Tagesarchiv für den 12. Juli 2010

Drei Baustellen (exkl. Personalplanung)

12. Juli 2010

Mein Urlaub ist noch nicht vorbei, aber rund um den HSV ist alles andere als Freizeitfeeling zu spüren. Ich habe eben lange mit meinen Kollegen telefoniert (und mit einigen Insidern des HSV), die mir von zwei bis drei großen Baustellen berichtet haben, die es derzeit bei unseren Rothosen gibt. Und damit meine ich nicht etwa das Training, bei dem es wie immer schweißtreibend zugeht (erst Stabilisationsübungen und Krafteinheit mit Gewichten, dann Ausdauerlauf im Volkspark), sondern die Bereiche Mitgliederversammlung, Spielsystem und Kapitänsfrage. Ich musste ja ein bisschen schmunzeln, als ich von dem kreisenden Raubvogel über dem Trainingsplatz gehört habe, während die Torhüter Droby, Rost und Hesl Bälle aus dem Winkel „pflücken“ sollten. Hesl muss das wohl ein bisschen zu wörtlich genommen haben – er rupfte die von Torwarttrainer Ronny Teuber sorgfältig angebrachte Vorrichtung prompt von der Latte. Pletzis Bemerkung vom „kreisenden Geier“ über den Torhütern bitte ich in die Kategorie „Jugend forsch(t)“ einzuordnen. Der Junge weiß nicht, dass es sich bei dem Federvieh eher um einen Bussard oder Habicht handelt. In Biologie hat mein Trainingsbeobachter seinerzeit wohl ziemlich oft gefehlt. Das Foto mit dem Greifvogel hätte ich aber schon gerne gesehen.

Nun aber zu den „Baustellen“. Nummer eins ist die Mitgliederversammlung, die ja morgen Abend stattfinden wird. Ich wurde in den vergangenen Tagen und Wochen immer und immer wieder gefragt, was ich mir von dieser Veranstaltung verspreche, was ich erwarte. Meine Antwort steht nun fest: Ich erwarte gar nichts. Keine Sorge, das ist keine Schutzfunktion, um mich einer Meinung zu enthalten. Es ist eher eine Folge meiner bisherigen Erfahrungen in Sachen Mitgliederversammlungen. Mal wurden explosionsartige Konflikte erwartet und es wurden relativ harmonische Sitzungen, dann wurde Ruhe erwartet und die die Versammlung „kochte“ nur so vor Ärger.

Grundsätzlich sollte man bei der Betrachtung der „Fronten“ folgendes beachten. Es gibt „die Supporters“ nicht als eine homogene Einheit, als DIE starke Gruppe, die auf Teufel komm raus Ärger anzetteln will und Bernd Hoffmann so oft und so stark es geht ins Handwerk pfuschen will. Wie bei allen Fördernden Mitgliedern in Vereinen bestehen auch die Supporters aus drei bis fünf Interessensgemeinschaften: den fördernden Fans, die Vorteile aus ihrer Mitgliedschaft erzielen wollen, denen Siege wichtiger sind als alles andere; den Kern-Supporters, die sich stets um das Wohl ihres HSV sorgen und allen Anzeichen nachjagen, die besagen, dass ihr Verein ein Stück seiner Seele verhökern könnte; den Hoffmann-Kritikern, die in allen Aktionen des Vorstandsvorsitzenden eine böse Tat sehen; und den Unterstützern, mit ihrem Beitrag den HSV fördern wollen, sich hier und da auch für vereinspolitische Fragen interessieren, aber eigentlich lieber nicht belästigt werden wollen und schon gar keine Verantwortung im Verein oder gar im SC (Supporters Club) übernehmen wollen.

