Tagesarchiv für den 8. August 2010

“So geht Fußball nicht”

8. August 2010

Natürlich, es war nur ein Test. Und ein solcher Test kann auch mal daneben gehen. Es war diesmal sogar die Generalprobe, und wenn die bekanntlich daneben geht, dann gelingt die Premiere besonders schön. „Thomas Toll“ weiß ja auch genau, wie: „9:0 gegen Torgelower SV Greif“. Mindestens. Denn gegen Cottbus war ja nur ein Test. Ein solches 2:4 darf man nicht überbewerten, und ich bewerte es auch nicht über. Zumal ja feststeht: In der ersten Halbzeit schoss der HSV zwar nur ein Tor, vergab aber auch mindestens vier „Hundertprozentige“. Das sollte alle beruhigen, denn in der Bundesliga werden diese Dinger dann alle rein gemacht. Ganz sicher. Die in Flensburg wurden nur lässig vergeben, weil es nur ein Test war – und dann auch noch gegen einen Zweitliga-Klub wie Cottbus. Ist schon klar.

Ich will damit gar nicht auf den HSV eindreschen, wirklich nicht. Festzuhalten bleibt nur ganz nüchtern: 2:4 gegen Energie Cottbus. Noch einmal: 2:4 gegen Energie Cottbus. Und das nicht in Cottbus, sondern auf neutralem Boden. Das ist Fakt. Und darüber darf jeder denken, wie er will. Vielleicht denkt er aber lieber erst dann, wenn er hier gelesen hat, wie Trainer Armin Veh über diese 2:4-Pleite denkt – und redet.

Aber bevor es mit Veh losgeht, möchte ich noch einmal deutlich sagen: Wer glaubt, dass vier Gegentore gegen Cottbus normal sind, nur weil es sich um ein Testspiel handelt. der liegt in meinen Vorstellungen ein wenig daneben. Es war die Generalprobe. Und: Es hätten auch sechs oder auch sieben Energie-Tore sein können – statt vier. Natürlich hätte der HSV insgesamt auch acht machen können, vielleicht sogar müssen, aber er hat sie nicht gemacht. Mit Absicht? Sicher nicht. Solche Spiele gibt es eben. Du bist überlegen, vergibst die dicksten Dinger – und der Gegner gewinnt.

Aber wer sich daran nicht stört, dem sei zur Unterstützung auch noch gesagt: Man sollte sich mal die Test-Ergebnisse der Bundesliga-Konkurrenz ansehen. Bei einigen Vereinen ist eine Woche (oder erst zwei?) vorher echt Feuer unter dem Dach. Wenn ich so nach Ost-Delmenhorst blicke . . .

Aber ich lenke vom Thema ab. Der HSV hat jetzt sein zweites Vorbereitungsspiel verloren (nach dem 1:2 gegen Schalke 04). Das kann passieren. Aber, wenn hier denn schon einige Sätze von Energie-Trainer Claus-Dieter „Pele“ Wollitz geschrieben wurden – der Coach sagte auch: „Unsere Vorbereitung ist alles andere als gut gelaufen, denn wir hatten die meiste Zeit nur 14 Spieler zur Verfügung, der Rest kam aus der U-23.“

Wollitz hat aber noch einen viel besseren Satz gesagt. Neben dem Lob, dass der HSV „eine Bomben-Mannschaft“ hätte, die Cottbus „um zwei Klassen überlegen“ war. Der „Pele“ befand nämlich auch: „Der HSV hat ein riesiges Potenzial, die Mannschaft hat richtig Qualität – sie müssen es eben nur zusammen auch mal rüber bringen.“

