttelt und erst mal weiter. Sonnenschein pur. Nach dem Frühstück war ich schon fast in Dortmund, fuhr dort bis zum Hauptbahnhof, wo ich das Gepäck im Schliessfach verstaute und mich dann den HSV-Fans anschloss, die mittags mit dem Zug ankamen und in Richtung Stadion zogen.

Mit dem Kartenkauf klappte es. Die Stimmung im Stadion war super. Als es zur Halbzeit noch 0:0 stand, da hatte jemand die Idee, mal die Dortmunder freundschaftlich besuchen zu gehen. Mit den zwei BVB-Aufnähern auf dem Rücken war das auch kein Problem. Wir reihten uns in den gelb-schwarzen Block und sangen ein paar Runden mit. Zum Glück waren wir bald nach Wiederanpfiff wieder rechtzeitig auf unserer Seite, doch bekam ich beim 0:1 von Thomas von Heesen beim Torjubel mindestens einen Bierbecher als Dusche ab. Nach dem Ausgleich für den BVB war es spannend bis zum Schluss, als Magath das 1:2 in der 87. machte, war der Jubel grenzenlos.
Nach dem Zug aus dem Stadion machten wir noch Halt in einer Dortmunder Kneipe, wo ich den Bericht noch mal in der Sportschau sehen wollte.

Abends im Dunkeln fuhr ich dann mit dem Rad wieder zurück. Ich fuhr mit über 30 Stundenkilometern durch die warme Sommerluft und spürte dabei eine Leichtigkeit und ein riesiges Glücksgefühl. Es fing dann ganz leicht an zu regnen, was eine angenehme Erfrischung war. Der unnachahmliche Duft von Regentropfen, die auf erhitzte staubtrockene Erde fielen, begleitete mich, wie die Gesänge im Ohr. Das Bild von der Fontäne, die vom Vorderrad durch das Scheinwerferlicht wie ein Funkenflug sprühte, habe ich noch immer vor Augen. Zum Übernachten hielt ich sehr spät wieder an der Scheune, die ich nun schon kannte, bevor ich mich am Sonntag auf den Rückweg machte. Eine bleibende Erinnerung an meinen HSV und Fussball im Sommer: mehr als 400 Kilometer mit dem Rad und eine Menge Sonne.

PS: Der HSV gewann zweimal hintereinander in Dortmund mit 2:1. Beide Male stand es zur Halbzeit 0:0. In meiner Erinnerung musste ich ein bisschen suchen, bis ich sicher sein konnte, dass es der Sommer 1984 war: Weil nur dort noch Schulferien waren und ich im Anschluss noch nach Einbeck zu Freunden meiner Eltern fuhr, die Geburtstag feierten. Als ich jetzt diese Zeilen schrieb, war dieser Freund leider gerade zuvor verstorben.

Damals wurde im DFB-Pokal erst nach Ligabeginn gespielt: Und es war die Saison 84/85, in der unser HSV dann eine Woche später leider auch wusste, wo Geislingen liegt . . .

Herzliche Grüße vom Bodensee,
C.H.Bert

11.38 Uhr