Tagesarchiv für den 3. August 2010

Rozehnal soll gehen

3. August 2010

9.30 Uhr am Dienstagmorgen vor der Imtech-Arena: Irgendwie war heute Morgen alles anders, atmosphärisch vor allem. Das lag in erster Linie daran, dass der Kader des HSV endlich mal wieder vollständig und dann auch noch in Hamburg zum Training aufgaloppierte. 28 Mann trabten ab 9.45 Uhr zum Trainingsplatz, den jetzt Flutlichtmasten zieren. Tunay Torun (nach seinem Kreuzbandriss im Aufbautraining) folgte später, der angeschlagene Dennis Aogo (Probleme mit dem Ischias-Nerv) fehlte ganz. Ein kleiner Junge im Alter von acht bis zehn Jahren, so berichtete mir mein Kollege Christian Pletz, hatte ein ganz besonderes Ferienerlebnis. Eljero Elia und Tomas Rincon unterhielten sich auf dem gesamten Weg zum Trainingsplatz mit dem kleinen Fan und hatten ihre Arme auf seine Schulter gelegt. Der Knirps hatte rote Wangen und strahlte vor Stolz und Freude. So werden Leidenschaften geweckt. Solche Schilderungen lösen auch bei mir heute noch Gänsehaut aus.

Neuigkeiten gibt es beim HSV natürlich auch immer einige. Zum Beispiel die, dass der geplatzte Urs-Siegenthaler-Wechsel noch immer einige Frustration auslöst. Vor allem bei den Mitarbeitern des HSV-Vermarkters Sportfive. Den Grund dafür kann man hinter der Haupttribüne auf dem Parkplatz sehen. Dort steht nämlich ein kleines Containerdorf, aber nicht für Bauarbeiter oder für ausgefeiltes VIP-Catering bei der Saisoneröffnung, sondern für ebendiese Sportfive-Mitarbeiter, die bis vor der Sommerpause noch in den Räumen der Geschäftsstelle untergebracht waren – auf Ebene eins neben den Büros von Vorstandschef Bernd Hoffmann, der Presseabteilung und der Stadion-Organisation. Siegenthaler hatte umfangreiche infrastrukturelle Korrekturen angeregt, die baulich umgesetzt wurden. Aufgrund der personellen Aufstockung einiger Scouting- und Analysenbereiche wurde der Platz in der ersten Etage immer enger und die Sportfive-Leute wurden letztlich aus- und umquartiert. Nun hocken sie in ihren „Legebatterien“, nein, entschuldigt: Containern, und legen sich einen Einwurf entfernt von der wirklichen Geschäftsstelle ins Zeug. Einzig die Kommunikation mit den HSV-Mitarbeitern dürfte ab sofort automatisch ein bisschen leiden.

Eine kleine Ergänzung dazu um 19.12 Uhr: Eike Gyllensvärd, Sportfive-Teamleiter beim HSV, rief mich soeben an und stellte klar: “Wir sind überhaupt nicht frustriert, im Gegenteil, bei uns ist alles in bester Ordnung.”

Diese Stimme wollte ich nicht unterschlagen. Und noch etwas ist neu beim HSV. Der Klub wird nämlich „oben ohne“ in die Saison gehen. Meinen Informationen zufolge dauert es noch bis in den Herbst, ehe die Imtech-Arena ihren Dachschriftzug, den man normalerweise wunderbar von der Autobahn aus sehen kann, tatsächlich in luftiger Höhe tragen wird. Wenn ich ehrlich bin, habe ich trotz einiger Nachfragen noch keine abschließende Antwort bekommen, warum in den vergangenen drei Monaten keine Dachbuchstaben montiert werden konnten. Ist es die problematische Statik? Ist es der Herstellungsvorgang bei den Buchstaben? Egal – solange das Geld für den Erwerb des Namensrechts fließt, wird sich kaum einer an der No-Name-Arena stören. Ja, ja, ich weiß: Sie heißt natürlich trotzdem schon Imtech-Arena – und zu lesen ist das ja auch schon an der Arena.

