Tagesarchiv für den 31. Juli 2010

HSV 1:2 – die Müdigkeit siegte

31. Juli 2010

Der Cup kann nicht mehr verteidigt werden. Der ohne sieben Stammspieler angetretene HSV verlor im “Liga-total-Cup” gegen die ebenfalls ersatzgeschwächten Schalker mit 1:2. Das Fazit von HSV-Coach Trainer Armin Veh: „Es war ein guter Test vor Bundesliga-Kulisse für uns. In der ersten Halbzeit war Schalke besser, aber Ruud van Nistelrooy machte aus einer Chance ein Tor. Das zeigt die Klasse von Ruud, das Tor macht nicht jeder. Nach vorne haben wir wenig gemacht, das hat mir nicht so gut gefallen. In der zweiten Halbzeit haben wir kombiniert, haben besser nach vorne gespielt, hatten Chancen, aber dafür haben wir dann hinten nicht gut gespielt. Das jedoch ist nicht verwunderlich, denn es fehlen ja die Spieler für hinten links. Robert Tesche hat ja noch nie im Leben hinten links gespielt. Insgesamt sieht man und sah man, dass wir noch in der Vorbereitung stecken.“

In 20 Jahren wird sich Heung Min Son bestimmt an diesen 31. Juli 2010 in Gelsenkirchen erinnern. „Man“, wird er sich sagen, „man war ich damals auf Schalke schlecht. Ich habe kein Bein vor das andere setzen können, was ich auch anstellte, es ging daneben. Ich war übernervös, alles lief an mir vorbei, wirklich alles. Und dennoch war dieses Spiel so wichtig für mich. Es war mein erstes vor einer so großen Kulisse. Der Trainer hatte mir das Vertrauen geschenkt, die Mitspieler gaben mir jegliche Unterstützung – nur ich konnte es nicht raffen. Aber danach ging es dann richtig los. Über 300 Bundesliga-Spiele, fast 150 Tore . . .“ Auf Schalke spielte Son nur 30 Minuten, dann wechselte ihn Trainer Armin Veh aus.

Zur Pause gab es in der Veltins-Arena Beifall, wenn auch verhalten. Die Zuschauer waren ja auch schon mit wenig zufrieden. Endlich wieder ein Hauch von Bundesliga, wenn es diesmal auch noch nicht um Punkte ging, wenn auch nur zweimal 30 Minuten gespielt wurden. Hauptsache Fußball. Obwohl es streckenweise so überhaupt nicht nach Spitzen-Fußball aussah. Für den HSV nutzte Ruud van Nistelrooy einen anfängerhaften Rückpass von Heimkehrer Christoph Metzelder zum frühen 1:0 (5.), danach wurde der Vorsprung „verwaltet“. Bis auf diese Szene hatte der HSV in der Offensive nichts mehr zu bieten – null. Der Ball wurde hin und her geschoben, selten einmal nach vorne gespielt, obwohl van Nistelrooy mehr als einmal andeutete, in die Gasse laufen zu wollen. Und Son, der übrigens auf der Spielerliste als „San“ angekündigt worden war, ebenfalls. Es war aber vieles Stückwerk, von Harmonie in den einzelnen Mannschaftsteilen keine Spur. Die harte Vorbreitung war jedem Hamburger mehr als deutlich anzumerken.

Aber: Jedes Spiel hilft. Das hatte Veh vorher gesagt. Und das trifft nicht nur auf Son zu, sondern auch auf jeden anderen HSV-Profi. Zähne zusammenbeißen und durch. So weit es geht jedenfalls. Bei Mladen Petric (Knie) und Paolo Guerrero, der muskuläre Probleme im Oberschenkel hat, ging es nicht. Obwohl, so sagte es mir Medien-Chef Jörn Wolf, es handelte sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ein Bundesliga-Spiel angestanden hätte, dann hätten beide wohl spielen können.

In der ersten Halbzeit war es einzig Torwart Frank Rost zu verdanken, dass die Null hinten stand. Der Keeper unterstrich seine sehr gute Verfassung, die er schon im Trainingslager in Längenfeld gezeigt hat. Ansonsten siegten Müdigkeit und Plattheit über den Willen.

