Monatsarchiv für Juli 2010

HSV 1:2 – die Müdigkeit siegte

31. Juli 2010

Der Cup kann nicht mehr verteidigt werden. Der ohne sieben Stammspieler angetretene HSV verlor im “Liga-total-Cup” gegen die ebenfalls ersatzgeschwächten Schalker mit 1:2. Das Fazit von HSV-Coach Trainer Armin Veh: „Es war ein guter Test vor Bundesliga-Kulisse für uns. In der ersten Halbzeit war Schalke besser, aber Ruud van Nistelrooy machte aus einer Chance ein Tor. Das zeigt die Klasse von Ruud, das Tor macht nicht jeder. Nach vorne haben wir wenig gemacht, das hat mir nicht so gut gefallen. In der zweiten Halbzeit haben wir kombiniert, haben besser nach vorne gespielt, hatten Chancen, aber dafür haben wir dann hinten nicht gut gespielt. Das jedoch ist nicht verwunderlich, denn es fehlen ja die Spieler für hinten links. Robert Tesche hat ja noch nie im Leben hinten links gespielt. Insgesamt sieht man und sah man, dass wir noch in der Vorbereitung stecken.“

In 20 Jahren wird sich Heung Min Son bestimmt an diesen 31. Juli 2010 in Gelsenkirchen erinnern. „Man“, wird er sich sagen, „man war ich damals auf Schalke schlecht. Ich habe kein Bein vor das andere setzen können, was ich auch anstellte, es ging daneben. Ich war übernervös, alles lief an mir vorbei, wirklich alles. Und dennoch war dieses Spiel so wichtig für mich. Es war mein erstes vor einer so großen Kulisse. Der Trainer hatte mir das Vertrauen geschenkt, die Mitspieler gaben mir jegliche Unterstützung – nur ich konnte es nicht raffen. Aber danach ging es dann richtig los. Über 300 Bundesliga-Spiele, fast 150 Tore . . .“ Auf Schalke spielte Son nur 30 Minuten, dann wechselte ihn Trainer Armin Veh aus.

Zur Pause gab es in der Veltins-Arena Beifall, wenn auch verhalten. Die Zuschauer waren ja auch schon mit wenig zufrieden. Endlich wieder ein Hauch von Bundesliga, wenn es diesmal auch noch nicht um Punkte ging, wenn auch nur zweimal 30 Minuten gespielt wurden. Hauptsache Fußball. Obwohl es streckenweise so überhaupt nicht nach Spitzen-Fußball aussah. Für den HSV nutzte Ruud van Nistelrooy einen anfängerhaften Rückpass von Heimkehrer Christoph Metzelder zum frühen 1:0 (5.), danach wurde der Vorsprung „verwaltet“. Bis auf diese Szene hatte der HSV in der Offensive nichts mehr zu bieten – null. Der Ball wurde hin und her geschoben, selten einmal nach vorne gespielt, obwohl van Nistelrooy mehr als einmal andeutete, in die Gasse laufen zu wollen. Und Son, der übrigens auf der Spielerliste als „San“ angekündigt worden war, ebenfalls. Es war aber vieles Stückwerk, von Harmonie in den einzelnen Mannschaftsteilen keine Spur. Die harte Vorbreitung war jedem Hamburger mehr als deutlich anzumerken.

Aber: Jedes Spiel hilft. Das hatte Veh vorher gesagt. Und das trifft nicht nur auf Son zu, sondern auch auf jeden anderen HSV-Profi. Zähne zusammenbeißen und durch. So weit es geht jedenfalls. Bei Mladen Petric (Knie) und Paolo Guerrero, der muskuläre Probleme im Oberschenkel hat, ging es nicht. Obwohl, so sagte es mir Medien-Chef Jörn Wolf, es handelte sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ein Bundesliga-Spiel angestanden hätte, dann hätten beide wohl spielen können.

In der ersten Halbzeit war es einzig Torwart Frank Rost zu verdanken, dass die Null hinten stand. Der Keeper unterstrich seine sehr gute Verfassung, die er schon im Trainingslager in Längenfeld gezeigt hat. Ansonsten siegten Müdigkeit und Plattheit über den Willen.

