Tagesarchiv für den 8. August 2010

“So geht Fußball nicht”

8. August 2010

Natürlich, es war nur ein Test. Und ein solcher Test kann auch mal daneben gehen. Es war diesmal sogar die Generalprobe, und wenn die bekanntlich daneben geht, dann gelingt die Premiere besonders schön. „Thomas Toll“ weiß ja auch genau, wie: „9:0 gegen Torgelower SV Greif“. Mindestens. Denn gegen Cottbus war ja nur ein Test. Ein solches 2:4 darf man nicht überbewerten, und ich bewerte es auch nicht über. Zumal ja feststeht: In der ersten Halbzeit schoss der HSV zwar nur ein Tor, vergab aber auch mindestens vier „Hundertprozentige“. Das sollte alle beruhigen, denn in der Bundesliga werden diese Dinger dann alle rein gemacht. Ganz sicher. Die in Flensburg wurden nur lässig vergeben, weil es nur ein Test war – und dann auch noch gegen einen Zweitliga-Klub wie Cottbus. Ist schon klar.

Ich will damit gar nicht auf den HSV eindreschen, wirklich nicht. Festzuhalten bleibt nur ganz nüchtern: 2:4 gegen Energie Cottbus. Noch einmal: 2:4 gegen Energie Cottbus. Und das nicht in Cottbus, sondern auf neutralem Boden. Das ist Fakt. Und darüber darf jeder denken, wie er will. Vielleicht denkt er aber lieber erst dann, wenn er hier gelesen hat, wie Trainer Armin Veh über diese 2:4-Pleite denkt – und redet.

Aber bevor es mit Veh losgeht, möchte ich noch einmal deutlich sagen: Wer glaubt, dass vier Gegentore gegen Cottbus normal sind, nur weil es sich um ein Testspiel handelt. der liegt in meinen Vorstellungen ein wenig daneben. Es war die Generalprobe. Und: Es hätten auch sechs oder auch sieben Energie-Tore sein können – statt vier. Natürlich hätte der HSV insgesamt auch acht machen können, vielleicht sogar müssen, aber er hat sie nicht gemacht. Mit Absicht? Sicher nicht. Solche Spiele gibt es eben. Du bist überlegen, vergibst die dicksten Dinger – und der Gegner gewinnt.

Aber wer sich daran nicht stört, dem sei zur Unterstützung auch noch gesagt: Man sollte sich mal die Test-Ergebnisse der Bundesliga-Konkurrenz ansehen. Bei einigen Vereinen ist eine Woche (oder erst zwei?) vorher echt Feuer unter dem Dach. Wenn ich so nach Ost-Delmenhorst blicke . . .

Aber ich lenke vom Thema ab. Der HSV hat jetzt sein zweites Vorbereitungsspiel verloren (nach dem 1:2 gegen Schalke 04). Das kann passieren. Aber, wenn hier denn schon einige Sätze von Energie-Trainer Claus-Dieter „Pele“ Wollitz geschrieben wurden – der Coach sagte auch: „Unsere Vorbereitung ist alles andere als gut gelaufen, denn wir hatten die meiste Zeit nur 14 Spieler zur Verfügung, der Rest kam aus der U-23.“

Wollitz hat aber noch einen viel besseren Satz gesagt. Neben dem Lob, dass der HSV „eine Bomben-Mannschaft“ hätte, die Cottbus „um zwei Klassen überlegen“ war. Der „Pele“ befand nämlich auch: „Der HSV hat ein riesiges Potenzial, die Mannschaft hat richtig Qualität – sie müssen es eben nur zusammen auch mal rüber bringen.“

Nichts leichter als das! Nichts leichter als das? „Auch mal rüber bringen“. Das ist es doch. Zusammen. Oder gemeinsam. Im Team. Daran muss dringend gearbeitet werden. Da greift noch lange nicht jedes Rädchen ins nächste. Da laufen noch keine Automatismen wie im Schlaf. Und: Als mit Beginn der zweiten Halbzeit in Flensburg zuerst drei (später mehr) Wechsel vorgenommen worden waren, als es dann 1:2 und 1:3 hieß, da klappte nicht mehr viel. Im Gegenteil. Da spielte jeder seinen eigenen Stiefel, da wurde es nicht mehr als Team versucht. Ich hatte den Eindruck, dass Hektik und Panik das Ruder übernommen hatten, und keiner mehr Herr der Lage wurde – oder auch Herr der Lage sein wollte. Und das, so leid es mir tut, ist für eine Erstliga-Mannschaft, in der jeder Spieler, egal ob Nummer 18, 20 oder 24, Ansprüche auf einen Stammplatz erhebt, einfach zu dürftig. Eine Woche vor dem Ernstfall (oder zwei?) hätte ich, ganz persönlich ich, doch schon viel mehr erwartet. Und deswegen sage ich auch ganz deutlich: Ich war (und bin es noch immer) sehr enttäuscht. Da kann es in der ersten Halbzeit noch so viele Torchancen gegeben haben. Zählen die Chancen? Cottbus hat auch längst nicht alle Chancen genutzt . . .

