Tagesarchiv für den 14. Juli 2010

HSV ohne Defensive 3:3 in Split

14. Juli 2010

Ohne Abwehr, aber mit Ideen in der Offensive. Der HSV holte im Auswärtsspiel bei Hajduk Split in Kroatien einen Punkt. 3:3 hieß es nach 90 Minuten, in denen die Hamburger ohne bundesligataugliche Defensive auskommen mussten. Rechts verteidigte Robert Tesche, daneben Mohamed Besic, dann David Rozehnal und links Lennard Sowah. Das musste schief gehen, und beinahe wäre es schief gegangen, denn Split führte nach acht Minuten bereits 2:0 – alles deutete auf ein HSV-Debakel hin. Eine HSV-Abwehr? Quasi nicht vorhanden. Zum Glück aber spielte die Offensive druckvoll, ideenreich und engagiert und ließ sich von diesem Rückstand nicht beeindrucken. Bester Hamburger an diesem Abend war Jonathan Pitroipa, viele gute Szenen hatte auch Paolo Guerrero. Trotz der drei Gegentreffer gehörte auch Torwart Jaroslav Drobny zu den besten Hamburgern, der ehemalige Berliner hatte viele sehr gute Szenen. Fazit: Für den Anfang und dafür, dass noch viele Eckpfeiler fehlten (auch die gedachten!), war dieses Unentschieden ganz passabel.

Bereits in der vierten Minute begann das muntere Scheibenschießen. Ze Roberto riskierte kurz vor dem HSV-Strafraum ein Dribbling, verlor die Kugel prompt, dann wurde David Rozehnal wie eine Slalomstange einfach viel zu mühelos überlaufen – Tor von Ibricic, 1:0 für Split. Leichter kann es eine Abwehr einem gegnerischen Stürmer nicht machen. Es sei denn, man schießt den Ball gleich ins eigene Tor. Und das setzte vier Minuten später Rozehnal dann auch in die Tat um. Fast möchte man meinen: Wer denn sonst? Die Pleiten-Pech-und-Pannen-Tour des Tschechen geht unvermindert weiter, er lenkte eine Eingabe von links ins Netz. Es ist schon der reine Wahnsinn: Wann immer auch etwas in der HSV-Defensive daneben geht – David Rozehnal ist dabei. Meistens sogar voll dabei. Vorauf gegangen war diesem Tor ein Abspielfehler von Paolo Guerrero, der den Ball nicht über sechs Meter zu David Jarolim gebracht hatte – und damit war der schönste Konter eingeleitet, denn die HSV-„Abwehr“ tummelte sich zu der Zeit gerade an oder auf Höhe Mittellinie herum.

Jonathan Pitroipa verkürzte dann auf kuriose Art auf 1:2 (25.), denn der Linienrichter hatte eine Abseitsposition von Guerrero angezeigt, beharrte auch darauf – doch der Schiedsrichter setzte sich durch, erkannte den ersten Hamburger Treffer an. Pech für HSV-Neuzugang Lennard Sowah, der bis dahin links verteidigt hatte, er musste Sekunden nach diesem Tor mit einer Wadenverletzung vom Platz, für ihn kam Tomas Rincon.

Pitroipa egalisierte dann sein Tor dadurch, indem er einen Elfmeter verursachte – Ibricic verwandelte lässig zum 3:1 (36.), doch vier Minuten später wurde Pitroipa im Hajduk-Strafraum zu Fall gebracht (für mich ein wenig fragwürdig, bei Jarolim hätten auch alle Hamburger wieder aufgestöhnt) – Elfmeter für den HSV. Mladen Petric verwandelte sicher. Ein turbulentes und unterhaltsames Spiel.

Auffällig in diesen 45. Minuten: Petric führte den HSV als Mannschaftskapitän auf den Rasen. Jarolim, dem viele Experten vorwerfen, er würde das Spiel verschleppen und meistens nur langsamer machen, war ganz, ganz auffällig darum bemüht, sich schnell vom Ball zu trennen. Jarolims Mittelfeld-Nachbar Ze Roberto blieb unauffällig, für meine Begriffe viel zu unauffällig – da muss von einem Mann seiner Klasse noch wesentlich mehr kommen. Guerrero in seiner neuen Rolle als Spielgestalter und Ideen-Produzent hatte tatsächlich viele gute und kluge Einfälle, oftmals wirkte er mir aber noch einen Tick zu lässig und auch ein wenig zu langsam. Zudem legte er einige Pausen ein, wenn es um die Rückwärtsbewegung ging.

