Tagesarchiv für den 25. Juli 2010

Interview mit Ruud van Nistelrooy

25. Juli 2010

Er ist in seiner sagenhaften Karriere Meister der Niederlande, Meister Englands und auch Spaniens geworden – der Titel des deutschen Fußball-Meisters fehlt ihm, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Rudgerus Johannes Martinus van Nistelrooy, der auf der Welt nur als Ruud van Nistelrooy bekannt ist, wurde am 1. Juli 34 Jahre alt, aber er ist heiß, er brennt noch, er will es noch einmal wissen. Und er will mit dem HSV noch Erfolge feiern, mindestens einen Titel gewinnen. In dem nun folgenden Interview spricht der Weltstar, der einst für den PSV Eindhoven, Manchester United und Real Madrid viele, viel Tore erzielte, unglaublich offen, ehrlich und äußerst sympathisch über sich, seine Laufbahn, seine Vereine, seine Rückschläge, seine Erfolge, seine Ziele und sein derzeitiges Befinden.

Frage: Ruud, wie ist im Moment das Befinden, wie geht es nach dem bislang harten Vorbereitungs-Training?
van Nistelrooy: Es geht eigentlich super, es gibt keine Probleme. Ich hatte Urlaub, ich habe trotzdem gut trainiert, ich habe mich erholt – und jetzt geht es mir gut. Ich trainiere und kann jeden Tag weitermachen – das ist für mich fantastisch.

Frage: Fühlen Sie sich so gut wie seit Jahren nicht mehr?
RvN: Ich habe ja seit zwei Jahren keine richtige Vorbereitung gehabt. Und ich kam im Winter zum HSV, hatte zwar eine Basis, aber ja keine vernünftige Vorbereitung. Jetzt hoffe ich auf eine ganze Vorbereitung, damit es eine gute Saison wird.

Frage: Was ist eine gute Saison für Sie?
RvN: Dass ich spiele, dass es gut wird für die Mannschaft, dass ich eine ganze Saison lang fit bleibe. Wenn ich gesund war, dann war ich normalerweise wichtig für meine Mannschaft, und ich hoffe, das ist auch hier der Fall.

Frage: Hoffen Sie darauf, Ihr alte Form zurückgewinnen, dass Sie auch Ihre alte Tor-Quote wieder erreichen können?
RvN: Ja, natürlich. Es gibt Erwartungen von außen, und es gibt meine persönlichen Erwartungen – die sind eigentlich gleich. Mein Ziel ist es in jedem Spiel, gut zu sein und meine Tore zu machen, und ich habe für diese Saison das Gefühl, dass ich auch viel mehr Stürmer spielen werde, als letzte Saison.

Frage: Ja, in der vergangenen Spielzeit mussten Sie ja ab und zu ziemlich weit zurück . . .
RvN: Ab und zu? Aber das ist natürlich eine andere Geschichte, darüber will ich jetzt nicht mehr sprechen. Bei der Taktik, die zum Beispiel der HSV und auch Holland spielen, nämlich 4:2:3:1, da bist du Stürmer. Da muss man auch keine Angst haben, dass man kein Stürmer mehr ist.

Frage: Ihre Torquote war trotz der fehlenden Vorbereitung ja doch noch enorm: Elf Einsätze, fünf Bundesliga-Tore. Das gibt die Hoffnung, dass es in dieser Saison doch noch besser laufen kann und wird, oder?
RvN: Die Erwartungen, als ich zum HSV kam, waren natürlich anders, aber ich war dennoch überrascht, dass es noch einige Tore gab. Meine Erwartungen waren sehr hoch, aber ich wusste auch, von wo ich kam. Ich war ja lange Zeit verletzt. Von daher muss ich zufrieden sein, dass ich noch so viele Einsätze geschafft habe und auch noch einige Tore.

Frage: Was haben Sie für einen Eindruck von der neuen HSV-Mannschaft, die gerade in diesen Tagen zusammengestellt wurde?
RvN: Ich denke, dass wir einen sehr kompletten Kader haben, mit viel Qualität, bislang sind alle fit – wenn wir das so halten können, dann haben wir eine sehr gute Mannschaft. Das müssen wir dann auch umsetzen, dann macht es auch Spaß und Lust, in einem solchen Team zu spielen.

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass Sie wegen der verkorksten Saison noch etwas gerade rücken müssen?
RvN: Natürlich, das nehmen wir mit in diese Spielzeit. Die drei Monate, die ich hier war, die waren nicht so wie gedacht, das war eine große Enttäuschung. Für uns, für die Fans, für alle. Jetzt beginnen wir bei Null, wir haben eine neue Chance, den HSV dorthin zu bringen, wohin er auch gehört – nach ganz oben.

