Tagesarchiv für den 6. Juli 2010

Demel bleibt, Berg geht – Sowah ist da

6. Juli 2010

Der erste neue Feldspieler ist da. Lennard Sowah, 17 Jahre alt. Ihr werdet es wahrscheinlich schon wissen, trotz allem werde ich etwas über ihn schreiben. Zunächst einmal muss ich die Verspätung erklären. Das ist eine Geschichte aus Pleiten, Pech und Pannen. Ein Kollege brauchte heute ein Aufnahmegerät – nur ich hatte eines dabei. Der Kollege schreibt immer noch, ich hatte aber eine Kassette, die ich abhören muss. Wg. Sowah. Ich wartete und wartete, aber der Kollege wurde und wurde nicht fertig. Nicht seine Schuld, denn es kamen Anrufe und Anrufe, dann gab es immer wieder Besprechungen und Konferenzen. Ich also nach Hause. Unterwegs habe ich mir ein kleines Aufnahmegerät gekauft. Meine Idee: Die große Kassette kann ich zu Hause auf gleich mehreren Geräten abspielen, dann mit dem kleinen (neuen) Gerät aufnehmen – und los. Wie schön wäre das gewesen. Aber wer hört heute eigentlich noch Kassette? Kein, wirklich kein Gerät im Hause Matz funktionierte noch. Der Wahnsinn! Ich bin durchs ganze Haus gelaufen – nichts, null. Ende. Ein Nachbar half mir jetzt erst aus, so dass ich nun endlich loslegen kann. Und wer nun fragt, was ich tagsüber gemacht habe, in der Redaktion? Termine, Termine, Termine.

Also, Lennard Sowah. Er begann als Knabe beim SC Urania, wechselte in der Jugend noch zum FC St. Pauli. Weil sein Vater dann beruflich nach England wechselte, musste die Familie – logisch – mit. Der kleine Lennard, damals 14 Jahre alt, sah dann bei Arsenal London beim Training zu, fragte ob er mitmachen dürfe. Normal ist das keine Frage, normal darf man das nämlich nicht. So hart sind die Zeiten auf der Insel. Diesmal durfte er aber, weil der Europa-Scout von Arsenal zufällig da war, und der drückte beide Augen zu. So begann die englische Karriere von Lennard Sowah.

Er wechselte dann 2008 zum FC Portsmouth, für den er in der abgelaufenen Saison fünf Einsätze in der Premiere League hatte, sein Debüt feierte er am 3. April 2010 gegen Blackburn. Sowah ist deutscher U-18-Nationalspieler, er kann alles auf der linken Seite spielen, vor allem Verteidiger. Beim HSV erhielt er nun einen Vertrag, der bis zum 30. Juni 2013 läuft.

„Ich war schon als kleiner Junge HSV-Fan, deswegen war es auch so schwer für mich, zu St. Pauli zu wechseln“, gibt Sowah zu. Am Millerntor hat er aber noch heute ein paar Freunde, und er freut sich auch mit dem Klub, dass er wieder in die Erste Liga aufgestiegen ist. Der dunkelhäutige Lennard Sowah will auch später, so er es denn schaffen sollte, für Deutschland spielen und hat sich ein Vorbild genommen, der in Hamburg den Sprung nach ganz oben geschafft hat: Jerome Boateng.
Seine Stärken hat er in der Zweikampführung, er ist schnell und liebt die Vorstöße entlang der Außenlinie. Sowah trägt beim HSV in Zukunft die Rückennummer 23. Die, die einst Rafael van der Vaart trug. Sowah: „Das ist lustig.“

Die HSV-Scouting-Abteilung hat Lennard Sowah in England beobachtet, es liegt wohl in erster Linie an Urs Siegenthaler, dass der Hamburger den Weg zurück gefunden hat. Sportchef Bastian Reinhardt sagt dann auch: „Wir holen Lennard nur nach Hause.“ Und wir dürfen gespannt sein, wie der Weg des talentierten Abwehrspielers weiter verlaufen wird.

