Tagesarchiv für den 8. Juli 2010

Sommergeschichte von “HSVpidde15″

8. Juli 2010

Ihr seid so schnell, viel zu schnell. Das konnte ich heute um die Mittagszeit wieder einmal feststellen. Kaum war die Sommergeschichte veröffentlich, schon waren kleine Proteste “unterwegs”. Recht hattet Ihr ja, die Geschichte war schon bekannt. Ich bedanke mich ausdrücklich bei HSV Jonny (“Erster”), der mir sagte, dass die Geschichte des „Kollauers“ alt sei. Ja, alt. Das ist schon so eine Sache . . . 62 ist die Zahl, die mir bald droht . . . Aber es liegt wohl vor allem an den Vorboten des besonderen Wochenendes, denn Frau M. feiert ja einen ganz schön runden Geburtstag – und das fern der Heimat.

Noch einmal kurz zurück zur WM. Die 0:1-Niederlage gegen Spanien ist zwar immer noch sehr bedauerlich, aber die deutsche Mannschaft kann erhobenen Hauptes (drei Euro ins Phrasenschwein!) in die Heimat zurückkehren. Sie hat ein tolles, ein großartiges Turnier gespielt, Deutschland hat sich eindrucksvoll in der Weltspitze zurück gemeldet. Was sicher auch an der hervorragenden Nachwuchsarbeit des DFB (Matthias Sammer) und der Bundesliga-Vereine liegt. Ein dickes Kompliment allen Beteiligten.

Und wer sich immer noch nicht von dem Halbfinal-Aus erholt hat, der kann nun mit der neuen (!) Sommergeschichte auf andere, viel bessere Gedanken kommen. Kein Tag ohne Sommergeschichte, jedenfalls so lange der Vorrat reicht. Heute kommt sie von „HSVpidde15“, und sein Beitrag hat mich sehr gerührt. Wenn man dachte, man sei am Ende der Story, dann ging es wieder los. Spannend, toll, lesenswert. Viel Spaß mit dieser Geschichte, die nun beginnt:

Hallo Matz-abber,

ich bin erst seit kurzem ein Leser dieses Blogs, und es gefällt mir sehr. Da ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, und kürzlich nach Geschichten von Jünglingen (ich bin 17) gefragt wurde, lasse ich euch also einer meiner Erlebnisse teilhaben. Es war der vierte April 2009. An einem recht schönen Tag sollte der Bundesliga-Dino den Bundesliga-Neuling, die TSG Hoffenheim, empfangen. Ob es rechtens ist, dass die Sinsheimer jetzt durch die Bundesliga reisen dürfen, da hat ja jeder seine eigene Meinung. Wie auch immer, ich hatte drei Karten besorgt, für eine Freundin, meinen Bruder und mich.

Da das Stadion recht schnell ausverkauft war und bekannterweise die Hoffenheimer nicht zu tausenden erscheinen würden, hatte ich leider auf eBay nur noch Gästeblockkarten ergattern können. Es war erst mein viertes Spiel im Volksparkstadion, es sei mir also hoffentlich verziehen, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht anders an Karten zu kommen wusste, als über eBay.

Na ja, da waren wir also, nachdem wir rechtzeitig da waren und noch den Trainingsplatz und das (noch geschlossene) Stadion begutachtet hatten, wurden also die Leute endlich eingelassen. Da wir als HSVer im Gästeblock fehl am Platze gewesen wären, hatten wir uns entschieden, mal auf die Nordtribüne zu gehen und zu gucken, was so möglich ist. Wir standen also hilflos hinter Block 25A, jeder Eingang von Ordnern abgeschirmt. Meine Idee an der rechten Seite vorbei zu schleichen, wenn der Ordner links eine Karte anschaut, hatte ich bald aus meinem Kopf verdrängt, es wäre wohl daneben gegangen.