Nichts leichter als das! Nichts leichter als das? „Auch mal rüber bringen“. Das ist es doch. Zusammen. Oder gemeinsam. Im Team. Daran muss dringend gearbeitet werden. Da greift noch lange nicht jedes Rädchen ins nächste. Da laufen noch keine Automatismen wie im Schlaf. Und: Als mit Beginn der zweiten Halbzeit in Flensburg zuerst drei (später mehr) Wechsel vorgenommen worden waren, als es dann 1:2 und 1:3 hieß, da klappte nicht mehr viel. Im Gegenteil. Da spielte jeder seinen eigenen Stiefel, da wurde es nicht mehr als Team versucht. Ich hatte den Eindruck, dass Hektik und Panik das Ruder übernommen hatten, und keiner mehr Herr der Lage wurde – oder auch Herr der Lage sein wollte. Und das, so leid es mir tut, ist für eine Erstliga-Mannschaft, in der jeder Spieler, egal ob Nummer 18, 20 oder 24, Ansprüche auf einen Stammplatz erhebt, einfach zu dürftig. Eine Woche vor dem Ernstfall (oder zwei?) hätte ich, ganz persönlich ich, doch schon viel mehr erwartet. Und deswegen sage ich auch ganz deutlich: Ich war (und bin es noch immer) sehr enttäuscht. Da kann es in der ersten Halbzeit noch so viele Torchancen gegeben haben. Zählen die Chancen? Cottbus hat auch längst nicht alle Chancen genutzt . . .

So, Ende der Vorstellung. Nun werde ich das schreiben, was Armin Veh nach dieser 2:4-Niederlage befand. Damit Ihr besser informiert seid, was und wie es in Flensburg gelaufen ist.

Der HSV-Trainer sagte: „So ist Fußball, so wie wir ihn heute gesehen haben. Wir hätten in der ersten Halbzeit das eine oder andere Tor mehr machen müssen, hätten zur Pause höher führen müssen. Der Gegner hat zwar sehr diszipliniert gespielt, aber wir haben die letzte Konsequenz vermissen lassen. Nach unserer Führung haben wir gedacht, wir spielen das jetzt ganz locker herunter, wir machen unsere Tore sowieso wie wir wollen – aber das geht im Fußball nicht. Egal ob du gegen einen Zweitliga-Klub spielst, oder gegen einen unterklassigen Klub. Du musst immer Disziplin haben in der Truppe, du musst nach hinten gut stehen, du darfst nicht nur nach vorne denken – und von daher war das ein guter Test für uns heute. Und: So blöd das auch klingt, es war vielleicht gar nicht mal schlecht, dass wir mal verloren haben. Jetzt wissen wir eben, dass es immer darauf ankommt, stets Disziplin zu haben. Und dementsprechend auch das Herz zu haben, nach hinten zu arbeiten, und sich nicht darauf verlassen, dass man im Prinzip – was die Qualität betrifft – natürlich wesentlich besser ist als der Gegner, sondern Fußball ist Mannschaftssport und immer mit Disziplin verbunden. Man muss als Profi immer Einstellung zeigen. Die, die immer Einstellung zeigen, die werden am Schluss oben sein. Die anderen, die keine Einstellung zeigen, die verlieren auch gegen Mannschaften, die weniger Qualität haben.“

Armin Veh sagt dann später auch weiter: „Zur Halbzeit hätten wir mit mindestens fünf Tore Unterschied führen müssen, und wenn man das nicht macht, dann ist das bei Testspielen immer gefährlich, weil sich der Gegner dann motiviert. Es war klar, dass wir gegen einen Zweitligisten spielen, deswegen ist es uns auch so leicht gefallen in der ersten Halbzeit. Gerade wenn es der letzte Test ist, sollte das der Höhepunkt sein, aber die meisten Spieler sind in dieser Woche wieder mit der Nationalmannschaft unterwegs, daran denken sie dann schon, dann wird ein solcher Test eben nicht der Höhepunkt.“

Veh auch: „Von daher war es ein guter Test für uns, denn nun wissen wir, dass wenn wir ein paar Prozent runterschalten, es eben nicht mehr langt. Wenn man meint, es geht von alleine, so muss man ganz klar festhalten: von allein geht nichts. Deswegen ist es besser, als wenn wir hier 4:0 gewonnen hätten, so lernen wir daraus, dass man Schwierigkeiten bekommt, wenn man nicht alles für einen Sieg tut. Wir haben ja keine Ordnung mehr gehabt. Da wollte jeder nur nach vorne, wir hatten keine Ordnung mehr.“

Am Freitag wird der Kapitän benannt. Dann wird (wohl) auch die Entscheidung in der Torhüter-Frage fallen: Frank Rost oder Jaroslav Drobny? In Flensburg hatte Drobny, das muss zur Ehrenrettung des Tschechen gesagt werden, keine Chance, auch nur ein Tor zu verhindern.