Vorne kam Petric vorzugsweise über den rechten Flügel, was gar nicht mal schlecht aussah. Das lag aber hauptsächlich an der fußballerischen Klasse des Kroaten. Schnell, so schnell wie der Linksfuß Arjen Robben beim FC Bayern, ist Petric allerdings nicht, so dass es vielleicht gegen Hajduk Split gut aussehen kann, aber auch in der Bundesliga? Abwarten. Mir fehlt da leicht der Glaube. Als Spitze war Ruud van Nistelrooy aufgelaufen, er wirkte noch weit von seiner Bestform entfernt. Was sich bestens mit einer Szene nach 40 Sekunden dokumentieren lässt. Da nahm der Niederländer eine Flanke volley, wirkte dabei aber so hüftsteif und wenig austrainiert, dass die Kugel so um die 15 Meter über das Hajduk-Tor in den Abendhimmel von Split stieg. Zudem „klaute“ van Nistelrooy Petric ein Tor (7.), als sich Petric mit einem Lupfer bis zum Elfmeterpunkt vorgekämpft hatte – dann „übernahm“ van Nistelrooy fälschlicherweise den Ball, den Petric viel besser hätte verwerten können . . .

3:2 für Hajduk hieß es zur Pause, und Torwart Jaroslav Drobny hatte bei keinem der drei Gegentreffer eine Abwehrmöglichkeit. Wer Frank Rost zwischen den HSV-Pfosten vermisst: Die Nummer eins des HSV war erkältet.

Im zweiten Durchgang wurde fleißig gewechselt. Publikumsliebling Collin Benjamin war dabei, und mir hat der Koreaner Heung Min Son am besten von allen Einwechselspielern gefallen. Der Junge (18 Jahre) ist mutig, dribbelstark, elegant, beweglich, schnell, geht den direkten Weg zum Tor, sucht den Abschluss – der hat etwas, der wird dem HSV demnächst helfen, davon bin ich absolut überzeugt.

Das Tor zum 3:3-Endstand fiel übrigens so, wie ich es mir schon immer vom HSV wünsche: Eckstoß von links mit dem rechten Fuß von Pitroipa, am kurzen Pfosten verlängerte Benjamin per Kopf, und in der Mitte hatte Robert Tesche keine Mühe, aus zwei Metern zu vollenden. So einfach und so wirkungsvoll! Mehr davon (73.).

Am Rande des Spiels in Split sickerte durch, dass sich der HSV mit Nürnbergs Verteidiger Dennis Diekmeier einig ist – und auch mit dem Club. Wer von Euch mich nun fragt, ob Diekmeier nun auch nach Hamburg kommen wird, dem würde ich (augenzwinkernd) antworten: Zwischen 90 und 99 Prozent ist das sicher für mich. Ob Diekmeier aber schon am Sonntag, wenn es in Lübeck gegen Juventus Turin geht, mitspielen kann, ist fraglich, ich vermute eher noch nicht – aber dann.

Und wer kommt noch? Die weiteren Vorhaben des HSV gestalten sich doch noch ein wenig schwieriger. Der Algerier Madjid Bougherra (Glasgow Rangers) wird wohl nicht zum HSV kommen (das ist zwischen 90 und 99 Prozent sicher), mit Gojko Kacar wäre sich der HSV schon einig, doch Hertha BSC „zickt“ noch herum, die Vorstellungen beider Klubs liegen doch noch sehr, sehr weit auseinander. Zu weit? Das wird sich zeigen. Ich glaube daran, dass Kacar nach Hamburg wechseln wird, selbst wenn es sich noch einige Tage oder auch Wochen hinziehen wird.
Und wen gibt der HSV noch ab? Änis Ben-Hatira (Mainz 05?) soll gehen, Mickael Tavares sollte in der Türkei eigentlich ein Probetraining absolvieren, sagte es aber ab. Und Marcus Berg, für dem es viele Interessenten gibt? Er will sich durchbeißen beim HSV, obwohl er nach meinem Empfinden dazu keine Chance mehr erhalten wird. Da sein Vertrag noch bis 2014 läuft, würde dem Schweden ein (kurzzeitiges) Leihgeschäft schon helfen.

