Monatsarchiv für August 2010

5:1-Sieg beim SC Victoria

31. August 2010

Versprochen gehalten, Spiel gewonnen. Vor einem Jahr hatte HSV-Chef Bernd Hoffmann dem künftigen Oberliga-Meister Hamburgs ein kostenloses Gastspiel zugesagt, das wurde am Dienstag eingelöst. An der Hoheluft traf der ersatzgeschwächte HSV auf den SC Victoria. Vor nur 2072 Zuschauern siegte die Veh-Mannschaft mit 5:1, Halbzeitstand 3:0.

Der HSV trat mit folgender Mannschaft an: Jaroslav Drobny, Hendrik Dettmann, Collin Benjamin, Dennis Aogo, Florian Brügmann; Robert Tesche, David Jarolim; Christian Groß, Paolo Guerrero, Piotr Trochowski; Daniel Nagy. Guerrero und Aogo spielten bis zur 70. Minute, Tesche und Jarolim bis zur 80. Minute. Drobny, Benjamin und Trochowski spielten durch.

Die Tore erzielten:
0:1 Groß auf Zuspiel von Guerrero.
0:2 Guerrero nach Vorarbeit von Trochowski.
0:3 Nagy auf Zuspiel von Tesche.
1:3 Freistoß Stephan Rahn (Hamburgs Amateur-Fußballer des Jahres).
1:4 Rafael Kazior.
1:5 George Kelbel.

Beste Noten verdienten sich in diesem Spiel Jarolim und Guerrero, dazu Kelbel aus der Regionalliga-Mannschaft.

Victoria-Coach Bert Ehm am Vorabend zu Hamburgs Trainer des Jahres gewählt, befand nach dem Spiel: „Alles war gut, ich bin zufrieden mit dem Spiel, mit dem Auftreten meiner Jungs und mit der Mannschaft, mit der der HSV hier antrat. Vorher hieß es ja in den Zeitungen, dass kaum ein Profi mitspielen würde, das hat uns einige Zuschauer gekostet – leider.“ Ehm weiter: „Das Spiel war sehr fair, und Armin Veh sowie sein Assistent Michael Oenning waren sehr nett zu uns, da gab es keinerlei Star-Gehabe, auch das war sehr erfreulich.“

Die 90 Minuten wurden von hamburgs Schiedsrichter des Jahres, Patrick Ittrich, sehr gut geleitet.

PS: Dank an “Benno Hafas” für die großartige Unterstützung.

21.34 Uhr

Eine echte Charakterfrage

31. August 2010

Vorhang auf zum letzten Transferakt dieser Wechselperiode. Ich hatte es vorhin ja schon einmal in Kurzversion erwähnt, nun kann ich Euch ein paar mehr Informationen geben und dem ganzen Thema eine Wertung geben. Die wichtigsten News noch einmal in Kürze zusammengefasst. David Rozehnal ist so gut wie weg, er geht zum OSC Lille nach Frankreich, wo er heute noch einen Vertrag unterzeichnen wird. Rafael van der Vaart wird nicht verpflichtet. Und Mladen Petric bleibt trotz eines Last-Minute-Angebots aus Stuttgart im Kader von Armin Veh. Änis Ben-Hatira, der für ein halbes Jahr an den FC Watford verliehen hätte werden können, bleibt ebenfalls in der Hansestadt.

Kommen wir als erstes zum heikelsten Fall: Petric. Die meisten von Euch und auch ich haben ja schon jede Menge zum Kroaten und dessen Wechselgelüsten geschrieben, denen der HSV einen Riegel vorgeschoben hat. Lasst mich ihn als Schwerpunktthema noch einmal kurz intensiv beleuchten, ehe es von mir eine Abschlussbetrachtung gibt.

Grundsätzlich ist es ja so, dass mich die Wechselabsicht des Angreifers nicht mehr überrascht hat. Erst war er Vehs Lieblingsspieler, wie beschrieben, machte sich große Hoffnungen auf den ersten Posten in vorderster Angriffsreihe, setzte auf Torerfolge und Strafraumszenen. Dann kam die Vorbereitung, in der Trainer Veh auf Ruud van Nistelrooy als einzige Spitze im Zentrum setzte mit drei hängenden dahinter, von denen Petric oft die rechte Bahn zu beackern hatte. Petric glaubte zunächst an eine Übergangssituation, „bis die WM-Fahrer zurückkehren“, doch an seiner Rolle änderte sich auch nach dem Ende der WM-Urlaubszeiten nichts. Gegenüber Veh beklagte sich Petric über seine Rolle nie, aber einige Trainings- und Testspielleistungen wirkten schon wie Demoversionen der Marke „Ich bin hier deplatziert!“.

Als Petric jetzt beim zweiten Ligaspiel in Frankfurt 90 Minuten auf der Ersatzbank schmorte, dachte ich sofort: Oha, wenn da mal nicht einer noch Wechselgelüste aufbringt. Tatsächlich war es so, dass die Berater des Kroaten laut meiner Informationen schon am Sonntag nach dem Spiel den Markt sondiert haben, obwohl Petric noch am Freitag hatte verlauten lassen: „Wir haben so viele gute Spieler für so wenige Positionen auf dem Rasen, dass man auch mit einer Reservistenrolle mal leben muss.“ Am Montag, also gestern, ging beim HSV dann offenbar eine offizielle Anfrage aus Stuttgart für den Nationalspieler ein, der sich seit Sonntag im Kreise seiner Landesauswahl aufhält. Intern soll der HSV aber schon zuvor unmissverständlich festgelegt haben: Ein Verkauf Petrics käme nur infrage, wenn es eine gleichwertige Alternative gäbe und/oder die Ablösesumme derartig hoch wäre, dass sie komplett neue Möglichkeiten eröffnet hätte. Unterm Strich sollen die Schwaben zwischen drei und vier Millionen Euro für Petric geboten haben – zu wenig, um die HSV-Bosse von ihrer Richtlinie abweichen zu lassen. Das Angebot wurde heute Vormittag abgelehnt. Petric landete nicht auf der Transferliste, soll entsprechend enttäuscht sein, und beim HSV bleibt für Trainer Veh und Sportchef Bastian Reinhardt alles beim Alten.