Ich habe es jetzt bewusst etwas einfacher und kompakter dargestellt, um die Thematik zu vereinfachen. Falls ich jemanden vergessen haben sollte, bitte ich um Verzeihung. Nun stellt sich natürlich die berechtigte Frage, wie ein Mann wie Ralf Bednarek, der ja bei vielen von Euch offenbar aneckt, diese SC-Mitgliedschaft vertreten kann. Ich sage es Euch: gar nicht, jedenfalls nicht repräsentativ. Er vertritt die Mitglieder, die sich engagieren, die auf Versammlungen im Vorfeld diskutieren und sich Fragen stellen, die auch mal hinterfragen. Und auf solchen Versammlungen wie der morgigen kommt es dann oft zum großen Knall, weil sich die nicht Repräsentierten dann zu Wort melden und giften und ihren eigenen Vorstand in Frage stellen. Ich hoffe, dass sich morgen alle auf das Wesentliche beschränken, nämlich das Wohl des HSV. Dass die meisten „Seelenhüter“ des HSV mit Bernd Hoffmann kein Liebesverhältnis in Sachen Vorstand mehr eingehen werden, ist wohl nicht zu ändern. Muss es aber auch gar nicht.

Zweite Baustelle: das Spielsystem. Ich hatte in den ersten Tagen von Trainer Armin Veh das Gefühl, als ob mehrere Offensivkräfte, allen voran Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric alles andere als angetan von der WM-Formation mit nur einer Spitze und drei dahinter arbeitenden Profis sind. Van Nistelrooy sagte es bislang zwar nicht öffentlich, aber zwischen den Zeilen war doch seine Sorge herauszuhören, dass er als einzige Spitze vor des Gegners Gehäuse womöglich etwas vereinsamen könnte. Und Petric, der ja gestern auch in Halstenbek als rechter Flügelspieler der Dreierkette hinter der Spitze eingesetzt wurde, käme auf Bundesliganiveau viel zu selten in eine Position mit Torgefahr. Er blockt die Diskussion aber noch ab. „Die Rolle rechts bringt mir Spaß, ich habe mir darüber noch keinen großen Kopf gemacht.“

Alle erwarten, dass sich nach der Rückkehr der WM-Fahrer noch etwas Grundlegendes in der Ausrichtung verändern könnte. Die derzeitigen Formationsproben können schließlich auch positiv betrachtet werden. „Wir sind mit Sicherheit nicht festgelegt auf ein System“, hat Armin Veh kürzlich schon mal erwähnt. „Das Gute an unserem Kader ist, dass wir sehr flexibel sind“, hat auch Petric heute noch einmal nachgelegt. Vielleicht sehen wir ja schon übermorgen beim Auswärtstest gegen Hajduk Split (20.20 Uhr, Sport.1 live) eine neue taktische Ausrichtung.

Baustelle Nummer drei ist die Kapitänsfrage. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht ganz verstanden, warum der Trainerstab dieses Fass überhaupt aufgemacht hat. Wenn die Angelegenheit sowieso erst nach der Rückkehr aller WM-Fahrer, also Anfang August, beschlossen wird, hätte David Jarolim doch bis dahin die Binde tragen können. Das Amt von Spiel zu Spiel neu zu verteilen, quasi probehalber, finde ich sinnlos. Aber Armin Veh wird sich mit Sicherheit etwas dabei denken. Und wer weiß: Vielleicht beflügelt die Binde ja doch noch mal jemanden zu Höchstleistungen. Allerdings sollte sie dann eher an die junge Generation übergeben werden und nicht an erfahrene Leute wie Zé Roberto, die ohnehin auch ohne Binde Führungsaufgaben übernehmen.
So, jetzt ist es genug für heute. Bis morgen.

15:13 Uhr

Wunschhamburger unter Schwaben

12. Juli 2010

Guten Morgen liebe Matz-abber,

nun kommen also doch keine Weltmeister zurück nach Hamburg. Trotz der Dramatik des Spiels gestern Abend und der Tatsache, dass der bayrische Seehund das Siegtor hätte machen können, denke ich, dass Spanien zu Recht Weltmeister geworden ist. Es ist beeindruckend, wie ballfertig und vielseitig diese Iberer sind. Und dass Iniesta das goldene Tor machte, passte perfekt zu seiner Galavorstellung.