Und noch schnell zum (Interims-)Kapitän: Heiko Westermann hat Probleme mit dem rechten Wadenbeinköpfchen, es soll aber nichts Schlimmes sein. Veh: „Sonst hätte ich ihn nicht eingesetzt.“

23.29 Uhr

2:4-Pleite gegen Cottbus!

8. August 2010

Das war erschütternd, HSV! Vor 3500 Zuschauern in Flensburg gab es in der Generalprobe vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison, am Sonnabend das DFB-Pokalspiel beim Torgelower SV Greif, ein mehr als enttäuschendes 2:4 gegen Zweitliga-Vertreter Energie Cottbus. HSV-Trainer Armin Veh will ja zum Saisonauftakt eine „Punktlandung“ mit seinem Team hinlegen, im Moment sieht es aber eher nach einer „Bruchlandung“ aus. Kümmerlich, HSV! „Da hätten wir doch zu hause bleiben und uns die Zweite gegen Kiel ansehen können“, sagte ein frustrierter HSV-Fan mit dem Schlusspfiff. Was ich dem HSV nun rate? Üben, üben, üben, üben, üben. Und nochmals üben.

Der Rasen musste nicht zusätzlich gewässert werden, vor dem Anpfiff hatte es reichlich von oben gegeben, während der zweiten Halbzeit schüttete es auch einige Mal recht kräftig. Und irgendwie passte es zu diesem Kick. Um den es ja um den Cup der Sparda Bank ging. Den Pokal darf Cottbus nun in seine Vitrine stellen – der HSV wird sich wahrscheinlich auch eher um die ganz großen Pokale bemühen. Oder?

Zum Wesentlichen: Heiko Westermann war zum dritten Mal HSV-Kapitän. Ein Fingerzeig? Unmittelbar vor dem Anpfiff musste der ehemalige Schalker noch von Physiotherapeut Stefan Kliche am rechten Oberschenkel behandelt werden, aber dann ging es. Und vieles spricht dafür, dass der Neu-Hamburger auch gleich der Spielführer des HSV wird. Trainer Armin Veh würde damit ein Zeichen zum Aufbruch setzen, und irgendwie würde es auch in eine Serie passen, die ich im Kopf habe: Als Martin Jol Trainer des HSV wurde, forcierte er Piotr Trochowski, obwohl der wegen der voran gegangenen Europameisterschaft (Österreich/Schweiz) noch Urlaub hatte. Schon im Trainingslager in Längenfeld baute Jol auf Trochowski, indem er sagte: „Er ist deutscher Nationalspieler, er ist mein Mann.“ Und: Jol ließ im gleichen Maße, wie er auf “Troche“ setzte, Jerome Boateng fallen. Warum? Da habe ich meine eigene Theorie. Jol-Vorgänger hatte voll auf Boateng gesetzt, dafür aber Trochowski eigentlich mehr oder weniger auf der Bank gehabt. Und da Jol nicht gerade ein Freund von Stevens war und ist (um es einmal ganz liebevoll zu umschreiben), tat Jol genau das Gegenteil von dem, was Stevens getan hatte.

Was das mit Kapitän Westermann zu tun hat? Um 27 Ecken gedacht: Felix Magath, Vorgänger von Veh beim VfL Wolfsburg, hatte bei Westermanns Abschied in Gelsenkirchen gesagt: „Die Kapitänsbinde hat ihm auf Schalke eher geschadet als gut getan.“ Und wer nun eins und eins zusammen zählen kann . . .

