Tagesarchiv für den 7. Juli 2010

Verdient verloren

7. Juli 2010

Rolle rückwärts. Leider. Aber wenn ich nach dem 4:0 gejubelt habe ohne Ende, dann muss nach einer völlig verdienten Niederlage auch ganz sachlich festgestellt werden: Spanien war ein verdienter Sieger.

Deutschland ist vom Anpfiff an nicht ins Spiel gekommen. Das Fünfer-Mittelfeld der Spanier war dominierend, die DFB-Spieler hechelten immer nur der Musik hinterher. Manchmal hatte man das Gefühl, als stünden da zwölf Spanier auf dem Rasen, manchmal sogar 13. Es gab immer eine Anspielmöglichkeit für sie.

Auch deshalb, weil es in der deutschen Mannschaft einige Spieler gab, die nicht annähernd ihre normale Leistung gebracht haben. Für mich stand da an erster Stelle der ehemalige Hamburger Jerome Boateng, der höchst selten mal einen Zweikampf gewann, der kaum eine Flanke unterbinden konnte – der einfach viel zu passiv war. Auffällig zudem, dass er als Rechtsfuß kaum einmal etwas mit dem linken Bein machen konnte.

Sein Ersatzmann war der Hamburger Marcell Jansen, und der war wesentlich besser als sein Vorgänger. Auch wenn ihm nicht alles gelang, so war Jansen in der Schlussphase noch einer der auffälligsten Deutschen. Dass er nach dem Schlusspfiff seinen Mitspielern vehement erklären wollte, woran es gelegen hat, das war nicht untypisch für ihn – so ist Marcell Jansen ganz einfach. Ich denke (natürlich ist man hinterher immer schlauer), dass die deutsche Mannschaft von Beginn an mit Jansen ein besseres Spiel gezeigt hätte. Weil auch von Boateng gar nichts nach vorne kam – von Jansen später sehr wohl.

Reiz-Thema Piotr Trochowski. Ich will nur meine Meinung sagen, damit keineswegs provozieren, aber: Für mich hat „Troche“ in der ersten Halbzeit keinen einzigen Fehler gemacht. Und er verhielt sich geschickt am Ball, verteidigte die Kugel auf engstem Raum, lag bei seinen Abspielen immer richtig – und schoss wenigstens einmal auf das spanische Tor. Dann aber, mit dem Wiederanpfiff, klappte kaum noch etwas. Wieso, weshalb, warum? Ich habe keine Erklärung dafür. Ich habe nur minütlich mit seiner Auswechslung gerechnet – und die kam dann auch prompt.

Allerdings: Trochowski ging mit bedrückter Miene, und die konnte ich sogar nachvollziehen. Neben ihm nämlich gab es zwei Spieler, die wesentlich schlechter waren als er: Mesut Özil und Lukas Podolski. Beides für mich Ausfälle, die größte Enttäuschung Podolski. Symptomatisch für sein Spiel: Sekunden nach dem Schlusspfiff lachte er schon – mit dem Trikot eines Spaniers in der Hand. Stimmt schon, „Poldi“, man muss auch mal vergessen können. Und wenn es nur Sekunden dauert, dass man trauert.

Özil war erst in den letzten zehn Minuten zu sehen. Was mir bei ihm auffiel: Er spielte wie Messi. Genau sogar. Dribbling nach vorne, Ballverlust – stehen bleiben. Nach hinten hat der Bremer so gut wie nichts getan. Und weil er und Podolski da ihren größten Schwächen hatten, konnten die Spanier im Mittelfeld nach Belieben kombinieren, es waren ja kaum deutsche Spieler da (außer Khedira und Schweinsteiger), die dort noch störten.

Mit Unverständnis habe ich den letzten deutschen Wechsel zur Kenntnis genommen: Mario Gomez kam für Khedira. Wieso Gomez? Der hatte nun bis dahin in jedem Kurz-Einsatz maßlos enttäuscht. Wieso er? Und wieso nicht Cacau? Aber ich will gar nicht groß an Bundestrainer Jogi Löw herum nörgeln, es war einer seiner wenigen Fehler bei diesem Turnier.

