Tagesarchiv für den 9. August 2010

Suche nach Offensiv-Defensiv-Balance

9. August 2010

Heute ist erst einmal Aufklärungsarbeit angesagt, bevor wir ans Eingemachte gehen. Zwei Mütter mit ihren Sprösslingen (Auf Autogrammjagd) waren heute Morgen um kurz nach zehn ziemlich enttäuscht, weil sich auf dem Trainingsplatz neben der Imtech-Arena wenig bis gar nichts abspielte. Wobei, so ganz richtig ist das ja nicht: Dennis Aogo arbeitete fleißig und mit Ball gemeinsam mit Rehacoach Markus Günther, Piotr Trochowski mischte nach einer Moutainbiketour durch den Volkspark auch noch 30 Minuten mit. Und Tunay Torun drehte als Rekonvaleszent nach seinem Kreuzbandriss Runde um Runde. Auf die Nachfrage bei einem etwas älteren Trainingskiebitz erhielt eine der Mütter endlich eine Antwort auf ihre Frage, wo denn der HSV sei. „Auslaufen“, sagte der Mann. Ich habe mich köstlich amüsiert, als die Frau das der anderen Mutter mitteilte und kurz darauf die anderen Hamburger Spieler mit Moutainbikes ebenfalls in den Volkspark davon radeln sah – „Ausfahren“, hörte ich sie noch murmeln. So ändern sich die Zeiten.

Und noch etwas. Während der Trainingseinheiten beim HSV hört man hin und wieder ein lautes Quietschen von Autoreifen, die eine erhebliche Bremsung hinlegen. Ich habe schon mehrfach Leute beobachtet, die ihre Augen zusammenkneifen und nur auf den anschließenden Knall eines vermeintlichen Unfalls warten. Ich kann da Entwarnung geben. Die Straße hinter dem zweiten Trainingsplatz, an deren Ende es hoch zum „Bauernhaus“ und zur Minigolfbahn geht, wird mit Vorliebe von Fahrschulen genutzt, einmal zur Berganfahrt mit angezogener Handbremse, aber auch zur Bremsübung. Von 30-40 km/h auf null. Also, keine Sorge – Unfälle sind bei diesen Übungen selten vorgekommen.

Doch nun zum eigentlichen Thema, dem HSV, bei dem es am Sonntag eine gegenteilige Entwicklung geben soll. Von 0 auf 100 in Nullkommanix. Nach der doch eher kläglichen Generalprobe gegen Energie Cottbus gestern sind ja einige Steigerungen vonnöten, um in der ersten DFB-Pokalrunde beim Torgelower SV Greif souverän die erste Hürde zu meistern. Der Oberligaklub hat seinen Saisonauftakt bei BFC Dynamo Berlin übrigens unter den Augen der HSV-Scouts mit 2:1 gewonnen.

Trainer Armin Veh muss sich meines Erachtens keine Sorge machen, sofern seine Mannschaft keine Überheblichkeit walten lässt. „Ich bin im Pokal noch nie gegen einen wirklich Kleinen ausgeschieden“, sagt Ruud van Nistelrooy. Allerdings erwischte es ihn mit Real Madrid vor ein paar Jahren mal gegen einen Drittligisten, und auf solche Momente kann der Angreifer gut und gerne verzichten. Es ist alles eine Frage der Konzentration, des Willens und der Umsetzung von fußballerischen Fertigkeiten. Dass der HSV seinem Gegner da in jeglicher Hinsicht überlegen ist, sein sollte, dürfte wohl jedem klar sein.

Ein Knackpunkt für die gesamte Saison kann oder könnte ja die Defensive sein. „Es ist toll in einer so offensiven Mannschaft zu spielen“, sagt van Nistelrooy, der sich fit und körperlich stabil fühlt, um eine gesamte Saison problemfrei im Wochenrhythmus zu absolvieren. Auch Trainer Armin Veh schwärmt seit Amtsantritt ja von seinem offensiven Handlungsspielraum.