Soll ich Euch etwas sagen? Ich finde, dass der HSV in dieser Personalfrage alles, aber auch wirklich alles richtig gemacht hat. Natürlich kann ich Petric und seine Unzufriedenheit verstehen, aber – und das wird der Kroate eben auch nachvollziehen können – es geht nicht um Einzelschicksale, um zu verteidigende oder auszubauende Torjägerstatistiken und Marktwerte, es geht um das sportliche Wohl des HSV. Und da kann man sich als rational handelnder Vereinsboss nicht allein auf Ruud van Nistelrooy verlassen. Als Trainer schon gar nicht. Mit Petric verfügt Veh über einen mehr als tauglichen Ersatz, den er zudem auf weiteren Positionen einsetzen kann. Darum betrachte ich die Entscheidung des Vorstandes auch nicht als Entscheidung gegen Petric, sondern als Votum für den HSV.

Einige von Euch und vielleicht sogar einige meiner Kollegen werden dennoch die Hände vors Gesicht schlagen und sagen: „Oh nein, jetzt verbreitet Mladen schlechte Stimmung!“ Ich würde es eher so sagen: Jetzt steht der HSV vor der ersten Charakterfrage, und Petric ist diesbezüglich ganz besonders gefragt. Der erste Frust wird beim Vollprofi Petric schnell verzogen sein, und er wird sich spätestens in einer Woche wieder voll auf seine HSV-Aufgaben beschränken können. Ich bin mal gespannt, ob er sich bis dahin „sauber“ verhält und mit öffentlichen Frustbekundungen geizt. Wäre geil, im Sinne des HSV.

Als Trainer und Vereinsvorstand würde ich den Stürmer an seinen eigenen Worten messen. Es ist keine sechs Tage her, dass Petric im Kreis der Hamburger Journaille getönt hat, dass er lieber in einer Mannschaft mit großen Qualitäten und Konkurrenz spiele als bei einem Verein, wo er mangels gleichwertiger Alternativen gesetzt wäre. Und er hat eindeutig klar gestellt: „Ich habe noch nie gestänkert und mache das auch nicht!“

Sollte es dabei bleiben, können wir Beobachter, die Fans und auch das Trainerteam auf weitere Wochen mit personellen Luxusproblemen freuen. Zu Einsätzen kommen die betroffenen Profis in solchen Petric-Lagen (dazu zählen ja auch Piotr Trochowski, Gojko Kacar und bald auch noch Dennis Aogo) ohnehin früh genug, dafür ist auch eine Saison mit Doppelbelastung einfach zu groß.

Was die anderen Personalien betrifft, so gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Rozehnals Abgang war programmiert und das Beste, was dem Tschechen und dem HSV passieren konnte. Van der Vaarts Möchtegern-Verpflichtung war, wie ich aus den innersten HSV-Gremien gehört habe, eine utopische Angelegenheit mit jeder Menge Wunschdenken, weil sich der Deal nie und nimmer finanziell realisiert hätte. Und Ben-Hatiras Verbleib beim HSV, wo er nur noch bei den Amateuren in der Vierten Liga zum Einsatz kommt, wundert mich nicht wirklich. Ehrlicherweise glaube ich, dass er seinen Durchbruch im ganz großen Profifußball nicht mehr schaffen wird. Ihm täte es gut, wenn er erst einmal einen oder zwei Schritte zurückgeht und sich bei einem Verein der Zweiten oder Dritten Liga nachhaltig durchsetzt, um so vielleicht doch noch die Mini-Chance des „zweiten Weges“ zu nutzen.

16:08 Uhr

Petric bleibt, van der Vaart kommt nicht

31. August 2010

Jetzt ist es amtlich: Mladen Petric bleibt beim HSV. Auf der neuesten Transferliste erschien weder der Name Petric noch der Name Rafael van der Vaart. Der “kleine Engel” wird also weder zum HSV wechseln, noch zu einem anderen Bundesliga-Klub. Die einzige Bewegung, die es beim HSV noch gegeben hat, ist diese: David Rozehnal verlässt Hamburg (wahrscheinlich) in Richtung Europa-League-Starter Lille. Dorthin ist der Tscheche bereits unterwegs, bis 18 Uhr sind die letzten (kleineren) Details zu klären, aber so wie es jetzt scheint, wechselt Rozehnal nach Frankreich (und nicht nach Cesena in Italien).

Und Petric wird definitiv bleiben (müssen). Es gab zwar ein Angebot vom VfB Stuttgart, aber das war absolut inakzeptabel für den HSV, so dass der Kroate nun in Hamburg bleiben wird (und muss).

Später dazu mehr.

PS: Lasst Euch nicht verwirren! Bitte! Um 12 Uhr an diesem Dienstag schloss die letzte (!) Transferliste, es ist jetzt nicht mehr möglich, nachzubessern. Bis 18 Uhr (und nicht 24 Uhr) müssen nun die Verträge eingereicht sein. Alles das, was ich oben geschrieben habe, ist definitiv, es gibt keine noch so kleine Hintertür, nicht das kleinste Hintertürchen. Auch für den HSV nicht – und selbst für Van-der-Vaart-Amhänger nicht.

12.55 Uhr

Eilmeldung: Petric nach Stuttgart?

30. August 2010

Kurz vor Mitternacht, das Telefon klingelt immer noch. Privat und Handy. Die letzten Stunden werden noch interessant. Morgen um 12 Uhr ercheint die letzte Transferliste, da müssen die Namen drauf erscheinen, die noch wechseln wollen. Nach meinen Informationen wird nun doch noch der Name Mladen Petric drauf stehen, denn der Kroate steht, so wurde es mir geflüstert. wohl kurz vor einem Wechsel zum VfB Stuttgart. Petrci zu Bobic? Es würde mich nicht wundern, wenn es dann so käme.

Als Armin Veh zum HSV kam, schwärmte er am ersten Tag schon von Petric. Er sei sein Lieblingsspieler gewesen, er wollte ihn schon zum VfL Wolfsburg holen. Jetzt, so Veh damals, freue er sich, dass er ihn noch beim HSV hat.

Aber: Das Verhältnis von Trainer zu Spieler-Liebling entwickelte sich eher auseinander. Veh stellte Petric auf den rechten Flügel, weil der Trainer nur auf eine Spitze setzte: Ruud van Nistelrooy. Petric schlug rechts aber nicht ein, im Gegenteil, er machte keinen Hehl daraus, dass er dort draußen nicht spielen will. Gegen Schalke durfte er noch zentral hinter van Nistelrooy (weil Paolo Guerrero leicht erkältet war), in Frankfurt saß er 90 Minuten auf der Bank.

