Tagesarchiv für den 14. August 2010

Elia als Linksverteidiger

14. August 2010

Jetzt geht’s los! Das heißt, der HSV ist in diesen Minuten schon los, nämlich mit dem Bus Richtung Torgelow. Das erste Pflichtspiel der Saison, das eigentlich mit einem Pflichtsieg enden müsste. Beim heutigen Abschlusstraining gab es keine weiteren Hiobsbotschaften personeller Art mehr, alle Spieler blieben heil. Eine Stunde und fünf Minuten dauerte die Einheit, es wurden Pässe in jeglicher Form geprobt, bevor es dann ein Abschlussspielchen gab. Das gewann die A-Elf gegen die mit Co-Trainer Michael Oenning spielenden Reservisten mit 2:0. Die Tore schossen Mladen Petric per Foulelfmeter, den David Rozehnal am gut aufgelegten Ruud van Nistelrooy verursacht hatte, sowie Jonathan Pitroipa, der nach einem wunderbaren Hackentrick von Paolo Guerrero herrlich einschob – hoch in den langen Winkel.

Das A-Team spielet mit Frank Rost; Guy Demel, Heiko Westermann, Joris Mathijsen, Eljero Elia; David Jarolim, Ze Roberto; Mladen Petric, Paolo Guerrero, Jonathan Pitroipa; Ruud van Nistelrooy. Wer aufmerksam hingesehen hat, der wird eine kleine Überraschung festgestellt haben. Elia hinten links. Eine neue, die etwas andere Variante. Könnte gegen den Torgelower SV Greif durchaus ein gutes Mittel sein. Wenn den Niederländer seine schnellen Dribblings bis in oder an den gegnerischen Strafraum führen, dann kann sich Ze Roberto fallen lassen und die Lücke auf der linken Seite schließen.

Es war ein lebhaftes Training, es brachte Spaß, zuzusehen. Nicht nur stiller Beobachter aber, wie sonst so oft, sondern diesmal mehr eingreifend: Armin Veh. Motto: Hier bestimmt der Chef noch persönlich. Als der Coach einmal Freistöße aus dem halblinken Halbfeld gegen das A-Team anordnete, da stellte Veh jeden abwehrenden Spieler selbst auf und ein. Vor dem Ball, den Robert Tesche dann schlagen sollte, baute sich Jarolim auf. Dann stand die Abwehr von links mit Pitroipa, Petric, Westermann, Mathijsen, Demel, Guerrero und Elia. Die Einstellung dauerte zwei, drei Minuten, erst dann flog der erste Ball in den Strafraum.

Nach einer Stunde ließ Armin Veh dann noch Eckstöße (von rechts) gegen die Stamm-Elf üben. Als Tesche den Ball zur Mitte gegeben hatte, köpfte der frei stehende Oenning die Kugel aus fünf Metern knapp am ersten Pfosten vorbei. Veh griff sofort ein, ging auf Elia zu, gab ihm die Anweisung, schneller nach vorne zu laufen. Der Niederländer aber wies alle Schuld von sich, denn er hatte Tomas Rincon zu bewachen. Gegen Oenning hätte Petric mit in die Luft steigen müssen, was dann auch bei den folgenden Ecken geschah. Einmal kam noch Eric-Maxim Choupo-Moting zentral frei zum Kopfball, doch Frank Rost hielt artistisch: Erst tauchend mit der rechten Hand, als der Ball dann doch noch Richtung Torlinie prallte, rettete der Keeper am Boden liegend mit dem linken Fuß. Mit der Nummer könnte die Nummer eins im Hansa-Theater auftreten.

Als nach 65 Minuten Vehs Schlusspfiff ertönte, ging der Coach zwar relativ schnell Richtung Kabine, aber alle Spieler blieben noch auf dem Rasen und schnappten sich noch einmal die Bälle. Es wurde auf das Rost-Tor aus allen Rohren geschossen. Petric versuchte sich meistens so aus 35 Metern, oft flogen seine Schüsse aber weit über das Gehäuse. Die besten Schützen waren für mich Mathijsen und Tesche, die beide unheimlich hart und präzise schossen – Rost aber parierte auch sehr gut. Guerrero und auch Pitroipa versuchten sich in Cristiano-Ronaldo-Art, hatten damit aber so gut wie nie Erfolg. Im Gegenteil, einmal legte sich Guerrero nach einem Schuss mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Rasen, weil er den Ball wohl nicht voll getroffen hatte. Es ging aber nach einigen Sekunden doch weiter für den Peruaner.

Auf der Gegenseite fanden sich zunächst nur Gojko Kacar, Ruud van Nistelrooy und David Jarolim ein, um Jaroslav Drobny zu prüfen. Später stießen noch Elia und Choupo-Moting dazu, und Co-Trainer Reiner Geyer spielte den Schützen die Bälle zu. Sah alles ganz hübsch aus, als van Nistelrooy einmal wunderschön traf, ließ er sich danach zu einem Handstand hinreißen. Und noch einer ließ sich – völlig überraschend – hinreißen: „Peacock“. Der brüllte plötzlich neben mir stehend so los, als hätte ihm ein Elefant auf den Fuß getreten. Dann klatschte der Lange aus Alsterdorf ganz begeistert und nannte mir den Grund für seinen unglaublichen Gefühlsausbruch: „Wenn David Jarolim mal einen Ball so hammermäßig in den Winkel haut, dann ist mir das schon einen Beifall wert . . .“ Recht hatte er ja im Prinzip, aber ich fühlte mich doch etwas in meiner Sonnabend-Nachmittags-Ruhe gestört.

Egal. Es war trotz allem sehr aufschlussreich im Volkspark. Von den Reservisten (von denen Rozehnal und Lennard Sowah in Hamburg blieben) spielte zwar keiner herausragend, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich der HSV in Torgelow auch auf seine Reservebank verlassen kann, denn: Es werden gute Leute dort sitzen. Einige gute Szenen hatten heute Kacar, Benjamin (er ist voll da, käme er in das Team, wäre mir nicht bange) und der talentierte und nach seiner Handverletzung wieder gesunde Besic, der sich einiges zutraute.

Schön zu sehen auch, wie sich hinten das neue Innenverteidiger-Duo Westermann/Mathijsen um ein harmonisches Miteinander bemühte. Beide sprechen viel untereinander, versuchen so ständig Ordnung zu halten, und auch in Sachen Spielaufbau sind sie bemüht, den Ball stets an den eigenen Mann zu bringen. Das sieht für mich schon sehr gut und viel versprechend aus, wenn es so bleibt (und nur noch besser wird), dann dürfte die HSV-Defensive im Gegensatz zur vergangenen Saison etwas stabiler, disziplinierter und auch konzentrierter zu Werke gehen. Natürlich aber gehört zu einer gut gestaffelten Abwehr auch das Mittelfeld, es wird viel darauf ankommen, wie schnell die fünf Spieler vor der Viererkette (nicht nur die „Sechser“ Jarolim und Ze Roberto) von Angriff auf Abwehr umschalten können, um die Räume eng zu machen.

Ob das schon im DFB-Pokal in Torgelow erforderlich sein wird, bleibt abzuwarten. Ich glaube eher nicht, ich habe stattdessen einen souveränen 4:0-Erfolg des HSV vor Augen. Die Hauptsache Sieg, und die zweite Hauptsache: keine Verletzten. Aber abwarten.

16.34 Uhr