David Rozehnal, auf den viele HSV-Fans verzichten würden, wird auf jeden Fall bleiben, denn der HSV sucht nach wie vor und händeringend einen Innenverteidiger. Da kann er sich nicht erlauben, den Tschechen abzugeben – obwohl er eigentlich viel zu wenig Klasse besitzt. Er mag ein ordentlicher Ersatzspieler sein, aber mehr wird er auf Dauer auch in Hamburg nicht hinbekommen. Trotz der Tatsache, dass er eigentlich beißen will. Ich glaube ja fest daran (90 bis 99 Prozent), dass ein Schalker dem HSV auf dieser Position „helfen“ wird.

Der HSV spielte in Split mit: Drobny, Tesche, Besic, Rozehnal, Sowah (25. Rincon), Jarolim (80. Tavares), Ze Roberto (46. Benjamin), Petric, Guerrero (69. Son), Pitroipa, van Nistelrooy (68. Berg).

22.37 Uhr

Die Geschichte aus Sieverdingen

14. Juli 2010

Bevor es in Split zur Sache geht, schnell noch eine Sommergeschichte. Sie kommt von der „Sieverdinger Raute“ und ist, wie ich meine, sehr, sehr lesenswert. Viele Dank dafür. Wo ich gerade bei Sommergeschichte bin: Kürzlich erschien die von „Fuxi“. Ihr erinnert Euch? Frauenfußball. Da ich in Istanbul weilte, sah ich nach den Beiträgen: 773 Stück. Alle Achtung, habe ich bei mir gedacht. Als ich die dann las, war ich schon ein wenig enttäuscht. Die meisten Einträge gingen glatt am Thema vorbei. Dabei hatte diese „Fuxi“-Geschichte viel mehr Aufmerksamkeit verdient – ich fand sie nämlich toll. Nun ja, vielleicht blickt Ihr ja noch einmal zurück . . .

Was ich auch noch einmal mache: Der HSV hatte es im Landesmeister-Wettbewerb 1980 schon einmal mit Hajduk Split zu tun. In Hamburg schoss Willi Reimann das 1:0, im Rückspiel gab es dann zwar eine 2:3-Niedrelage für den HSV, aber er kam dennoch weiter. Die Auswärtstore von Holger Hieronymus und Horst Hrubesch hatten gereicht (dann gab es die Run de mit dem legendären 5:1 gegen Real Madrid). Gereicht schon, aber in Split war danach die Hölle los. Zwei Jahre später wechselte Borisa Djordevic von Hajduk zum HSV, er hatte beim 3:2 zwei Tore geschossen. Er lebt seit dieser Zeit in Norderstedt, und schon oft haben wir über dieses Rückspiel gesprochen, denn: Nach dem Duschen bestieg der HSV den Bus, der die Truppe zum Hotel bringen sollte, und es prasselte ein wahrer Steinhagel auf diese Gefährt ein. Keine Scheibe war mehr heil, alle HSV-Profis waren in Deckung gegangen – es gab zum Glück keine Verletzten. Aber „Bora“ erinnert sich genau an diesen HSV-Abgang und sagt noch heute; „Es war ein bisschen wir Krieg. Ich hätte nicht in diesem Bus sitzen wollen.“

