Tagesarchiv für den 10. Juli 2010

Trochowski schlecht beraten?

10. Juli 2010

Der Countdown läuft. Ein letztes Mal aus Sicht der deutschen Nationalmannschaft bei dieser WM. Wobei ich ja schon sagen muss, dass das Spiel um Platz drei irgendwie so eine Art Trostrunde ist. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es nicht wenige Leute, die sich das Spiel gar nicht anschauen oder nur nebenbei, während sie sich zu Grillrunden treffen. Ich kann sie ein bisschen verstehen, schließlich sind Temperaturen oberhalb der 30-Grad-Marke Anlass genug für gesellige Runden mit Frischgezapftem oder Kühlgetränken. Prost.

Armin Veh wird sich das Spiel auch anschauen. Und er hofft natürlich, dass einer seiner HSV-Spieler eine entscheidende Rolle spielen kann. Denn jeder weiß ja, dass vom letzten Eindruck immer etwas hängen bleibt – mit Vorliebe natürlich Positives! Marcell Jansen, das hat der Coach ja schon vor ein paar Tagen gesagt, hat immer das Zeug für spielerische Offensivimpulse. Und über Piotr Trochowski könnte ich jetzt auch wieder eine Menge erzählen, aber damit ecke ich ja bei vielen von Euch ziemlich stark an. Und darum habe ich meinen Kollegen Christian Pletz mal gefragt, ob er mir nicht mal etwas „quasi Neutrales“ zum umstrittenen „Troche“ schreiben könnte. Ich habe ihn wirklich nicht vorbereitet oder genötigt. Ich veröffentliche seine Meinung zur Personalie Trochowski komplett ohne chirurgische Eingriffe – pünktlich zum WM-Abschluss:

Hallo liebe Matz-abber,
ich – Christian Pletz, Kollege von Dieter Matz und Fußball-Liebhaber durch und durch – komme Dieters Bitte nach einem Trochowski-Beitrag sehr gerne nach. Ich gestehe hiermit, dass ich weder zu den Trochowski-Fans noch zu seinen Pauschal-Kritikern gehöre. Ich betrachte ihn als wertvollen Mittelfeldspieler, der ein ziemliches „Päckchen“ mit sich herum trägt, das meiner Meinung nach leider viel zu oft gar nicht dargestellt oder fehlinterpretiert wird. Mit diesem „Päckchen“ meine ich sein Image – ein bewusst gewähltes.

Lasst mich aber lieber erst einmal bei den sportlichen Aspekten anfangen. Ich kürze sie bewusst ab, um dem Kernthema ein paar mehr Zeilen zu widmen. Für mich ist Trochowski ballsicher, technisch hervorragend, handlungsschnell, er hat einen außergewöhnlichen, präzisen Schuss und auch ein sehr gutes Passspiel. Für seine „Größe“ von knapp drei Zentimetern überm Besenstiel springt er enorm hoch, und seine Laufgeschwindigkeit ist auch nicht schlecht. Seine größten Schwächen hat er eindeutig in der Rückwärtsbewegung. Er präsentiert gelegentlich eklatante Stellungsfehler (wie auch einmal im Spiel gegen Spanien), und ist manchmal auch viel zu behäbig beim rigorosen Eingreifen in Abwehraktionen. Zudem ist er mir zu wechselhaft in seinen Auftritten. Er versteckt sich manchmal über 70 Minuten und taugt daher gut für erste Auswechslungen.

Nun aber zu „Troches“ Kernproblem. Das sehe ich in seiner Beratung in Sachen Öffentlichkeit. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr mir Trochowskis Interviews seit etwa zwei Jahren auf die Nerven gehen. Trochowski, den ich für einen hervorragenden, extrem guten MIT-Spieler halte, einen, der in jeder Bundesligamannschaft gut gebraucht werden kann, der aber mit Sicherheit kein Regisseurtyp ist, kein Mitreißer, kein Leader (auch aus Gründen seiner Persönlichkeit), gibt sich in Interviews manchmal, nein, fast immer, als der coole Überflieger, der selbstverständlich eine Führungsfigur darstellen will. Ich habe zu Dieter nach einem dieser typischen Interviews mal gesagt: Guck mal, jetzt will Troche den Ballack spielen, dabei hat er das gar nicht nötig.

Da ich vor ein paar Jahren mal das „Glück“ hatte, mit Trochowskis Berater Roman Grill an einem Tisch zu sitzen und über Fußball und ein paar seiner Schützlinge zu plaudern, behaupte ich mal ganz dreist: Diese neue Art von „Troche“, sich selbst in der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist gewollt. Das ist Imagearbeit, geplanter Natur. Das soll seinen Status in Fußballdeutschland verbessern, also unterm Strich seinen Marktwert erhöhen.

Ich halte diese Imagearbeit für kontraproduktiv. Denn jeder, der diese Interviews vom Überflieger hört und anschließend seine sehr wechselhaften Auftritte sieht, der muss doch mit dem Kopf schütteln. Da liegen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander. Unglaublich.