Dennis Diekmeier hatte hinten rechts arge Probleme, konnte nach vorne keinerlei Akzente setzen – da muss noch viel, viel mehr kommen. Innen zeigte sich Guy Demel ungewohnt nervös, er hätte viel von seiner Routine leben können, aber er tat es nicht. Die Frage, die ich mir stelle: wieso nicht? Ist ihm innen die Verantwortung zu groß? Der Ex-Schalker Heiko Westermann, vor dem Anpfiff von Trainer Felix Magath mit einem großen Blumenstrauß verabschiedet, spielte solide, aber noch lange nicht in Bestform. Hinten links durfte erneut Ze Roberto sein Können zeigen, und das machte er gelegentlich richtig gut. Selbst die Defensiv-Aufgaben verrichtete er zufrieden stellend. Mehr als nur ein Notnagel? Wohl kaum, wenn erst Marcell Jansen und Dennis Aogo wieder mit von der Partie sind. Aber dennoch ein gelungenes Experiment.

Vor der Viererkette ackerten David Jarolim und Tomas Rincon. „Jaro“, der ehemalige Kapitän (diesmal trug wieder Ze Roberto die Binde), gehörte für mich schon in Halbzeit eins zu den besten Hamburgern, auch wenn ihm längst nicht alles gelang. Nach dem Spiel war er für mich dann der Beste. Weil er viel lief, weil er etliche Bälle erobert, weil er viele Löcher gestopft hatte. Bei Rincon wechselten Licht und Schatten in munterer Reihenfolge, er fiel aber für mich sicher nicht ab.

Die Dreierkette hinter der Spitze spielte mit Son, Gojko Kacar und Jonathan Pitroipa. Über Son ist bereits alles geschrieben worden. Einen Formanstieg gab es bei Kacar zu konstatieren, der Serbe war diesmal drin im Spiel, ging aggressiv zur Sache, half in vielen Szenen seinen Nebenleuten – das war okay. Pitroipa hatte etliche gute Szenen im Dribbling, die gute Verfassung, die ihm Armin Veh in Längenfeld attestierte, war ihm deutlich anzusehen. Zumal darf nicht übersehen werden, dass er leicht angeschlagen ins Spiel ging, denn in Österreich hatte er sich nach einem Tritt von Demel eine Knöchelverletzung zugezogen. Pitroipa aber wird, wenn er 100 Prozent abrufen kann, sicher ein gefährliche „Waffe“ des HSV.

In der Spitze hing Ruud van Nistelrooy, der sich zwar ständig anbot, der die Kugel auch oft (vergeblich) forderte, oft in der Luft, er bekam kaum Zuspiele – den besten Pass erhielt er noch von einem Schalker (Metzelder).

In der zweiten Halbzeit kamen Collin Benjamin (für Diekmeier), Robert Tesche (für Rincon) und Romeo Castelen (für Son). Der HSV wurde offensiver, ging mehr Risiko, hatte ein, zwei Chancen – aber Schalke schoss die Tore. Als Tesche und Benjamin nicht gerade glücklich standen, schoss Edu den Ausgleich (42.). Und beim 2:1-Siegtor der Schalker, vom gerade eingewechselten Jones erzielt, sah Rost bei diesem Schuss aus 25 Metern denkbar unglücklich aus – aber er schimpfte auf seine Vorderleute. Wohl deshalb, weil die dem Schuss tatenlos zugesehen hatten. Dennoch: haltbar. Kommentar Veh: „Frank war dennoch sehr präsent, dieser Fehler ärgert ihn mehr als mich.“ Aber der Fehler ersparte dem immerhin HSV ein Elfmeterschießen. Und am Sonntag darf die Mannschaft auch eher die Heimfahrt antreten.

Die letzten Wechsel des HSV: In der 47. Minute kam Eric-Maxim Choupo-Moting (für Pitroipa), und in der 50. Minute kam David Rozehnal für Westermann. Von allen eingewechselten Spielern hatten Benjamin und Choupo-Moting noch die besten Szenen.

18.44 Uhr

Das Veh-Resümee

30. Juli 2010

Das zweite Trainingslager der Saison ist beendet, der HSV läuft jetzt auf der Zielgeraden. Auf Sylt und in Längenfeld wurde wirklich hart gearbeitet, härter als in den vergangenen Jahren, so hatte ich das Gefühl, und auch die Spieler bestätigen es. So gesehen müsste der HSV eigentlich vor einer erfolgreichen Saison stehen: Neue Mannschaft, neuer Trainer, keine Verletzten – und dazu schon voll im Saft. Armin Veh stand nach dem Abstecher nach Österreich Rede und Antwort.

