Tagesarchiv für den 1. Juli 2010

Sylt und Dembinskis Sommergeschichte

1. Juli 2010

Ja, so spielt das Leben. Oder, wie Stepanovic formulieren würde: „So is Lebbe.“ Da fährt man mit dem Zug von Hamburg nach Sylt, fährt auf der Insel ganz nach oben (in den Orden), denkt man ist in List, weil ja auch List am Ortsschild steht – aber denkste. Wenn ich mit dem Handy telefoniere, dann spricht die Dame vom Amt immer Dänisch mit mir. Ich bin als vom Telefon her in Dänemark. Alles geht nur mit der Vorwahl 0049. Ist doch sonderbar. Und per Laptop ging in den ersten Stunden gar nichts. War der Satellit auf der anderen Straßenseite? Ich kam nicht in das Springer-Net, ich kam gar nirgendwo rein. Es war einfach nur ätzend. Nun aber, fragt sich nur wie lange?

Also, der HSV kam gegen 14 Uhr im Super-Hotel A-Rosa in List an. Das ist ein Fünfeinhalb-Sterne-Tempel. Vom Feinsten, ach was sag ich, vom Allerfeinsten. Am 30. April wurde es eröffnet, es gibt 147 Doppelzimmer und 30 Suiten. Und es gibt nichts, was es nicht gibt. Das Grundstück ist 35 000 Quadratmeter groß. Der HSV ist der erste Fußball-Verein, der dort logiert. Es gibt 18 Behandlungsräume im Spa-Rosa-Bereich, Innen- und Außenpool mit Meerwasser – natürlich beheizt.

Es gibt sechs verschiedene Saunen sowie Ruheräume mit Meerblick. Es gibt mehrere Restaurants und Bars, aber davon werden die 24 HSV-Spieler, die reif für die Insel waren, eher nichts haben – denn es wird hier emsig geackert. So jedenfalls hat es Trainer Armin Veh angekündigt.

Nach der Ankunft im Hotel wurde den Spielern das Essen serviert, um 17 Uhr steht dann die erste Trainingseinheit auf dem Programm. Personell gibt es nichts Neues beim HSV, weder in der „Sache Rost“ noch im „Fall Jarolim“ gibt es weiterführende Informationen. Halt, das stimmt nicht ganz: Medien-Chef Jörn Wolf hat mir erklärt: „David Jarolim steht nicht zur Disposition, er wird beim HSV bleiben.“ Und wenn Jörn Wolf so etwas sagt, dann stimmt es auch.
Um es gleich einmal beim Namen zu nennen, weil es sicherlich wieder einige User geben wird, die mir die Jarolim-Nachricht um die Ohren geben werden: Ich hatte aus sicherer und absolut zuverlässiger Quelle die Nachricht, dass sich bei David Jarolim in Sachen Vereinswechsel etwas tun wird. Ich hatte keinerlei Zweifel daran, zumal auch mein HA-Kollege Marcus Scholz aus anderer Ecke genau jene Information auch bekam. Und: In der Sport-Bild, so berichtete mir mein Kollege Axel Hesse per Telefon auf dem Hinweg nach Sylt, stand bereits am 9. Juni ein Artikel, der besagte, dass Jarolim vor dem Aus beim HSV stehen soll.

Wenn es nun anders kommt, dann bin ich der erste Hamburger, der sich ein Loch in den bauch freuen wird. Aber auch hier gilt (für mich): abwarten. Vielleicht hat der HSV inzwischen ja auch eingesehen, dass es nicht gut für sein Image ist, wenn ein Sympathieträger wie David Jarolim vor die Tür gesetzt wird.

Oder es ist wie im Fall Rost: Der Spieler wird nicht vor die Tür gesetzt, sondern ihm wird (wurde) nahe gelegt, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Motto: „Findest du einen Klub, legen wir dir keine Steine in den Weg.“ Das ist dann natürlich kein „Rausschmiss“, sondern die etwas elegantere Lösung eines Vereinswechsels. Ich bin gespannt.

So, es geht zum Training. Ohne Sommergeschichte geht es aber auch heute nicht. Sie kommt heute von „Jacek Dembinski“, und so wie es sich für mich darstellt, gibt es auch noch (demnächst?) eine Fortsetzungsgeschichte.

Vielen Dank, lieber Jacek für Deine Geschichte und für Deine Mühe, die Du Dir gegeben hast – und dann hoffe ich mal auf eine wirkliche Fortsetzung.

Jetzt geht es aber los:

Tiroler Sommermärchen

7. Januar 2008

Dieses Datum wird für immer in meiner Erinnerung bleiben. An jenem Tag passierte das, was ich immer vermeiden wollte: Meine aktive Karriere endete ohne Einwirkung eines Gegenspielers. Und das im zarten Alter von 32 Jahren. Ich riss mir die Achillessehne und musste vom Platz getragen werden.

Von nun an hatte ich mehr Zeit als mir lieb war, um mich meinem allergrößten Hobby zu widmen, meinem, unserem HSV!

Es gab keinen Artikel, den ich während meiner Rekonvaleszenzzeit nicht gelesen habe. Auch ältere Artikel führte ich mir zu Gemüte. Wie es der Zufall wollte, bin ich auf einen Bericht über das Sommertrainingslager 2007 in Längenfeld gestoßen. Der Entschluss war gefasst, sollte das nächste Mal wieder in Längenfeld vorbereitet werden, bin ich dabei.