Pech war ja auch, dass Thomas Müller fehlte, denn er war bislang nicht nur eine echte Waffe, er war DIE deutsche Waffe. Und noch einmal Pech für Deutschland war, dass Spanien ausgerechnet im Halbfinale wieder zur normalen Leistung zurück gefunden hat. Zuvor haben sie nur „rumgegurkt“, diesmal spielten sie ganz, ganz feinen Fußball, ideenreich, schnell und unheimlich kombinationssicher. Pech für Deutschland.

Dennoch muss ich sagen: Diese DFB-Auswahl hat zuvor viel für das Images des deutschen Fußballs getan, der deutsche Fußball hat wieder ein Stellenwert gewonnen. Ich bin ohne große Hoffnungen in diese WM gegangen, ich hatte das Achtel- oder auch das Viertelfinale als Endstation gesehen, aber es gab diese großen und begeisternden Siege gegen England und Argentinien – das waren die wahren Ausrufezeichen dieser Weltmeisterschaft. Da stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Rasen, die sich einig war, die miteinander spielte, die willensstark zur Sache ging, und die vor allem spielerisch für viele Glanzpunkte dieses Turniers sorgte.

Deutaschland war einfach klasse in Südafrika. Und sollte es am Sonnabend im Spiel um Platz drei eine Niederlage gegen Uruguay geben, so könnte ich auch damit leben. Unter die ersten vier bei einer WM zu kommen, das ist schon etwas. Uruguay war übrigens schon 1970 der Gegner um WM-Platz drei. Damals waren die Südamerikaner 90 Minuten lang so überlegen, wie Spanien heute – aber Deutschland gewann durch ein Tor von Wolfgang Overath unverdient mit 1;0.

PS: Sonnabend rechne ich fest mit dem ersten WM-Einsatz von Dennis Aogo. Und dann hat der HSV eine ganz, ganz starke WM gespielt.

Gute Nacht. Und nicht zu traurig sein.

23.33 Uhr

Ein Pechvogel, ein Unglücksrabe – und ein Zehner

7. Juli 2010

David Jarolim war für mich der Spieler des Vormittags. Nicht weil er plötzlich ein Tor nach dem anderen schoss, das ging auch nicht, denn: Fußball gespielt wurde gar nicht. Stattdessen gab es viele blaue Medizinbälle zu sehen. Mit ihnen wurde in allen Formen geworfen und geschleudert. Und als die Dinger dann abgelegt wurden, jonglierte Jarolim damit. Genau so, als hätte er einen Fußball auf dem Spann – sehenswert. Wie im Hansa-Theater. Ihm am nächsten kam Paolo Guerrero, Bronze ging an Romeo Castelen.

Um 10.58 Uhr gab es dann einen weniger schönen Zwischenfall. Torwart Radoslav Drobny, der gemeinsam mit Frank Rost und Wolfgang Hesl von Keeper-Trainer Ronny Teuber bewegt wurde, humpelte plötzlich in Richtung Kabine. So heftig, dass von den Autogrammjägern keiner wagte, um eine Unterschrift zu bitten. Nur ein Fan kannte keine (Drobny-) Schmerzen, er bat um ein gemeinsames Foto – und der neue HSV-Torwart machte gute Miene zum bösen Spiel. In der Kabine wurde dann Minuten später eine blutende Wunde an der Hüfte sowie ein Bluterguss festgestellt. Das fängt ja gut an.

Keinerlei Verletzung hat zurzeit Romeo Castelen. Der 27-jährige Flügelflitzer hat eine lange, lange Leidenszeit hinter sich, er hatte es mit Knie- und Adduktoren-Verletzungen zu tun, trainiert nun aber schmerzfrei mit – und hofft darauf, dass er den Hamburger endlich mal in einem längeren Zeitraum zeigen kann, wie gut er eigentlich ist.

