Tagesarchiv für den 9. Juli 2010

Zé Roberto will Deutscher werden

9. Juli 2010

Der Schweiß fließt in Strömen, die Zuschauerzahlen nehmen zu. Man merkt bei den Trainingseinheiten deutlich, dass die Sommerferien begonnen haben. Allerdings ist es nicht so einfach für die Besucher der Trainingseinheiten zu entscheiden, auf welcher Seite der Trainingsanlage sie sich postieren sollen. Trainer Armin Veh nutzt nämlich die Gänze des hervorragend angerichteten Raumes. Heute Vormittag ließ der Coach eine intensive Ball-Grundlageneinheit absolvieren. Erst Präzisionspassübungen in verschiedenen Varianten, dann leichte Spielformen, ein Spiel auf engem Raum mit Torabschlüssen – und schließlich noch Flankenbälle mit Direktabnahmen zweier Angreifer. Vor allem die letzte Übung gefiel den Beteiligten blendend. Kopfbälle, Seitfallzieher, hin und wieder auch einen Dropkick: Da lachte die Fußballerseele. Und es gab hier und da auch mal eine Portion Szenenapplaus für besonders schöne Treffer.

Die Trainer Veh und Michael Oenning beobachteten das Treiben genau. Sie sahen auch, dass die jungen Nachwuchshoffnungen mal wieder nicht abfielen und sich erneut für Chancen anboten. Zudem ließ sich keiner der Kicker hängen. Nur beim anfänglichen Passspiel fiel von den Stammkräften Paolo Guerrero etwas negativ auf, weil seine Zuspiele zwar hart, aber dafür umso unplatzierter waren. Da drohte Ruud van Nistelrooy als Anspielstation einige Male im Spagat zu landen.

Die Eindrücke vom Training sind bislang wirklich gut. Aber ehe mir jetzt unterstellt wird, ich würde Veh und Co. hier schon zu früh loben und ihnen gute Arbeit attestieren, betone ich noch einmal, dass wir uns noch im – etwas überspitzt formuliert – Vorgeplänkel befinden. Grundlagenarbeit, das wird mir jeder Trainer und aufmerksame Zuschauer bestätigen, ist immer nur bedingt aussagefähig, was die folgende Saisoneröffnung betrifft. Aber ein positiver Aspekt ist auf jeden Fall, dass es mit Ausnahme der Ein-Tages-Verletzung von Torhüter Drobny noch keinerlei nennenswerte Rückschläge gab. Sollte es Veh tatsächlich gelingen, mit nur einer, maximal zwei verletzungsbedingten Pausen für potenzielle Stammspieler durch die gesamte Vorbereitung zu kommen, wäre das wirklich eine Schlagzeile wert. Denn dann hätte der HSV endlich mal einen rundum fitten Kader, bei dem der Trainer aus dem Vollen schöpfen kann.

Wobei ich natürlich gleich einhaken muss, dass den Trainerstab die schwierigste Phase der Vorbereitung erst noch erwarten wird. Die folgt nämlich dann, wenn die deutschen und die niederländischen Nationalspieler ins Training einsteigen werden – im August. Da muss man als Coach eine Balance finden. Einerseits sollen die WM-aktiven Führungsspieler möglichst rasch an die Stammelf gebunden werden, andererseits sollen sie aber auch ihre körperlichen Defizite aufholen und bloß nicht zu früh in den Wettbewerb „geschmissen“ werden, da das Verletzungsrisiko sonst unheimlich groß ist.

„Natürlich ist so eine Situation nicht einfach, aber die Qualität des Kaders ist groß genug, um das aufzufangen“, sagt Zé Roberto. Apropos Zé: Der Brasilianer sorgte heute für eine echte Überraschung. Nach der Zwei-Stunden-Einheit kam er zum Pressetermin und plauderte munter über seine Ziele („eine bessere Saison hinlegen als in der vergangenen, auch ich persönlich!“), seine Gedanken und seine Ambitionen. Fast nebenbei verriet der defensive Mittelfeldmann dann, dass er sich derzeit intensiv mit dem Gedanken beschäftige, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ein Spaß? Keinesfalls. Er fühle sich mit seiner Familie so wohl hier und könne sich auch eine Zukunft nach der Fußballerlaufbahn in Deutschland vorstellen.

Zé Roberto kann auch nicht ausschließen, dass er nach dieser Saison noch eine weitere dranhängt: „Ich spiele Fußball aus Leidenschaft. Solange ich fit bin und der Mannschaft auf dem Platz helfen kann, sehe ich keinen Grund aufzuhören. Sollte ich aber merken, dass ich niemandem mehr helfen kann, werde ich ganz bestimmt nicht mehr krampfhaft versuchen auf dem Platz zu stehen.“ Der Brasilianer ist dankbar. Nach zwölf Jahren in Deutschland will er im kommenden Jahr auf jeden Fall eine Fußballschule in Brasilien eröffnen – für Straßenkinder. „Und ich kann mir gut vorstellen, dass ich so etwas auch in Hamburg mache. Ich habe hier in Deutschland so viel bekommen und möchte dafür auch etwas zurückgeben, am liebsten an Kinder, denn die sind unsere Zukunft“, sagt er.