Frage: Werden Sie auch verbal mithelfen, werden Sie Ihre Kollegen einschwören auf diese Ziele und auf diese neue Saison?
RvN: Nein, das ist, so glaube ich, nicht nötig. Ich denke, das hat der Trainer einfach geklärt, das hat er schon rüber gebracht auf alle Spieler. Ich denke nicht, dass die Mannschaft noch weitere Motivation braucht, der Trainer ist ganz offen, ganz klar in seinen Ideen. Und er hat der Mannschaft Struktur gegeben, das gibt uns Ruhe auf dem Platz. Ich denke jetzt, dass alles da ist, um eine gute Saison spielen zu können.

Frage: Sie waren im Testspiel beim 6:0 in Reutte HSV-Kapitän, denken Sie darüber nach, dieses Amt auch in Zukunft zu bekleiden?
RvN: Nein, gar nicht. Das ist gar kein Thema für mich. Mal sehen, wie sich das auflöst, ich denke nicht daran.

Frage: Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr, gibt es einen Plan, wie lange Sie noch spielen wollen?
RvN: Nein, ich werde von Jahr zu Jahr schauen, das halte ich für sinnvoll. Ich werde mich am Ende der Saison entscheiden, wie es dann weitergehen wird.

Frage: Hängt das auch vom Erfolg ab?
RVN: Nein, es geht darum, wie ich mich physisch und mental fühle. Es kann dann auch mal der Moment kommen, an dem man denkt, dass man besser aufhören sollte.

Frage: Sie spielen hier, Ze Roberto, Robben, Ribery und nun bald auch Ballack für Leverkusen und Raul für Schalke, die Weltstars kommen – ist das eine Aufwertung für die Bundesliga?
RvN: Das ist auf jeden Fall gut für die Bundesliga, das ist ansprechend, denn früher spielten solche Stars nur bei Bayern. Jetzt können auch andere Vereine diese guten und erfahrenen Spieler holen, und das ist gut, das tut ganz sicher der gesamten Liga gut.

Frage: Bestärkt Sie das, dass Sie alles richtig gemacht haben, weil Sie in die Bundesliga gekommen sind?
RvN: Ich denke schon. Es war nicht nur richtig, es ist auch eine gute und wichtige Erfahrung für mich. Hamburg ist eine gute Wahl für mich, ich hoffe nur, dass wir in der neuen Saison auch Erfolg haben werden.

Frage: War es nach der letzten Saison eine Frage für Sie, ob Sie beim HSV bleiben wollen, oder haben Sie gedanklich schon mit anderen Klubs gespielt?
RvN: Nein, es war ganz klar, dass ich bleiben werde, ich habe keine Sekunde an einen Wechsel gedacht. Eine solche Saison wie die letzte ist kein Grund für mich zu sagen, dass ich gehe. Das ist für mich kein Thema.

Frage: Gab es in diesem Sommer Anfragen andere Klubs für Sie, und hören Sie sich diese dann von Ihrem Berater an?
RVN: Er hat mir gesagt, was passiert, dass es einige Möglichkeiten gibt, aber, wie gesagt, dass war überhaupt kein Thema. Ich habe ihm deutlich gesagt, was ich will, und damit war die Sache auch erledigt. Andere Angebote waren mir einfach egal.

Frage: Als Sie kamen, haben Sie den HSV als großen Klub gewürdigt, der große Ziele hat. Als es dann so schlecht lief, haben Sie sich nicht doch einmal gefragt: „Mensch, wo bin ich den hier hinein geraten?“
RvN: Ja, natürlich. Aber ich habe es trotzdem nie bedauert, gekommen zu sein. Was mich betrifft so denke ich, dass wir das, was war, ändern müssen. Das hat zwar am Ende der Saison nicht geklappt, aber da war es eben auch nicht mehr aufzuhalten. Natürlich, als ich gekommen bin, da gab es das Spiel in Stuttgart, in dem ich zwei Tore erzielen konnte – vielleicht hat dieser Erfolg gegen den VfB die Probleme des HSV ein wenig verwischt. Denn danach wurde es schwierig, und wir haben dann die Wende nicht mehr geschafft.

Frage: Was war schwierig?
RvN: Es war viel Unruhe im Verein, man spürt diese Unruhe überall, bei vielen, auch auf der Tribüne. Diese Unruhe ist dann nicht dazu geeignet, um Erfolge zu feiern. Zwei Wochen vor Saisonende war dann auch noch der Trainer weg, so kurz vor dem Europa-League-Halbfinale – das war nicht einfach, nicht einfach für niemanden. Ich denke, dass wir aber in den letzten zwei Spielen doch noch gezeigt haben, dass wir wieder aufgestanden sind. Jetzt werden wir mit einem neuen Trainer, mit neuen Spielern und frischer Energie in die Saison gehen, und ich blicke nicht mehr in die Vergangenheit zurück.