Erst 15 Bundesliga-Einsätze hat Castelen für den HSV bestritten, obwohl er im Sommer 2007 nach Hamburg gewechselt war. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, und in diesem einen Jahr soll nun auch der Knoten bei ihm platzen. Zehn Länderspiele hat er einst für die Niederlande bestritten, er wäre eventuell in Südafrika dabei, wenn er nicht so häufig verletzt gewesen wäre. Gerade in den vergangenen Tagen haben sie ihn von der WM angerufen, der Rafael van der Vaart, der Joris Mathijsen und der Eljero Elia. Sie haben sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigt, und als er ihnen mitteilte, dass alles gut sei, da freuten sie sich alle mit ihm. Weil sie ihn alle schätzen und mögen.

„Pechvogel“ Romeo Castelen ist ein beliebter Mann. Im Kollegenkreis, und auch bei den HSV-Fans. Ich habe noch nie ein schlechtes Wort über ihn gehört. Und ich hoffe, dass es in Zukunft viel, viel Lob für ihn geben wird. Wenn er wieder Fuß fasst in dieser HSV-Mannschaft. Er wäre wie ein Neuzugang. „Ich freue mich für die Jungs, dass sie das WM-Finale erreicht haben, ich kenne sie doch alle, haben mit vielen gespielt. Dennoch, trotz aller Freude, ich denke im Moment nur daran, fit zu werden, für mich zählt nur der Verein, zählt nur der HSV“, sagt Castelen.

Am Sonntag, im ersten Testspiel dieser Saison in Leck, da hatte Romeo Castelen noch als einziger von 20 Feldspielern keinen Einsatz erhalten. Das war mit dem Trainer und der medizinischen Abteilung so abgesprochen: „Es tat mir nicht weh, dort zusehen zu müssen. Ich weiß, wohin ich kommen will, da wollen wir nichts überstürzen. Ich will mich in Ruhe vorbereiten, werde hart arbeiten, um wirklich wieder top fit zu werden.“ Er brennt darauf, sein Können nun allen zeigen zu können, vor allen Dingen den Zweiflern, die ihn schon abgeschrieben haben. Und er fühlt sich von Woche zu Woche besser, jedes Training bringt ihn voran. Castelen: „Jetzt muss die Fitness kommen, das Selbstvertrauen steigen und die Angst muss sich legen, die Angst davor, dass es wieder einen Rückschlag geben könnte.“ Und er sagt, fast klingt es ein wenig trotzig, auch noch: „Natürlich muss ich jetzt ein bisschen beißen, aber das mache ich auch.“

Wobei sich dieses Motto durchaus der eine oder andere HSV-Profi zu Eigen machen könnte, oder sogar sollte. David Rozehnal gehört dazu. Der Tscheche, der vor einem Jahr von Lazio Rom zum HSV kam, hat seit dieser Zeit 22 Bundesliga-Einsätze gehabt, konnte aber nie so richtig überzeugen. Auch hier bei „Matz ab“ scheiden sich die Geister. Vielen Usern war er zu teuer und ist er zu leistungsanfällig. Wenn es in der HSV-Abwehr Pleiten, Pech und Pannen gab, dann war Rozehnal nicht weit entfernt. Meistens war der „Unglücksrabe“ sogar mittendrin statt nur dabei. Und trotzdem sagt er: „Ich war mit meinem ersten Jahr in Hamburg nicht unzufrieden, aber das Ende war nicht gut für den HSV und auch nicht gut für mich.“

Die ersten sieben Monate in Hamburg bezeichnet er als gut. Und dann begann der stetige Absturz. Der 30-jährige tschechische Nationalspieler (59 Länderspiele) resümiert: „Wir hatten lange die Möglichkeit, uns für die Europa League zu qualifizieren, sogar die Champions League war drin, und auch der Gewinn der Europa League. Aber dann haben wir schlechter gespielt und standen plötzlich mit leeren Händen da.“ Für sich persönlich zieht er auch ein eher positives Fazit: „Für meine erste Saison beim HSV war das ganz okay. Es hätte natürlich auch besser sein können, aber ich bin ein wenig später zur Mannschaft gestoßen, und das hat es nicht gerade einfach für mich gemacht. Zudem war die Konkurrenz auch stark.“ Das Januar-Trainingslager in Belek (Türkei) hat er als Hilfe in eigener Sache empfunden. Da hat er die gesamte Vorbereitung mitgemacht – und er spielte: „Ich habe 13 Bundesliga-Spiele bestritten und bin in der Europa League zum Einsatz gekommen, das war gut für mich.“