Kurz noch in eigener Sache: Vielen Dank möchte ich allen „Matz-abbern“ sagen, die an den Geburtstag von Frau M. gedacht haben. Sie hat sich über die vielen Glückwünsche (die auch per Handy kamen) wirklich von Herzen gefreut. Wir waren in Istanbul, haben eine sehr, sehr schöne Stadt kennen gelernt und eine tolle Zeit gehabt. Schnell noch ein Hinweis für alle, die dort auch einmal zu Gast sein möchten: Es gibt eine neue Art von „Hütchenspiel“, wie den Touris das Geld aus der Tasche gelockt werden soll: Wir gingen am Bosporus spazieren, natürlich als Touristen auszumachen (Kamera unterm Arm). Kommt ein Schuhputzer des Weges, spricht uns nicht an. Aus Versehen lässt er eine Bürste fallen. Wir, gut erzogen wie wir sind, heben das Ding auf, rufen ihn und übergeben diese Bürste. Er freut sich tierisch. Und deutet an: „Zum Dank dafür, dass du mir meine kostbare Bürste gerettet hast, putze ich dir die Schuhe.“ Ich wollte nicht, war aber chancenlos. Welch eine Dankbarkeit! Was für ein Freund! Rechts war fertig, als ein anderen Mann auf dem Fahrrad angeradelt kam. Er steigt ab und fragt, ob seine Sandalen nicht auch schnell mal geputzt werden können? Sandalen! Die sahen aus wie vom Sperrmüll. Aber natürlich wurden die geputzt, Zwischendurch, bevor mein linker Schuh dran war. Überschwänglich bedankt sich der Fahrradfahrer, so als hätte er gerade einen „Sechser mit Zusatzzahl“ vom Schuhputzer erhalten. Und dann, der Knüller: Der Fahrradfahrer zückt einen 50-Lira-Schein (25 Euro wert) und drückt ihm den Putzer in die Hand. Erkennt Ihr jetzt schon das „Hütchenspiel“?

Ich greife, nachdem meine beiden Schuhe geputzt sind, in die Tasche in finde 1,50 TL. Die will ich dem Putzer geben – aber der Fahrradfahrer und er protestieren. Laut, aggressiv, wild. Beide sagen immer wieder: „Pappe. Pappe. Pappe. Pappe!!!!“ Oha. Ich greife noch einmal in die Tasche, finden noch eine Lira-Münze und gebe sie ihm. Sage dabei: „Keine Pappe!“ Dann entfernte ich mich unter einer wüsten Pöbelei vom „Tatort“. Gerade noch glimpflich davon gekommen. Übrigens: Zweimal wurde dieser Trick noch mit uns versucht. Beim dritten Mal schoss ich die Bürste unter einen parkenden Wagen. Dann wechselten Frau M. und ich die Straßenseite, gingen noch 20 Meter – und sahen dann zwei Männer auf dem Gehweg herum krabbelnd – natürlich nach der Bürste suchend. Wieder etwas fürs Leben gelernt.

Aber Istanbul ist eine tolle, eine großartige und sehenswerte Stadt. Empfehlenswert, wer sie noch nicht gesehen hat.

So, nun aber zur Sommergeschichte aus Sieverdingen. Viel Spaß beim Lesen. Und dann bis nach dem Split-Spiel. Los geht es:

Herzklopfen im Schlafanzug

Von der Sieverdinger Raute

Juli 1982. Ein Sommerabend in einem niedersächsischen Örtchen im Landkreis Rotenburg (Wümme). Ich sitze zusammen mit meinem Vater und meinem älteren Bruder vor dem Fernseher und werde als 9-Jähriger endgültig vom „Fußballvirus“ infiziert.

Ich habe meine Eltern überredet länger aufbleiben zu dürfen und sitze bereits im Schlafanzug im Wohnzimmer und darf mir noch ein „bisschen“ das WM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich anschauen. Irgendwie habe ich es geschafft, auch nach der Halbzeitpause noch nicht zu Bett gehen zu müssen und werde Augenzeuge eines denkwürdigen Spiels.

Nach dem 1:1 in der regulären Spielzeit führt Frankreich nach wenigen Minuten in der Verlängerung bereits mit 3:1. Mein Herz schlägt rasend schnell. Nein, das darf doch nicht passieren. Wieder verliert „meine Mannschaft“ in einem entscheidenden Spiel.
Rückblende: Wenige Monate zuvor hatte ich den HSV endgültig in mein Herz geschlossen. Ich verfolgte seinerzeit des Öfteren zusammen mit meinem Bruder, die Übertragungen der Bundesliga-Spiele am Sonnabend im Radio. Mein Bruder war HSV-Fan und ich entsprechend „vorgeschädigt“.

Dann im Frühjahr 1982 das Spitzenspiel des HSV beim FC Bayern München, ein Spiel, das die Deutsche Meisterschaft entscheiden sollte. Der HSV lag bereits scheinbar aussichtslos mit 1:3 hinten und bog das Spiel nach phänomenaler Aufholjagd noch um. Der Radioreporter und mein Bruder und ich flippten aus als Horst Hrubesch kurz vor Schluss den 4:3-Siegtreffer markierte. Ich werde nie das Bild vergessen, bei dem das „Kopfballungeheuer“ jubelnd an der Torlatte baumelt.

