Tagesarchiv für den 14. Juli 2010

HSV ohne Defensive 3:3 in Split

14. Juli 2010

Ohne Abwehr, aber mit Ideen in der Offensive. Der HSV holte im Auswärtsspiel bei Hajduk Split in Kroatien einen Punkt. 3:3 hieß es nach 90 Minuten, in denen die Hamburger ohne bundesligataugliche Defensive auskommen mussten. Rechts verteidigte Robert Tesche, daneben Mohamed Besic, dann David Rozehnal und links Lennard Sowah. Das musste schief gehen, und beinahe wäre es schief gegangen, denn Split führte nach acht Minuten bereits 2:0 – alles deutete auf ein HSV-Debakel hin. Eine HSV-Abwehr? Quasi nicht vorhanden. Zum Glück aber spielte die Offensive druckvoll, ideenreich und engagiert und ließ sich von diesem Rückstand nicht beeindrucken. Bester Hamburger an diesem Abend war Jonathan Pitroipa, viele gute Szenen hatte auch Paolo Guerrero. Trotz der drei Gegentreffer gehörte auch Torwart Jaroslav Drobny zu den besten Hamburgern, der ehemalige Berliner hatte viele sehr gute Szenen. Fazit: Für den Anfang und dafür, dass noch viele Eckpfeiler fehlten (auch die gedachten!), war dieses Unentschieden ganz passabel.

Bereits in der vierten Minute begann das muntere Scheibenschießen. Ze Roberto riskierte kurz vor dem HSV-Strafraum ein Dribbling, verlor die Kugel prompt, dann wurde David Rozehnal wie eine Slalomstange einfach viel zu mühelos überlaufen – Tor von Ibricic, 1:0 für Split. Leichter kann es eine Abwehr einem gegnerischen Stürmer nicht machen. Es sei denn, man schießt den Ball gleich ins eigene Tor. Und das setzte vier Minuten später Rozehnal dann auch in die Tat um. Fast möchte man meinen: Wer denn sonst? Die Pleiten-Pech-und-Pannen-Tour des Tschechen geht unvermindert weiter, er lenkte eine Eingabe von links ins Netz. Es ist schon der reine Wahnsinn: Wann immer auch etwas in der HSV-Defensive daneben geht – David Rozehnal ist dabei. Meistens sogar voll dabei. Vorauf gegangen war diesem Tor ein Abspielfehler von Paolo Guerrero, der den Ball nicht über sechs Meter zu David Jarolim gebracht hatte – und damit war der schönste Konter eingeleitet, denn die HSV-„Abwehr“ tummelte sich zu der Zeit gerade an oder auf Höhe Mittellinie herum.

Jonathan Pitroipa verkürzte dann auf kuriose Art auf 1:2 (25.), denn der Linienrichter hatte eine Abseitsposition von Guerrero angezeigt, beharrte auch darauf – doch der Schiedsrichter setzte sich durch, erkannte den ersten Hamburger Treffer an. Pech für HSV-Neuzugang Lennard Sowah, der bis dahin links verteidigt hatte, er musste Sekunden nach diesem Tor mit einer Wadenverletzung vom Platz, für ihn kam Tomas Rincon.

Pitroipa egalisierte dann sein Tor dadurch, indem er einen Elfmeter verursachte – Ibricic verwandelte lässig zum 3:1 (36.), doch vier Minuten später wurde Pitroipa im Hajduk-Strafraum zu Fall gebracht (für mich ein wenig fragwürdig, bei Jarolim hätten auch alle Hamburger wieder aufgestöhnt) – Elfmeter für den HSV. Mladen Petric verwandelte sicher. Ein turbulentes und unterhaltsames Spiel.

Auffällig in diesen 45. Minuten: Petric führte den HSV als Mannschaftskapitän auf den Rasen. Jarolim, dem viele Experten vorwerfen, er würde das Spiel verschleppen und meistens nur langsamer machen, war ganz, ganz auffällig darum bemüht, sich schnell vom Ball zu trennen. Jarolims Mittelfeld-Nachbar Ze Roberto blieb unauffällig, für meine Begriffe viel zu unauffällig – da muss von einem Mann seiner Klasse noch wesentlich mehr kommen. Guerrero in seiner neuen Rolle als Spielgestalter und Ideen-Produzent hatte tatsächlich viele gute und kluge Einfälle, oftmals wirkte er mir aber noch einen Tick zu lässig und auch ein wenig zu langsam. Zudem legte er einige Pausen ein, wenn es um die Rückwärtsbewegung ging.