Im Moment ist er sogar gesetzt, denn er ist der einzige Innenverteidiger. Joris Mathijsen ist in Südafrika, Jerome Boateng ist weg. Lachend sagt Rozehnal: „Das ist gut für mich . . .“ Dann wird er aber schnell wieder ernsthaft und sagt: „Mathijsen kommt wohl zurück, und der HSV wird wohl auch noch einen Innenverteidiger kaufen. Das ist aber kein Problem für mich, dann ist Konkurrenz da, davor habe ich keine Angst. Es ist gut für den Trainer und den Verein, wenn alle Positionen doppelt besetzt sind.“

Durch den Trainerwechsel haben sich seine Chancen wahrscheinlich verbessert. David Rozehnal sagt: „Alle fangen jetzt bei Null an, alle müssen sich durch gute Leistungen im Training und in den Testspielen für die Stamm-Mannschaft anbieten – das ist gut für den Trainer und gut für die Mannschaft, denn alle müssen die beste Leistungen bieten, müssen 120 Prozent bringen, wenn sie spielen wollen. Das kann nur ein Vorteil für uns sein.“ Er will „immer spielen“, und er will mithelfen, dass der HSV in dieser Saison die Ziele erreicht. Er will international spielen („Die Europa League hat Spaß gebracht“), und er setzt sich dafür auch unter Druck. Er will mehr Erfolg für sich und den HSV: „Ich will etwas gewinnen.“

Wer will das nicht? Höchst wahrscheinlich will das auch Paolo Guerrero. Er wollte Hamburg eigentlich verlassen, weil das Gehalt nicht angehoben wurde, aber dann kam der Kreuzbandriss dazwischen – und hat er doch mit dem HSV verlängert. Nach langem Kampf. „Ich weiß, dass einige Aufsichtsräte dagegen waren“, sagt Guerrero und wirkt leicht geknickt: „Aber ich werde ihnen zeigen, dass ich nicht so bin, wie ich von vielen eingeschätzt werde.“ Er ist ganz sicher nicht so aggressiv, wie er nach dem Flaschenwurf gegen einen Fan nach dem Spiel gegen Hannover 96 (0:0 am 4. April) dargestellt wurde. Ein Wurf, der ihm wohl sein Fußball-Leben lang anhängen wird.

Trainer Armin Veh hatte Guerrero einst (als Trainer des VfL Wolfsburg) auf seiner Einkaufsliste. Nun plant der Coach beim HSV eine neue Karriere für den Peruaner. Paolo soll in der zentralen Rolle im 4-2-3-1-System spielen. „Armin sieht mich auf der Zehn“, so der Angreifer, „hinter dem einzigen Stürmer.“

Neuer Trainer, neuer Vertrag, neue Vorgaben, neue Vorhaben. „In der letzten Saison lief nach dem guten Start so gut wie alles schief. Jetzt stehe ich vor dem Comeback, das ich Ende letzter Saison haben wollte“, sagt der 26-jährige Profi, der seine Vergangenheit abgehakt hat: „Ich habe eine ganz schlechte Zeit hinter mir, wie es jeder Fußballer mal durchmacht. Ich habe daraus gelernt. Auch dass es wichtig ist, Selbstvertrauen zu bekommen.“ Paolo arbeitet daran. Er hofft auf bessere Zeiten, der HSV hofft auf bessere Zeiten – und die Fans hoffen mit. Mit allen HSV-Spielern. Das hoffe ich einmal.

So, nun allen “Matz-abbern” einen wunderschönen und erfolgreichen Fußballabend – drückt die Daumen, drückt dieser jungen und starken deutschen Mannschaft die Daumen – und auch den HSV-Spielern, die zum Einsatz kommen werden.