Nach dem Gewinn der Meisterschaft stand der HSV im UEFA Cup-Finale. Nach der 0:1-Hinspielniederlage beim IFK Göteborg war ich davon überzeugt, dass „mein HSV“ in Hamburg den Rückstand aufholen würde. Es folgte jedoch eine 0:3-Klatsche – und ich war ziemlich enttäuscht.

. . . und nun lag Deutschland mit all den ganzen HSV-Spielern gegen Frankreich zurück. Dem eingewechselten Kalle Rummenigge gelang urplötzlich der Anschlusstreffer und Klaus Fischer besorgte mit einem herrlichen Traumtor den Ausgleich. Den entscheidenden Strafstoß im folgenden Elfmeterschießen verwandelte schließlich das HSV-„Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch. Was für ein Herzschlag-Halbfinale !
Wenig später trat ich dann in unseren örtlichen Dorf-Sportverein ein, für den ich bis heute (mittlerweile in der S32-Mannschaft) aktiv bin. Ich bolzte natürlich schon vorher mit meinen Freunden, der Sportplatz war nicht weit weg von meinem Elternhaus und meine älteren Brüder spielten auch bereits in den höheren Jugendmannschaften. Außerdem hatten unser Verein und der HSV dieselben Vereinfarben: Blau-weiß-schwarz. Ich war mächtig stolz auf meine ersten echten Fußballschuhe, die natürlich auch einen HSV-Bezug haben mussten (Modell „Manni Kaltz“ mit den drei Streifen).

Mein erster Besuch im Volkparkstadion war in der Saison 1983/1984 gegen den Aufsteiger Waldhof Mannheim. Die Jugendbetreuer unseres Vereins hatten zu meiner großen Freude Karten für das Spiel und einen Reisebus für alle Jugendmannschaften organisiert. Vor der Saison hatte Horst Hrubesch – für mich völlig unverständlich- den Verein verlassen und ich musste mit ansehen, wie sein Nachfolger der Ex-Hannoveraner Dieter Schatzschneider mehrere gute Torchancen versiebte und der Underdog Waldhof überraschend mit 3:2 gewann.

Zudem verletzte sich in diesem Spiel Holger Hieronymus nach einem Foul von Fritz Walter so schwer, dass er danach seine Karriere beenden musste. Trotz dieses deprimierenden Spiels, das mich in Bezug auf die Leidensfähigkeit als HSV-Fan prägte, hat meine Faszination für diesen Verein bis zum heutigen Tag nicht nachgelassen.
Eine nette Begegnung hatten meine Freunde und ich nach einem Spiel gegen Werder Bremen im Frühjahr 2000. Nach einem langweiligen 0:0 in der Stadion-Großbaustelle trafen wir zunächst direkt nach Spielschluss Thomas Gravesen als er mit geschulterter Sporttasche mitten durch die Fanmassen ging. Schnell ein Erinnerungsfoto mit ihm gemacht – wir ahnten zu dem Zeitpunkt nicht, dass die „Hümörbombe“ wenige Wochen später den Verein verlassen sollte.

Kurz darauf – etwas abseits des Besucherstroms – kam uns plötzlich Dietmar Beiersdorfer entgegen, den meine Kumpels zunächst nicht bemerkten. Ich machte sie darauf aufmerksam, wir blieben stehen und drehten uns um, während sich der Ex-Profi weiter von uns entfernte. „Bist Du dir sicher?“, fragte einer meiner Freunde. Ich entgegnete:„Ja, natürlich!“.

Wie aus dem Nichts brüllte mein anderer Kumpel aus Spaß: „Ey, Didi! Komm´ mal her“. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Wie peinlich, so lässt sich doch kein Ex-Profi ansprechen! Plötzlich drehte sich Didi Beiersdorfer tatsächlich um und kam mit einem Grinsen im Gesicht zurück in unsere Richtung geschlendert. Unglaublich ! Nach einem netten Plausch und ein paar gemeinsamen Fotos verabschiedete er sich wieder von uns und meine Freunde und ich freuten uns wie die kleinen Kinder.
Zwei Jahre später wurde Dietmar Beiersdorfer HSV-Sportchef. Der Rest ist Geschichte . . .

