Tagesarchiv für den 7. Juli 2010

Verdient verloren

7. Juli 2010

Rolle rückwärts. Leider. Aber wenn ich nach dem 4:0 gejubelt habe ohne Ende, dann muss nach einer völlig verdienten Niederlage auch ganz sachlich festgestellt werden: Spanien war ein verdienter Sieger.

Deutschland ist vom Anpfiff an nicht ins Spiel gekommen. Das Fünfer-Mittelfeld der Spanier war dominierend, die DFB-Spieler hechelten immer nur der Musik hinterher. Manchmal hatte man das Gefühl, als stünden da zwölf Spanier auf dem Rasen, manchmal sogar 13. Es gab immer eine Anspielmöglichkeit für sie.

Auch deshalb, weil es in der deutschen Mannschaft einige Spieler gab, die nicht annähernd ihre normale Leistung gebracht haben. Für mich stand da an erster Stelle der ehemalige Hamburger Jerome Boateng, der höchst selten mal einen Zweikampf gewann, der kaum eine Flanke unterbinden konnte – der einfach viel zu passiv war. Auffällig zudem, dass er als Rechtsfuß kaum einmal etwas mit dem linken Bein machen konnte.

Sein Ersatzmann war der Hamburger Marcell Jansen, und der war wesentlich besser als sein Vorgänger. Auch wenn ihm nicht alles gelang, so war Jansen in der Schlussphase noch einer der auffälligsten Deutschen. Dass er nach dem Schlusspfiff seinen Mitspielern vehement erklären wollte, woran es gelegen hat, das war nicht untypisch für ihn – so ist Marcell Jansen ganz einfach. Ich denke (natürlich ist man hinterher immer schlauer), dass die deutsche Mannschaft von Beginn an mit Jansen ein besseres Spiel gezeigt hätte. Weil auch von Boateng gar nichts nach vorne kam – von Jansen später sehr wohl.

Reiz-Thema Piotr Trochowski. Ich will nur meine Meinung sagen, damit keineswegs provozieren, aber: Für mich hat „Troche“ in der ersten Halbzeit keinen einzigen Fehler gemacht. Und er verhielt sich geschickt am Ball, verteidigte die Kugel auf engstem Raum, lag bei seinen Abspielen immer richtig – und schoss wenigstens einmal auf das spanische Tor. Dann aber, mit dem Wiederanpfiff, klappte kaum noch etwas. Wieso, weshalb, warum? Ich habe keine Erklärung dafür. Ich habe nur minütlich mit seiner Auswechslung gerechnet – und die kam dann auch prompt.

Allerdings: Trochowski ging mit bedrückter Miene, und die konnte ich sogar nachvollziehen. Neben ihm nämlich gab es zwei Spieler, die wesentlich schlechter waren als er: Mesut Özil und Lukas Podolski. Beides für mich Ausfälle, die größte Enttäuschung Podolski. Symptomatisch für sein Spiel: Sekunden nach dem Schlusspfiff lachte er schon – mit dem Trikot eines Spaniers in der Hand. Stimmt schon, „Poldi“, man muss auch mal vergessen können. Und wenn es nur Sekunden dauert, dass man trauert.

Özil war erst in den letzten zehn Minuten zu sehen. Was mir bei ihm auffiel: Er spielte wie Messi. Genau sogar. Dribbling nach vorne, Ballverlust – stehen bleiben. Nach hinten hat der Bremer so gut wie nichts getan. Und weil er und Podolski da ihren größten Schwächen hatten, konnten die Spanier im Mittelfeld nach Belieben kombinieren, es waren ja kaum deutsche Spieler da (außer Khedira und Schweinsteiger), die dort noch störten.

Mit Unverständnis habe ich den letzten deutschen Wechsel zur Kenntnis genommen: Mario Gomez kam für Khedira. Wieso Gomez? Der hatte nun bis dahin in jedem Kurz-Einsatz maßlos enttäuscht. Wieso er? Und wieso nicht Cacau? Aber ich will gar nicht groß an Bundestrainer Jogi Löw herum nörgeln, es war einer seiner wenigen Fehler bei diesem Turnier.

Pech war ja auch, dass Thomas Müller fehlte, denn er war bislang nicht nur eine echte Waffe, er war DIE deutsche Waffe. Und noch einmal Pech für Deutschland war, dass Spanien ausgerechnet im Halbfinale wieder zur normalen Leistung zurück gefunden hat. Zuvor haben sie nur „rumgegurkt“, diesmal spielten sie ganz, ganz feinen Fußball, ideenreich, schnell und unheimlich kombinationssicher. Pech für Deutschland.

Dennoch muss ich sagen: Diese DFB-Auswahl hat zuvor viel für das Images des deutschen Fußballs getan, der deutsche Fußball hat wieder ein Stellenwert gewonnen. Ich bin ohne große Hoffnungen in diese WM gegangen, ich hatte das Achtel- oder auch das Viertelfinale als Endstation gesehen, aber es gab diese großen und begeisternden Siege gegen England und Argentinien – das waren die wahren Ausrufezeichen dieser Weltmeisterschaft. Da stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Rasen, die sich einig war, die miteinander spielte, die willensstark zur Sache ging, und die vor allem spielerisch für viele Glanzpunkte dieses Turniers sorgte.

Deutaschland war einfach klasse in Südafrika. Und sollte es am Sonnabend im Spiel um Platz drei eine Niederlage gegen Uruguay geben, so könnte ich auch damit leben. Unter die ersten vier bei einer WM zu kommen, das ist schon etwas. Uruguay war übrigens schon 1970 der Gegner um WM-Platz drei. Damals waren die Südamerikaner 90 Minuten lang so überlegen, wie Spanien heute – aber Deutschland gewann durch ein Tor von Wolfgang Overath unverdient mit 1;0.

PS: Sonnabend rechne ich fest mit dem ersten WM-Einsatz von Dennis Aogo. Und dann hat der HSV eine ganz, ganz starke WM gespielt.

Gute Nacht. Und nicht zu traurig sein.

23.33 Uhr

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