Tagesarchiv für den 27. Juli 2010

Ein Petric-Tor war zu wenig

27. Juli 2010

Um es kurz zu erklären: Es gab große Sendeschwierigkeiten, ich musste die 130 Kilometer von Schwaz bis nach Längenfeld “zurückfliegen”, um aus dem Hotel senden zu können – hier bin ich, hier ist der Bericht:

Das war ein echter Härtetest. Vor allen Dingen, weil der Zweitliga-Vertreter München 1860, zuvor noch 1:1 gegen Borussia Dortmund spielend, schön zur Sache ging. Da wurden die Stöcker der HSV-Profis von oben nach unten abgeklopft, und zwar ganz gehörig. Wie in einem Punktspiel. Dass es am Ende nur ein leistungsgerechtes 1:1 gab, war zwar ein kleiner Schönheitsfehler, aber der HSV wird es verkraften. Das Spiel war recht munter, und die Veh-Truppe wird ab jetzt wissen, dass sie mehr tun muss, wenn sie auf ehrgeizige Gegner trifft. Vor 3000 Zuschauern, unter ihnen HSV-Aufsichtsrat Alexander Otto, der zurzeit in Südtirol urlaubt, fand der HSV nie zu einer Geschlossenheit, da griff noch kein Rädchen ins nächste, vieles blieb Stückwerk – und ganz sicher machte sich auch die Trainingsarbeit dieser Tage bemerkbar. Zudem fehlte der müde Ruud van Nistelrooy.

Der HSV trat mit veränderter Mannschaft und neuem System an: Armin Veh ließ, wie es Medien-Chef Jörn Wolf hier mittags bei „Matz ab“ verraten hatte, im 4:4:2 mit Raute spielen. Die Aufstellung: Drobny; Diekmeier, Demel, Westermann, Tesche; Kacar, Rincon, Jarolim, Ze Roberto; Guerrero, Petric. Im Mittelfeld übernahm Tomas Rincon den defensiven Part, Ze Roberto spielte hinter den beiden Spitzen, David Jarolim, der zu den besten Hamburgern gehörte, versuchte sich über links, Gojko Kacar über rechts. Von Harmonie war – fast möchte ich sagen natürlich – noch nichts zu erkennen.

Das traf auch für die Viererkette zu. Dennis Diekmeier hatte Licht und Schatten in seinem Spiel, das Licht allerdings überwog, denn aufgrund seiner Schnelligkeit konnte der Verteidiger so manches Loch, das sich im Defensivverbund auftat, noch gerade rechtzeitig schließen. Links ist Robert Tesche selbstverständlich nur eine Notlösung, aber der Mittelfeldspieler, der auf mich schon relativ fit wirkt, zog sich dennoch achtbar (bis gut) aus der Affäre, er hatte besonders in der Offensive viel versprechende Szenen (Vorlage zum 1:0).

Das neue Duo in der Innenverteidigung, Guy Demel und Heiko Westermann, konnte mich nicht überzeugen, das passte es zwischen den beiden „Bären“ nicht immer, von gegenseitiger Hilfe oder Unterstützung war noch nicht viel zu erkennen, für meine Begriffe standen sie auch zu oft zu weit auseinander. Aber das ist wohl eine (kurze) Sache der Eingewöhnung. Demel wird, falls er weiter auf dieser Position zum Einsatz kommen will (kommen wird), sich auf mehr Schnelligkeit ein- und umstellen müssen. Westermann schien mir besonders in der Anfangsphase von der Aggressivität und der Spritzigkeit der Löwen etwas überrascht zu sein, eventuell hatte der ehemalige Schalker doch mehr auf ein „Freundschaftsspiel“ gehofft.

Ein kurzer Blick noch nach vorn: Petric schoss sein Tor, hatte noch eine kleinere Kopfballmöglichkeit (die aber kein Tor werden musste!), aber das war es auch schon. Ein Zusammenspiel mit Sturm-Partner Paolo Guerrero fand kaum einmal statt, auch sie versuchten sich beide mehr als Einzelkämpfer, statt es gemeinsam zu versuchen. Überhaupt schien mir Guerrero noch gedanklich zu sehr an seiner „Traum“-Rolle als Spielgestalter zu hängen, er ließ den energischen Zug zum Tor vermissen, ließ sich auch oft ein wenig zu weit Richtung Mittellinie zurück fallen.

Zum Spiel in Halbzeit eins: Nach der frühen Führung des HSV sah es zunächst nach einem Hamburger Spaziergang aus: Freistoß aus halblinker Position von Robert Tesche, Kopfball Mladen Petric – 1:0 (5.). Das war noch Spaß, aber die Münchner zeigten sich danach enorm bissig, wirkten spritzig, aggressiv und lauffreudiger.