Frage: Wie denken Sie über den neuen HSV-Trainer Armin Veh?
RvN: Er ist ruhig, er sieht alles, er ist sehr direkt in seiner Ansprache. Ich muss sagen, dass er und seine beiden Assistenten sehr gut zusammenarbeiten, das ist die englische Idee. Er erinnert mich auch ein wenig an Alex Ferguson, der sieht auch alles, der hat auch Leute, die die Arbeit auf dem Platz machen. Man sieht, dass Armin Veh Erfahrung hat, dass er schon etwas erlebt hat. Ich denke auch, dass die Art und Weise, wie er mit Spielern umgeht, sehr gut ist.

Frage: In der neuen HSV-Mannschaft wird es auf jeder Position große und gute Konkurrenz geben, wie sehen Sie die Situation im Angriff?
RvN: Es gibt den Stürmer, den Zehner, die Außen. Paolo Guerrero und Mladen Petric können alle Positionen spielen, ich denke für mich bleibt nur eine Position übrig. Es ist gut, dass es diese Möglichkeiten in unserem Kader gibt, es ist gut, dass es Konkurrenz gibt, und wenn etwas passieren sollte, also Verletzungen oder Sperren, dann braucht man auch diese Spieler. Das hat man doch letzte Saison gesehen, da war unser Kader eigentlich zu klein, denn es gab ja viele Verletzten.

Frage: Sie haben ein besonders gutes Verhältnis, so stellt es sich jedenfalls für uns dar, zu HSV-Talent Heung Min Son. Der Stürmer ist erst 18 Jahre alt, kommt gerade aus der A-Jugend – es ist schon ungewöhnlich, dass sich ein Weltstar wie Sie so fürsorglich um einen jungen Spieler kümmert – wieso machen Sie das?
RvN (lacht): So? Ist das so?

Frage: Ja, das ist tatsächlich so, ich habe das beim HSV höchst selten mal so erlebt.
RvN: Ich finde es schön, wenn solche jungen Spieler hoch kommen, daran bin ich interessiert. Ich hoffe, dass sie sich bei uns wohl fühlen, und ich denke dabei auch immer an meine Situation, als ich so alt war, so um die 18 Jahre. Ich mache das eigentlich schon immer so.

Frage: Wie war denn damals für Sie? Hat sich ein Star Ihres Teams auch so intensiv um Sie gekümmert oder bemüht?

RvN: Vielleicht mache ich es gerade darum, weil sich um mich keiner gekümmert hat. Vielleicht arbeite ich so mein Trauma auf . . . Nein, im Ernst, es ist schön. Das habe ich auch in Manchester so gemacht, ich habe mit den jungen Spielern immer schon viel gesprochen und auch viel gelacht.

Frage: Beim Trainingslager kürzlich auf Sylt mussten Sie sich bei den Laufeinheiten richtig quälen, jetzt sieht das alles schon wesentlich besser und lockerer und auch kräftiger aus. Ist das so?
RvN: Es ist jetzt wirklich besser geworden. Auf Sylt war es die erste Trainingswoche, da musste ich richtig beißen, jetzt kann ich schon viel besser laufen. Das gibt mir auch den Mut, weiter zu machen, denn ich habe eine solche Vorbereitung wie jetzt auch noch nie mitgemacht.

Frage: Wieso? Ist diese Vorbereitung so ungewöhnlich?
RvN: Es ist anders. Es ist nicht zu hart, aber es ist viel physische Arbeit, viele Läufe, viel Kraft. Aber ich denke, es ist super für mich. Physisch fängt alles an, damit steht und fällt jede Leistung, wenn es physisch stimmt, dann kann man auch weiter denken.

Frage: Aber was ist denn so anders an diesem HSV-Training?
RvN: Mit großen Mannschaften wie ManU oder Real Madrid hat man gar keine Zeit, so intensiv zu trainieren wie wir jetzt, so blöde wie das auch klingt. Da waren wir mal in Thailand, in Singapur und in Malaysia, da ist man dann jeden Tag woanders, da kommt man mit Jetlag an, was macht man dann? Kraftraum? Läufe? Teamtraining? Das geht gar nicht. Da ist man denn froh, wenn man mal 90 Minuten trainieren kann, und dann geht es auch schon weiter zum nächsten Spiel. Da hat man sich die Kraft und die Kondition dann auch in den Spielen geholt. Deswegen ist unsere jetzige Vorbereitung komplett etwas anderes für mich.