Zunächst einmal bezog er zum Thema Urs Siegenthaler Stellung: „Ich habe mit seiner Absage überhaupt nicht mehr gerechnet, das, was nun passiert ist, ist auch nicht nachvollziehbar für mich. Das ist doch für niemanden logisch, was da passiert ist – das Thema gibt es seit Februar. Und nun das. Für unseren Nachwuchsbereich wäre Siegenthaler in den nächsten Jahren unheimlich wertvoll gewesen.“ Grundsätzlich befindet der Chef-Coach: „Es wäre unheimlich wichtig für den HSV, einige Spieler aus dem Nachwuchs in die Bundesliga zu bringen, und Siegenthaler wäre prädestiniert dafür gewesen, neue Strukturen innerhalb des Vereins zu schaffen.“

Zum Fußball. Der HSV tritt morgen in Gelsenkirchen beim „Liga-total-Cup“ gegen Schalke 04 an. Für mich ein wenig unglücklich, denn Ihr alle wisst, dass Schalke auch zum ersten Bundesliga-Spiel des HSV in dieser Saison nach Hamburg kommen wird. Gut vorstellbar, dass bneide Trainer ein wenig pokern, um ja nicht schon alle Karten auf den Tisch zu legen. Beim HSV ist der Ex-Schalker Heiko Westermann leicht angeschlagen, so dass Veh sagt: „Ich weiß noch nicht, ob er spielen wird.“ Es soll jedes Risiko vermieden werden, Westermann fehlen (nach seinem Kahnbeinbruch) an der linken Wade noch einige Zentimeter an der normalen Muskulatur.

Für Veh steht natürlich der Ernstfall in der Liga an erster Stelle. Er will möglichst eine Punktlandung hinlegen, denn er sagt: „Wir sind noch nicht so weit, aber es wäre auch nicht richtig, wenn wir jetzt schon so weit wären. Aber diese Spiele in Gelsenkirchen werden uns natürlich weiter bringen, jedes Spiel hilft.“

Wobei es nicht nur Spiele sind, sondern auch das harte Training. Veh hat sein Programm in Längenfeld so durchziehen können, wie geplant – bis auf die Standards. Die wurden noch nicht geübt, weil die gesamte Mannschaft noch nicht beieinander ist. Armin Veh: „Aber das werden wir sicher noch bis zum Start trainieren.“

Am Montag kommen Marcell Jansen, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, Piotr TRochwoski und Elejro Elia aus dem Urlaub. Sind diese WM-Fahrer dann auch automatisch gesetzt? Veh: „Mathijsen ist für mich gesetzt, aber dann muss man auch um seinen Platz kämpfen. Dass ich sage, dass jeder gesetzt ist, der nun zurückkommt, so ist es nicht. Das kann ja gar nicht der Fall sein, da müssen wir auch erst einmal die Werte überprüfen, in welcher Verfassung sie zurückkommen.“

Die Laktat-Werte der Spieler, die nun ständig trainieren konnten, wurden in der bisherigen Vorbereitung permanent kontrolliert (Blut), sie sind in Ordnung. „Wir haben konzentriert gearbeitet. Und wenn wir nun die Wochen bis zum Bundesliga-Start noch ohne Verletzungen überstehen sollten, dann hilft diese harte Vorbereitung jedem Spieler bis zum Ende der Hinrunde“, sagt Armin Veh.

Ein Lob hatte der Trainer für die „Alten“ parat: „Wie unsere älteren Spieler trainiert haben, mit welcher Lust, mit welchem Spaß, mit welcher Akribie, das war schon schön zu sehen, das machen nicht alle älteren Spieler so.“ Was ganz besonders auf Ruud van Nistelrooy zutrifft. Veh über den Niederländer: „Wenn er diese Vorbereitung so zu Ende bringt, dann traue ich ihm eine große Bundesliga-Saison zu. Die großen Spieler, die über so lange Zeit erfolgreich sind, die haben alle einen guten Charakter, und deswegen können sie beißen, deswegen trainieren sie so hart. Wenn man diese Charaktereigenschaften hat, kann man sich auch über Jahrzehnte auf einem solch hohen Level halten. Wie Ruud jetzt trainiert, wie er 100 Prozent gibt, das zeigt seine Klasse. Was übrigens auch auf Ze Roberto zutrifft.“