Beifall wie nach einem Tor gab es in der 22. Minute für Dennis Diekmeier, der einem schier uneinholbaren Kacar-Pass dennoch nachging, die Kugel auch noch erreichte – und einen Eckball herausholte. Die neuen Kollegen des ehemaligen Nürnbergers kannten diese Spurtschnelligkeit offenbar noch nicht, oder sie trauten ihm noch nicht ganz, denn alle waren sie an der Mittellinie stehen geblieben. Diekmeier aber holte sich den Ball in überragender Manier, und ich erinnerte mich in diesen Sekunden daran, was Sportchef Bastian Reinhardt kürzlich über den Verteidiger gesagt hatte: „Er hat eine brutale Schnelligkeit.“ Stimmt.

Die Abstimmungsprobleme in der Abwehr des HSV waren unübersehbar, offenbarten sich nach einem Freistoß für die Münchner in eklatanter Form: Der Löwe Buck kam fünf Meter vor dem HSV-Gehäuse frei zum Kopfball. Eigentlich hätte es 1:1 stehen müssen, doch der Münchner köpfte drüber (27.). Niemand hatte sich für den großen Abwehrspieler zuständig gefühlt.

Chancen für den HSV waren rar, in der 37. Minute hätte es aber durchaus 2:0 stehen können: Konter über rechts von Guerrero, Querpass auf Jarolim, doch dessen Roller prallte nur an den Pfosten, und dann hatte Torwart Kiraly den Ball. Kurz vor der Pause hatten die Münchner nach einem Westermann-Fehlpass die große Chance zum Ausgleich, Nsereko kreuzte (fast) frei vor Drobny auf, schoss aber daneben. Seitenwechsel.

Der HSV spielte dann in Halbzeit zwei mit Heung Min Son und Romeo Castelen für Jarolim und Rincon. Ein Zeichen für Eric-Maxim Choupo-Moting? Dass der junge Son vor ihm eingewechselt wurde, könnte darauf hindeuten, dass Son schon dicht zu den arrivierten Spielern aufgerückt ist. Völlig berechtigt, ganz nebenbei. Zwei weiter Wechsel beim HSV dann in der 59. Minute: Westermann und Demel gingen, es kam das neue Innenverteidiger-Duo Collin Benjamin und David Rozehnal. Kacar nahm die Position von Rincon ein, Castelen kam über rechts, Son spielte links und legte in der 63. Minute mustergültig auf Petric ab, der freistehend das 2:0 vergab. Es war seine letzte Aktion, der Kroate wurde mit viel Beifall in die Kabine begleitet, für ihn kam Choupo-Moting (65.).

Im zweiten Durchgang bewegte sich Guerrero deutlich besser, und auch Kacar kam zentral deutlich mehr zur Geltung, ohne allerdings restlos überzeugen zu können, In den ersten 45 Minuten war das Spiel doch weitgehend am serbischen Neuzugang vorbeigelaufen.

Und, ich muss es wieder einmal sagen: Diesen Heung Min Son spielen zu sehen, ist ganz einfach ein Genuss. Der Koreaner wird für zusätzliche Stimmung im HSV-Angriff sorgen, weil er allen „großen“ Kollegen Feuer von der Bank aus machen wird. Zwei weitere Auffälligkeiten: Jaroslav Drobny zeigte eine ausgezeichnete Leistung zwischen den Pfosten, und der eingewechselte Castelen wirkte shcon viel selbstbewusster als noch bei seinem Comeback in Reutte. Der Niederländer riskierte Dribblings und hielt körperlich einige Male voll dagegen.

Apropos dagegen: In der 74. Minute war Rozehnal nicht in der Lage, den sprintenden ehemaligen HSV-Profi Benny Lauth zu bremsen, ein Querpass auf Leitner – Tor, 1:1. Aber: Wie sich der Tscheche bei seinem vergeblichen Grätschversuch anstellte, das hatte schon tragische Züge. Erst schüttelte Trainer Veh nur den Kopf, dann verharrte sein Blick für einige Sekunden nur auf dem Sündenbock: Rozehnal. War es die Fassungslosigkeit? Und: Waren es die Sekunden, in denen der Innenverteidiger Nummer drei auf die Position Nummer vier oder gar fünf rutschte?

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Henrik Dettmann und Lennard Sowah noch für Diekmeier und Ze Roberto eingewechselt worden sind (85.). Und dass der starke (und erst eingewechselte) Benny Lauth in der 89. Minute freistehend nur das Lattendreieck des HSV-Tores traf, es hätte eigentlich das 2:1-Siegtor für die Münchner sein müssen.

23.45 Uhr

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