So, zum Fußball. Veh hatte in Flensburg die zurzeit vermeintlich beste Besetzung aufgeboten – wobei die Torwartfrage außen vor bleibt. Zwischen den Pfosten stand Jaroslav Drobny, die Viererkette spielte von rechts mit Guy Demel, Heiko Westermann, Joris Mathijsen und Marcell Jansen. Drobny war am 1:1-Gegentor schuldlos, konnte sich ansonsten nicht auszeichnen. Demel entpuppte sich als Achillesferse, denn wenn Cottbus gefährlich nach vorne kam, dann über seine Seite. Drei Flanken ließ er zu, und auch der Ausgleich wurde über Demels Bereich vorbereitet. In der Innenverteidigung konnte der gute „Giiiiiie“ zuletzt gefallen, rechts bleibt er ein Risiko. Und damit ist es die Seite, die Armin Veh am meisten Kopfzerbrechen bereiten dürfte, denn wer spielt rechts – wenn nicht Demel? Dennis Diekmeier ist noch nicht so weit. Tomas Rincon, der leicht angeschlagen fehlte? In meinen Augen noch die beste Lösung, wenngleich ich auch weiß, dass es nur eine Notlösung wäre.

Westermann erledigte seinen Job routiniert, ohne zu glänzen. In seinem Abspiel lag er einige Male daneben, aber das möchte ich ihm nicht groß ankreiden, denn er schlägt die Bälle nicht weit (und blind) nach vorne, in der Hoffnung der Ball käme bei einem Teamkollegen an, sondern er spielt sie dem gedeckten Mann auch schon mal in den Fuß. Da geht es um Zentimeter, und die fehlten eben einige Male.

Joris Mathijsen mischte schon wieder mit, seine Vorstellung war okay, er leistete sich keine groben Fehler. Natürlich kann er noch nicht so weit sein, wie die meisten Spieler seiner Mannschaft, aber jede Minute hilft ihm, so schnell wie möglich wieder auf 100 Prozent zu kommen. Ich habe zu dieser Innenverteidigung Westermann/Mathijsen absolutes Vertrauen.

Was in Sachen Fitness für Mathijsen gilt, das trifft auch auf Jansen zu. Er ist in meinen Augen vielleicht bei 60 Prozent, aber immerhin hatte er seine Abwehrseite besser im Griff, als rechts der Kollege Demel. Zu seinen gewohnten Vorstößen über links fehlte Jansen naturgemäß noch die Kraft. Eine kleine Sorge habe ich bei ihm noch, denn er trägt an seinem linken Knie eine (blaue) Bandage. Schon im Training.

In der „Zweierkette“ vor der Abwehr spielte das „alte Duo“ mit David Jarolim und Ze Roberto. „Jaro“ war erneut eine Stütze, dem „großen Ze“ schien ein wenig die Lust abhanden gekommen zu sein. Weil Cottbus sich mit Mann und Maus in die eigene Hälfte zurückgezogen hatte, um dann zu kontern? Auf jeden Fall kann es Ze besser, und er hat auch schon mal mehr Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft genommen.

Vor Jaro/Ze waren Mladen Petric, Paolo Guererro und Jonathan Pitroipa nominiert. Petric hatte zwei große Chancen (7. und 16.), rückte ansonsten recht auf recht früh zur Mitte ein. Und er ging, weil es zu seinem Spiel gehört, weite Wege in die Defensive zurück – wenn auch nicht permanent, denn Cottbus stand ja meistens nur hinten drin.

Guerrero köpfte zwar das 1:0 (19., Flanke Ruud van Nistelrooy), aber ansonsten gelang dem Peruaner nach vorne nicht so richtig viel. Apropos viel: Viel zu oft spielte Paolo, der meistens nur in einem Tempo über den Rasen lief, den Ball wieder zurück, wenn er mühsam bis in die Energie-Hälfte getragen worden war. Das war nicht viel.