Das, nur das nervt einen Mladen Petric ganz enorm. Was heißt nervt, er hasst es, hasst es sogar sehr. Und deswegen könnte es jetzt, quasi fünf Minuten vor Zwölf, noch zur Trennung kommen. Stuttgart sucht, Stuttgart ist in Not, Stuttgart muss etwas tun – da kommt der vom HSV genervte Petric wie gerufen.

Bleibt die Frage, ob sich der HSV noch Ersatz holen wird. Die Situation schreit eigentlich nach Rafael van der Vaart. Aber tut sich der “kleine Engel” noch einmal Hamburg an? Was läuft da mit Bayern München? Welche Rolle spielt der Investor Kühne, der unbedingt einen Weltstar, der auch unbedingt van der Vaart haben wollte?

Beim HSV ist bis jetzt nichts durchgesickert. Morgen um 12 Uhr werden wir es wissen, wenn die letzte Transferliste erscheint. Bis um 18 Uhr (nicht bis 24 Uhr Uhr), darüber klärte mich am Abend Klub-Manager Bernd Wehmeyer auf, müssen dann sämtliche Vertragsangelegenheiten geklärt und unterschrieben sein. Es darf also noch eine Nacht geträumt werden. Von van der Vaart.

PS: Da ich heute bei der Gala des Hamburger Fußball-Verbandes war, geriet die Freigabe der “Neulinge” arg ins Hintertreffen. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Ist inzwischen aber schon alles geschehen. Gute Nacht.

23.51 Uhr

Muntere Wechselspielchen

30. August 2010

Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Heute bimmelt mein Handy ununterbrochen, es grenzt fast schon an akustische Belästigung, was ich meinem Umfeld zumute. Auch meine Erklärung, dass das so kurz vor Transferschluss normal sei, trifft es wohl nicht so richtig. Denn so schlimm wie jetzt war es noch nie zuvor. Man könnte fast meinen, dass richtig viele Matz-abber und noch mehr Berater, Experten, Beobachter und Journalisten unter akutem Wechselfieber leiden. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass derzeit jeder personelle Stein beim HSV umgedreht wird. Wer kann noch wechseln, wer wird noch wechseln, wer könnte für wen wechseln und so weiter. Indizien gibt es viele, unterschiedliche Interpretationen noch viel mehr. Und mittendrin stehe ich nun in einem Wust aus Beobachtungen, Vermutungen, Schlussfolgerungen und Behauptungen und soll für Klarheit sorgen.

Ich sage es Euch, wie es ist: Ich würde gerne Licht ins Dunkel bringen und Euch gerade heraus erzählen, um welche Spieler es tatsächlich noch Wechselszenarien gibt, aber ich kann es nicht. Ich kann nur mit ein paar Halbwahrheiten aufräumen und mit Euch in die Diskussion treten, wer tatsächlich für einen Transfer vorm morgigen Ablauf der Wechselfrist in Frage kommt.

Einer der meistgenannten Profis aus dem aktuellen HSV-Kader ist ja Mladen Petric, weil Trainer Armin Veh ihn in Frankfurt 90 Minuten auf der Bank schmoren ließ. Kaum verwunderlich, dass Petric frustriert die Reise zur kroatischen Nationalmannschaft antrat. Meine Kollegen von der Mopo fragten sogar schlagzeilenträchtig, ob Petric rausgeekelt werden soll.

Ich bin zwar nicht Armin Veh und auch nicht Bastian Reinhardt, aber Petric dürfte nach sportlichem Ermessen wirklich nur im äußersten Ernstfall, also einem unmoralischen Angebot in Millionenhöhe, zum Verkauf stehen. Warum? Ganz einfach: Weil die Wahrscheinlichkeit, dass Torgarant Ruud van Nistelrooy 34 Ligaspiele plus sieben Pokalpartien ohne Verletzungspause, Gelbsperre (wegen Jubelarien) oder Formtief durchhält, nicht gerade groß ist. Und welche fast gleichwertige Strafraumstürmervariante hat der HSV denn noch? Richtig. Niemanden außer Petric. Und Alternativen liegen auf dem Markt derzeit nicht gerade herum wie das erste Herbstlaub.

Und so, wie ich Armin Veh bislang kennen gelernt habe, wird er einen Mann wie Petric auch nicht ohne Ersatz ziehen lassen. Eric Maxim Choupo-Moting ist noch zu grün hinter den Ohren, Paolo Guerrero ist ein gänzlich anderer Typ – und in der Bundesliga haben die Nachwuchstalente nun einmal null Eingewöhnungszeit. Sie müssen funktionieren, oder sie scheitern.

Habt Ihr es gemerkt? Bis zu dieser Zeile habe ich es geschafft, den Namen Rafael van der Vaart aus diesem Beitrag herauszuhalten. Nicht, weil ich ihn nicht mag. Auch nicht, weil ich ihn nicht für HSV-tauglich hielte, sondern weil ich weiß, dass die meisten von Euch sehnsüchtig auf Neuigkeiten zum „kleinen Engel“ warten und ich Eure Spannung noch ein bisschen steigern wollte. Es gibt Informanten, die behaupten, dass der HSV wirklich ganz kurz vor einer Einigung mit dem Niederländer stehen soll. Und es gibt auch genauso viele, die mir berichtet haben, dass sich van der Vaart über die Hamburg-Wechselgerüchte nur amüsiere. Von Hamburg nach Madrid, danach könne es keine Rückkehr in die Elbmetropole geben, sagen sie. Allerdings weiß er natürlich, was er an Hamburg und dem HSV hat.

Armin Veh wäre der Letzte, der sich gegen einen Van-der-Vaart-Kauf wehren würde. Gute Fußballer, das weiß jeder Trainer, kann man nie genug haben. Allerdings weiß er auch, dass sich dieser Deal im aktuellen Zustand nicht realisieren lässt. Mindestens ein Spieler müsste den Verein verlassen, der erstens den Gehaltsrahmen entlasten würde, außerdem möglichst viel Ablöse erzielt. Und wer sind da die Kandidaten (neben Petric, wie ja eben schon ausführlich behandelt)? Meines Erachtens kämen nur drei bis vier Spieler theoretisch in Frage:

1. Piotr Trochowski, weil er als deutscher Nationalspieler gefragt ist und auf seiner Lieblingsposition zentral hinter der Spitze überflüssig wäre, wenn ein van der Vaart käme. Zumal es mit Paolo Guerrero und Petric weitere Alternativen für diesen Posten gäbe.

