Tagesarchiv für den 13. Juli 2010

Das unvergessliche Aufstiegsspiel

13. Juli 2010

Guten Morgen liebe Matz-abber,

die WM liegt erst knapp anderthalb Tage hinter uns und trotzdem ist sie für mich schon wieder so weit weg, dass ich das Gefühl habe, die Zeit fliegt an uns vorbei. Zur Einstimmung auf diesen spannenden Tag möchte ich Euch noch einmal eine Sommergeschichte servieren. Geschrieben hat sie “Fuxi”:

Moin! Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diese Geschichte schicke, weil sie rein gar nichts mit dem üblichen Thema – Profis – zu tun hat. Aber ich mach’s einfach mal – ich will Flagge zeigen. Schließlich spielen unsere HSV-Frauen in der 1. Bundesliga, sind mit einer Mannschaft in der 2. Bundesliga etabliert und haben kommende Saison auch die dritte Mannschaft in der Regionalliga, der dritthöchsten Spielklasse Deutschlands, als erster Verein überhaupt. Und nicht zuletzt geht es nächste Saison nicht nur in die achte Bundesligasaison, sondern auch ins Jahr der WM im eigenen Land – Sommermärchen bei den Frauen, und der Angriff auf die zweite Titelverteidigung. Hier also meine Sommergeschichte:

Sieben Jahre ist das jetzt her. 15. Juni 2003. Der Tag des letzten Aufstiegsrundenspiels. Der HSV hatte die Saison in der Regionalliga Nord souverän als Meister abgeschlossen, mit 20 Siegen, einem Unentschieden in Wolfenbüttel und einer Niederlage zu Saisonbeginn beim Tabellenzweiten Victoria Gersten. Tanja Vreden und Svenja Cohn teilten sich die interne Torjägerkanone, und mit Kathrin Patzke war eine neue, schnelle, dribbelstarke Goalgetterin dazu gekommen. Und trotzdem war es an diesem Tag richtig spannend, denn der HSV hatte die ersten beiden Spiele mehr Probleme als gewollt. Nur 1:1 gegen den FC Gütersloh, und dann 0:0 in Saarbrücken. Noch dazu verletzte sich Patzke gegen Gütersloh und musste den Rest der Aufstiegsrunde zusehen. Und nach dem 3:0-Befreiungsschlag gegen Sand ging es nun also zum USV Jena. Saarbrücken war schon durch. Aber Jena war noch drin. Genauer gesagt: Zweiter. Und das hieß: Bei einem Unentschieden würde der HSV den Wiederaufstieg und die dritte Bundesligateilnahme nach den beiden Direktabstiegen 1998 und 2002 verpassen. Und es stand ja noch im Raum, dass die beiden ehemaligen A-Nationalspielerinnen, Claudia von Lanken und Tanja Vreden, eventuell nicht in eine neue Regionalligasaison gehen würden.

So machten wir uns also am Sonntagmorgen auf nach Jena. Wir, das waren Hans, Tanja Vredens Eltern und auch noch Horst, der Papa einer Spielerin aus der Zweiten. Fünf Stunden Fahrt, garniert mit zwei Pausen und hunderten Blicken gegen diese komischen Brücken, die immer mal wieder über der Straße auftauchten, aber offenbar keine Starenkästen waren (sie entpuppten sich als Mautbrücken). Die Stimmung war gut. Zumindest bei den anderen. Ich war allerdings schon etwas kribbelig. Das legte sich auch nicht wirklich, als wir nun am Ernst-Abbe-Sportfeld ankamen. Fast zwei Stunden vor Anpfiff. Natürlich war noch niemand da, die Mannschaft schon gar nicht. Wir vertraten uns die Beine. Derweil stieg in mir die Anspannung. Natürlich hatte das Team eineinhalb Stunden vor Anpfiff nicht wirklich Muße für Gespräche. Ein Hallo musste beiderseits reichen, immerhin waren sie auch schon in der Konzentrationsphase. Wir nutzten die Zeit, uns Plätze auf der Tribüne zu suchen. Wer Jena nicht kennt: Die haben da die steilste Haupttribüne Deutschlands, wenn nicht der Welt. Das Spielfeld war auch eine Besonderheit, es hatte gerade 100 Meter Länge, war also recht klein. Wir nahmen kurz vor den Pressekabinen Platz, etwas links von der Mittellinie. Unter beinahe 1.000 Zuschauern. Ich weiß noch, Richtung Spielbeginn ließ das Kribbeln etwas nach. Das konnte natürlich auch daran liegen, dass ich mit dem Schreibkram für meine Webseite beschäftigt war. Wie so oft bei HSV-Spielen seit Ende 1997.

