Tagesarchiv für den 12. August 2010

Die Spannung steigt

12. August 2010

Noch wenige Stunden, dann lüftet Armin Veh gleich zwei ganz große Geheimnisse. Und auch wenn hier viele (oder einige?) „Matz-abber“ glauben, dass zum Beispiel die Entscheidung in Sachen Nummer eins zu Gunsten von Jaroslav Drobny gefallen ist, so kann ich nur sagen: Nichts ist entschieden. Die Spannung steigt.

Und zu diesem Thema passt noch bestens eine Unterhaltung, die ich mit dem früheren Torwart des HSV. Horst Schnoor, geführt habe. Die frühere Nummer eins, 15 Jahre lang unumstritten zwischen den Pfosten, sieht heute noch jedes Heimspiel live im Volkspark und sagte mir: „Ich könnte überhaupt nicht verstehen, wenn Frank Rost nicht mehr die Nummer eins des HSV wäre, denn der Mann eine Super-Saison gespielt.“ Schnoor weiter: „Drobny ist sicher ein erstklassiger Torwart, ihm gehört die Zukunft beim HSV, aber Rost jetzt aus dem Tor zu nehmen, wäre in meinen Augen ein großer Fehler. Der HSV hat doch ganz andere Baustellen, der HSV hat doch kein Torwart-Problem . . .“

Ich denke auch, dass Horst Schnoor richtig liegt. Rost hat nicht nur eine ausgezeichnete Saison gespielt, er hat auch in der Vorbereitung – bis auf den Patzer im Schalke-Spiel – großartig gehalten. Im Trainingslager in Längenfeld hat er einige von der Sorte „unhaltbar“ abgewehrt, so dass nicht nur ich gestaunt habe, sondern alle Trainings-Kiebitze. Drobny, das schließe ich mich Schnoor an, ist ein hervorragender Schlussmann, aber Rost müsste aufgrund der Tatsache, dass er die Nummer eins war, die Nase noch vorne haben. Obwohl ich natürlich nicht weiß, wie das Armin Veh sieht – oder einschätzt. Warten wir es einmal ab, es liegt ja nur noch eine Nacht dazwischen.

Wobei Horst Schnoor auch zur zweiten Entscheidung, nämlich die des Kapitäns, seine eigene Meinung hat: „Ich könnte es nicht verstehen, wenn ein Spieler wie Heiko Westermann, den ich als Profi und Abwehrspieler sehr schätze, gleich die Kapitänsbinde erhalten würde, obwohl er erst 14 Tage im HSV ist . . .“ Aber: Auch so etwas hat es ja in jüngster Vergangenheit schon gegeben. Als Tomas Ujfalusi damals Kapitän des HSV werden sollte, es auch für einige Tage war, es dann aber verzog, nach Italien zu wechseln, bestimmte der damalige Trainer Klaus Toppmöller Neuling Daniel van Buyten zum neuen HSV-Spielführer.

Einer, der es nun werden könnte, weil er lange im HSV ist und schon immer Verantwortung übernommen hat, ist Joris Mathijsen. Ist er aber auch tatsächlich ein „heißer“ Kandidat? Es soll ja ein Stammspieler werden, der immer dabei ist. Der 30-jährige Niederländer will sich aber zu diesem brisanten Thema nicht äußern. Er sagt nur: „Der Trainer entscheidet, wir warten ab. Alles kein Problem. Natürlich müssen wir einen Kapitän auf dem Platz haben, aber wichtig ist, dass wir viele Jungs brauchen, die etwas in der Kabine und auch auf dem Platz sagen. Wer die Binde trägt, ist mir egal. Und ich mache immer mein Ding. Auf dem Platz – und in der Kabine. Und wir haben die letzten Jahre gezeigt, dass wir immer Jungs haben, die auch etwas auf dem Platz und in der Kabine zu sagen haben.“ Der niederländische Nationalspieler bescheinigt dem „alten“ HSV-Kapitän: „David Jarolim hat es zwei Jahre lang gut gemacht. Er ist ein Führungsspieler, er ist immer da, gibt immer 100 Prozent, in jedem Training und in jedem Spiel, er hat das wirklich sehr gut gemacht.“ Joris Mathijsen sagt weiter: „Man weiß aber auch, wie das ist: Eine neue Saison beginnt, und der neue Trainer hat seine Vorstellungen – er entscheidet was passiert.“