19.04 Uhr

Horst Becker als großer Verlierer

14. Juli 2010

Willkommen in der Saison 2010/2011, willkommen beim gespaltenen Verein. Nein, entschuldigt, ich übertreibe natürlich ein wenig, aber das, was mir meine Kollegen von der heutigen außerordentlichen Mitgliederversammlung berichtet haben (entschuldigt bitte, dass ich aufgrund eines kleinen Geburtstagstrips für und mit Frau M nicht anwesend sein konnte, ab morgen bin ich es wieder!), klang für mich eher nach Schalke 04 in den 90er-Jahren als nach unserem HSV. Aber so richtig überraschend, das müssen wir wohl alle zugeben, kommt diese Konfrontation zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und mehreren Mitgliedern, Ex-Präsidenten und –Aufsichtsräten dann ja doch nicht. Es gärt eben im HSV. Und wenn ich mich jetzt mal positiv versuchen darf: Man kann das auch positiv bewerten, denn es unterstreicht, dass der HSV lebt und nach wie vor sehr interessierte und differenzierte und engagierte Mitglieder gibt. Für den einen oder anderen Funktionär könnten es mit Sicherheit gerne weniger sein.

Für all diejenigen, die nicht vor Ort waren und bereits gespannt auf Erlebnisberichte sind (ich bin es auch und weiß ja, dass viele von Euch da waren), möchte ich die Versammlung kurz im Zeit- und Schwerpunktraffer zusammenfassen. Mehr als 700 Mitglieder saßen um 18.35 Uhr auf der Westtribüne der Imtech-Arena (die noch immer keine Buchstaben auf dem Dach hat) und lauschten zunächst der 53-minütigen Rede von Vorstandsboss Bernd Hoffmann. Er erklärte das Anstoß-hoch-drei-Projekt in all seinen Facetten, beschrieb die mögliche Verwendung der Kühne-Millionen und präsentierte sich dabei sehr gut vorbereitet. Hoffmann, so schilderte mir Abendblatt-Redakteur Kai Schiller, erntete Beifall.

Die von vielen mit Spannung erwartete Frontalkonfrontation mit dem auch von vielen Matz-abbern heftig kritisierten Supporters-Chef Ralf Bednarek blieb aus. Bednarek gab ebenfalls einen Kommentar ab. Wesentlich kürzer, kritisch, er äußerte die Bedenken vieler Mitglieder und bekam dafür hörbar noch etwas lauteren Applaus. Den von Hoffmann „als Sechser im Lotto mit Zusatzzahl“ beschriebenen Kühne-Deal halten offenbar noch immer viele für eine riskante Nummer. Stichwort: Seelenverkauf. Vor allem die fehlende Transparenz in der Mitgliedschaft prangerte Bednarek an. Ex-Klubboss und –Kontrolleur Jürgen Hunke sowie Dr. Peter Krohn legten in ihrer berühmt-berüchtigten Art nach. Hunke, seit jeher Hoffmanns schärfster Kritiker, sagte wortwörtlich zur Rede des Vorstandsvorsitzenden: „Rhetorisch war das eine Eins, inhaltlich eine glatte Sechs!“

Und da wir gerade im Schuljargon sind, passt auch die kommende Beschreibung. Denn wer mit einer raschen Abhandlung der Themen und einer schnellen Kommentarphase in der offenen Diskussion gerechnet hatte, der wurde mit „Nachsitzen“ konfrontiert. Vorstandsmitglied Oliver Scheel outete sich als Gegner des Investorenprojekts, er hatte auch intern dagegen gestimmt: aufgrund des „hohen Maßes an darlehensrechtlicher Politik“. In den Wortbeiträgen ging es immer mehr um die grundsätzliche Ausrichtung des HSV. Die Frage des Sich-Verkaufens spaltet den Verein. Ganz platt formuliert könnte man es so sagen: Bernd Hoffmann und seine Mitstreiter sind auf der Suche nach neuen Erlösquellen an ihre Grenzen gestoßen und haben nun einen kreativen Weg gefunden, mit einer Art strategischen Partnerschaft neue Mittel zu generieren. Traditionalisten und Hoffmann-Crew-Skeptiker fürchten, dass es um das wirtschaftliche Wohl ihres Vereins ganz und gar nicht gut bestellt ist, dass Finanzmittel der Zukunft genutzt werden, um Löcher zu stopfen und langfristig die Existenz des HSV gefährden könnten.