Frage: Sind Sie eigentlich schon einmal mit Ihrer Mannschaft nur auf Platz sieben eingelaufen?
RvN: Ja, das war mit Heerenveen. Und in meiner ersten Profi-Saison, als ich für den FC Den Bosch spielte, endeten wir auf Platz 18. Das war ein Highlight. Wir hatten 15 Punkte, vier Spiele gewonnen, drei Unentschieden – und ich hatte drei Tore gemacht.

Frage: War es eine Enttäuschung für Sie, nicht bei der WM in Südafrika gewesen zu sein, als Nationalspieler der Niederlande?
RvN: Natürlich war das eine Enttäuschung, denn ich wollte dabei sein. Es gab nichts anderes für mich. Ich wollte dabei sein, weil ich gedacht habe, dass wir weit kommen können. Die erste WM-Woche war dann schon ein wenig schwierig für mich, weil ich mein Ziel nicht erreicht hatte – obwohl ich vorher immer daran geglaubt hatte. Aber jetzt gab es einen schönen Urlaub für mich, ich hatte Ruhe – und das ist, so denke ich jetzt, auch ein Vorteil für mich.

Frage: In Längenfeld sind Sie der Liebling der Fans, weibliche Teenager kreischen, wenn sie Sie sehen, es ist so, als seien Sie ein Pop- oder Film-Star. Sie geben bereitwillig Autogramme und posieren für Fotos – ist das normal für Sie, machen Sie das auch gerne?
RvN: Ja und nein. Ich genieße es eigentlich nicht, aber es stört mich auch nicht, es ist okay. Genossen habe ich das ganz am Anfang, zu Beginn meiner Profi-Karriere. Da habe ich es in der Tat genossen, wenn mich jemand in der Stadt erkannt hat. Es war wunderbar, so bekannt zu sein, ein Fußball-Profi zu sein.

Frage: Und heute?
RvN: Heute ist es etwas anderes, ich habe viel mitgemacht. Aber es ist schon schön, dass die Leute so nett sind.

Frage: Wie gehen Sie in Hamburg mit Ihrer Popularität um?
RvN: Da kann ich mich am besten mit einem Fahrrad bewegen . . . Der HSV ist ein sehr offener Verein, da können die Fans fast in die Kabine kommen, der Verein gibt sich volksnah. Das ist das Schöne an Hamburg, aber so jeden Tag – das ist auch anstrengend. In England und Spanien war alles geschlossen, da sieht man niemanden. Da ist der Abstand größer, aber wenn dich dann die Fans dort gesehen haben, zum Beispiel in einem Restaurant, dann sind die echt durchgedreht, das ist eben das andere Extrem.

Frage: Zum Abschluss gefragt: Was muss das Ziel sein für den HSV in der kommenden Saison?
RvN: Wir müssen uns eigentlich hohe Ziele setzen, aber man darf dabei auch die letzte Saison nicht vergessen, was da so ablief. Hohe Ziele bedeuten für uns, dass man auch große, sehr große Schritte machen muss, und das ist immer ein Risiko. Wir müssen es einfach zeigen, wir ziehen uns die Fußballstiefel an und zeigen es einfach auf dem Platz, ohne vorher ein großes Bla-bla-bla zu machen. Es macht auch müde, wenn man immer sagt: Wir spielen um die Meisterschaft, wir wollen in die Champions League. Natürlich wollen wir alle Spiele gewinnen, aber lasst es uns erst einmal zeigen, dass wir es können. Wenn wir dann alle Spiele gewonnen haben, wenn wir es gezeigt haben, dass wir es können, dann können wir auch unsere Ziele aussprechen. Es wäre wirklich nicht schlecht, wenn wir es so machen würden.

Frage: Ist das auch eine Erkenntnis aus der letzten Saison?
RvN: Natürlich. Selbstverständlich wollen wir etwas erreichen, wir sind motiviert, wollen das Maximale schaffen, aber wir müssen es erst einmal zeigen, dass wir das auch tatsächlich aus uns herausholen können. Und das werden wir erst einmal sehen. Natürlich hoffen wir auf ganz große Erfolge – und ich glaube auch fest daran, dass wir Erfolge werden feiern können. Sonst müssten wir das, was wir jetzt tun, diese harte Vorbereitung, gar nicht erst machen – wenn wir nicht an uns und die Erfolge glauben würden.

PS: “Benno Hafas” hat wie immer recht, dieses Interview wurde von der in Längenfeld anwesenden Hamburger “Journalisten-Meute” geführt, ich habe natürlich nicht allein gefragt. Bei “Matz-ab” könnt Ihr allerdings wirklich alle gestellten Fragen lesen, dieses Interview ist ungekürzt – was sich keine Zeitung erlauben kann, weil es zuviel Platz kosten würde. Bei “Matz ab” aber geht so etwas, und das finde ich klasse.

Gute Nacht oder guten Morgen.

23.44 Uhr

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