Pitroipa zeigte ein, zwei gute Ansätze, blieb aber sonst weit hinter seinem Können zurück. Er verdribbelte sich viel zu oft, machte das Spiel ansonsten auch oft viel zu kompliziert – und zudem vergab er zwei sehr gute Chancen, bevor der doch (endlich) einmal ein Tor machte – das 2:3 (74.). Trotz dieses Treffers: Das war nichts, schon gar keine Empfehlung, am Sonnabend in Torgelow den Vorzug gegenüber Eljero Elia erhalten zu müssen.

Kommen wir zur Spitze. Ruud van Nistelrooy wirkte beweglicher, bemühter und engagierter als noch zuletzt. Er hielt oft klug den Ball (auch gegen Überzahl), und er suchte das Zusammenspiel mit den nachrückenden Spielern. Insbesondere mit Petric! So in der 22. Minute, als es gleich einen doppelten Doppelpass zwischen beiden „Stars“ gab. In letzter Sekunde wurde van Nistelrooy noch abgeblockt. Nur Sekunden später schickte Petric den Niederländer, doch der scheiterte bei dem Versuch, Energie-Keeper Kirschbaum zu umkurven. Wobei van Nistelrooy gerne einen Elfmeter gehabt hätte, doch Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus entschied sich auf Abstoß. Ganz nebenbei: „Van the man“ vergab in der 40. Minuten eine so genannte „Hundertprozentige“. Frei vor dem FCE-Tor in die Wolken – mit sehr viel Zeit (40.).

1:1 zur Pause, das sah nicht gerade gut aus, aber es war noch fast okay. Mit dem Wiederanpfiff aber ging es drunter und drüber im HSV-Spiel. Cottbus kam zu mehreren guten Möglichkeiten, und dann lag der Ball auch im HSV-Tor. Vorarbeit Petersen, Eigentor Ze Roberto, der Drobny mit einem Heber „überlistete“ (54.). Und dabei blieb es nicht: Weil Petersen einmal nicht der „richtige“ Torschütze war, legte er dem HSV in der 62. Minute das 1:3 ins Nest. Die Blamage nahm Formen an. Und Eigenwerbung ist etwas anderes, die (HSV-)Fans aus der Flensburger Förde jedenfalls waren total bedient. Eine „Klatsche“ zur rechten Zeit?

Erschreckend war jedenfalls, wie der HSV nach dem 1:2 und 1:3 die „Fügel“ hängen ließ. Veh hatte zur zweiten Halbzeit gewechselt: Westermann, Jansen und Guerrero raus, Diekmeier, Gojko Kacar und Elia rein. Der Serbe nahm die Rolle von Ze Roberto ein, der Brasilianer verteidigte dann für Jansen. Und Demel spielte für Westermann innen, Diekmeier – logisch – rechts. Elia kam über links, „Piet“ dann über rechts.

Und, um die Wechsel-Arie abzuschließen: In der 61. hatte Armin Veh noch drei Recken vom Platz genommen: Mathijsen, Jarolim und Petric. Für sie kamen Collin Benjamin, Robert Tesche und Eric-Maxim Choupo-Moting. Den Schlusspunkt setzte in der 87. Minute Brzenska, der nach einer Ecke von links einnetzten durfte – 4:2 für Cottbus. Ich sage deutlich: Zweifel sind ausdrücklich erlaubt!

18.58 Uhr

Büxes Sommergeschichten

8. August 2010

Gleich geht es los. Auf nach Flensburg. Das muss man sich mal auf der Zunge hinterlegen lassen: HSV gegen Energie Cottbus in Flensburg! Das allein klingt schon sensationell. Und dann geht es bestimmt noch um einen kleinen Cup. Vielleicht, wenn es 0:0 am Ende steht, noch mit einem Elfmeterschießen. Und mit der Wahl “man of the match”. Okay, okay, ich weiß ja, es sollte eigentlich Espanyol Barcelona sein, aber die Spanier haben ja abgesagt. Was ich mich dennoch frage: Warum in Flensburg? Gegen den FC Energie Cottbus? Warum spielt der HSV in Flensburg nicht mal gegen Flensburg, und dann in Pinneberg oder Rellingen oder Lüneburg oder Bergedorf gegen Cottbus? Aber es ist ja wie es ist, also geht es nun nach Flens.