17.55 Uhr

Isas Sommergeschichte

7. Juli 2010

Umschalten. Weg von den Finanzen, weg von den Kühne-Millionen, hin zu einer weiteren Sommergeschichte. Heute ist unser „Isa“ dran. Vielen Dank, „Papa“, für Deinen Beitrag – Mann muss nicht Fußball gespielt haben, um eine so schöne Geschichte schreiben zu können. Danke für Deine Mühe – und allen „Matz-abbern“ viel Spaß beim Lesen.

„Isa“ schreibt:

Lieber Dieter,

bei so vielen schönen Geschichten bin ich selbst ja auch wieder ins Grübeln und Nachdenken gekommen. Daher habe ich auch mal etwas aufgeschrieben. Ob Du es veröffentlichen willst, überlasse ich ganz Dir – es war für mich einfach mal nett, in meinen Erinnerungen zu kramen. Ich habe nicht so eine intensive und bemerkenswerte Fußballvergangenheit wie viele andere hier, deren Geschichten ich mit einer gewissen Bewunderung lese.

Ich hoffe ansonsten, dass es Dir gut geht und Du Dich nicht durch die merkwürdigen Einwürfe einiger weniger im Blog irritieren lässt. Ich finde Deine Berichte und die Sommergeschichten klasse – bitte weiter so!

Viele Grüße, Isa

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Mein erster Stadionbesuch

Ich habe leider keine Geschichte als aktiver Fußballer vorzuweisen – dafür war ich immer zu unsportlich. Schließlich gehörte ich zu denen, die schon in der Schule beim Sportunterricht beim Einteilen der Mannschaften immer als letztes gewählt wurden. Und so hatte ich in meinen jungen Jahren eigentlich gar keinen Kontakt zum Fußball.

Das kam erst mit ca. 13 Jahren. Wir hatten bis dahin in Norderstedt bei Hamburg gewohnt und natürlich bekam man da einiges vom HSV mit. Das Trainingsgelände am Ochsenzoll war nicht weit weg, zu Hause hatten wir das Abendblatt abonniert und so kam schon ein gewisses Interesse am HSV auf. So richtig aber erst, als mein Vater beruflich in die Nähe von Stuttgart wechselte. Das war 1979. Wem muss ich es sagen – es war nicht die schlechteste Zeit, um HSV-Fan zu sein.

Aber vor allem waren in meinem Umkreis, in der Schule, in Vereinen, einfach überall, nur VfB-Stuttgart-Fans. Grund genug für mich, als in Hamburg Geborener, kräftig dagegen zu halten. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Sonnabend-Nachmittage, die ich gebannt vor dem Radio saß und erfreulich oft Grund zum Jubeln hatte.

Da meine Freunde tolerante Menschen waren, nahmen sie mich dann auch mal zu einem Spiel des VfB gegen meinen HSV mit. Der 6. November 1982. Mein erster Stadionbesuch. Wir standen direkt neben dem VfB-Fanblock und ich beobachtete fasziniert das Geschehen um mich herum. Meine Freunde machten mir vorher klar, dass ich mich bitte diszipliniert zu verhalten habe, sie wollten nicht für mich in die Bresche springen müssen, wenn ich ausfallend werde.

Die Ereignisse auf dem Platz waren allerdings nicht so, dass die VfB-Fans davon angetan sein konnten. Ganz im Gegenteil. In der 38. Minute fiel das 0:1 durch Horst Hrubesch. Ich flippte fast aus und merkte erst kurze Zeit später, dass ich mich wohl mit Jubeln hier etwas zurückhalten sollte – schauten doch einige um mich herum schon recht genervt. Na ja – das 0:2 (ebenfalls durch Hrubesch) steigerte die Laune der VfB-Fans nicht wirklich. Ich hatte schnell gelernt und freute mich eher innerlich.

In der zweiten Halbzeit fiel dann noch der Anschlusstreffer (70. Minute – Six), und so zitterte ich noch bis zum Abpfiff. Also zumindest ich ging dann hochzufrieden nach Hause. Komisch – von meinen Freunden wollte keiner mehr noch irgendwo hingehen…

Was muss ich sonst noch zu der Saison sagen. Das Rückspiel wurde vom HSV glatt mit 2:0 gewonnen (Tore: Thomas von Heesen, Felix Magath). Am Ende stand der Meistertitel – leider seitdem der letzte. Das direkt vor den punktgleichen Bremern und vor Stuttgart. Übrigens: Hätte es damals schon die Drei-Punkte-Regel gegeben, wäre Bremen Meister geworden.