2. Dennis Aogo, weil viele Klubs nach guten Linksverteidigern Ausschau halten, der HSV derer sogar zwei aus der DFB-Auswahl im Kader hat. Und für den zuletzt verletzt ausgefallenen Aogo soll es ja sogar Anfragen aus Italien gegeben haben. Allerdings gilt einschränkend anzumerken, dass es keinen konkurrenzfähigen Ersatz für Marcell Jansen links hinten gibt, was sich zuletzt bei der Notvariante mit Eljero Elia schon gezeigt hat.

3. Eljero Elia, weil der Niederländer mit Turbo-Antritt nicht nur dank der WM auf sich aufmerksam gemacht hat und eine Mega-Ablöse von bis zu 20 Millionen Euro erzielen könnte. Für seine Position hat der HSV mit Jansen eine Alternative. Allerdings würde sein Verkauf meines Erachtens ganz eindeutig gegen ein Votum des Trainers erfolgen. Veh steht auf Elia und weiß, dass der Oranje-Kicker in dieser Saison noch eine ganz wichtige Rolle einnehmen wird – vor allem in den Duellen mit den ambitionierten Ligagrößen.

So, das war es erst einmal zum Wühlen im Transfermatsch. Es kann durchaus sein, dass ich schon in wenigen Stunden meine Worte fresse und wir alle überrascht werden, weil plötzlich doch noch ein Spieler wechselt, mit dem aktuell gar keiner rechnet. Vielleicht geht Jaroslav Drobny ja nach Stuttgart, die Schwaben haben akuten Bedarf. Oder Mladen Petric geht im Tausch für Grafite nach Wolfsburg. Oder oder oder…

Morgen, da bin ich mir sicher, wird es noch einmal einen solchen Spekulationssalat geben. Aber damit werden wir auch noch zu recht kommen. Hauptsache, die aktuelle Erfolgswelle nimmt nicht so schnell ab. Falls Ihr morgen noch nichts vorhabt: Denkt daran, um 19 Uhr tritt der HSV beim SC Victoria gegen den Oberliga-Abomeister zum Freundschaftsspiel an. Mal sehen, was sich bis dahin getan hat.

18:11 Uhr

Eine Mannschaft mit Charakter

29. August 2010

Als das 1:1 in Frankfurt gefallen war, das Joris Mathijsen per Kopfball erzielt hatte, da gab es keinerlei Jubel bei Trainer Armin Veh. Er hatte Wichtigeres zutun. Der Coach sprach mit dem vor Sekunden ausgewechselten Eljero Elia. Eine kleine Mischung aus Trost und Erklärung. „Ich habe ihm nur gesagt, dass er nicht traurig sein muss, dass es im Fußball ja öfter mal passiert, dass man ausgewechselt wird“, sagte Veh. Schon in der Woche hatte der Coach mit dem Niederländer unter vier Augen gesprochen. Veh legte den Arm auf die Schulter Elias ging mit dem Nationalspieler über den Trainingsrasen. Veh: „Er ist ein junger Spieler, mit dem muss du öfter einmal reden, der hat unheimliche Fähigkeiten. Er muss nur dahin kommen, dass er Konstanz in sein Spiel bekommt. Wenn er es auf Dauer beweist, dann ist er wirklich ein guter Spieler.“

Armin Veh stoppte kurz, dann fügte er hinzu: „Elia ist ein guter Spieler, aber er muss auch noch torgefährlicher werden. Es ist da ähnlich wie bei Jonathan Pitroipa. Irgendwann ist das was zählt, was dabei heraus kommt. Entweder dass sie vorbereiten, oder dass sie abschließen. Aber sie bringen natürlich auch durch ihre Eins-gegen-eins-Situationen auch immer mal wieder einen frei, der dann den Pass geben kann. Das machen beide Spieler ja schon, aber das letzte Ding, das müssen sie noch lernen. Entscheidend ist doch, was dabei heraus kommt.“

Ich bin fest davon überzeugt, nach wie vor, dass Elia eine gute bis sehr gute Saison spielen wird. Aber es ist natürlich hervorragend, wie der HSV es lösen kann, wenn Elia einmal keinen guten Tag erwischt hat und er ausgewechselt werden muss. Diesmal ging Pitroipa nach links, Paolo Guererro nach rechts und der eingewechselte Piotr Trochowski nahm die zentrale Position hinter Ruud van Nistelrooy ein. In meinen Augen auch eine sehr gute Variante. Was letztlich aber unter dem Strich zählt ist das: Der HSV hat genügend hervorragende Möglichkeiten, auf beinahe alle Situationen mit Qualität zu reagieren.

An dieser Stelle sei kurz noch eingefügt: Am Montag ist trainingsfrei, Dienstag wird um 10 Uhr trainiert, um 19 Uhr findet dann das Testspiel beim SC Victoria statt, Mittwoch, Donnerstag und Freitag wird jeweils um 10 Uhr eine Einheit im Volkspark stattfinden, dann ist Sonnabend und Sonntag frei.

Ob Ze Roberto und Ruud van Nistelrooy Dienstag gegen den SC Victoria mitspielen werden, das ließ Armin Veh noch offen. Es sah am Sonntag eher nicht danach aus – die Angst, dass sich einer der beiden Routiniers verletzten könnte, ist offenbar zu groß. Was „Vickys“ Trainer Bert Ehm nicht akzeptieren möchte, ihm fehlt das Verständnis: „Diese Angst ist unbegründet. Wir sind doch keine Treter.“ Weiter sagt der Coach des Oberliga-Meisters: „Wenn der HSV schon ohne seine aktuellen Nationalspieler antreten muss, so wäre es doch fair, wenigstens mit jenen Spielern zu kommen, die noch in Hamburg sind. Gegen die Zweite des HSV könnten wir doch auch jederzeit in einem Testspiel antreten, deshalb hätte ich kein Verständnis dafür, wenn wir gegen die Regionalliga-Mannschaft antreten müssten, obwohl uns doch die Profis zugesagt wurden.“

1000 Karten wurden bereits im Vorverkauf abgesetzt. Und: Immerhin werden Spieler wie Trochowski, Robert Tesche, Paolo Guerrero, David Rozehnal und wohl auch Dennis Aogo dabei sein. Aogo mischte am Sonntag schon wieder richtig gut im Training mit, und obwohl er noch nicht restlos fit ist („Hier und da zwickt es schon noch mal“), will er gerne eine Halbzeit auf der Hoheluft mitspielen. Denn, so sagt der Nationalspieler, das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (11. September) ist sein Ziel, da möchte er wieder im Kader sein.