Apropos Talent: Der HSV hat sich nun entschieden, Stürmer Marcus Berg auszuleihen. Für den Schweden liegen Angebote vom PSV Eindhoven und von West Bromwich vor. Wenn Berg gehen soll, dann ist klar, dass Eric-Maxim Choupo-Moting wohl in Hamburg bleiben wird. Dem Nationalspieler und WM-Teilnehmer von Kamerun trauen die Verantwortlichen offenbar mehr zu. Oder setzt sich am Ende der Koreaner Heung Min Son durch? Nichts ist ausgeschlossen. Der „Matz-abber“ „Trainerglück“ machte mich auf einen besonderen Umstand aufmerksam: Unübersehbar ist, dass sich Ruud van Nistelrooy rührend um das junge Talent kümmert, fast wie ein Vater. Wie toll ist das denn wohl, wenn ein solcher Weltstar sich eines Jungen wie Son annimmt. Und es ist ja auch irgendwie ein Zeichen, dass auch van Nistelrooy das große Talent des Stürmers erkannt hat.

Und noch eine Entscheidung ist gefallen. Guy Demel wird auch in der kommenden Saison für den HSV verteidigen. Damit ist ausgeschlossen (viel Pech für mein „Bauchgefühl“), dass der Schalker Rafinha doch noch den Weg nach Hamburg findet. Er kommt dann erst am 21. August – zum Punktspiel in den Volkspark.

So, zum Schluss noch etwas in Sachen Sommergeschichten. Ihr werdet Euch erinnern, Nicole hatte uns davon geschrieben, dass ihr Sohn lange, lange auf Autogramme der HSV-Spieler gewartet hatte – leider vergeblich. Bis auf eine Ausnahme: Dennis Aogo. Nun gibt es noch einen Nachtrag von Nicole, und den möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Hallo Herr Matz,

ich möchte mich bei Ihnen recht herzlich bedanken, dass Sie unsere Sommergeschichte, trotz des negativen Beigeschmacks, veröffentlicht haben. Mein Sohn wollte es nicht glauben und war total von den Socken, dass „wir” auf der Seite des HSV-Blogs stehen.

Ich möchte nur noch eine kleine Anmerkung dazu machen. Wissen Sie, es ist für uns bzw. unseren Sohn sehr, sehr schwer an die Spieler des HSV ran zu kommen. Wir gönnen uns zwei- bis dreimal im Jahr ein Stadionbesuch ( 600km hin / 600km zurück ), denn wir leben, freuen und leiden sehr mit dem HSV. Marvin liest immer in den Live-Heftchen von Spielern, die Autogrammstunden gegeben haben und ist dann immer traurig, dass er nicht in Hamburg wohnt, denn er wird nie die Möglichkeit haben, zu solchen Ereignissen zu gehen.
Im Februar dieses Jahres waren wir wieder in Hamburg und haben uns extra informiert, ob sonntags Training sei. Wir haben eine Stunde draußen vor dem Stadion bei eisiger Kälte gewartet und wieder gab es kein Autogramm – außer von Dennis.

Marvin ist auch nicht der Typ, der direkt auf die Spieler zu stürmt und ein Autogramm fordert, dafür hat er viel zuviel „Angst” und Respekt, denn er, und auch mein Mann und ich können die Spieler sehr gut verstehen, wenn sie mal nicht in Laune sind irgendetwas zu unterschreiben. Wir als Eltern leiden halt mit unserem Filius und freuen uns daher umso mehr, wenn dann einer aus dieser Menge herausragt, auch wenn es immer derselbe ist.

Daher wird Dennis Aogo für unseren Sohn immer etwas Besonderes sein und das zeigt er fast jeden Tag, wenn er mit seiner unterschriebenen Kappe herum läuft.