Längenfeld liegt 150 km südlich von Isny im Allgäu, meinem Heimatort, ich verbrachte dort etliche Urlaube und kannte mich dort bestens aus. Spätestens jetzt kommt die berechtigte Frage auf: Wie kommt man als gebürtiger Allgäuer dazu, HSV Fan zu werden? Ich muss gestehen, ganz genau kann ich dies nicht beantworten. Zu Beginn meines Lebens war ich wohl Bayern-Fan, dies allerdings wurde von meinen beiden wesentlich älteren Brüdern beeinflusst, die sehr große Bayern-Anhänger sind.
Jetzt die gute Nachricht: Es existiert ein Bild meiner Einschulung, welches zeigt, wie ich mit Schultüte und einem Pullover mit HSV-Raute auf der Vorderseite stolz vor der Kamera posiere. Erklären kann ich mir dies nur, dass mir das ewige „FC Bayern, FC Bayern – mir san mir!“ auf den Keks gegangen ist und ich mich rechtzeitig in die Opposition begeben habe! Lange kann mein Fan-Dasein dem FC Bayern also nicht gegolten haben . . .

Durch meine Brüder trat ich auch relativ früh dem FC Isny bei, ab der F-Jugend ging ich auf Torejagd. Ein Bruder war dann auch von Beginn an der Betreuer meiner Mannschaft. Als er 18 wurde und einen Führerschein hatte, trainierte er uns für viele Jahre! Leider verstarb er viel zu früh an Krebs.
Ich war immer eifrig dabei, spielte von der Verbandsliga bis zur Kreisliga sämtliche Ligen. Ein wirklich guter Spieler war ich nie, aber immer solide und zuverlässig. Mein langjähriger Trainer Herrmann Badstuber, übrigens der Vater von Jungnationalspieler Holger Badstuber, würde von einem Pykniker sprechen (Wikipedia: Pykniker sind tüchtig und redselig).

Doch zurück zum Ende meiner Karriere. Kaum war die Meldung über den Termin für das HSV-Trainingslager in den Medien, war das Zimmer auch schon gebucht. Anreisetag war der Mittwoch, an diesem Abend stand dann auch gleich ein Testspiel gegen einen Prager Klub an. Das Stadion war gut besucht, in der Nähe der Kabinen standen auch schon die verletzten Spieler Castelen und Zidan. Fotos und Autogramme von ihnen waren heiß begehrt. Letzterer war doch ziemlich genervt von dem ganzen Trubel, was er auch offen nach außen transportierte! Er wirkte die ganze Zeit wie ein Fremdkörper, war überhaupt nicht in die Mannschaft integriert.

Nach dem Spiel lernte ich auch dann gleich die ersten Sinnesgenossen in der Fangaststätte kennen, später gingen wir vom Stadion in Richtung „Innendorf“. Den ganzen Abend über den HSV zu sprechen kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Dies machte aber unglaublich viel Spaß, etliche Fans waren auch schon im Vorjahr dabei gewesen und machten mir gleich den Mund wässrig: „Am Freitag um 18 Uhr ist am Aqua Dome Grillen mit der Mannschaft, das gesamte Team wird anwesend sein.“
„Schaun mer mal“ dachte ich mir.
Das Training am Donnerstag war super anzuschauen, der neue Trainer Martin Jol hatte alles im Griff. Die ganzen Profis waren nach dem Training zum Anfassen, kein Autogramm- oder Fotowunsch wurde verweigert.
Am Freitag war dann nun der große Tag. Wie ich mitbekommen habe sind einige nur wegen diesem Abend aus dem Norden der Republik angereist. Meine neuen Bekanntschaften und meine Wenigkeit saßen schön an einem Tisch, als der Fanbeauftragte Mike Lorenz mit seiner Rede begann. „Hallo, freut mich, dass Ihr alle da seid, bla bla bla, die Mannschaft wird gleich hier sein, alle bitte ganz ruhig bleiben, jeder bekommt sein Bild und seine Autogramme, das sind ganz normale Menschen.“
Unser Tisch war der äußerste aller Tische, es war genau ein Platz frei. Wir sahen die Mannschaft kommen, angeführt von Kapitän Raphael van der Vaart. Dieser läuft zielstrebig auf den freien Platz zu, ich traute meinen Augen nicht. VDV, eben noch im Fernsehen mit Holland, bei der EM überragender Spieler, setzt sich zu uns an den Tisch – das Gefühl ist nicht zu beschreiben.
Ich fragte ihn gleich, wie er die EM gesehen hat, seine Antwort: Wir haben überragend gespielt, ein schlechtes Spiel und wir sind draußen. Deutschland stolpert sich von Runde zu Runde – und kommt ins Finale!“
Nach ein paar Minuten machte ich mich auf, um auch mit anderen ins Gespräch zu kommen. Olic fragte ich noch mit einem Grinsen im Gesicht, warum er den Ball gegen die Türken nicht verwandelt hatte. Seine Antwort: „So ist Fußball!“ Mit Jol plauderte ich noch ebenso wie mit Didi Beiersdorfer. Mike Lorenz hatte recht behalten: Das sind wirklich ganz normale Menschen.
Meine Gefühle kann ich wirklich nicht treffend beschreiben, unglaublich, unfassbar. Die ganzen Stars zum Anfassen. An diesem Abend fasste ich zwei Entschlüsse: Mein erstes Spiel im Volkspark ist nicht mehr fern. Sollte das Trainingslager noch mal in Längenfeld sein, werde ich wieder dabei sein . . .
Fortsetzung folgt.
Viele Grüße, Euer Jacek

PS: Ich werde nun zum Training fahren (mit dem Fahrrad!), und sollte sich danach noch etwas für „Matz ab“ ergeben, werde ich noch einmal in die Tasten hauen. Wenn nicht, melde ich mich morgen in den Mittagsstunden wieder.

PSPS: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt: Der HSV trainiert jetzt schon, und ich habe wieder zig Abstecher nach Dänemark machen müssen, bevor ich nun senden kann. In der Hoffnung, dass es überhaupt geht . . .