Tagesarchiv für den 29. Juli 2010

Siegenthaler ohne Ende – und der große Ze

29. Juli 2010

Die Wellen schlagen hoch. Selbst in den österreichischen Bergen. Noch sind wir in Längenfeld, aber Urs Siegenthaler und seine Absage sorgen auch hier für tolle Stimmung. Die Wipfel vibrieren. Überall Fassungslosigkeit, Kopfschütteln, Enttäuschung, Ratlosigkeit. Wie konnte das geschehen? Es ist Wahnsinn, aber dieser Wahnsinn ist Realität.

Alle rätseln sie über ein Wort: warum? Und keiner hat eine Erklärung, denn die wird es wohl nie geben. Viele Vermutungen ziehen hier eine Runde nach der anderen. Hat Siegenthaler am Ende . . ? Nicht wenige nicken bei dieser Antwort. Es ist doch auch so: Vor dieser WM gab es nicht wenige Experten in Deutschland, die nach dieser WM das Ende für Bundestrainer Joachim Löw als fast beschlossen angesehen haben. Urs Siegenthaler, der beim DFB auf Honorar-Basis arbeitet, hatte seine Zukunft schon gesichert. So oder so. Er konnte beim DFB bleiben, wenn Löw bleiben sollte. Er hatte beim HSV eine Festanstellung, falls Löw gekippt werden sollte. Alles allerbest.

Und dann, vier Tage vor Dienstantritt in Hamburg, dieser Aufstand? Zufall? Ich kann, nein, ich will das nicht glauben. Darf ich Euch einmal schreiben, was Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, immerhin ein ehemaliger HSV-Profi, am 16. Februar wörtlich gesagt hat: „Ich freue mich für Urs Siegenthaler, dass er diese unglaublich spannende Aufgabe beim HSV übernehmen wird und gratuliere dem HSV zu dieser Entscheidung. Urs Siegenthaler hat mit seiner analytischen Arbeit wesentlich zum Erfolg der Nationalmannschaft beigetragen. Wir freuen uns, dass er uns zu 50 Prozent weiterhin zur Verfügung stehen wird.“

Ich muss dazu sagen, dass ich exakt 50 Prozent nicht lesen konnte, weil die Kopie dort eine Fehler hat. Aber egal, ob es 50, 60 oder 40 sind, Bierhoff hat diese HSV-Zusammenarbeit abgenickt – an jenem 16. Februar 2010.

Mehr möchte ich zu diesem Thema gar nicht sagen – im Moment jedenfalls nicht. Die Ereignisse hatten sich heute gegen 19 Uhr überschlagen, ich war gerade dabei, einen Bericht über Ze Roberto zu fertigen. Den lasse ich nun so einfließen, wie er vor 19 Uhr noch gedacht war:

Ze Roberto ist ein ganz streng gläubiger Mensch. Das weiß fast jeder HSV-Fan. Fußballer aber sind fast alle auch – mehr oder weniger – mit dem Aberglauben im Bunde. Auch der Brasilianer. Als er in Längenfeld zum Abschluss des Trainingslagers über die neue Saison sprach, wünschte er sich Erfolg für die Mannschaft. Und für sich: „Dass ich so gut spiele wie im vergangenen Jahr – ich mir nur keine schwere Verletzung mehr einfange.“ Bei diesen Worten klopfte er dreimal auf den Holztisch, an dem er saß. Hoffen wir mit ihm, denn einen gesunden und absolut fitten Ze Roberto kann der HSV sicher sehr gut gebrauchen, auch wenn dieser geniale Fußballer inzwischen schon 36 Jahre alt ist. Der Mann trägt Trikot-Größe S, an dem ist kein Gramm Fett zu sehen: Waschbrettbauch.

Dafür tut er etwas. Etwas? Sehr viel sogar. Er sagt: „Ich habe noch nie in meiner Karriere eine so lange, harte Vorbereitung mitgemacht, das sind schon sechs Wochen. Und noch immer keine Ende.“ Ze Roberto klagt aber nicht, er weiß, wofür er sich quält: „Wir haben Ziele. Genau dieses harte Training brauchen wir dafür. Und ich brauche es auch, ich bin kein junger Spieler mehr. Aber ich fühle mich besser denn je.“

Dazu passt, dass er den Spaß um Fußball wieder neu entdeckt hat. Ihm wurde in der vergangenen Saison ein nicht gerade gutes Verhältnis zu Trainer Bruno Labbadia nachgesagt, und der „große Ze“ leugnet es auch gar nicht. „Meine Motivation ist wieder groß. Wir haben jetzt wieder Lust am Fußball, diese Lust ist in der vergangenen Saison etwas zu kurz gekommen“, sagt er. Und ergänzt: „Wir spielen ein neues 4:2:3:1-System, das finde ich sehr gut. Und wir haben jetzt einen Trainer mit großer Erfahrung. Das ist sehr wichtig bei so einer jungen Mannschaft, wie wir sie haben.“

Ze blickt der neuen Saison uneingeschränkt optimistisch entgegen: „Wir haben durch die Neuzugänge mehr Qualität, davon bin ich überzeugt. Die Möglichkeit ist groß, dieses Jahr einen Titel zu gewinnen, und das ist mein großes Ziel.“

Eventuell gelingt auf Schalke am Sonnabend und Sonntag schon ein kleiner Achtungserfolg. Beim „Liga-total-Cup 2010“, der für den HSV morgen (16.45 Uhr, Sat1 überträgt live) mit dem Spiel gegen Magaths Schalke 04 beginnt. 60 000 Zuschauer werden in der Veltins-Arena erwartet, im zweiten Halbfinale stehen sich der FC Bayern und der 1. FC Köln gegenüber.

Schalke könnte übrigens mit Neuzugang Raul von Real Madrid antreten. Mit ihm hat Ze Roberto einst in Spanien in einem Team gespielt. „Raul ist ein großer Gegner. Er macht die Liga attraktiver und die Konkurrenz um den Bundesliga-Torschützenkönig größer.“ Die Wolfsburger Edin Dzeko und Grafite hat Ze Roberto auch auf dem Zettel, wenn es um die Krone geht, und seinen persönlichen Topfavoriten: HSV-Stürmer Ruud van Nistelrooy: „Ich glaube und hoffe, dass Ruud es schaffen wird.“ Dann scherzt Ze Roberto zum Abschluss noch ein wenig: „Oder ich werde es.“

Der HSV und sein Anhang hätte sicher nichts dagegen einzuwenden.

So, es ist nun kurz vor Mitternacht, um 5 Uhr wird aufgestanden, dann zum Flughafen München gefahren – und ab nach Düsseldorf. Ihr werdet an diesem Freitag etwas länger warten müssen, denn es geht erst weiter ins Hotel nach Gelsenkirchen. Dort wird geschrieben – also bitte etwas Geduld. Es wird, so viel kann ich schon verraten, das Resümee von Armin Veh nach diesem Trainingslager in Längenfeld geben. Es kann aber, noch einmal, spät werden.

23.43 Uhr

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