Zé Roberto ist kein Traumtänzer, und auch kein Phrasendrescher. Daher bewertet er auch die Qualität der Mannschaft mit einer gewissen Zurückhaltung. „Ich sehe aber auch Chancen im Zustand, dass wir uns leider nicht international qualifizieren konnten. Wir werden uns auf den Pokal und die Bundesliga fokussieren. Wenn wir jetzt noch ein bis zwei Puzzlestücke dazu bekommen, die die große Qualität des Kaders noch weiter verbessern, dann werden wir sehr gut aufgestellt sein.“ Dass er damit vor allem die Abwehrbesetzung meint, ist kaum überraschend. Der Vorstand arbeitet eifrig an einer baldigen Verpflichtung internationaler Klasse. Wer den Weg zum HSV finden soll und wird, ist mir trotz der vielen gehandelten Namen unbekannt.

So, jetzt reicht es erst einmal mit den Eindrücken von heute. Das heiße Wochenende wird weitere Erkenntnisse bringen. Garantiert. Genießt die Sommertage.

15:24 Uhr

Sommergeschichte vom anderen Stern…

9. Juli 2010

Manch Hamburger Fußballprofi dürfte heute beim Frühstück ein bisschen geschnauft haben. Schon 30 Grad zeigt das Thermometer am frühen Morgen, und Trainer Armin Veh bittet seine Jungs gleich zur nächsten Grundlageneinheit. Damit Ihr Euch bestens auf das Wochenende einstimmen könnt, gibt es hier die nächste Sommergeschichte. Sie kommt von einem anderen Stern, denn ihr Autor ist “Südstern”:

Seit einigen Jahren habe ich mein Büro in Stuttgart, wo ich als Ausbildungsberater einer Arbeitgeberorganisation tätig bin. Da entfällt natürlich der Trainingsbesuch fast gänzlich und Spiele live zu erleben ist auch seltener geworden. Das ist weniger des Geldes geschuldet, sondern liegt des öfteren an Terminen am Wochenende, an denen ich an Ausbildungsmessen teilnehmen muss. Ansonsten fliege ich jedes Wochenende nach Hause zu Frau und Hund. Mein Sohn, ein noch verrückterer HSV-Fan als ich, hat zur Zeit als Lehrer seine Zelte in Reinland-Pfalz aufgeschlagen.

Kommen wir zu mir. Ich wurde nach dem Krieg in einem kleinen Dorf zwischen Hannover und Hameln geboren. Mein Vater lernte meine Mutter als Soldat in Dänemark kennen. Sie stammte aus den schönen Fleckebüh an der Schlei. Mein Opa war ein Beamter bei der S-Bahn. Als solcher war er Chef von den Bahnhöfen Klein Flottbek, Ottmarschen und Bahrenfeld. Im Bahnhof K.F. wohnten meine Großeltern, die ich in jeden Ferien mit meiner Anwesenheit beglückte. Der K.F. Bahnhof war kein reiner Personenbahnhof, es gab auch Gleise für Güterzüge, an denen z. B. der Koks für die Heizungen vom Zug auf den LKW verladen wurde.

Wir Kinder haben dann Mitte der 50er-Jahre den Koks, der zwischen den Gleisen lag, aufgesammelt und stolz wie Bolle nach Hause getragen. Es kamen nicht nur Güter an, sondern zum Springderby die Pferde der Teilnehmer. Das Reitstadion liegt ja gleich neben dem Bahnhof. So erlebte ich nicht nur die Weltelite des Reitsport, sondern auch deren Pferde aus nächster Nähe. Darum erlebte ich das Springderby jahrelang mit Freikarten von meinem Opa. Wie ich zum HSV gekommen bin, weiß ich nicht mehr so genau. War es durch den jüngsten Bruder meiner Mutter oder durch meinen Vater? Oft sind mein Onkel und ich zum Training mit seiner Vesper gefahren. Mein großes Idol war Jürgen Werner.

Leider hat er sehr früh seine Karriere beendet um seinen Beruf als Lehrer weiter auszuüben. Meine ersten Live-Spiele vom HSV habe ich in Hannover gesehen. Beide leider nicht so erfreulich. Es waren die Endspiele zur Deutschen Meisterschaft 1957 (1:4 g. D.) und 1958 (0:3 g. Sch.). Im Brezelkäfer ging es mit vier Erwachsenen und zwei Kindern nach Hannover. Das Stadion knüppeldicke-voll (etwa 80.000 Zuschauer) und wir auf den Schoß von unseren Vätern. Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, so ein Landei wie ich, und dann mitten in so einer solchen Menschenmenge. Vor lauter Aufregung habe ich von dem Spiel nicht viel mitgekriegt. Mein Vater erzählte immer, ich hätte auf der Rückfahrt 1957 + 1958 geheult wie ein Schlosshund. Er meinte, es war wohl der Hunger oder der Durst, der dies ausgelöst hat. Ich weiß es nicht mehr.

Auf alle Fälle war ein Fremdverpflegen im Stadion nicht möglich. Oder gab es nicht? Zum Trost gab es dann zu Haus selbstgemachten Himbeersaft mit Natron, unsere damalige Brause.

Die Männer holten sich einige Flaschen Bier vom Bierhausverkauf nebenan, und für den Hunger schmierte uns meine Mutter einige Stullen und belegte sie mit Hausmacherwurst. So wurde es noch ein gelungener Tag und wir Kinder hatten die Niederlagen zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon wieder vergessen. So bin ich dem HSV schon über 50 Jahre treu und wohlgesonnen und werde es so halten wie mit meiner Frau (bis dass der Tod uns scheidet).

In diesem Sinne: einmal HSV – immer HSV!

9:50 Uhr