Schnell über das Gitter zwischen zwei Eingängen zu klettern und einen Meter dahinter in den Block „einzudringen”, war auch nur auf den allerersten Blick eine gute Idee, also mussten wir weiter überlegen. Ich sah einen korpulenten Mann in schwarzem Pulli stehen, neben dem Eingang war es. Das Gitter war weggeräumt, denn in Kürze sollte ein Wurstverkäufer den Platz besetzen. Jetzt war da also etwas Platz, ich trete ans Gitter und spreche den Herren, der nicht älter als 40 war, an. Schnell war unser Problem erklärt, doch dann kam was kommen musste. Der Ordner pfiff mich zurück „Weg da!” Und das Gitter wurde wieder an seinen Platz zurückgestellt. So, das war sie also, die letzte richtig gute Gelegenheit. Zum Glück kam der Mann aus dem Block, unsere Rettung! Ihr müsst entschuldigen, natürlich ist es nicht der Sinn der Sache, in einem Block zu stehen für den man keine Berechtigung hat, aber ist doch besser als im Gästeblock Streit auszulösen, oder?

Na ja, wenn man jung ist, sieht man sowieso nicht alles so verbissen. Also kam der hilfsbereite Hamburger raus, mit der Karte seines Freundes, willigte aber nur ein, einen von uns rein zu bringen, es wäre sonst zu auffällig. Na ja, kurz abgesprochen, ich geh rein die andern warten. Als ich drin war, habe ich mich kurz umgeschaut, dann unauffällig die Karte zurückgegeben und mich recht herzlich bedankt. Es gibt also doch noch sehr nette Menschen!

Ich musste also eine Lösung finden für die anderen beiden. Da! Zwei junge Männer, wohl nicht älter als ich, standen gelangweilt rum und warteten darauf dass es losging. Ich sah meine Chance, habe sie angesprochen und gefragt ob sie mir wohl ihre Tickets borgen würden. Ohne ein Wort zu sagen wurden mir die Karten übergeben, sie waren wohl von meiner etwas ungewöhnlichen Problematik überrascht. Also verließ ich den eben gerade so stolz betretenen Block, holte einen der beiden rein, übergab die Karte und dann wurde der dritte reingeholt. GESCHAFFT!

Ich muss schon zugeben, das hatte recht viel mit Glück zu tun. So stolz auf der Nordtribüne zu sein war ich allerdings selten! Das Spiel war also nach dem üblichen Prozedere in Gange, und nach 21 Minuten sollte der Höhepunkt erreicht sein. Tor Jonathan Pitroipa! Ich wünschte, wir hätten noch öfter jubeln können, denn die verbleibenden 69 Minuten plus (gefühlten) zehn Minuten Nachspielzeit haben recht viel Adrenalin durch meinen Körper gejagt.

Bis hier hin also eine recht schöne Sommergeschichte, doch unvergesslich wird sie erst jetzt! Wir zitterten also bis zum Abpfiff, dann wurde gejubelt und (unbekannterweise) alle umherstehenden Leute umarmt und man freute sich gemeinsam das „Projekt” besiegt zu haben. Gerne hätte ich auf die UFFTA gewartet, doch ich hatte Wichtigeres zu tun. Ich verließ den Block umgehend, und wie abgesprochen nahm ich keine Rücksicht auf Freundin und Bruder, ich rannte zur Westtribüne, betrat sie in Block 21A, und hastete dann an den wartenden Menschen in der ersten Reihe vorbei. Ich war ungefähr auf Höhe der Mittellinie und die Uffta war schon in Gange, da holte ich das präparierte Stück Bettlaken aus meinem Rucksack. „FRANK ROST – BITTE GIB MIR DEIN TRIKOT” war der Text, der da zu lesen war. Die Spieler standen auf, beklatschten das Publikum, wie immer. Mein Herz klopft schon ungewöhnlich schnell, wird es was, wird es nichts???