Vorher aber noch eine, nein, ich lüge, noch zwei Sommergeschichten. Von Büxe. Ich danke Dir, lieber Büxe, für Deine Mühe, und ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen, einen schönen Rest-Sonntag noch – und dann bis nachher. Übrigens: Das möchte ich noch einmal sagen, weil wir am Freitag auch in kleiner Runde beim Training darüber sprachen: “Matz-abber” sind alle per Du. Deswegen das Du, lieber Büxe. Gilt aber für alle. Das sage ich nur für diejenigen, die neu bei uns sind. Aber das Du ist keine Pflicht, wer es lieber anders mag – bitte. Es soll keiner zum Du gezwungen werden. So, los geht es:

Matz ab – meine HSV-Geschichten

Hallo Herr Matz,

mit Interesse lese ich immer wieder die Matz-ab Blogs. In meinem Gedächtnis habe ich jetzt mal gekramt und überlegt, ob ich nicht auch einen Beitrag liefern kann. In dem im Dezember letzten Jahres erschienenen Buch „Mein HSV-MOMENT“ habe ich unter der Nr. 55 (S. 65) über meine Begegnung aus dem Jahre 1965 mit Juhani Peltonen und dem 2:2 des HSV in Dortmund berichtet.

Da ich seit dieser Zeit fotografiere und ich immer meine Kamera mit ins Stadion zu den diversen HSV-Spielen mitgenommen habe, konnte ich so manche lustige Geschichte erleben. Als HSV-Fan aus dem Sauerland ist es für mich nach Dortmund am nächsten, so dass ich mir im Laufe der Bundesliga-Zeit dort manche Partie ansehen konnte, erst in der ehrwürdigen Kampfbahn Rote Erde, danach im Westfalen-Stadion bzw. im Signal-Iduna-Park.

Es war am 22. Mai 1967, als der HSV mal wieder in Dortmund mit den Borussen die Klingen kreuzte. Aufgrund guter Erfahrungen wählte ich beim Ticket-Kauf wieder einen Platz auf der Laufbahn, direkt am Spieler-Tunnel. Als die Mannschaften auf den Platz liefen, bin ich mit den Profi-Fotografen hinterher gelaufen und habe meine Jungs auf dem Rasen abgelichtet und erst dann zurückgegangen, als der Schiri schon anpfeifen wollte. Da ich meinen Platz in der ersten Reihe nicht so schnell fand und suchte und suchte, wurden einige Borussen-Fans schon richtig böse und riefen mir zu, dass ich mich endlich setzen sollte. Ich fand aber einfach den Platz nicht und schaute bei meiner Suche auch weiter auf das Spielfeld, um nichts zu verpassen.

Da wurde es einem BVB-Fan zu bunt, und er zerrte ich mich . . . auf die HSV Trainer- bzw. Ersatzspieler-Bank. Ich traute meinen Augen nicht, zwei Plätze neben mir saß der damalige Trainer Jupp Schneider. Wer sonst noch auf der Bank war, weiß ich nicht, da ich nur auf das Spielfeld schaute, um auch meine Jungs spielen zu sehen.
Aber was ich dort zu sehen bekam, war einfach nix. Jupp Schneider tobte auf der Bank bis zum 0:4, anschließend lachte er nur noch, als dann der HSV sang- und klanglos mit 0:7 unterging. Ich hätte den Jupp erwürgen können, dass er gegen diese blamable Pleite nicht mehr unternahm. Ich fuhr anschließend mit einem dicken Hals nach Hause. Ein in jeder Hinsicht unvergessliches Spiel.