Vize-Weltmeister Mathijsen war im Sommer kurzfristig bei Galatasaray Istanbul im Gespräch, weil dort sein Landsmann Frank Rijkaard Trainer ist. Der Innenverteidiger hat aber auch nie etwas Konkretes gehört, sondern nur das Gerücht vernommen: „Bis jetzt ist nichts passiert, so wie es jetzt aussieht, spiele ich diese Saison für den HSV.“ Oha! Das klingt danach, als wolle er eventuell doch in die Türkei, oder? „Nein. Ich brauche mir keine Gedanken zu machen, denn es gibt keine Angebote für mich. Ich habe in Hamburg noch einen Zwei-Jahres-Vertrag. Aber die Tür ist noch offen bis zum 31. August, das gilt für jeden Spieler auf der Welt, und im Fußball kann man nie sagen, was passiert. Ich habe aber im Moment total keine anderen Gedanken bis jetzt“, sagt Joris Mathijsen und ergänzt: „Wenn etwas Interessantes kommt, dann überlegt man natürlich, aber ich bin zufrieden mit dem HSV. Ich habe das Gefühl, dass wir etwas erreichen können. Ich bin vor vier Jahren hierher gefahren, um etwas mit dem HSV zu erreichen, aber das ist lange her. Und ich möchte gerne beim einem Verein spielen, der etwas erreichen will, und deswegen bin ich hier. Wir müssen es jetzt zeigen, dass wir es wollen – und können.“

Kurios: Sein Landsmann Eljero Elia hat in einem Interview (mit einer Wolfsburger Zeitung!) erklärt, dass er sich geehrt fühle, dass sich Juventus Turin um ihn bemüht. Klingt in meinen Ohren irgendwie komisch, hat einen ganz faden Beigeschmack, aber so ist Elia eben. Schade nur, dass ihn sein Berater nicht einmal bremst, ihm eventuell mal ein kurzfristiges Interview-Verbot erteilt. So reißt er immer eine Wunde auf, die eigentlich schon längst verheilt schien. Aber genau das schrieb ich ja vor ein, zwei Tagen – bei Elia ist nichts unmöglich.

Schnell noch einmal zurück zu Joris Mathijsen. Auf meine Frage, ob er glaubt, dass der HSV mit einer stärkeren Mannschaft in diese Saison gehen werde, antwortete er: „Wir sind sowieso stärker geworden, die neuen Spieler machen den Kader besser. Und die jungen Leute, die aus dem eigenen Nachwuchs kommen, die überraschen mich. Letzte Saison waren sie noch nicht so weit, aber diese Saison scheinen sie weiter zu sein.“ Und obwohl er mit dem neuen Stürmer-Talent noch nicht zusammen gespielt hat, geht Mathijsen noch kurz auf den Koreaner ein: „Schade für den jungen Son, dass er nun verletzt ist.“ Der Niederländer hat offensichtlich viel Gutes über Heung Min Son gehört. Generell aber befindet Joris Mathijsen: „Ich freue mich, dass da jetzt gute Jungs aus dem Nachwuchs kommen, das ist gut für den Konkurrenzkampf, jetzt müssen alle mehr zeigen, denn die jungen Leute haben das Zeug, ganz nach oben zu kommen.“

Schön zu hören.

