Tagesarchiv für den 16. Juli 2010

Diekmeier schließt eine Lücke

16. Juli 2010

Der nächste Neue ist da. Der Nürnberger Dennis Diekmeier trainierte sogar schon am Freitag mit, so schnell kann es dann doch gehen. „Ich saß am Mittwoch im Mannschaftsbus des Clubs, dann erhielt ich einen Anruf meines Beraters, dass ich wieder aussteigen soll, denn der Wechsel zum HSV sei perfekt“, berichtet der Rechtsverteidiger. Statt des Freundschaftsspiels der Nürnberger gegen Neumarkt ging es dann nach Hamburg, Wohnung an der Noris kündigen und dann ab zur Untersuchung und zur Vertragsunterzeichnung.

Diekmeier steht somit schon auf dem neuen Mannschaftsfoto, das für die Sonderhefte der Sport-Illustrierten am Freitag gemacht wurde. Ohne neun. Um es mit Armin Veh zu sagen, denn der Trainer rechnete am Donnerstag ja noch so: „Sieben WM-Fahrer des HSV fehlen noch, und drei potenzielle Neuzugänge.“ Mit auf dem Foto sind Tunay Torun (Kreuzbandriss) und Marcus Berg zu sehen. Beide Spieler gingen nach dem „Knipsen“ sofort in die Kabine. Der Schwede leidet an einer schmerzhaften Rückenverletzung, die er sich beim Spiel in Split zugezogen hat.

Über das Training am Freitag hat „Benno Hafas“ ja schon sehr viel und sehr früh verraten, er war (nicht nur) am heutigen Tag mein fleißiger „Assistent“. Es wurden den Spielern Koordinations- und Stabilisations-Übungen abverlangt, es gab Balance-Übungen, bei denen gleichzeitig mit Tennisbällen jongliert werden musste. Eindeutig die Nummer eins bei dieser ungewöhnlichen „Nummer“: Mladen Petric. Nicht ganz so gut: Paolo Guerrero, der noch Nachhilfe nehmen müsste, dennoch aber aufmunternden Applaus von den Kiebitzen erhielt. Leistungsdiagnostiker Manfred Düring: „Paolo, das ist dein Applaus.“ Grinsen machte sich breit. Ganz nebenbei: David Jarolim, der kürzlich schon herrlich einen Medizinball jonglierte, kann es auch einige Nummern kleiner, der Mannschaftsführer a. D. (außer Dienst) jonglierte auch die ganz kleinen Bälle meisterhaft.

Es folgten Kopfball-Übungen von einer Art „Schwebebalken“ herab, dabei der Beste: Ruud van Nistelrooy. Ganz schwer taten sich alle Spieler, die das Gleichgewicht auf einer großen Rolle (über die in einem Zirkus üblicherweise die Bären gehen!) halten sollten. Die größten Probleme dabei hatte, eine kleine Überraschung, der ansonsten so geschmeidige Ze Roberto. Zum Abschluss des Tages folgte ein Spielchen, in dem es vordringlich darum ging, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Es war wieder der schon von vielen Beobachtern anerkannte Veh-Zug drin. Als alle Spieler schon Richtung Kabine unterwegs waren, unterhielten sich der Coach und Mladen Petric noch eine längere Zeit unter vier Augen. Worum es ging? Keiner hat es verraten, und von den Lippen war auch nichts abzulesen, dazu waren sie zu weit vom Rand entfernt.

Ging es um die Spielführerbinde? Eher wohl nicht, obwohl Petric wohl ein neuer und auch heißer (?) Kandidat sein könnte. Wobei ich das Entsetzen der HSV-Fans in Delmenhorst noch vor Augen habe, als sie sich über die Zukunft von David Jarolim erkundigten. Zu 90 Prozent, wenn ich das richtig deute, waren sie alle dagegen, dass Jarolim eventuell „degradiert“ wird. Tenor: „Ausgerechnet einer, der immer 100 Prozent für den HSV gegeben hat, der soll nun entmachtet werden? Das verstehe wer wolle, wir nicht.“ In diesem Punkt, das gebe ich zu, bin ich äußerst gespannt, wie es mit „Jaro“ weitergehen wird.

Zurück zu Diekmeier. Der neue Co-Trainer des HSV, Michael Oenning, hatte ihn einst als Spieler beim Club. Der Veh-Assistent über den Neu-HSVer: „Er hat sich damals als 18-jähriger in einer sehr schweren Umgebung sehr schnell zurecht gefunden. Er hat 51 von 54 Spielen gemacht, das spricht für ihn. Dennis ist stets darum bemüht, sich weiter zu entwickeln, ich denke, dass er mit diesem Wechsel zum HSV genau den richtigen Schritt gemacht hat.“

