Tagesarchiv für den 11. August 2010

Das Kribbeln beginnt

11. August 2010

Was für eine Kulisse. Beim heutigen Training des HSV waren bestimmt 400 Zuschauer anwesend und hofften auf ein paar Sternstunden ihrer Lieblinge. Wobei viele der Fans schon ein wenig enttäuscht dreinblickten, während sie ihre Autogrammkarten sortieren mussten. Schließlich hatte Trainer Armin Veh nur „das dreckige Dutzend“ plus zwei Torhüter am Start. Der Rest ist entweder verletzt oder befindet sich noch auf Länderspielreisen.

Die zwölf Feldspieler hatten dann ein überschaubares Kraft-Schnelligkeitsprogramm zu absolvieren. Verschiedene Sprintstationen plus eine Tempostation, bei der ein Schlitten mit Gewicht gezogen werden musste, erheiterten manch einen Zuschauer. David Jarolim und Ruud van Nistelrooy wirkten besonders gut geeignet für ihre Rolle als „Schlittenhund“. Ein kleiner Junge hatte das Gelächter der Umstehenden auf seiner Seite, als er zu seinem Vater sagte: „Wie gut, dass Pitroipa nicht da ist – für den wäre der Schlitten ein Anker…“

Neben einigen Fachsimpeleien war am Rande des Trainingsplatzes vor allem ein Mann Thema Nummer eins: Romeo Castelen. Sein Schicksal, und in diesem Fall gebrauche ich diesen Begriff wirklich einmal, fällt erneut lange aus. Gerade war er gemeinsam mit Dennis Aogo (Ischiasnervprobleme) bei Bayern-Doc Müller-Wohlfarth und erhielt dort eine niederschmetternde Diagnose wegen seiner Knieschmerzen: Knorpelschaden. Es ist wirklich zum Heulen. Hamburg scheint für Castelen so etwas wie eine physische Pechgarantie zu sein. Knie kaputt, Knie kaputt – und jetzt hat es den Niederländer auch noch an seinem gar nicht vorgeschädigten Gelenk erwischt. Und dann gleich so schwer, dass es ihn für mehrere Wochen aus dem Verkehr ziehen wird. Castelen wird wahrscheinlich schon in der kommenden Woche im US-Staat Colorado von Dr. Richard Steadman operiert.

Für seine Karriere, das muss man leider so deutlich sagen, sehe ich nun alles andere als rosig. Nicht weil ich es ihm nicht gönnen würde, doch noch einmal den Weg zurück ins Profiteam zu finden, sondern weil es mittlerweile seine dritte schwere Verletzung ist und ein Körper und vor allem der Geist dann doch irgendwann einmal kapitulieren. Das schmerzt besonders jetzt, weil Castelen nach überstandener Vorbereitung und einigen sehr guten Ansätzen im Training und auch in Testspielen wirklich den Eindruck hinterlassen hatte, dass Trainer Armin Veh mit ihm als Quasi-Neuzugang in die Saison gehen würde. Irgendwie wirkte Castelen echt gut präpariert. Und nun das. Von meiner Stelle aus beste Genesungswünsche.

Heute wurde ich oft gefragt, ob ich noch Aktivitäten des HSV auf dem Transfermarkt erwarte. Meine Antwort kommt schnell und hat nichts mit Castelens Zwangspause zu tun: Ja. Nicht, dass Ihr mich jetzt für verrückt haltet (Eiche Nogly hat mich zurecht auf den Widerspruch hingewiesen, darum habe ich es jetzt nachträglich mit Erklärung versehen), denn meine Informationen auch aus dem HSV waren bislang andere. Aber im Fußball ändert sich manches sehr schnell. Vor allem auch die Einschätzungen von Verantwortlichen. Und Stand jetzt glaube ich, dass Trainer Veh zur Sicherheit noch mindestens einen Innenverteidiger verpflichten wird, sofern es ein entsprechendes Angebot auf dem Markt gibt. Aber gute und ausgesprochen schnelle Innenverteidiger (nach so einem Mann soll Veh nach meinen neuesten Informationen Ausschau halten) sind weltweit eine Rarität. Und dank der internen Notfall-Variante Guy Demel besteht beim HSV ja auch kein sofortiger Handlungsbedarf.