Kommen wir zum wirklich Wichtigen: dem Sportlichen. Heute hat Trainer Armin Veh in Abstimmung mit Sportchef Bastian Reinhardt und seinen Assistenten weitreichende Entscheidungen getroffen, die natürlich nicht mehr überraschend sind, weil eh die meisten damit gerechnet haben. Zuerst wurden die Ex-Regionalligaspieler Dettmann und Labus zurück zu Rodolfo Cardosos Amateurteam geschickt. Zu ihnen gesellen sich im Trainingsalltag ab sofort Änis Ben-Hatira und Mickael Tavares. Letzterer spielt in Vehs Planungen keine Rolle mehr, hat trotz entsprechender Freigabe aber bislang keinen Verein gefunden, der sich für ihn und für den er sich selbst interessiert. Im Klartext könnte das heißen: Tavares sitzt seinen gut dotierten HSV-Vertrag bei den Amateuren aus. Sportchef Reinhardt wird natürlich alles daran setzen, dass es nicht so kommt. Er schaut ebenfalls nach Interessenten für den defensiven Mittelfeldspieler.

Als prominentester Streichkandidat gilt David Rozehnal. Der Tscheche bekam von der sportlichen Leitung mitgeteilt, dass er sich einen neuen Arbeitgeber suchen kann. Natürlich hoffen die Vorstände, dass durch einen Verkauf des Innenverteidigers wenigstens Teile der rund fünf Millionen Euro Ablöse für den Ex-Spieler von Lazio Rom eingespielt werden. Realistisch betrachtet kann der HSV aber froh sein, wenn er den Abwehrmann ablösefrei los wird und wenigstens dessen Gehalt einspart. Solange Rozehnal noch keinen neuen Verein gefunden hat, darf er bei den Profis mittrainieren.

Ein Wackelkandidat bleibt Eric Maxim Choupo-Moting. Trainer Veh setzt bei dieser Personalfrage auf eine gesunde Selbsteinschätzung des Angreifers. Will der Kameruner unbedingt spielen, sollte er sich anderweitig orientieren, denn mit Mladen Petric, Ruud van Nistelrooy, Paolo Guerrero und Heung Min Son liegen derzeit vier Angreifer vor dem aus Nürnberg zurückgekehrten Stürmer. Hat Choupo-Moting Geduld, will sich weiterentwickeln und für Kurzeinsätze empfehlen, um hier den Durchbruch zu schaffen, würde Veh ihn gerne mit in die Saison nehmen. Mein ganz persönliches Gefühl sagt mir: Da passiert noch etwas…

Noch einmal kurz zurück zum Fall Rozehnal. Falls jemand von Euch ähnlich wie ich nun an einer Hand die Innenverteidiger abgezählt hat und zum Schluss gekommen ist, dass diese Position ein bisschen dünn besetzt sein könnte, dem kann ich Entwarnung signalisieren. Trainer Veh betrachtet Guy Demel, Mohamed Besic und auch Collin Benjamin, die in der bisherigen Vorbereitung ja alle schon zum Einsatz kamen, als taugliche Alternativen zu den wohl gesetzten Heiko Westermann und Joris Mathijsen.

Das neue zentrale Duo werden die HSV-Fans morgen zur Saisoneröffnung gegen Chelsea London allerdings noch nicht zu sehen bekommen. Trainer Veh hat in Abstimmung mit den Spielern und der medizinischen Abteilung beschlossen, dass von den gestern zurückgekehrten WM-Fahrern nur Eljero Elia gegen den Premier-League-Klub zum Einsatz kommen wird. „Das Ergebnis interessiert mich nicht sonderlich“, sagt der Trainer zudem. Veh ist es wichtig, dass einige seiner Akteure weiterhin Spielpraxis auf ihren zugedachten Positionen sammeln, dass Bewegung und Spielfreude zu sehen ist.

Das passt bestens zum heutigen Training, das auf viele Besucher den Eindruck einer Auftakteinheit machte. Stabilisationsübungen, Kreisspiel, ein Passspiel in Zonen – das war es im Großen und Ganzen. Passt aber auch, denn im Grunde genommen hat jetzt der richtige Countdown für den Bundesligastart begonnen. Armin Veh hat bislang eine Vorbereitung mit erstaunlich wenigen Verletzungssorgen hinter sich gebracht, nun muss er in die Feinabstimmung gehen. Zunächst gedanklich, wer mit wem und in welchem System spielen soll, dann auch personell in Partien. Die Vorzeichen stehen wirklich gut. Und die Leidenschaft der meisten Fans ist eh längst geweckt – fast so stark wie bei dem kleinen Jungen, der heute Morgen so toll zum Trainingsplatz begleitet wurde.

16:38 Uhr