Vorne kam Petric vorzugsweise über den rechten Flügel, was gar nicht mal schlecht aussah. Das lag aber hauptsächlich an der fußballerischen Klasse des Kroaten. Schnell, so schnell wie der Linksfuß Arjen Robben beim FC Bayern, ist Petric allerdings nicht, so dass es vielleicht gegen Hajduk Split gut aussehen kann, aber auch in der Bundesliga? Abwarten. Mir fehlt da leicht der Glaube. Als Spitze war Ruud van Nistelrooy aufgelaufen, er wirkte noch weit von seiner Bestform entfernt. Was sich bestens mit einer Szene nach 40 Sekunden dokumentieren lässt. Da nahm der Niederländer eine Flanke volley, wirkte dabei aber so hüftsteif und wenig austrainiert, dass die Kugel so um die 15 Meter über das Hajduk-Tor in den Abendhimmel von Split stieg. Zudem „klaute“ van Nistelrooy Petric ein Tor (7.), als sich Petric mit einem Lupfer bis zum Elfmeterpunkt vorgekämpft hatte – dann „übernahm“ van Nistelrooy fälschlicherweise den Ball, den Petric viel besser hätte verwerten können . . .

3:2 für Hajduk hieß es zur Pause, und Torwart Jaroslav Drobny hatte bei keinem der drei Gegentreffer eine Abwehrmöglichkeit. Wer Frank Rost zwischen den HSV-Pfosten vermisst: Die Nummer eins des HSV war erkältet.

Im zweiten Durchgang wurde fleißig gewechselt. Publikumsliebling Collin Benjamin war dabei, und mir hat der Koreaner Heung Min Son am besten von allen Einwechselspielern gefallen. Der Junge (18 Jahre) ist mutig, dribbelstark, elegant, beweglich, schnell, geht den direkten Weg zum Tor, sucht den Abschluss – der hat etwas, der wird dem HSV demnächst helfen, davon bin ich absolut überzeugt.

Das Tor zum 3:3-Endstand fiel übrigens so, wie ich es mir schon immer vom HSV wünsche: Eckstoß von links mit dem rechten Fuß von Pitroipa, am kurzen Pfosten verlängerte Benjamin per Kopf, und in der Mitte hatte Robert Tesche keine Mühe, aus zwei Metern zu vollenden. So einfach und so wirkungsvoll! Mehr davon (73.).

Am Rande des Spiels in Split sickerte durch, dass sich der HSV mit Nürnbergs Verteidiger Dennis Diekmeier einig ist – und auch mit dem Club. Wer von Euch mich nun fragt, ob Diekmeier nun auch nach Hamburg kommen wird, dem würde ich (augenzwinkernd) antworten: Zwischen 90 und 99 Prozent ist das sicher für mich. Ob Diekmeier aber schon am Sonntag, wenn es in Lübeck gegen Juventus Turin geht, mitspielen kann, ist fraglich, ich vermute eher noch nicht – aber dann.

Und wer kommt noch? Die weiteren Vorhaben des HSV gestalten sich doch noch ein wenig schwieriger. Der Algerier Madjid Bougherra (Glasgow Rangers) wird wohl nicht zum HSV kommen (das ist zwischen 90 und 99 Prozent sicher), mit Gojko Kacar wäre sich der HSV schon einig, doch Hertha BSC „zickt“ noch herum, die Vorstellungen beider Klubs liegen doch noch sehr, sehr weit auseinander. Zu weit? Das wird sich zeigen. Ich glaube daran, dass Kacar nach Hamburg wechseln wird, selbst wenn es sich noch einige Tage oder auch Wochen hinziehen wird.
Und wen gibt der HSV noch ab? Änis Ben-Hatira (Mainz 05?) soll gehen, Mickael Tavares sollte in der Türkei eigentlich ein Probetraining absolvieren, sagte es aber ab. Und Marcus Berg, für dem es viele Interessenten gibt? Er will sich durchbeißen beim HSV, obwohl er nach meinem Empfinden dazu keine Chance mehr erhalten wird. Da sein Vertrag noch bis 2014 läuft, würde dem Schweden ein (kurzzeitiges) Leihgeschäft schon helfen.

David Rozehnal, auf den viele HSV-Fans verzichten würden, wird auf jeden Fall bleiben, denn der HSV sucht nach wie vor und händeringend einen Innenverteidiger. Da kann er sich nicht erlauben, den Tschechen abzugeben – obwohl er eigentlich viel zu wenig Klasse besitzt. Er mag ein ordentlicher Ersatzspieler sein, aber mehr wird er auf Dauer auch in Hamburg nicht hinbekommen. Trotz der Tatsache, dass er eigentlich beißen will. Ich glaube ja fest daran (90 bis 99 Prozent), dass ein Schalker dem HSV auf dieser Position „helfen“ wird.

Der HSV spielte in Split mit: Drobny, Tesche, Besic, Rozehnal, Sowah (25. Rincon), Jarolim (80. Tavares), Ze Roberto (46. Benjamin), Petric, Guerrero (69. Son), Pitroipa, van Nistelrooy (68. Berg).

22.37 Uhr

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