Die Spieler kommen (genau wie erwartet) vom Tor der Nordtribüne diagonal Richtung Mitte Westtribüne. Ich halte das Plakat schon raus, zuvor wies mich eine Dame darauf, hin ich soll bitte ein bisschen weiter gehen, schließlich wollte ihr Sohn das Trikot von David Jarolim. Der war auch als erstes da, ich weiß noch genau, wie er versucht hat das Trikot ins Publikum zu schmeißen, aber es auf dem Pflaster hinter dem Ordner landete, der es dann „weitergab“. Plötzlich tauchte „Fäustel” auf, er guckte kurz – guckt wieder weg. Setzt er etwa zum Bogen um mich herum an? Meinen Plan gefährdet sehend, ist ein lauter “FRAAAANK”-Schrei das Beste was mir einfällt.

Im nächsten Moment zupft er an seinem Trikot und zieht es aus. Er war wohl noch so zehn bis 15 Meter weg, mein Puls muss sich irgendwo bei 250 eingependelt haben. Wer immer beim Training zuschaut etc, wird dafür wenig Verständnis haben, ihr müsst wissen, ich komme aus Brandenburg und wohne da in einem Dorf. Es war mein viertes Spiel und ich war einem Profi noch nie so nah, für mich waren (teilweise sind sie es immer noch) meine Helden so etwas wie unantastbare Übermenschen.

Kurz vor dem Herzinfarkt kommt Herr Rost immer näher, das Trikot zusammengebündelt gibt er es dem Ordner, (zeigt eindeutig auf mich!!!!!) winkt und setzt dann die wohlverdiente Ehrenrunde fort. Wer denkt, jetzt kommt das Ende der Geschichte, der hat leider Unrecht, denn obwohl Frank eindeutig auf mich zeigte, dreht der Ordner sich kurz um, und wirft das Objekt meiner Begierde blindlings ins Publikum. Natürlich nicht zu mir!

So kurz vorm Ziel geht es doch noch schief. Ein Herr mittleren Alters fängt das rote Trikot, und rennt die Treppen rauf, um seinem Kumpel das ergatterte Erinnerungsstück zu präsentieren (es sei gesagt, ich hätte mich garantiert an seiner Stelle auch gefreut). Begleitet von einzelnen „Hey, das ist doch seins hier“-Rufen schnappe ich schnell meinen Rucksack und laufe ihm nach. Natürlich hätte er es gerne behalten, aber ein mir unbekannter Mann war mit mir die Treppen rauf gegangen und hat dem Fänger bestätigt, dass es eigentlich mir gehört. Obwohl es ein echter HSVer war, der sich riesig über das Trikot gefreut hatte, übergibt er mir das begehrte Kleidungsstück, und muss gedacht haben: „Wie gewonnen, so zerronnen.”

Ich habe Tränen in den Augen und umarme den Mann herzlich, bedanke mich bei dem mit gerannten Herren und ziehe das Trikot über. Es hat doch geklappt! Ich weiß nicht warum, aber ich bin ganz kurz davor anzufangen zu weinen, so ein Gefühl hatte ich noch nie in meinem Leben (seitdem übrigens auch nicht mehr). Ich sitze da, in dem Trikot das vor zehn Minuten FRANK ROST anhatte.
Ich werde diesen Tag nie vergessen, und auch nicht wie nett die Menschen waren. Ohne Zweifel wäre der Tag nicht derselbe gewesen, ohne die Hilfsbereitschaft des Mannes, der mich in den Block geholt hatte, den, der mich „vor“ dem Fänger unterstützt hatte, und den Fänger an sich. Wenn irgendjemand von euch das liest, der etwas zu dieser Geschichte weiß, dann wäre es super, wenn Ihr Euch melden könntet. Wäre sicher spannend, das auch aus Eurer Perspektive zu hören.

Das war also eines meiner Erlebnisse, von denen ich trotz nur elf gesehenen Spiele so einige habe! Dieser Tag wird wohl auch in 60 Jahren noch in meiner TOP 3 sein.
Viele Grüße aus Kanada, HSVpidde15

22.06 Uhr

Nächste Einträge »