Wo er dann zum Einsatz kommen wird, ist offen. Auf „seiner“ Position spielt derzeit noch Marcell Jansen. Der ist zwar noch nicht bei 100 Prozent, aber das, was daran noch fehlt, will er sich nun bei der Nationalmannschaft holen: „Das ist für mich wie ein Mini-Trainingslager. Ich will schnell wieder in Fahrt kommen.“

Armin Veh hätte Jansen liebend gerne in Hamburg behalten, um mit ihm trainieren zu können, aber Jansen sagt: „Wenn man zu EM-Qualifikationsspielen eingeladen wird, dann geht man da auch hin, das zeugt ja auch von Vertrauen des Bundestrainers. Und ich freue mich darauf, mit dieser jungen Mannschaft, mit der wir so gut bei der WM gespielt haben, den Weg fortsetzen zu können.“

In Frankfurt lieferte Marcell Jansen nicht unbedingt eine Glanznummer ab. Eher war das Gegenteil der Fall. Auch beim 0:1 war er beteiligt, obwohl er sagt: „Es war nicht mein Mann, der da geschossen hat. Ich wollte Joris Mathijsen helfen, der in der Mitte gegen zwei Frankfurter stand, das war für mich die gefährlichere Situation. Und wäre der Ball dann nicht abgefälscht worden, hätte Frank Rost die Kugel wohl mit dem Fuß gestoppt . . . Das war ja ein harmloser Schuss mit der Innenseite.“

Aber auch diesen Rückschlag hat das Team verkraftet. Wie schon in dem überlegen geführten Schalke-Spiel das überraschende 1:1 von Farfan. Ein Hinweis darauf, dass der Teamgeist wieder besser geworden ist (als noch in der vergangenen Saison?). Jansen sagt: „Jedes Jahr ist anders, jedes Trainer-Team arbeitet auch anders. Wir haben jetzt einen kleinen Vorteil, den wir auch nutzen müssen: Wir können uns jetzt die Liga konzentrieren. Diesen Vorteil müssen wir unbedingt nutzen, wir müssen uns auf die Liga konzentrieren. Und dann müssen wir auch in jedem Spiel in der Lage sein, das Glück zu erzwingen. Oder auch stärker sein, um die drei Punkte zu holen. Das war in der vergangenen Saison mit dem internationalen Wettbewerb unheimlich schwer, von daher müssen wir diesen kleinen Vorteil einfach nutzen.“

Aber, noch einmal auf die Frage zurück zu kommen: Gibt es nun eine bessere Stimmung im Team? Marcell Jansen: „Der Charakter der Mannschaft stimmt in dieser Saison, wir haben auch ein bisschen aus der vergangenen Saison gelernt, dass wir nicht gleich wieder sagen, dass alles gut ist. Es ist aber eine Qualität, dass wir nach einem Rückstand ruhig bleiben, um unser Spiel doch noch durchzubringen und noch zu gewinnen. Daran müssen wir aber hart weiter arbeiten, denn es wird viele Mannschaften geben, die noch ins Laufen kommen werden.“

Beruhigend ist da aber zu wissen, dass der HSV schon ins Laufen gekommen ist. Das macht vielleicht auch die Ausgeglichenheit im Team. Wie es das „Duell“ zwischen Aogo und Jansen hinten links gibt, so gibt es solche Zweikämpfe auch auf den meisten Positionen – sogar im Tor. So hat es sich Armin Veh gewünscht. In der vergangenen Woche ging es beispielsweise vor allem darum, ob Paolo Guerrero oder Mladen Petric zentral hinter van Nistelrooy spielt. Der Peruaner setzte sich schließlich (hauchdünn) durch. Und sagt: „Es tut der gesamten Mannschaft gut, wenn es solche Konkurrenzkämpfe gibt, und es tut auch mir gut. Dennoch habe ich keinerlei Probleme mit Mladen, wir verstehen uns trotz allem, er ist ein guter Spieler, er ist ein Knipser, hat eine sehr gute Technik.“

Paolo Guerrero hat viel Selbstvertrauen durch das Spiel in Frankfurt getankt, und er sagt von sich, dass er allmählich wieder zu jenem Rhythmus findet, den er benötigt, um seine Bestleistungen abrufen zu können. Paolo Guerrero: „Wenn du draußen sitzt, so kannst du deinen Rhythmus natürlich nicht finden. Und das Selbstvertrauen leidet auch.“ Selbstkritisch stellte er nach dem Frankfurt-Spiel fest: „Ich habe eine längere Zeit gebraucht, zu meinem Spiel zu finden, aber es wurde gegen Ende besser. Und zum Glück habe ich ja auch noch ein Tor geschossen, das baut mich auf.“

Der HSV-Anhang wird es mit Freude vernehmen.

PS: Dass es heute zwei Beiträge gegeben hat, das liegt an der Tatsache, dass der HSV ja durchaus erfolgreich in die Saison gestartet ist. Da gibt es dann eben eine solche Themen-Vielfalt, und die habe ich kurzerhand mitgenommen. Soll nicht so oft vorkommen, kann aber mal . . .

23.30 Uhr

Veh analysierte in aller Ruhe

29. August 2010

Diese Bundesliga ist irgendwie ja noch eine richtig volle und tolle Wundertüte. Jeder kann jeden schlagen, und sie tun es ja auch. Wie jetzt zurzeit die Gladbacher, die zur Pause 3:1 in Leverkusen führen. Der Spieltag der Auswärtssiege. Der HSV kann zufrieden sein, denn er hat sich noch keinen Ausrutscher geleistet, obwohl es in Frankfurt eine Halbzeit lang so aussah, als könne es dort die erste Saisonniederlage geben. Aber es sah eben nur so aus. „Der Gegner stand gut, lauerte auf Konter, wir haben nicht zielstrebig genug gespielt – das war kein einfaches Spiel“, resümierte Trainer Armin Veh. In wenigen Worten alles gesagt.

Zur Pause, beim 0:1-Rückstand, wurde er aber nicht laut, sondern es wurde in aller Ruhe analysiert. Was läuft falsch, was muss verbessert werden? Das lobten die Spieler nach dem Sieg, es war wohl genau die richtige Strategie. Statt zu meckern, zu schimpfen und ungnädig zu werden, behielt Veh die Übersicht – und legte so den Hebel um. Der Mann müsste mit seiner Art, die Mannschaft zu führen, eigentlich längst die meisten Zweifler in sein Boot geholt haben. Was gab es hier nicht alles an unflätigen Beschimpfungen gegen den Coach. Nicht zuletzt gipfelte es darin, dass „sein Grinsen schon fies“ sei, und dass er allein schon deswegen kein guter Trainer sein könne. Es war schon manchmal unter der Gürtellinie, doch Sieg für Sieg wird Veh seine Kritiker widerlegen. Davon bin ich nicht erst jetzt überzeugt, sondern schon seit Beginn der HSV-Ära Veh. Ist ja alles nachzulesen.