Nun aber wieder zum HSV. Joris Mathijsen und Eljero Elia dürfen jetzt drei Wochen lang ihre Wunden lecken. Wenn sie beide mit der Motivation und dem Leistungspotenzial nach Hamburg zurückkehren, das sie gestern und in den Partien zuvor in Südafrika präsentiert haben, sind sie auch beim HSV unverzichtbar. Mal sehen, was in den kommenden drei Wochen passieren wird. Heute am frühen Morgen gibt es mal wieder eine Sommergeschichte, diesmal von Janno aus dem Schwabenländle:

Hallo, nach der Aufforderung, dass sich mal HSV-Jünglinge melden sollen, habe ich meine Geschichte geschrieben. Ich kommentiere das Geschehen im Blog zwar nicht, bin trotzdem ein begeisteter Leser. Im Übrigen ein großes Lob für die Seite, mir gefällt sie sehr.

Das erste Mal, als ich den HSV live im Stadion gesehen habe, habe ich eine Halbzeit lang geschlafen. Ich muss 14 Jahre alt gewesen sein und lebte wie heute noch im Süden Deutschlands, 40 Minuten von Stuttgart und dem VfB entfernt. Mein Vater, der bei einer Hamburger Firma arbeitet, hatte Besuch von einem japanischen Geschäftskollegen und zur Freizeitgestaltung drei Karten für das Spiel Stuttgart gegen Hamburg bekommen. Fußball war in meiner Pubertät zwar noch nicht das große Thema, aber trotzdem war ich sofort dabei, als es hieß, dass noch eine Karte fürs Stadion übrig war. An das Spiel an sich kann ich mich nicht mehr erinnern, zum einen, weil mich das Geschehen da unten auf dem Rasen nur mäßig interessierte und ich lieber die Menschen auf den Tribünen beobachtete, zum anderen, weil ich kurz nach dem Seitenwechsel einschlief. Das Spiel endete 0:0, der Torjubel meines Vaters, der mich hätte aufwecken können, blieb also auch aus.

Die nächsten Jahre hörte ich nicht mehr viel vom HSV. Ich stibitzte meinem Vater zwar ab und zu seine HSV-Mütze, das waren dann aber die meisten Berührungspunkte. Mit der Volljährigkeit kam dann die Saison 2008/2009. Meine Freunde und ich, die dank des UEFA-Cups einen Grund hatten, uns unter der Woche zu treffen und ordentlich Bier zu trinken, verpassten kein Donnerstagspiel. Unsere Runde bestand ausschließlich aus unverbesserlichen Bayern- oder Stuttgart-Fans, nur mich hatte der richtige Verein noch nicht gefunden. Es kamen diese unvergesslichen Wochen, in denen der HSV innerhalb kürzester Zeit viermal auf die Bremer traf und sich die Meisterschaft, Pokal und UEFA-Cup durch die Lappen gingen ließ. Dank meines Vaters vorbelastet und dadurch bestärkt, dass meine „Freunde“ in diesen Duellen fast immer für die Bremer waren, sympathisierte ich natürlich mit dem HSV. Im Rückspiel des UEFA-Cups war es dann soweit: Niederlage, ausgeschieden und das alles nur wegen dieser beschissenen Papierkugel. Innerlich aufgewühlt machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die eine oder andere bittere Träne schlich sich dabei in meine Augen, und wenn es einen „magischen Moment“ gibt, dann war es dieser. In meiner Wohnung angekommen, bestellte ich mir sofort ein Trikot meines neuen Lieblingsvereins und diese Entscheidung habe und werde ich niemals bereuen. Vielleicht gar nicht schlecht, dass ich meinen Verein auf diese Art und Weise gefunden habe, die gehässigen „Europapokal!“-Gesänge meiner „Freunde“ jucken mich mittlerweile auch nicht mehr und wenn ich mit meinem Verein bisher hauptsächlich leiden musste (letzte Saison schon wieder im Halbfinale der Europa League), dann wird der nächste Titel bestimmt umso schöner.

Mit freundlichen Grüßen

Janno