Ich hoffe, ich habe das jetzt einigermaßen verständlich beschrieben. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt soll die Sitzung dann doch eher sachlich gewesen sein. Wie gesagt: bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Dann folgte aber noch eine Emotionalisierung der besonderen Art. Aufsichtsrat Ronny Wulff wurde gefragt, wann er denn von dem konkreten Kühne-Deal informiert worden sei. Seine Antwort – „einen Tag vor der Abstimmung“ – löste eine hitzige Diskussion aus. Bednarek empfand dieses Zeitfenster als nicht satzungskonform, Aufsichtsratschef Horst Becker erwiderte, dass das in Ausnahmefällen durchaus möglich sei. Den Becker-raus-Rufen aus dem Plenum folgte ein kurzer verbaler Eingriff Bernd Hoffmanns: „So geht’s nicht. Jetzt ist aber Schluss hier!“ Schluss war aber keineswegs. Es folgten 60 Minuten Pfiffe, Rufe, verbale Scharmützelchen vieler Anwesender. Kollege Schiller sprach vorhin von „einer extremen Minute“. Inhaltlich war sie aber auch ein Sinnbild für die aktuelle Atmosphäre im HSV.

Um 23.21 Uhr endete die Versammlung. Und jetzt, nachdem ich nicht nur mit meinen Kollegen, sondern auch mit ein paar anderen Anwesenden telefoniert habe, kann ich sagen, dass fast alle Horst Becker als den großen Verlierer dieses Abends ausgemacht haben. Er habe sich mal wieder extrem schlecht dargestellt, habe sich zu einseitig positioniert und das zweithöchste Gremium des HSV eher kläglich als souverän repräsentiert. Insgesamt waren bei der AOMV mehr Kritiker des Investorenmodells als Befürworter anwesend. Und ganz am Ende gingen die meisten Besucher der Veranstaltung erneut unbefriedigt heim.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich selbst nicht genau weiß, ob dieser HSV noch einmal als „echte Einheit“ auftreten wird. Dieser große Klub ist zu zerrissen. Nicht nur thematisch, inhaltlich, sondern auch, was die Charaktere in einigen Gremien und auch in der einfachen Mitgliedschaft betrifft. Dieser unmögliche Spagat zwischen Tradition, Vereinsdenken auf der einen und Anteilsverkäufen sowie innovativen Ideen der Geldbeschaffung auf der anderen Seite avanciert immer mehr zum Lagerbildungsprogramm innerhalb der Mitgliedschaft.

Was daraus wird oder wie sich dieser Zwist mittel- und langfristig auswirkt, ist schwer vorhersehbar. Der Aufsichtsrat kann in seiner aktuellen Besetzung aber schon jetzt eine heikle Jahreshauptversammlung erwarten, bei der es für einige Kontrolleure mehr als Denkzettel geben wird – eher One-Way-Tickets. Und der Vorstand, vor allem Bernd Hoffmann, hängt immer mehr vom sportlichen Wohl ab. Sollte die Variante Armin Veh/Urs Siegenthaler/Bastian Reinhardt auch noch in die Hose gehen, könnte es ganz eng für Bernd Hoffmann werden.

Übrigens: Horst Becker widersprach ganz eindeutig der Vermutung, dass Bernd Hoffmann durch die Verschiebung eines Teils der Kühne-Gelder ins abgelaufene Geschäftsjahr eine persönliche Prämie erhält. Demnach bekommt der Vorstandsvorsitzende keinerlei Prämie für einen wirtschaftlichen Erfolg, sondern ausschließlich für den sportlichen. Da der ja auch eher bescheiden war, dürfte der HSV einiges an Geld gespart haben.

So, das war es erst einmal von mir. Ich erwarte rege Diskussionen, Erlebnisberichte und Anekdoten, wie unsere Matz-abber die AOMV erlebt haben. Und zum Thema „Maulwürfe“, die „Thomas Toll“ ja gestern völlig zu Recht erwähnt hat, werde ich mich demnächst auch noch einmal ausgiebiger äußern.

Gute Nacht.

0:42 Uhr