Armin Veh geht seinen Weg. Er ist seit 20 Jahren Trainer, er ist zuletzt in Wolfsburg gescheitert, aber: Welcher Coach scheitert nicht das eine oder andere Mal in seiner Karriere? Wichtig ist doch, daraus seine Lehren zu ziehen, und das scheint Veh gemacht zu haben, unabhängig davon, dass er genau weiß, was er will.

Und was er hat. Beim HSV hat er nun ganz offenbar ein Überangebot an guten Spielern. Für die Führung ein großartiges Zeichen, für die Fans müsste es traumhaft sein, denn wenn sich nun ein Stammspieler verletzten sollte (oder gesperrt ausfallen würde), dann kommt auf jeden Fall ein erstklassiger Ersatzmann, der die entstandene Lücke auch sofort adäquat schließen kann. Was für eine Beruhigungspille für alle HSV-Anhänger.

An diesem Sonntag war Mladen Petric erneut nicht zu sehen. Er fehlte schon beim Spiel in Frankfurt, wurde nicht eingewechselt – und am Sonntag hatte er trainingsfrei. Wieso das? Ärger? Abschied? Nichts von dem. Veh sagt: „Das ist so mit Mladen abgesprochen worden.“ Weil der Kroate am Mittag zur Nationalmannschaft flog. Da passte vorher kein Training in den Terminplan. Es hatte auf jeden Fall nichts mit der Nichtberücksichtigung des Torjägers zutun. Das ist, so Armin Veh, doch ein ganz normaler Vorgang. Es sind 25 Spieler im Kader, elf können nur spielen. Da wird es immer Härtefälle geben Muss es zwangsläufig. Das gibt es nicht beim HSV, das gibt es vor allem auch bei solchen Spitzenklubs wie Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United, FC Arsenal, sogar beim FC Bayern. Dort hat sich ja kürzlich auch ein Vorbildprofi geweigert, auf die Bank zu gehen. Soweit ist es beim HSV zum Glück noch nicht.

Ich habe schon seit Jahren das Gefühl, dass Fußball-Deutschland längst hätte umdenken müssen. Jeder Spieler möchte doch in einer starken Mannschaft spielen, die alle nur möglichen Ziele erreichen will, nur die Ersatzleute, die sollen möglichst so schlecht sein, dass der eigene Stammplatz immer schön hübsch garantiert ist. Wie soll so etwas funktionieren? Und wenn der Stammspieler dann einmal nicht spielen darf, dann ist Schmollen angesagt. Oder Verweigern? Oder noch besser: Die Flucht ergreifen, nur weg zu einem anderen Verein? Was hat das mit einer profihaften Einstellung zu tun?

„Ich mag es ja, wenn ich alle Spieler zur Verfügung habe, ganz klar. Dass es dann natürlich Härtefälle gibt, liegt auf der Hand. Es gibt dann Probleme, es gibt dann Konflikte, und zwar jede Woche, das ist auch klar. Wie soll es denn auch anders funktionieren?“, sagt Veh und fügt noch hinzu: „Jeder ehrgeizige Spieler will doch spielen, dafür habe ich absolutes Verständnis. Ich lebe mit den Konflikten, weil ich die Qual der Wahl habe. Das ist mir lieber, als wenn mir immer fünf, sechs oder sieben Spieler nicht zur Verfügung stehen würden.“

Dass diese Entscheidungen, gute Spieler draußen zu lassen, nicht angenehm sind, das ist ebenso klar. Veh gibt es auch zu. Es geht ihm dabei aber nicht nur um den einen Star, der auf die Bank muss, sondern um alle. Er sagt auch: „Robert Tesche, der über sieben Wochen sehr gut trainiert hat, war diesmal nicht im Kader, und das ist gewiss nicht schön für den Jungen – aber es ging nicht anders.“ Dann sagt Armin Veh auch: „Ich will mit meinen Aufstellungen aber auch keine politischen Entscheidungen treffen, weil die für mich keinen Sinn machen. Jede Nominierung soll und muss für mich Sinn machen.“ Dann geht der HSV-Coach noch ins Detail: „Ich muss das machen, von dem ich überzeugt bin, was am besten für die Mannschaft ist. Wenn man als Trainer mal einen Spieler draußen lässt, der in der Gunst der Fans höher angesiedelt ist, dann kann es schnell einmal Theater geben – aber ich habe keine Lust mehr, politische Entscheidungen zu treffen. Man sieht doch in der Politik, was dabei heraus kommt. Die treffen einige Entscheidungen doch nur, um wieder gewählt zu werden, aber ich habe zu so einem Blödsinn keine Lust.“

Veh gewinnt mit jedem Satz. Unbeirrt zieht er durch, unbeeindruckt von Einflüssen aus seinem engsten Umfeld. Wenn, so habe ich den Eindruck, wenn es Armin Veh einmal nicht mehr in Hamburg gefallen sollte, weil zu viele Leute mitreden wollten (was es bei ihm grundsätzlich nicht gibt), dann würde er auch ohne zu zögern seine sieben Sachen packen und wieder gehen. Realismus und Gradlinigkeit sind bei diesem HSV-Trainer in ganz hervorragender Weise ausgeprägt.

Zu einem meiner HSV-Lieblingsthemen der letzten Jahre, fast möchte ich schreiben: Jahrzehnte. Die Standards, plötzlich klappt es. Zwei Eckstöße retteten den HSV in Frankfurt. Endlich einmal, ich schrieb es bereits am Sonnabend. Wer hat sich in der Vergangenheit nicht alles versucht, einen Eckstoß vernünftig zur Mitte zu befördern? Mehdi Mahdavikia ist für mich das Paradebeispiel, wie man es nicht machen sollte. Bei seinen Bällen hissten die Maulwürfe die weiße Flagge und verließen freiwillig den Volkspark. Und nun bringt sie Ze Roberto zur Mitte, jeder Eckstoß eine super-gefährliche Angelegenheit. Na bitte, es geht doch! Und dann sogar mit einer Kopfball-Verlängerung am kurzen Pfosten, für die Armin Veh Paolo Guerrero ausgeguckt hat.
Was mir dazu einfällt und auch auffällt: Im Training wird diese Variante gar nicht so oft trainiert, wie es nun den Anschein haben könnte. Veh hat bestimmt, wer die Ecken schlägt, und Veh hat auch bestimmt, wohin der Ball zu kommen hat. Das ist das Geheimnis. Den Rest erledigen dann die Spieler. Und zwar ganz hervorragend.