Dennis Diekmeier hatte hinten rechts arge Probleme, konnte nach vorne keinerlei Akzente setzen – da muss noch viel, viel mehr kommen. Innen zeigte sich Guy Demel ungewohnt nervös, er hätte viel von seiner Routine leben können, aber er tat es nicht. Die Frage, die ich mir stelle: wieso nicht? Ist ihm innen die Verantwortung zu groß? Der Ex-Schalker Heiko Westermann, vor dem Anpfiff von Trainer Felix Magath mit einem großen Blumenstrauß verabschiedet, spielte solide, aber noch lange nicht in Bestform. Hinten links durfte erneut Ze Roberto sein Können zeigen, und das machte er gelegentlich richtig gut. Selbst die Defensiv-Aufgaben verrichtete er zufrieden stellend. Mehr als nur ein Notnagel? Wohl kaum, wenn erst Marcell Jansen und Dennis Aogo wieder mit von der Partie sind. Aber dennoch ein gelungenes Experiment.

Vor der Viererkette ackerten David Jarolim und Tomas Rincon. „Jaro“, der ehemalige Kapitän (diesmal trug wieder Ze Roberto die Binde), gehörte für mich schon in Halbzeit eins zu den besten Hamburgern, auch wenn ihm längst nicht alles gelang. Nach dem Spiel war er für mich dann der Beste. Weil er viel lief, weil er etliche Bälle erobert, weil er viele Löcher gestopft hatte. Bei Rincon wechselten Licht und Schatten in munterer Reihenfolge, er fiel aber für mich sicher nicht ab.

Die Dreierkette hinter der Spitze spielte mit Son, Gojko Kacar und Jonathan Pitroipa. Über Son ist bereits alles geschrieben worden. Einen Formanstieg gab es bei Kacar zu konstatieren, der Serbe war diesmal drin im Spiel, ging aggressiv zur Sache, half in vielen Szenen seinen Nebenleuten – das war okay. Pitroipa hatte etliche gute Szenen im Dribbling, die gute Verfassung, die ihm Armin Veh in Längenfeld attestierte, war ihm deutlich anzusehen. Zumal darf nicht übersehen werden, dass er leicht angeschlagen ins Spiel ging, denn in Österreich hatte er sich nach einem Tritt von Demel eine Knöchelverletzung zugezogen. Pitroipa aber wird, wenn er 100 Prozent abrufen kann, sicher ein gefährliche „Waffe“ des HSV.

In der Spitze hing Ruud van Nistelrooy, der sich zwar ständig anbot, der die Kugel auch oft (vergeblich) forderte, oft in der Luft, er bekam kaum Zuspiele – den besten Pass erhielt er noch von einem Schalker (Metzelder).

In der zweiten Halbzeit kamen Collin Benjamin (für Diekmeier), Robert Tesche (für Rincon) und Romeo Castelen (für Son). Der HSV wurde offensiver, ging mehr Risiko, hatte ein, zwei Chancen – aber Schalke schoss die Tore. Als Tesche und Benjamin nicht gerade glücklich standen, schoss Edu den Ausgleich (42.). Und beim 2:1-Siegtor der Schalker, vom gerade eingewechselten Jones erzielt, sah Rost bei diesem Schuss aus 25 Metern denkbar unglücklich aus – aber er schimpfte auf seine Vorderleute. Wohl deshalb, weil die dem Schuss tatenlos zugesehen hatten. Dennoch: haltbar. Kommentar Veh: „Frank war dennoch sehr präsent, dieser Fehler ärgert ihn mehr als mich.“ Aber der Fehler ersparte dem immerhin HSV ein Elfmeterschießen. Und am Sonntag darf die Mannschaft auch eher die Heimfahrt antreten.

Die letzten Wechsel des HSV: In der 47. Minute kam Eric-Maxim Choupo-Moting (für Pitroipa), und in der 50. Minute kam David Rozehnal für Westermann. Von allen eingewechselten Spielern hatten Benjamin und Choupo-Moting noch die besten Szenen.

18.44 Uhr