Am Sonntag geht es für den HSV nun im DFB-Pokal in den Osten. Torgelower SV Greif. „Da müssen wir ganz einfach gewinnen, obwohl es schwer werden dürfte. Für den Gegner ist es das Spiel des Lebens, die werden alles geben, um uns schlecht aussehen zu lassen. Aber wir müssen siegen, damit wir uns für das Spiel gegen Schalke 04 Selbstvertrauen holen, und um auch in einen guten Rhythmus zu kommen“, sagt Paolo Guerrero. Keine Frage, der HSV ist zu einem Pflichtsieg „verdonnert“. Denn neben der Bundesliga hat der HSV ja nur einen zweiten Wettbewerb, nämlich den Pokal. Und das ist nicht nur ein Ziel, das muss sogar ein Ziel sein – endlich einmal nach Berlin. Die Kraft und Konzentration sollte dafür in dieser Spielzeit reichen. Und wenn dann die Verletztenmisere abreißen sollte, dann könnte es auch klappen. Aber es gibt schon wieder zwei neue Hiobsbotschaften für den HSV. Beim U-21-Länderspiel auf Island (1:4-Pleite) verletzte sich Dennis Diekmeier wohl schwerer, er knickte mit dem linken Fuß um – jetzt wird ein Bänderriss vermutet. Eine Kernspintomographie am Abend sollte darüber Aufschluss geben, aber es sah nicht gut aus.

So, und soeben bekomme ich die Nachricht, dass sich Diekmeier einen Bänderriss zugezogen hat und vier Wochen ausfallen wird (ergänzt um 21.02 Uhr).

Das ist schlecht, und schlecht ist sicher auch die Situation, in der sich Piotr Trochowski im Moment befindet. Seine rechte Achillessehne ist gereizt. Deswegen flog der Nationalspieler heute nach München, um sich am Freitag bei Bayern-Arzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt vorzustellen. So wie es aussieht, dürfte sich der Saisonstart Trochowskis noch ein wenig verzögern.

Kaderverkleinerung „naturell“ ist das für den HSV.

So, bevor es nun an die Öffentlichkeit geht: Ich riskiere mal zwei Tipps (ohne etwas zu wissen, Ehrenwort!). Die Nummer eins wird und bleibt Frank Rost, und Kapitän bleibt David Jarolim.

20.39 Uhr

Eine Sommergeschichte von der Insel Föhr

12. August 2010

Es geht in den Volkspark. Gleich für mich, aber sofort für Euch, denn die neueste Sommergeschichte spielt noch im alten Volksparkstadion. “Spezi” hat sie uns geschrieben, vielen Dank dafür, es ist wunderschön zu lesen, wie er (und wie Ihr) zum HSV gekommen ist (seid). Wer von Euch auf die sportliche Seite des HSV 2010 wartet, dem sei noch schnell gesagt, dass heute erst um 16 Uhr im Volkspark trainiert wird. Das liegt an den Herren Nationalspielern, die überall in dieser Welt unterwegs waren und erst in diesen Minuten so langsam wieder an der Elbe eintrudeln. Habt also noch ein wenig Geduld, aber . . .

Jetzt erst einmal der “Spezi”:

Hallo Herr Matz,

zunächst einmal ein herzliches Dankeschön für Ihr ständiges Bemühen die HSV-Fans dieses Landes durch Ihren Blog auf den Laufenden zu halten – und was Ihr dickes Fell was Kritik an Ihren Blog betrifft. Machen Sie weiter so und lassen sie sich den Spaß nicht verderben. Ich lese Ihren Blog von Anfang an, meistens auch die Kommentare, die allerdings oft seeeeeehr umfangreich und deshalb leider oft sehr ermüdend sind. Ich nenne mich seit einigen Jahren „Spezi” – erstens weil ich gerne dieses Getränk konsumiere, zweitens weil ich – bei aller Bescheidenheit – bei über 35jähriger HSV-Vergangenheit mich schon als einen dieser Gattung bezeichnen möchte.

Die Sommerpause neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, und ich möchte nicht versäumen, den Lesern dieses Blogs meine Sommergeschichte zu schreiben. In der Hoffnung, dass sie gefallen möge. Ich nenne sie schlicht und einfach „Das erste Mal”. Alle die jetzt irgendwelche Intimitäten erwarten, muss ich leider enttäuschen, aber das erste Mal im Volksparkstadion war eh viel besser als . . . Aber lassen wir das!!!