„Wir versuchen es schon zu üben, aber es ist natürlich auch gefährlich, weil jeder dann sehen kann, was man vorhat. Wir versuchen im Training zuerst einmal, bei Eckbällen gut zu stehen, kein Tor zu bekommen. Und es wird dann aber auch trainiert, den Ball auf Paolo zu schlagen. Und der Ball muss dann einfach auch kommen.“ Ganz einfach. So klingt es, Und doch so schwer. Aber gerade bei ganz engen Spielen können Standardsituationen im heutigen Fußball eine entscheidende Rolle spielen. Armin Veh scherzend: „Wenn man dann zwei Standards nutzt, dann kann man später sagen, dass man ein richtige gutes Spiel gemacht hat.“ Schon gegen Schalke hätte ein Ze-Roberto-Eckstoß zu einem Tor führen müssen, denn Heiko Westermann kam aus fünf Metern frei zum Kopfstoß, verzog aber um Zentimeter.

Immerhin, jetzt kann festgehalten werden: Der HSV kann Standards. Weil es einen Ze Roberto gibt. Und der HSV kann auch noch gewinnen. Weil es viele sehr gute Spieler gibt – mehr als elf auf jeden Fall. Und weil der Trainer Vorstellungen hat, die er auch umgesetzt haben will. So darf es doch ruhig noch ein wenig weiter gehen.

PS: Inzwischen hat Mönchengladbach in Leverkusen mit 6:3 gewonnen, und Dortmund führt 1:0 in Stuttgart. Eben: Spieltag der Auswärtssiege. Aber wer kann so etwas tippen?

17.56 Uhr

Ze-Ecken drehten das Spiel

28. August 2010

Was nützt der schönste und längste Ballbesitz, was nützt die tollste Zweikampf-Bilanz – wenn man hinterher mit leeren Händen auf die Heimfahrt geht? Diese Frage stellten sich die HSV-Fans sicherlich zur Pause des Auswärtsspiels bei Eintracht Frankfurt. Der HSV überlegen, aber die Hessen führten 1:0. Unverdient, aber so etwas gibt es eben im Fußball. Zum Glück bewies der HSV Geduld, und fand im zweiten Durchgang auch zu seiner Linie zurück, besann sich auf sein Können – und siegte noch verdient 3:1. So kann es weitergehen, der Saisonstart scheint zu glücken, dem HSV winken offenbar wieder bessere Zeiten, auch wenn zwei Siege in zwei Spielen natürlich noch nichts beweisen. Wie sich das Veh-Team aber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog, das war schon beeindruckend. Die Euphorie hält an, die Welle geht weiter – und es darf jetzt durchaus einige Tage an der Elbe geträumt werden.

Spiele, an denen Maik Franz beteiligt sind, die sind immer ein Graus für mich. So war es auch diesmal. Nach nicht einmal drei Minuten rammte der Frankfurter dem HSV-Kapitän Heiko Westermann mit der Schulter zu Boden. Allerdings lag nicht nur der Hamburger auf dem Rasen, sondern auch Franz. Natürlich. Er zuckte wie ein auf dem Rücken liegender Maikäfer. Schmerzen? Die hätte nur Westermann haben dürfen, aber Franz ist der größte Schauspieler der Liga. Jedes Mal errege ich mich wieder, aber die Schiedsrichter merken es offenbar nicht. Die haben die tollsten Szenen von der WM, in denen Fouls gezeigt werden – aber diese Schauspielerei prangert keiner an, entlarvt auch keiner.

Es geht ja auch umgekehrt. In der 17. Minute prallt Franz auf den Rücken von Ruud van Nistelrooy. Der Hesse wurde garantiert nicht im Gesicht getroffen, aber er hielt sich die Hände an den Kopf – die Betreuer müssen kommen und den Schauspieler pflegen. So könnte man eventuell den Schiedsrichter wieder auf seine Seite ziehen, Motto: „Der arme Franz, der ist ja auch zu bedauern . . .“ Zum Glück gab ihm Felix Zwayer später Gelb (sorry!), als er Jonathan Pitroipa brutal zu Boden schickte. Dass der „Treter“ dann abwinkte, sich auch nicht Gelb zeigen ließ, das war der I-Punkt. Das hätte auch Gelb-Rot nach sich ziehen können, aber der Schiedsrichter beließ es bei der Verwarnung. Es spricht allerdings für Maik Franz, dass er sich nach dem Gelb zurückhielt, nicht mehr foulte und somit auch nicht vom Platz gestellt wurde.

Aber es gab ja noch etwas Wichtigeres: Fußball. Der HSV hatte, so schien es in der ersten halben Stunde, alles im Griff. Der Ball wurde gehalten, der Ball wurde nach Belieben erobert, Frankfurt schon weit vor dem HSV-Strafraum abgewehrt. Dieses Spiel, so dachte ich bei mir, kann der HSV gar nicht verlieren, zu klar sind die Verhältnisse auf dem Rasen geregelt. Aber: Nicht nur ich habe mich einlullen lassen, auch die HSV-Mannschaft ging der Eintracht auf den Leim.

Teilweise wurde beim HSV viel zu pomadig, mal viel zu kompliziert, mal zu bieder und hausbacken, oft viel zu überheblich nach vorne gespielt. Das war fast schon aufreizend arrogant. Motto: „Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Im Zweifel wurde auf jedes Risiko verzichtet, dann wurde der Ball eben mal zurück gespielt. Wir haben ja alle Zeit der Welt.“ So, das muss deutlich festgestellt werden, spielt keine Bundesliga-Spitzenmannschaft. Oder doch? Weil man erst den Gegner toben lässt, der wittert sich in Sicherheit – und dann schlägt man zu? Zum Glück dauerte auch das Spiel in Frankfurt nicht nur 45 Minuten.