Dies war dann für lange Zeit mein letzter Stadionbesuch. In den nächsten Jahren fieberte ich wieder am Radio oder am Fernseher mit. Ebenfalls nicht vergessen: Das Finale im Europapokal der Landesmeister am 25. Mai 1983. Da meine Eltern komplett Fußball-uninteressiert waren, wurde das Spiel nicht im Wohnzimmer gesehen. Wir hatten einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, den ich für solche Fälle zu mir ins Zimmer nahm. Aber dieses Finale auf so einem Mini-Bildschirm sehen? Fast nicht denkbar. Und so ließen meine Eltern sich erweichen: Der große (und enorm schwere) Farbfernseher wurde gemeinsam in mein Zimmer verfrachtet und so fieberte ich mit und freue mich über das frühe 1:0 durch Magath! Dann waren 82 Minuten Zittern angesagt – aber erfreulicherweise blieb es ja dabei.

Kurz darauf zog ich wieder in den Norden und war meinem HSV dadurch viel näher. Aber durch Ausbildung und Studium trat der Fußball in den Hintergrund und auch wenn ich immer interessiert das Schicksal des HSV in den Medien verfolgte, so musste mein nächster Stadionbesuch doch warten, bis mein eigener Sohn unbedingt zum HSV wollte. Das war das Schlüsselerlebnis, danach hat es mich wieder voll gepackt. Im letzten Jahre kam dann noch Dieters Blog dazu, der mir den HSV nochmals viel näher gebracht hat.

15.05 Uhr

Die Anstoß-Wahrheit

7. Juli 2010

Liebe “Matz-abber”,

das ist ein Experiment. Ihr werdet einen Artikel lesen, der so auch an diesem Mittwoch im Hamburger Abendblatt erscheinen wird. Es istz die Fleißarbeit meines Kollegen Kai Schiller. Und es wird Euch schon einmal das Projekt Anstoß hoch drei etwas näher bringen. Die vollständige Aufklärung erfolgt ganz sicher am 13. Juli, aber hier schon einmal vorab die Wahrheit – oder Teile davon – vom kühnen Plan des HSV.

Es beginnt:

Von Kai Schiller

Hamburg HSV-Klubchef Bernd Hoffmann ist zunächst einmal für zweierlei Dinge bekannt: für offene und ehrliche Worte und für seinen Sinn als Geschäftsmann. Kein Wunder also, dass der von ihm in der vergangenen Woche abgeschlossene Millionenvertrag mit Anstoß3-Geldgeber Klaus-Michael Kühne für Aufregung und Anerkennung in der Bundesliga sorgte.

Der Kern des Geschäftsidee: Der Milliardär Kühne, laut Hoffmann ein Kaufmann mit HSV-Herz, stellt den Hamburgern 15 Millionen Euro zur Verfügung, erhält dafür im Gegenzug jeweils ein Drittel der Transferrechte der aktuellen HSV-Profis Dennis Aogo, Marcell Jansen und Paolo Guerrero. Außerdem soll der Wahl-Schweizer ebenfalls mit jeweils einem Drittel an den Spielern beteiligt werden, die durch einen Teil seiner Millionen finanziert wird. Doch so groß die Begeisterung außerhalb Hamburgs für das in Deutschland einmalige Investorengeschäft war, so kritisch sehen viele im direkten Vereinsumfeld das Geschäft. Und dies offenbar nicht ohne Grund.
Die Aogo-Rechte wurden zum Geschäftsjahr 2009/10 verkauft

Dem Abendblatt liegen wesentliche Passagen der „Spielerinvestment-Vereinbarung 2009/10“ zwischen dem HSV und der „Kühne Holding AG“ vor. Brisant ist dabei, dass der Kühne-Deal, der die Abtretung eines Drittels der Transferrechte an den HSV-Profis Dennis Aogo, Marcell Jansen und Paolo Guerrero für jeweils 2,5 Millionen Euro vorsieht (Abendblatt berichtete), auf zwei Verträge aufgeteilt wurde.