Wir schreiben das Jahr 1982. Seit etwa Mitte der 70er Jahre der Ära Krohn/Klötzer bin ich Fan des HSV. Kevin Keegan war mein Idol und der HSV war zu der Zeit zusammen mit dem FC Bayern das Maß der Dinge in der Bundesliga. Unter Ernst Happel war man endlich wieder nach zwei Vizemeisterschaften Deutscher Meister geworden, und ich war stolzer Besitzer eines originalen HSV-Trikots. Ihr werdet lachen, aber dort, wo ich wohnte, war dieses Trikot sehr schwer zu bekommen. Das ist heute natürlich viel einfacher. Ich hatte damals ein blaues Trikot mit der Nummer 7 (Keegan) bestellt. Nach einem halben Jahr Wartezeit bekam ich ein weißes Trikot ohne Nummer. Ja – so war das damals.

Es war also Spätsommer auf der Nordseeinsel Föhr – meiner Heimat -, und weil meine Eltern weder Führerschein noch Auto besaßen, verschwendete ich keine Gedanken daran, irgendwann den Weg ins Stadion zu finden. Dies schien soweit entfernt wie die Erde vom Mond. Bis zu jenem Tag im August. Da fragte mich mein Nachbar, ob ich nicht Lust hätte, mit seinen Eltern ins Stadion zu fahren. Was für eine Frage. Natürlich hatte ich.

Die folgenden Wochen verbrachte man wie in Trance. Am 30.Oktober.1982 ging es schließlich los. Es war ein grauer verregneter Tag, als wir uns am frühen Morgen mit einem altersschwachen Ford auf den Weg nach Hamburg machten. Mein Nachbar, sein Vater, ein weiterer Freund und ich. Gegner im Volksparkstadion war Borussia Mönchengladbach, und die Tabellenkonstellation verhieß ein echtes Spitzenspiel. An die Hinfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass wir unterwegs eine Panne hatten und den ADAC bemühen mussten.

Wir kletterten also die Treppen hinauf und betraten die Haupttribüne. War das ein Anblick!!! Obwohl das Stadion nur halb gefüllt war, versprühte besonders die Westkurve eine unglaubliche Atmosphäre. Kurz vor Anpfiff des Spiels fragte ich noch den Vater meines Nachbarn, wer denn nun gewinnen sollte. Seine Antwort war kurz und knapp(angesäuert von der Autopanne): „Das ist mir egal. Ich interessiere mich nicht für Fußball.”

Das Spiel war gerade mal zwei Minuten alt, als Uwe Rahn vom Gladbacher Mittelfeld auf die Reise geschickt wurde und das 0:1 markierte. Der Vater meines Nachbarn sprang auf der Tribüne wie ein Flummi auf und ab: „Tor, Tor – Hurra.” Soviel zum Thema „ich interessiere mich nicht für Fußball”. Das ganze Spiel zu schildern, das würde hier den Rahmen sprengen, aber es entwickelte sich ein Wahnsinnsspiel. Als der HSV noch vor der Pause das 3:2 markierte, nahm mich ein wildfremder Mann freudetrunken in den Arm. Erwähnenswert auch, dass eine Reihe hinter uns viele Dänen saßen, die per Bus nach Hamburg gekommen waren. Sie feierten das ganze Spiel über „ihren“ Spieler Lars Bastrup mit lang gezogenen „Heja-Bääääströöööp“-Rufen. Mein erstes Mal war ein Riesenerlebnis. Das Spiel endete 4:3 für den HSV, und es war der Auftakt einer Riesenserie von 34 Spielen ohne Niederlage. Am Montag titelte der „Kicker”: „Sieben Tore, zwei offensive Mannschaften, 90 Minuten Hochspannung bei HSV – Gladbach.” Und das war weiß Gott nicht übertrieben.

Seitdem habe ich viele HSV-Spiele live gesehen. Es waren ein paar gute dabei, viel Durchschnitt und Gott sei Dank nur wenige schlechte. Aber an das erste Spiel reichte keines mehr heran. Erst im Januar 2009, beim 1:0-Sieg gegen die Bayern, erzeugte ein Bundesligaspiel eine ähnliche Gänsehaut wie damals im Oktober 1982. Seitdem bin ich mit dem HSV-Bazillus befallen – einer Krankheit, die bis heute kein Arzt der Welt heilen konnte.

Das war meine Geschichte. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen. Schöne Grüße von der Nordseeinsel Föhr, Euer Spezi

14.09 Uhr

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