Ein „Oldie“ steht beim HSV auch im Tor. Wenn er denn tatsächlich auch dort steht: Frank Rost. Die bisherige Nummer eins hat mit Jaroslav Drobny eine ganz harte Konkurrenz an seine Seite bekommen, wer wird am Ende die Nummer eins sein? Für mich spielt in diesem Duell auch Wolfgang Hesl, der dritte Keeper im Bunde, eine nicht unwesentliche Rolle, denn: Im Training reden die drei Torhüter kaum einmal miteinander. Sie arbeiten konzentriert, aber sie schweigen. Und wenn es doch einmal ein Gespräch gibt, dann sind es Rost und Hesl, die miteinander reden. Drobny ist der große Schweiger – notgedrungen? Weil sich die anderen beiden Kollegen schon länger kennen? Spielt Drobny die Rolle des fünften Rads am Wagen? Veh: „Dass die drei Torhüter nicht miteinander sprechen, das stimmt nicht. Sie haben auch ihre Späßchen, zum Beispiel dann, wenn sie Fußballtennis spielen.“

Die neuen (und alte?) Nummer eins wird dann im Heimspiel gegen Schalke 04 zwischen den Pfosten stehen. Nicht schon im Pokalspiel, eine Woche vor dem Bundesliga-Start, sondern erst am 21. August. Doch Armin Veh sagt auch: „Ob dieser Torwart dann auch immer auf dem Rasen stehen wird, das lasse ich aber noch offen.“ Morgen, am 31. Juli, wird Frank Rost gegen Schalke spielen, Jaroslav Drobny dann am Sonntag – im Finale oder im Spiel um Platz drei.

Und noch eine Personalie sorgt beim HSV derzeit für Stimmung unter dem Dach: David Jarolim, der Ex-Kapitän. Ihn, so hatte es nach außen den Anschein, hatte Armin Veh zunächst nicht auf dem Zettel, doch das scheint der Schnee von gestern zu sein. Veh lobt den Tschechen: „Über Jaro habe ich mich als gegnerischer Trainer oft furchtbar aufgeregt, aber er ist ein richtiger Profi.“ Was nicht nur Veh in der bisherigen Vorbereitung sehen konnte – Alle haben es wahrgenommen. Jarolim hängt sich rein, gibt alles, marschiert voran – und hat seine Spielweise auch schon umgestellt, er trennt sich nun schon viel schneller vom Ball. Veh: „Das kann ich verraten, Jarolim ist ein richtiger Profi. Aber, auch das muss ich sagen: Er hat Konkurrenz. Es ist nicht so, dass er gesetzt ist bei mir, aber er gefällt mir, so wie er jetzt arbeitet, richtig, richtig gut. Wenn er sich nun noch schneller vom Ball trennt . . . Und das kann er, er macht es ja auch schon. Nein, das muss ich sagen, Jarolim überrascht mich schon – was für Qualitäten er hat.“

Die kommenden Tage bis zum Start werden für Armin Veh noch hart. Er muss die noch fehlenden fünf WM-Teilnehmer so schnell wie möglich an die Mannschaft heran führen, und er muss den Kader noch verkleinern. Drei oder vier Spieler werden noch gehen müssen. Auch für den erfahrenen HSV-Trainer keine einfach Aufgabe: „Das ist nicht schön, das macht man nicht gerne. Ich habe aber in meiner Laufbahn gelernt, dass es die Spieler schätzen, wenn man ehrlich zu ihnen ist. Besser so, als wenn man sie im Unklaren lässt. Es ist nicht schön, aber dafür bin ich leitender Angestellter des Klubs – und ich mache das nach meinem Kopf.“

Wen es erwischt, der wird ab sofort von der Bundesliga-Mannschaft getrennt. Der wird dann bei der Zweiten mittrainieren. Veh: „Alles andere bringt ja nichts, für beide Seiten nicht.“ Er hat für sich schon die Entscheidungen getroffen, aber er wird es erst in der nächsten Woche verkünden. Gut möglich, dass es neben Mickael Tavares auch Eric-Maxim Choupo-Moting treffen wird, es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass es Innenverteidiger David Rozehnal treffen wird, dass auch der Tscheche gesagt bekommt: „David, du darfst dir einen neuen Verein suchen.“ Wenn ich wieder einmal auf meinen Bauch höre, dann sagt der mir, dass das jähe Ende von Rozehnal beim HSV eher wahrscheinlich ist.