Aber wir geben nicht auf und wer weiß vielleicht wird es ja eines Tages ein anderer sein, der die Augen zum Leuchten bringt. Auf jeden Fall liegen die Karten für den T-Home-Cup schon seit Monaten in unserem Schrank und wir freuen uns schon auf dieses Event.

Ich kann Sie nur beglückwünschen für Ihre tolle Arbeit, die Sie hier jeden Tag aufs Neue für uns Fans in Matz ab leisten. Allein die Vorstellung, dass Sie mitten in der Nacht draußen mit Ihrem Laptop stehen, als Tisch eine Mülltonne, hat mich so zum Lachen gebracht, dass ich nur sagen kann: BITTE WEITER SO!!! Vielleicht bekomme ich ja auch mal ein Autogramm von Ihnen, es würde in Reihe mit Dennis passen – 100%. Viele Grüße von der Mosel,

Nicole

PS: An die Nachtschicht sei verraten, dass es gegen Mitternacht noch einen kleinen Nachschlag geben wird. Allen “Matz-abbern” aber schon jetzt, beim Stande von 1:1 (Niederlande – Uruguay), eine wunderschöne Nacht.

21.51 Uhr

Menkes Sommergeschichte

6. Juli 2010

Was für eine schöne und sommerliche Einrichtung, diese Sommergeschichten. Mein unschätzbarer Vorteil ist ja, dass ich sie alle vorher schon lesen darf. Und ich gebe zu, dass ich so manches Mal schon geschluckt habe, weil ich Ähnliches erlebt habe. Bei der heutigen Geschichte erging es mir wieder einmal so. Vielen Dank, „Menke“, für Deine Geschichte, die ja gleich einige Geschichten sind. Ich wünsche nun allen „Matz-abbern“ viel Spaß beim Lesen. Und am Abend geht es dann sportlich weiter:

Hier kommt nun aber zunächst „Menke“:

Soll ich? Oder soll ich lieber doch nicht? Nein, ich mach et. Nun.

Ich bin seit 1977 HSV-Fan, lag bestimmt an dem Finale im Pokal der Pokalsieger. Kann aber auch daran liegen, dass meine Eltern damals immer mit mir im Urlaub an die Ostsee gefahren sind und mein Vater, während der Durchfahrt durch den Elbtunnel, immer sagte: „Wer als erster die Flutlichtmasten vom HSV sieht, hat gewonnen . . .“ Also auf der Rücksitzbank dem Ende des Tunnel abgewartet und da auf der linken Seite waren sie. Ich habe meistens gewonnen – und ich war seitdem schwarz-weiß-blau. Danke, Papa.

Geschichten zum HSV gibt es viele in meinem bisherigen Leben. Erstes Auto und gleich hoch aus dem beschaulichen Ostwestfalen Richtung Hamburg zum Spiel meines Vereins. In der Schüssel den Allerwertesten abgefroren, aber immer selig dabei zu sein. Gegner wie Schalke, Dortmund, Gladbach (letztes Spiel von Frank Pagelsdorf, ich war beim 3:3 dabei) und noch einige andere Vereine dümpelten mit uns im Mittelmaß herum. Auswärtsspiele, gerade hier im Westen und auf der Bielefelder Alm, gehörten mit dem eigenen Auto zur Pflichtveranstaltung.

Ein Spiel werde ich nie vergessen. Bei gefühlten 45 Grad sitz ich im Wolfsburger Plastikstadion und bejubele eben noch das 1:0 durch Sergej Barbarez, ehe wir (der HSV) plötzlich verlernt haben, wie man Fußball spielt. Ging übrigens 1:5 aus unserer Sicht aus. Oder so . . .