Wobei es in Halbzeit eins nicht nur daran krankte, dass der Aufbau viel zu lahm war, es krankte auch im Nachrücken und vor allem an der Präzision der Zuspiele. Gab es doch einmal Flanken oder Eingaben von den Flügeln (die gab es viel zu selten!), dann fanden sie nie einen Hamburger. Wahnsinn! Eljero Elia begann gut, war aber nach 15 Minuten bis zu seiner Auswechslung in der 60. Minute nicht mehr zu sehen. Was ist da los? Das war hart an der Grenze zum Totalausfall. Rechts legte Pitroipa ebenfalls mächtig los, beim ihm dauerte der „Anfall“ auch etwas länger, aber es kam auch bei ihm letztlich nichts Produktives heraus. Im Gegenteil, als er seine „Hundertprozentige“ in der 26. Minute vergeben hatte (freistehend mit links aus 15 Metern über das Tor), schien er innerlich wieder von Zweifeln geplagt, danach gelang nichts mehr.

Ein leidiges Thema ist auch der Schwung, der von hinten über die Flügel kommen soll. Und nicht kommt. Marcell Jansen nehme ich noch halbwegs in Schutz, er ist nicht bei 100 Prozent, kann es noch nicht sein, deswegen muss er sich seine Kräfte einteilen, verzichtet wohl auch deshalb auf Flankenläufe. Guy Demel aber deutete gegen Schalke an, dass er es doch viel, viel besser kann – und dann dieser Rückschritt in Frankfurt. Nicht eine Szene in der ersten Halbzeit, das spielte er „Verstecken“. Wenn er so spielt, dann kann da auch ein Amateur spielen, der ist sicher nicht schlechter. Ich erhoffe, nein, ich erwarte von Armin Veh, dass er das seinem Mann von der Elfenbeinküste vermitteln kann: Da muss viel, viel mehr kommen. Es kann doch nicht sein, dass Demel kaum einmal flankt. Und wenn er flankt, dann sind es in der Überzahl Rohrkrepierer, mit denen kein Hamburger etwas anzufangen versteht. Erst in der 67. und 68. Minute hatte Demel zwei halbwegs gute Szenen auf dem rechten Flügel, als zweimal die Bälle auch tatsächlich zur Mitte kamen.

Aber es lag ja nicht nur an den vier (!) Flügelspielern. Paolo Guerrero hatte den Vorzug gegenüber Mladen Petric erhalten, aber der Peruaner konnte seine Nominierung nicht rechtfertigen. Kaum einmal eine Idee, kaum einmal Tempo, kein Zusammenspiel mit Ruud van Nistelrooy, kein Spiel in die Spitze – meistens nur quer und zurück. Ich hatte auch das Gefühl, dass Guerrero der Verantwortung einige Male aus dem Wege ging, Motto: „Nimm du den Ball, Kollege, ich hole Verpflegung.“ Schade, denn in den ersten Testspielen (gegen klassentiefere Klubs!) hatte er durchaus überzeugt. Und in der Schlussphase konnte Guerrero dann ja auch noch einiges von seinem Können zeigen. Zum Glück für ihn, zum Glück für den HSV.

Vorne wartete van Nistelrooy bis kurz vor dem Halbzeitpfiff vergeblich auf ein vernünftiges Zuspiel, die Mitspieler schienen ihn erst gar nicht zu suchen. Kapitulation vor der übermächtigen Frankfurter Defensive? Mir tat der Niederländer sehr leid, denn er hing in der Luft, fand mit seiner Gefährlichkeit lange gar nicht erst statt. Aber ein „Van the man“ wäre kein Weltstar, wenn er in solchen Spielen und Situationen aufgegeben hätte. Auch diesmal biss er. In der 81. Minute war er da, als er benötigt wurde. Eckstoß von Ze Roberto, Kopfballverlängerung am ersten Pfosten von Guerrero, dann köpfte „Rudi“ ein. Traumhaft – 2:1.

Und wer genau gelesen (oder gesehen) hat: Zwei Eckstöße führten zur Führung. Endlich kann es der HSV, endlich. Nach jahrelanger Flaute geht es plötzlich. Ihr erinnert Euch: Veh hatte vor einigen Tagen auf diese Eckstöße hingewiesen. Und sagte (auch mit ein wenig Stolz in der Stimme): Ze gibt diese Bälle super nach innen, und vorne kann Paolo diese Bälle wunderbar verlängern.“ Genau so war es, ganz genau so! Und ich predige es schon seit einem Jahr und länger, dass es genau so gehen kann. Und muss. Endlich, endlich, endlich.

Immerhin, das muss generell festgehalten werden, ging es im zweiten Durchgang schneller nach vorne. Bei beiden Teams. Der HSV war weiter tonangebend, und er schaffte auch den verdienten Ausgleich. Eckstoß Ze Roberto, Kopfball Joris Mathijsen, Tor, 1:1 (60.). Der Niederländer belohnte sich damit für eine erneut erstklassige Leistung. Seinem Nebenmann Westermann hätte ich das auch sehr gerne bescheinigt, doch was war das für ein haarsträubender Fehler in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Da schlug der Kapitän glatt am Ball vorbei, so dass der ehemalige Hamburger Alex Meier die „Hundertprozentige“ zum 2:0 auf dem linken Fuß hatte, aber er schoss vorbei.

Für den Schlusspunkt sorgte Guerrero. Das zweite Tor vorbereitet, das dritte selbst gemacht. Einen Abschlag des sicheren und guten Frank Rost bekam der Peruaner gut unter Kontrolle (mit der Hand?), Köhler sah ganz schlecht aus – und „Paolo“ schoss den Ball hoch in den langen Winkel – 3:1 (89.). Und nur noch Jubel.

Einen kurzen Satz kann ich mir zum Schluss dann doch nicht verkneifen: Immer wieder werde ich ja dafür getadelt, dass ich Piotr Trochowski mit guten Leistungen im Training lobe. Das wird auch künftig so sein, wenn ich gute Leistungen von ihm sehe, denn ich sehe nicht ein, das zu verschweigen, nur weil es einigen von Euch in den Kram passt. Armin Veh denkt übrigens genau so wie ich, denn er wechselte „Troche“ in der 60. Minute ein. Veh so „blind“ wie „Jogi“ Löw? Entscheidet selbst. Ihr seid die Experten.

PS: Auf Sky sagte Sportchef Bastian Reinhardt, er befürchte, dass der HSV kein Geld für einen Transfer von Rafael van der Vaart habe. Ich befürchte das schon seit Monaten, es ist nur schön, dass es nun einmal offiziell bestätigt wurde. Leider. Aber so ist nun einmal die Realität. In diesem Fall bitte ich alle HSV-Fans, nicht mehr zu träumen. Aber in Sachen Liga-Spitze darf natürlich ganz kräftig geträumt werden.
Nur der HSV!

17.42 Uhr

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