Und hier meine zweite Story:

Ich muss vorausschicken, dass ich in unserem Städtchen 25 Jahre Handball (2. Kreisklasse) gespielt habe – in der 2. Mannschaft. Bei den Spielen unserer Ersten habe ich hin und wieder Fotos gemacht, für meine Mannschaftskameraden und für mich selbst. Ab Mitte der 70er Jahre habe ich dann auch regelmäßig für unser örtliches so genanntes „Käseblättchen“ fotografiert. Der Chefredakteur stellt mir dann eine Bescheinigung aus, mit der man mir auch Zutritt zu den diversen Sportveranstaltungen ermöglichen sollte. Es war aber kein Presse-Ausweis im herkömmlichen Sinn. Mit meiner Kamera-Ausrüstung und der Bescheinigung erhielt ich freien Eintritt zum Beispiel zu den deutschen Meisterschaften der Springreiter in Balve. Und ich war etliche Male in der Westfalenhalle Dortmund bei den Europacup-Spielen im Hallenhandball des VfL Gummersbach, saß hinter dem Tor und machte ungehindert meine Fotos.

Am 23. August 1986 spielte der HSV im Ruhrstadion gegen den VfL Bochum. Da ich mich nicht rechtzeitig um eine Karte gekümmert hatte, fuhr ich mit meiner Kamera-Ausrüstung – aber ohne Ticket – nach Bochum. Dort sah ich einen Fotografen, der durchs Hintertürchen wollte und auch kam. Ich folgte ihm auf dem Fuß und zeigte dann – mit zwei Kameras und großen Objektiven bewaffnet – meine Bescheinigung vor.

Der Ordner ließ mich rein mit dem Wortlaut: „Eigentlich ist die Anzahl der Fotografen genug, doch gehen Sie mal ein Treppchen höher“. In dem Aufenthaltsraum, in dem schon viele Fotografen saßen (und auch ein mir bekannter WDR-Rundfunk-Reporter), musste ich mich in einer Liste eintragen unter der letzten Nummer (50) und den Namen des „Käseblättchens“ angeben. Dann erhielt ich ein Leibchen mit meiner Nummer und konnte es mir bis zum Aufruf „Bitte kommen Sie“ bei einer Tasse Kaffee gut gehen lassen und mich mit den Leuten unterhalten.

Als wir dann zum Ausgang gebeten wurden, war ich schon etwas nervös, aber auch vor den Spielern auf dem Platz, um wieder meine Jungs zu fotografieren. Danach setzte ich mich hinter das Bochumer Tor, um viele HSV-Tore fotografieren zu hören. Es gab aber nur leider nur eins in der 8. Minute durch Miroslav Okonski. Das Spielt endete 1:1, nicht unbedingt berauschend.

Ich hatte jedoch meinen Spaß, dass meine Frechheit gesiegt hatte und ich ohne Karte das Spiel sehen konnte und Aufregendes erlebt hatte. Mit vielen HSV-Grüßen aus dem schönen Sauerland an die noch schönere Waterkant, Jörg (Nickname: Ötschi oder Büxe / Sauerland).

So, das waren die beiden Büxe-Geschichten. Von mir sei noch angefügt, Stichwort “Frechheit siegt”: Vor mehr als zwei Jahrzehnten habe ich es einige Male erlebt, dass meine bei Auswärtsspielen hinterlegte Pressekarte schon von “Herrn Matz abgeholt” worden waren (auch die der Kollegen aus Hamburg). Das waren ganz clevere HSV-Fans: Frechheit siegt, frühes Kommen sichert eben die besten Plätze. Die wussten, dass die Pressekarten hinterlegt wurden, sie gingen an die Kasse, schnappten sich die Karten – und rein ins Stadion. Natürlich nicht auf die Presseplätze, aber man war drin – und das auch noch kostenlos. Bis die Klubs das geschnallt haben, denn heute (und schon siet Jahren) muss man sich schon mit dem Presseausweis um sein Ticket bemühen. Oder es wird einem zugeschickt.

Aber damals war man dann schon in argen Erklärungsnöten, um “noch einmal” an seine Karte kommen zu können. Das dauerte meistens sehr, sehr lange, weil dazu dann ja auch immer irgendwelche Chefs bemüht werden mussten, und die hatten vor dem Spiel natürlich immer sehr viel zu tun.

Nun gut, es ist überstanden und heute lange kein Thema mehr.

12.52 Uhr