Und dann ging es los. Ohne die dribbelstarke Silva Lone Saländer. Dafür mit einer heute so modernen Doppelsechs vor der Dreier-Abwehrkette, die die spätere A-Nationalspielerin Britta Carlson organisierte. Jena schien vor uns Angst zu haben, immerhin boten sie eine 5er-Abwehr und nur eine Spitze auf. Das fand ich schon überraschend, und noch mehr, da sie in der Vorwoche in Gütersloh 4:0 gewonnen hatten, und Doppeltorschützin Anja Höfer spielte rechte Außenverteidigerin. Die erste halbe Stunde war, glaube ich, noch recht verkrampft, und es gab viel Abtasten. Die Torschüsse waren beiderseits durchweg harmlos. Mit jeder misslungenen Aktion stieg bei mir wieder die Nervosität, und als Sindy Groß per Volley die erste harmlose Chance des USV hatte, war mein Blutdruck endgültig jenseits von Gut und Böse, zumal es auch noch ziemlich heiß war. Jedenfalls kam es mir so vor. Der HSV konterte auf diese Aktion über fünf Stationen von hinten heraus. Tanja Vreden bekam den Ball an der Mittellinie und konnte sich endlich mal durchsetzen, mit Körpertäuschungen und schnellem Antritt vorbei an drei Jenaerinnen tief in die gegnerische Hälfte. “Cloda” Schulz bekam ihren Pass noch knapp vor der Torauslinie und brachte das Ding im Fallen irgendwie quer in die Mitte. Nicht hart, oder so. Aber trotzdem rutschte der Ball an den zweiten Pfosten durch. Und dann stand sie da, die kleine Maja Schubert mit ihren 18 Jahren. Mustergültig freigelaufen. Vier Meter vor dem Kasten. Und ließ den Ball einfach von der Innenseite ins Netz abtropfen.

Das Ding beulte noch nicht das Netz durch, da fiel für einen kurzen Augenblick alle Nervosität von mir ab. Ich glaube, ich hab nicht mehr so gefühlt, seit Tony Yeboah seine Torflaute mit dem Last-Minute-Siegtreffer gegen Werder beendet hatte.

Nervosität und Anspannung waren natürlich nicht weg. Oh nein – sie hatten nun nur einen anderen Grund: Schiss vor dem Gegentor. Plötzlich hatten wir was zu verlieren. Von Jena kam praktisch nichts, aber wenn sich das Team einschläfern ließe… Jede Minute gingen mir andere Gedanken durch den Kopf. Dabei war’s doch so einfach: Die da unten mussten einfach nur ein zweites Tor schießen. Dass Alex Gärtner das 2:0 verpasste und es mit der knappen Führung in die Halbzeit ging, machte es kaum besser. Die Viertelstunde war viel zu kurz, um wirklich für eine kurze Zeit mal Ruhe zu bekommen. Zumal Jena in der zweiten Hälfte kommen musste. Zur zweiten Halbzeit kam erstmal Silva Lone Saländer rein, und Jena stellte auf 4-4-2 um und zog Höfer weiter nach vorn. Bloß nicht hinten reindrängen lassen! Zwei Minuten waren gespielt, Tanja Vreden traf, aber es zählte wegen Abseits nicht. Mann! Auf der anderen Seite flog ein Distanzschuss ungehindert Richtung HSV-Tor. Ich dachte nur: Mach Dich lang, Claudi, mach Dich gaaaanz lang! Machte sie und verhinderte das 1:1. Puh! Wieder der HSV. Vreden in den Lauf von Janina Haye, gerade 16 Jahre, die spitzelte an der Torauslinie wieder zu Vreden, Pass in die Mitte, Schubert verpasst – Mist! Dahinter stand Svenja Cohn… Aber was machte die da?!? Nahm den Ball noch an, sechs Meter vorm Tor! Da kam die Torhüterin angeflogen… Bitte, bitte, bitte, bitte… und Svenni schob den Ball ganz cool links unten rein.

Jaaaaaaaaaaaaaa!!!! Ich geb’s zu, ich hatte feuchte Augen vor Erleichterung. Aber der HSV ließ sich das jetzt nicht mehr nehmen. Vreden sezierte die Jenaer Abwehr, Schröer frei vor dem Tor – und vergab den Knock-out. Das wäre der letzte Sargnagel für den USV gewesen. Hinten waren sie jetzt bombensicher, allen voran Claudia von Lanken, die sich in jede Flanke ohne Rücksicht auf Verluste reinschmiss und nach einem dicken Bock von Carlson mit einer ganz großen Reaktion das 1:2 durch Hartmann verhinderte – und damit ganz nebenbei auch das vorzeitige Karriereende. Aber auch die eigentlich gelernte Stürmerin Aferdita Kameraj biss jede Jenaerin in der Abwehr weg. Der HSV schien dem 3:0 näher als Jena dem Ausgleich. Und je mehr Zeit verstrich, desto mehr normalisierte sich der Puls. Bis zum Schlusspfiff um 15:46 Uhr. Da brachen dann alle Dämme. Es war geschafft, der HSV zurück in der Bundesliga. Dort, wo er hingehört.

Heute wissen wir: Dort ist er immer noch, auch wenn aus dem damaligen Aufstiegskader nur noch Bianca Weech, Aferdita Kameraj, Janina Haye, Silva Lone Saländer und Maja Schubert übrig sind. Und seitdem gab es auch nicht wenige Spiele, die das Zeug zu einer Sommergeschichte hätten. So zum Beispiel 2008, als das Team am letzten Spieltag im direkten Abstiegsduell durch ein 1:1 gegen Saarbrücken nur wegen der um zwei Tore besseren Tordifferenz und dank des Kopfballtores von Denise Lehmann die Klasse hielt, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte…

Fuxi

P.S.: Wer mehr über den HSV-Frauenfußball auch abseits der Bundesliga lesen will: http://die-torjaeger.de