Man merkt auch beim Trainingsgelände, dass der Ernst des Bundesligalebens unmittelbar vor der Tür steht. Ich höre immer mehr Stimmen, die „endlich wieder ein Kribbeln“ spüren, die sich „so sehr auf die Derbys“ freuen und einen Vorteil in der „reinen Zweifachbelastung“ sehen. Allerdings mehren sich auch die Kommentare, die eher skeptisch sind, was eine erfolgreiche Saisonaussicht betrifft. Einige zweifeln am Rechtsverteidiger, was ich nachvollziehen kann. Demel konnte in den vergangenen Monaten kaum Eigenwerbung betreiben und beschäftigte sich in der vergangenen Saison mehr mit Abwanderungsgedanken als mit selbstkritischen Tönen. Dennis Diekmeier wirkt noch nicht so weit, als dass er sofort zu einer echten Stütze der neuen Abwehrkette werden könnte.

Das Mittelfeld genießt unter den Fans noch das größte Vertrauen. Ob David Jarolim, Zé Roberto, Gojko Kacar oder Tomas Rincon – im Defensivbereich herrscht schon jetzt die Qual der Wahl. Und in der Offensive gibt es auch ein reichhaltiges Angebot. Da diskutieren die sachkundigen Anhänger eher über das grundsätzliche Spieltempo. Heute hat ein zugegebenermaßen sehr HSV-kritischer Bekannter von mir immer wieder von der „Schneckenpost“ gesprochen. Als ich nachfragte, erklärte er mir, dass er damit die Angriffsformation mit van Nistelrooy, Mladen Petric und Paolo Guerrero meinte. Natürlich ist das komplett übertrieben, denn lahm sind diese Jungs nun wirklich nicht. Dennoch bin ich gespannt, ob Veh eine Alternativformation parat hat, wenn er merkt, dass defensiv arbeitsame und gut organisierte Teams wie Schalke seine Mannschaft komplett kontrollieren.

Ich glaube, dass Profis wie Pitroipa und Eljero Elia daher schon zu Saisonbeginn, direkt nach dem Pokalduell in Torgelow, eine extrem wichtige Rolle einnehmen werden. Sie garantieren ein Überraschungsmoment – und genau das wird gegen mindestens gleichwertige Gegner wie Schalke von Bedeutung sein.

Wer sich jetzt schon mal die Mühe macht einen Blick auf den Schalker Kader zu richten, um Eins-gegen-eins-Duelle vorzunehmen oder nach möglichen Schwachpunkten bei den Königsblauen zu suchen, kann sich dieses Vorgehen wohl sparen. Wenn ich die Zeichen aus Gelsenkirchen richtig deute, wird Felix Magath in den kommenden Tagen noch ganz gehörig an seinem Kader herumbasteln. Sobald Diego aus Turin nach Wolfsburg geht, erwarte ich Misimovic bei den Schalkern. Und im Angriff könnte es auch noch eine Champions-League-taugliche Alternative zu Edu geben, der bestenfalls eine gute Ergänzung im Team neben Raul darstellen dürfte. Vielleicht kommt es dem HSV aber auch zugute, dass es bereits am Samstag in einer Woche gegen Schalke geht – denn eingespielt wird Magaths Truppe bestimmt noch nicht sein. Dafür aber fit.

Und wenn ich da die bisherigen Trainingseinheiten betrachte, sehe ich auch den HSV auf einem guten Weg. In Sachen Aufmerksamkeit sind die meisten Spieler jedenfalls schon ganz weit vorne. Allen voran Abwehrmann Mathijsen, für mich übrigens auch prädestiniert für das Kapitänsamt, bewies das heute nach dem Training. Obwohl der Niederländer es eilig hatte und etwas schneller in die Kabine vorpreschen wollte, erfüllte er fast alle Autogrammwünsche. Einen Jungen, den Mathijsen zuerst unbeabsichtigt hinter sich gelassen hatte und dem spontan die Tränen in die Augen schossen, registrierte der Verteidiger im Augenwinkel und rief ihn dann gezielt zu sich, um ihm das gewünschte Autogramm auf das Trikot zu schreiben. Vorbildlich, toll und nachahmenswert. Bald wird die Kulisse bei den Einheiten nämlich wieder erheblich kleiner ausfallen, pünktlich mit dem Ende der norddeutschen Sommerferien.

20:35 Uhr