Dabei hat Diekmeier gerade mit dem HSV schlechte Erfahrungen gemacht, bei zweimal 0:4 der Nürnberger gegen den HSV gehörte Diekmeier zweimal zu den Schlechtesten im Club-Team. Zweimal gab es Bild-Note sechs! Oenning ist dennoch restlos von den Qualitäten des Neuen überzeugt: „Er ist sehr, sehr schnell, und er kann aus vollem Lauf sehr gute Flanken schlagen. Und das ist dann immer wichtig, wenn man mit diesem Mittel gegen kompakt stehende Gegner spielen kann, um so zum Erfolg zu kommen.“

Lob kassiert Diekmeier auch von Sportchef Bastian Reinhardt: „Er hat Fähigkeiten, die man nicht lernen kann. Er hat eine schon brutale Schnelligkeit, und er besitzt die richtige Größe. Zudem ist er ein deutscher Junge mit besten Perspektiven.“

Michael Oenning traut „seinem“ Schützling einen Stammplatz zu („Sonst hätten wir ihn nicht verpflichten dürfen“), sagt aber auch generell: „Das traue ich grundsätzlich jedem Spieler, den wir im Kader haben, zu.“ Dass Diekmeier im Nürnberger Team ein Außenseiter gewesen sein soll, wie es schon zu lesen war (auch hier!), das verneint Oenning ganz entschieden: „Dennis ist ein kommunikativer Typ, er war nie ein Außenseiter. Er war von Anfang an in diesem Team – dieses Gerücht ist Fabel.“

Der 20-jährige Dennis Diekmeier, der vor einigen Tagen seine Freundin Dana geheiratet hat, macht einen sehr selbstbewussten Eindruck. Der ehemalige Werder-Spieler ist U-19-Europameister und träumt ganz sicher von einer großen Karriere. „Es ist etwas anderes, beim HSV zu spielen. In Nürnberg haben wir immer um unser Leben gekämpft, beim HSV spielen Stars wie van Nistelrooy, Petric oder auch Ze Roberto, das ist schon was.“ Vor eineinhalb Jahren wurde er von den Nürnbergern aus Bremen geholt, in der Jugend war er großer Fan von Ulf Kirsten und Bayer Leverkusen, dann war er HSV-Fan („Ich hatte ein Roy-Präger-Trikot“) – bis er zu Werder wechselte: „Da ging es natürlich nicht mehr, dass ich HSV-Fan bin.“ Einleuchtend.

Er hatte in diesen Tagen und Wochen auch andere Angebote, aber er hat sich für Hamburg entschieden: „Der HSV zeigte Interesse, ich wusste, dass nun der nächste Schritt von mir kommen muss – und die HSV-Mannschaft gefällt mir, das Stadion ist super, die Stadt ist großartig, ich war früher als Bremer auch schon oft hier – ich freue mich auf den HSV.“

An die beiden „Vorführungen“, die er zuletzt beim 0:4 und 0:4 gegen den HSV erhielt, will er gar nicht groß erinnert werden. Aber was mutt dat mutt. „Beim ersten 0:4 war ich krank, aber ich sagte trotzdem zu, dass ich spiele – ein großer Fehler, so etwas mache ich nie wieder. Das war falscher Ehrgeiz“, sagt Dennis Diekmeier, dessen Wahlspruch ist: „Erfolg im Leben – Glück im Leben.“

Mit ihm hat der HSV nun schon einmal eine Lücke gestopft. Spielt er rechts, könnte Guy Demel in die Innenverteidigung rücken. Unabhängig davon aber bemüht sich der HSV weiter um einen neuen Mann, der zentral in der Viererkette spielen kann. Sportchef Bastian Reinhardt stellt aber fest: „Das ist die härteste Nuss, die wir in diesem Sommer zu knacken haben.“ Und scherzhaft fügt er hinzu: „Wenn ich das gewusst hätte, dass Innenverteidiger so rar gesät sind, dann hätte ich noch nicht aufgehört.“ Namen von möglichen Kandidaten wollte Reinhardt nicht verraten, und ich werde auch nicht noch ein weiteres Mal meinem Bauchgefühl freien Lauf lassen. Zumal Medien-Chef Jörn Wolf mich ja heute Mittag im „Matz-ab“-Blog (leicht?) gerüffelt hat, weil ich wieder mit Namen aus Schalke und Stuttgart (aus dem Bauch heraus) spekuliert hatte. Wolf ließ dabei durchblicken, dass alle Namen, die bislang gehandelt wurden, falsch seien. Ich kann nur ergänzen: Es ist mir wurscht egal, die Hauptsache für mich ist, es kommt wenigstens noch einer. Ein guter Innenverteidiger, der fehlt auf jeden Fall noch.

Übrigens: Ibrahim Afellay ist laut Bastian Reinhardt immer noch ein Thema. Obwohl sich der HSV, so heißt es aus Berlin, schon einig mit Gojka Kacar ist. Es wird aber wohl ein Geduldspiel daraus, denn Hertha akzeptiert das HSV-Angebot (immer noch) nicht.

21.42 Uhr

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