Und dann kam die WM 2006. Natürlich habe ich mich im Vorfeld bei der Fifa um Karten bemüht. Und natürlich habe ich nur Absagen per Mail bekommen. Ich hatte schon einen Absagen-Fifa-Ordner bei Outlook. Eines Morgens, die ersten beiden deutschen Spiele waren schon gespielt, sitz ich halb verschlafen am PC, Kaffee in der Linken, und checke meine Mails. NoReply@FIFA.Com. Tags drauf haben sie im I-Net noch davor gewarnt, es könnte ein Virus dahinter schlummern. Ich sitze stumpf vor dem PC und überlege was ich machen soll. Was ? Ich klicks an: „Sehr geehrter Herr M., herzlichen Glückwunsch, Sie haben an der Verlosung der Eintrittskarten teilgenommen und haben eine Karte für das Spiel 57 gewonnen.“

Ich saß sabbernd vor dem PC. Spiel 57? Wenn man einen Spielplan braucht, hat man natürlich keinen zur Hand. Spiel 57 in Berlin. Kurzer Anruf bei meinem Onkel, morgens um 6 Uhr, der hat sich gefreut. „Gerdchen, Spiel 57? Wer, meinst Du, spielt das Viertelfinale in Berlin?“ Er: „Deutschland gegen Holland oder Argentinien.“ Ich habe aufgelegt und war fünf Minuten ganz ruhig. Dann hab ich hier einen Moonwalk vom Feinsten hingelegt und Rotz und Wasser geheult. So viel Freude . . .

An dem Tag bin ich um 6 Uhr aufgestanden und nach Berlin gegondelt. Am Stadion angekommen, habe ich versucht für Gerdchen, seines Zeichens Bayern-Fan und zu der Zeit in Köln wohnhaft, eine Karte auf dem Schwarzmarkt zu ergattern. Die Preise waren exorbitant, Kategorie drei für 1500,-€ aufwärts, also keine Karte. Sicherheitskontrollen im Stadion: Ich hatte meine HSV-Zaunfahne dabei, aber durfte sie auf Weisung des Ordners nicht über diese dusselige Fifa-Wellen hängen. „Versuchs doch auf der anderen Stadionseite“ Ich sehe von meinem Platz aus noch eine freie Stelle, spurte durchs halbe Stadion und komme wieder zu spät: Auf dem freien Platz hing nun mittlerweile schon eine.

Ich sehe viele HSV-Rauten hängen, darunter auch die von Raute Austria, ein Pinboarder-Kollege aus Österreich. Ich also wieder zurück, der Ordner sieht mich und sagt: „Häng sie doch hierhin. Ich nehme das auf meine Kappe, aber wenn die Fifa was dagegen hat, muss sie runter.“ Sie blieb hängen. Pinboarder dann in der Mitte die heilige Raute – und unten Menke.

Nationalhymnen. Alles steht auf im Block 21. Das ganze Stadion steht. Alles steht und alles singt sie mit. Durchschnaufen, ist ja nur ein Spiel. Verlängerung. Elferschießen. Der ganze Block steht auf, jeder legt seinen Arm auf die Schultern seines Nebenmannes. Jens Lehmann hält, das ganze Stadion ein Tollhaus. Ich drehe mich um. Bei vielen Leuten, die viel älter sind als ich, laufen die Tränen die Wangen herab. Ich schlucke.

Nach Schlusspfiff nur noch eine einzige Party im Block, wir wollen nicht gehen. Lieder erklingen und ich bin live dabei. Der Wahnsinn. Dann sind wir zur Fanmeile. Auch da ging die Party weiter. Gegen 3 Uhr war ich zu Hause, gegen 5 Uhr hab ich meinen Marktstand auf dem Wochenmarkt aufgebaut – ich war nur am Schweben vor Glück.

Ähnlich war es, als die Champions-League-Hymne gegen Arsenal London in der Arena erklang. Du siehst diese vielen Kameras durchs Stadion flitzen, diesen ganzen Hype – und bist wahnsinnig stolz, dass dein HSV endlich im Konzert der Großen dabei ist. Ergebnis ist ja bekannt, wieder mal ein Nackenschlag im Leben eines HSV-Fans, dessen Herz bestimmt eine Rautenform hat.

Herzliche Grüße, Menke

16.39 Uhr