So, Ende der Vorstellung. Nun werde ich das schreiben, was Armin Veh nach dieser 2:4-Niederlage befand. Damit Ihr besser informiert seid, was und wie es in Flensburg gelaufen ist.

Der HSV-Trainer sagte: „So ist Fußball, so wie wir ihn heute gesehen haben. Wir hätten in der ersten Halbzeit das eine oder andere Tor mehr machen müssen, hätten zur Pause höher führen müssen. Der Gegner hat zwar sehr diszipliniert gespielt, aber wir haben die letzte Konsequenz vermissen lassen. Nach unserer Führung haben wir gedacht, wir spielen das jetzt ganz locker herunter, wir machen unsere Tore sowieso wie wir wollen – aber das geht im Fußball nicht. Egal ob du gegen einen Zweitliga-Klub spielst, oder gegen einen unterklassigen Klub. Du musst immer Disziplin haben in der Truppe, du musst nach hinten gut stehen, du darfst nicht nur nach vorne denken – und von daher war das ein guter Test für uns heute. Und: So blöd das auch klingt, es war vielleicht gar nicht mal schlecht, dass wir mal verloren haben. Jetzt wissen wir eben, dass es immer darauf ankommt, stets Disziplin zu haben. Und dementsprechend auch das Herz zu haben, nach hinten zu arbeiten, und sich nicht darauf verlassen, dass man im Prinzip – was die Qualität betrifft – natürlich wesentlich besser ist als der Gegner, sondern Fußball ist Mannschaftssport und immer mit Disziplin verbunden. Man muss als Profi immer Einstellung zeigen. Die, die immer Einstellung zeigen, die werden am Schluss oben sein. Die anderen, die keine Einstellung zeigen, die verlieren auch gegen Mannschaften, die weniger Qualität haben.“

Armin Veh sagt dann später auch weiter: „Zur Halbzeit hätten wir mit mindestens fünf Tore Unterschied führen müssen, und wenn man das nicht macht, dann ist das bei Testspielen immer gefährlich, weil sich der Gegner dann motiviert. Es war klar, dass wir gegen einen Zweitligisten spielen, deswegen ist es uns auch so leicht gefallen in der ersten Halbzeit. Gerade wenn es der letzte Test ist, sollte das der Höhepunkt sein, aber die meisten Spieler sind in dieser Woche wieder mit der Nationalmannschaft unterwegs, daran denken sie dann schon, dann wird ein solcher Test eben nicht der Höhepunkt.“

Veh auch: „Von daher war es ein guter Test für uns, denn nun wissen wir, dass wenn wir ein paar Prozent runterschalten, es eben nicht mehr langt. Wenn man meint, es geht von alleine, so muss man ganz klar festhalten: von allein geht nichts. Deswegen ist es besser, als wenn wir hier 4:0 gewonnen hätten, so lernen wir daraus, dass man Schwierigkeiten bekommt, wenn man nicht alles für einen Sieg tut. Wir haben ja keine Ordnung mehr gehabt. Da wollte jeder nur nach vorne, wir hatten keine Ordnung mehr.“

Am Freitag wird der Kapitän benannt. Dann wird (wohl) auch die Entscheidung in der Torhüter-Frage fallen: Frank Rost oder Jaroslav Drobny? In Flensburg hatte Drobny, das muss zur Ehrenrettung des Tschechen gesagt werden, keine Chance, auch nur ein Tor zu verhindern.

Und noch schnell zum (Interims-)Kapitän: Heiko Westermann hat Probleme mit dem rechten Wadenbeinköpfchen, es soll aber nichts Schlimmes sein. Veh: „Sonst hätte ich ihn nicht eingesetzt.“

23.29 Uhr

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