Die Rechte Aogos wurden bereits mit Datum 30. Juni 2010 zum abgelaufenen Geschäftsjahr für 2,5 Millionen Euro verkauft, die Rechte an Jansen und Guerrero wurden einen Tag später – also innerhalb des neuen Geschäftsjahrs – veräußert. Der Verdacht liegt nahe, dass hiermit ein eventuelles Minus des bereits abgelaufenen Geschäftsjahres ausgeglichen werden sollte. Hoffmann erklärt dazu gegenüber dem Abendblatt: „Es wäre gegebenenfalls zur Ergebnissteuerung notwendig gewesen. Stand heute werden wir aber auch ohne die Vereinbarung mit Herrn Kühne das Geschäftsjahr 2009/10 mit einem Gewinn von 0,5 Millionen Euro abschließen.“

In einem internen Papier, das dem Abendblatt ebenfalls vorliegt, heißt es allerdings zur Frage, warum zwei Verträge statt eines Vertrages abgeschlossen wurden: „Hierdurch kann eine Ergebnissteuerung zwischen den Geschäftsjahren vorgenommen werden: Der Aogo betreffende Vertrag wird im Juni mit sofortiger Wirkung geschlossen, sodass der Ertrag in das Geschäftsjahr 2009/10 fließt und dazu führt, dass dieses – wie die 6 vorhergehenden Geschäftsjahre – mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden kann.“

Der HSV will in der kommenden Saison 22,5 Millionen Euro investieren
Auch im kommenden Geschäftsjahr scheint der HSV nur dank der Kühne-Millionen auf dem Transfermarkt entscheidend handlungsfähig zu bleiben. So liegt dem Abendblatt eine Aufstellung der Planergebnisse für die Saison 2010/11 vor, nach der nur durch Anstoß3 eine Liquiditätslücke in Millionenhöhe verhindert werden kann, wenn entsprechend in Transfers investiert werden würde. Hoffmann erklärt: „Wir würden kein Liquiditätsproblem bekommen, erweitern aber so unseren Handlungsspielraum.“

So plant der HSV in der kommenden Saison dank Anstoß3 auf dem Transfermarkt kräftig tätig zu werden. „Für die Realisierung der geplanten Transfers werden Ablösesummen und Beraterhonorare in Höhe von insgesamt etwa 22,5 Millionen Euro aufgewendet werden müssen“, heißt es in dem internen Papier.

Kühne will zur kommenden Saison einen Mittelfeldspieler verpflichten
Allerdings könnten die bereitgestellten Kühne-Gelder noch um mehrere Millionen Euro gekürzt werden, sollte „kein zentraler Mittelfeldspieler von internationaler Klasse“ gekauft werden. Hat also doch Kühne die Chance, die Transferpolitik entscheidend zu beeinflussen? Hoffmann sieht das anders: „Es handelt sich hier um eine von uns zusätzlich vereinbarte Option. Wir sind aber auch hier völlig frei in der Entscheidung, ob wir die zusätzlichen Mittel abrufen wollen. Herr Kühne hat auch hier kein Mitspracherecht.“

Der Hamburger Milliardär hat allerdings bereits eine Liste mit elf potenziellen Neuverpflichtungen abgesegnet, deren Kauf er mit jeweils einem Drittel unterstützen würde. Uneingeschränkte Zustimmung für das Engagement des Investoren gibt vor der Mitgliederversammlung am Dienstag aber nicht. Nach Abendblatt-Informationen haben drei Aufsichtsräte bei der Abstimmung zum Investorendeal ihre Zustimmung verweigert. Und im vierköpfigen Vorstand gab es nur drei Zustimmungen.

Dennoch ist Hoffmann optimistisch, die Kritiker überzeugen zu können: „Es gab weder in den Gesprächen mit den Gremien noch von mehreren Aufsichtsräten starke Vorbehalte gegen die Vereinbarung.“

0.05 Uhr

Gute Nacht. Und guten Morgen!

In eigener Sache
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