Das neue 4-2-3-1-System hört sich zwar zunächst etwas defensiver an, wenn man aber die Rolleninterpretation der „Sechser“ (Jarolim, Zé Roberto oder auch Kacar) betrachtet, dann steckt auch in diesem Mannschaftsteil weit mehr Offensivgeist als in den meisten anderen Bundesligateams. Der neue Innenverteidiger Heiko Westermann, den van Nistelrooy gemeinsam mit Joris Mathijsen übrigens als „Stabilitätsgarantie“ betrachtet, schätzt die Lage meines Erachtens recht gut ein. „Wir müssen alle defensiver denken“, sagt der Ex-Schalker, „gerade weil wir so extrem viel Potenzial nach vorne haben.“

In diesem Zusammenhang fällt mir Thomas Doll ein. Erinnert Ihr Euch noch? Unter seiner Leitung hat der HSV lange Zeit wirklich erfrischenden, begeisternden Offensivfußball gespielt. Das lag zum einen natürlich an dem offensiven Potenzial, das seine Mannschaft hergab. Das lag aber auch an einem Grundsatz, den er seinen Jungs hervorragend vermitteln konnte. Bei einem Ballverlust bis zehn Meter in der gegnerischen Hälfte verlangte Doll von seinen Profis zunächst einmal mit elf Mann hinter den Ball zu kommen.

Das klingt simpel. Ist es auch. Elf Mann hinter dem Ball bringen die Chance zur Neuordnung mit sich. Das bedeutet defensive Kompaktheit, automatische Stabilität, fast keinerlei Kontergefahren und zugleich im Falle eines Ballgewinnes jede Menge Anspielstationen in der unmittelbaren Nähe. „Wenn die Bereitschaft aller Spieler ein Tor zu verhindern ähnlich groß ist wie eines zu erzielen, dann stimmt der Mix“, sagte Doll seinerzeit. Und solange diese Balance in der Mannschaft erhalten war, hatte sie auch weitgehend Erfolg.

Veh und seine Mitstreiter wollen ein ähnliches Verhältnis herstellen, werden dafür aber mit Sicherheit noch ein paar Wochen brauchen. Immerhin gibt es ja einige gute Zeichen, dass mit Aogo und Trochowski spätestens nächste Woche zwei potenzielle Stammspieler wieder voll ins Training einsteigen werden. Für das Heimspiel gegen Schalke zum Ligaauftakt wird Veh dann hoffentlich eine wirkliche Qual der Wahl auf fast allen Positionen haben.

Da heute ja noch einmal Gerüchte um ein Interesse von Juventus Turin an Eljero Elia aufgekommen sind, möchte ich mich auch noch einmal zur Dreier-Offensivreihe hinter Sturmspitze van Nistelrooy äußern. Mladen Petric, Paolo Guerrero, Jonathan Pitroipa, Elia, Trochowski und Jansen sind derzeit wohl die sechs Spieler, die für diese Reihe in Frage kommen. Da Trochowski noch nicht voll im Training steckt, Jansen links hinten aushelfen muss, bleiben vier Kandidaten für drei Posten übrig. In Torgelow kann Veh bei der Besetzung noch kein Risiko eingehen, aber in der Bundesliga muss er sich schnellstens klar werden, welches stürmische Quartett am besten zusammenpasst. Für das Spieltempo wäre eine Formation mit Pitroipa und Elia sowie Petric oder van Nistelrooy förderlich, im Falle einer extremen Dominanz des Gegners sind ball- und passsichere Typen wie Petric und van Nistelrooy gefragt.

An der Person Guerrero scheiden sich zudem die Geister. Bei ihm liegen geniale Momente und Partien mit der Bezeichnung „Totalausfall“ derzeit sehr nahe zusammen. Der Peruaner braucht nach seiner langen Zwangspause nach dem Kreuzbandriss mal einen positiven Schub. Eins, zwei Tore in einem wichtigen Spiel (vielleicht ja schon im Pokal) könnten ihn beflügeln. Er lebt von seinem Selbstvertrauen, von der Unterstützung seiner Nebenleute und der teaminternen Harmonie auf dem Rasen.

So, ehe ich es vergesse: Ein Drittel des Kaders ist aktuell auf Länderspielreisen. Von den Nominierten radelte überraschenderweise nur David Rozehnal mit seinen Hamburger Teamkollegen neben dem Stadion umher. Seine Chancen auf eine Berücksichtigung unter der Regie Vehs dürfte das allerdings kaum steigern. Nach meinen Informationen schaut sich der HSV noch immer nach einem Innenverteidiger um, damit das Team für Fall der Fälle gewappnet ist. Veh sieht in dem Tschechen keine Alternative mehr.

17:05 Uhr