Was ich aber fast genauso schlimm finde, ist die Tatsache, dass der HSV nicht darauf reagiert. Ich finde, dass Kommunikationsexpertin Katja Kraus, die das bestimmt auch schon registriert hat, mal ein ernstes Wörtchen sprechen müsste. Ich behaupte: Trochowski ist viel wertvoller, wenn er weniger redet und dafür mehr seine vorhandenen Stärken einbringt. Und ich hoffe inständig, dass der neue Trainer Armin Veh nicht auf Trochowskis „künstliches Image“ reagieren wird, sondern sich dem Billstedter Jung mal in einem langen Vieraugengespräch widmet. Wenn er ihn richtig anpackt, ihn zu seinen Wurzeln zurück bringt, dann wird er richtig Spaß an ihm haben können. Und ich bin mir sicher, dass auch die Fans (nach meiner Einschätzung würden mittlerweile mehr als 60 Prozent einen Abschied „Troches“ befürworten, was bitter genug ist) Trochowski dann auch auch wieder fairer und nicht so vorbelastet bewerten würden.

Das reicht jetzt, glaube ich. Da Dieter ja immer Romane schreibt, beschränke ich mich auf einen kleineren Beitrag. Ich wünsche allen Matz-abbern ein tolles WM-Finale und eine erfolgreichere Saison als die vergangene. Wenn Ihr so sachlich, kreativ und kritisch, aber auch tolerant und zuverlässig bleibt wie bisher, dann wird die HSV-Fan-Kultur bestimmt eine weitere Qualitätssteigerung erfahren. Ich bin begeisterter Mit-Leser. Und im Gegensatz zu Mit-Spieler Trochowski beschränke ich mich auf diese Rolle auch. Weil ich weiß, was ich kann. Liebe Grüße, cp

So, das war also Pletzis Beitrag. Und da das Spiel ja in ein paar Minuten schon angepfiffen wird, belasse ich es dabei. Heute. Mal sehen, was Ihr von seinen Kommentaren haltet.

19:55 Uhr

Onkel Jan (ver)führt zum HSV

10. Juli 2010

Moin liebe Matz-abber,

und wieder so ein herrlicher Sommertag, der eigentlich nicht gerade dazu verleitet, im Internet zu surfen. Aber einen Abstecher ins Worldwideweb sind die tollen Sommergeschichten von Euch ja doch wert. Hier kommt die nächste von “Herb Boedger” – für mich erneut ein nostalgischer Genuss. Lest selbst:

Frühjahr 1959

Zu Besuch bei Tante und Onkel in Norderstedt – besser geschrieben: Garstedt -, als 5-jähriger Steppke hatte ich noch wenige Monate freies Leben vor mir, denn im Sommer wurde ich eingeschult in Nordrhein-Westfalen. Eines Tages in diesen Hamburger Ferien im April/Mai 1959 nahm mich mein Onkel Jan am Händchen, spazierte mit mir über die Langenhorner Chaussee in Richtung Harksheide, am Standort des Seeler-Hauses vorbei zum Trainingsgelände Ochsenzoll am Lindenhof, und dann sah ich sie! Die HSVer mit dem einen Ausländer aus Buxtehude (Kurbjuhn) – und seitdem – Ihr wisst schon…!

Zurück zu Hause waren mein Vater und mein Opa entsetzt: der Junge jetzt HSVer? Fußballer will er werden? Bisher spielt er doch Handball! Jo, stimmte, bis dahin war ich angemeldet im Handballverein, hatte auch Spaß daran, aber natürlich wurde außerdem gebolzt, wann immer es ging. Nun also Fußball im Verein, dazu noch 1960 die Hamburger Meisterschaft, mein Opa Handballer und gleichzeitig FC-Kölle-Fan, mein Vater (ebenso Handballer) war aus beruflichen Gründen viel in “brähm” und Fan des dortigen kickenden unerfolgreichen Clubs geworden. Nutzte nix, in den kommenden Jahren musste mich mein alter Herr zu den HSV-Spielen kutschieren, u.a. nach Braunschweig.

Das sind so Spiele, die vergisst man nie, kennt Ihr sicherlich auch. Ganz besonders meine ich die Livematches; nicht die vor der Glotze. Nach 0:-Rückstand noch 6:4 gewonnen, danach Gründung der Buli, dann der Generationenwechsel – Seeler/Kaltz noch in einer Mannschaft Anfang der 70er! Dann die Erfolge im Pokal, in der Meisterschaft und das Ding gegen Juve in Athen. Aber auch Zeiten, in denen der HSV kurz vor der Pleite stand und in denen Mittelmaß nicht einmalige Tristesse, sondern permanenter Zustand war. Dann weg mit der kalten Betonschüssel – und heute ein tolles Stadion mit leider falsch zusammengesetzter Führungsmannschaft im Verein.

Wie auch immer: Letztes Jahr habe ich mit Anhang mein 50-jähriges HSV-Jubiläum gefeiert – das 51-jährige ist in diesem Lenz aus bekannten Gründen ausgefallen…

dinogruß

herb boedger

ps: am samstag, dem 04.06.10, habe ich hier vor ort die uwe-seeler-traditionsmannschaft spielen sehen vorher gab uns uwe autogramme, hrubesch spielte mit – herrlich, da konnte ich nochmal so richtig nostalgieren. Sollte die truppe mal bei euch in der nähe kicken – unbedingt hingehen! kann ich nur empfehlen.

12:07 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.