Übrigens: Der von Urs Siegenthaler geplante Psychologe hat seine Arbeit beim HSV schon aufgenommen. Aber nicht bei den Profis, sondern im HSV-Ochsenzoll. Er soll sich erst einmal im Hintergrund einarbeiten. Armin Veh dazu: „Er wird bei uns nicht offiziell eine Platz finden. Wenn es ein Spieler wünscht, dass er mit ihm arbeitet, dann habe ich gar nichts dagegen, dann ist es sicher auch wertvoll. Aber das ist dann auch etwas ganz Intimes. Dass der Psychologe aber nun beim Training ist und so weiter, das möchte ich nicht. Das wäre dann wieder einer mehr beim Team, und ich finde, wir sind so, wie wir im Moment besetzt sind, auch bestens aufgestellt. Mehr möchte ich einfach nicht. Manchmal kann weniger auch mehr sein.“ Bei der Gelegenheit: Ob Sportchef Bastian Reinhardt künftig auf der Bank Platz nehmen wird, ist noch nicht besprochen. Wir aber noch. Veh scherzt: „Alle Spieler, die Manager werden, können kein Spiel lesen . . .“ Und: „ich unterhalte mich während des Spiels lieber mit meinen Assistenten. Aber es ist mir egal, ob Bastian Reinhardt dort unten oder oben sitzt.“

Wie hält es Armin Veh eigentlich mit öffentlichen Aussagen der Spieler, die sich gegen die Mannschafts-Harmonie richten? Duldet er sie schweigend? Er zieht er Konsequenzen? „Ich bin keiner, der auch nur ansatzweise toleriert, dass man in der Öffentlichkeit keinen Respekt vor den Kollegen zeigt. Viele verlangen für sich Respekt, wissen aber gar nicht, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Dass man Rücksicht auf andere nimmt, das bedeutet Respekt. Wenn ich sehe, dass dagegen verstoßen wird, greife ich durch, egal wie der Spieler auch immer heißt.“

Unklar ist ebenfalls die Frage des neuen Kapitäns. Veh hat sich festgelegt: „Ein Torwart wir nicht Kapitän, er ist mir zu weit weg.“ Zudem steht fest: Der Kapitän sollte möglichst Stammspieler sein, also möglichst in jedem Spiel gesetzt sein. So wie wahrscheinlich Joris Mathijsen und Heiko Westermann. Nur als Beispiel. Der Kreis wird also schon ein wenig enger gezogen. Wer bleibt da noch übrig?

Veh wird es wissen. Jetzt schon. Bei der Gelegenheit: Herr Veh, wie fühlen Sie sich eigentlich beim HSV? Der Trainer sagt spontan: „Ich habe mich hier sehr schnell zu Hause gefühlt, was nicht so einfach ist. Für mich ist das aber ein gutes Zeichen.“

Und nun die letzte Frage: „Sie sind 20 Jahre Trainer, Herr Veh, Sie haben schwierige und weniger schwierige Mannschaften kennen gelernt – was für ein Team ist der HSV für Sie?“ Der Trainer antwortet: „Ich habe schon viel erlebt in meiner Laufbahn, aber ich hatte mit meinen Spielern eigentlich nie größere Probleme gehabt. Natürlich habe ich den einen oder anderen Spieler mal suspendiert – so zack. Aber ich habe eigentlich kein Beispiel. Natürlich kommt gelegentlich mal etwas Blödes heraus, das ist ja normal, aber Gravierendes? Das kenne ich nicht.“ Armin Veh sagt über den HSV: „Die Spieler, die jetzt hier sind, die sind okay. Das kann ich sagen. Die anderen, die noch fehlen, kann ich nicht beurteilen, ist ja klar.“ Grundsätzlich ist es aber so, sagt Veh: „Etwaige Vorfälle muss man mit Konsequenzen oder mit Nähe regeln. Oder Ende der Veranstaltung. Weil: Der Hampelmann bin ich nicht. Und der Kasper schon gar nicht. Da bin ich leider schon zu alt dafür, dass ich mir auf der Nase herumtanzen lasse.“

Das klingt alles ganz logisch. Und nach klaren Vorstellungen, Werten, nach Disziplin. Ich habe jetzt, nach diesen ersten Wochen mit Armin Veh, keinerlei Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Veh, das habe ich hier von Anfang an geschrieben, ist für mich ein Realist wie er im Buche steht. Er weiß, wie der Hase zu laufen hat – ich bin mir absolut sicher, dass er dazwischenfahren wird, wenn etwas nicht so läuft, wie er es will. Er sagt über sich, kein Hampelmann und auch kein Kasper zu sein, ich sage: Armin Veh ist auch keine Luftblase. Der Mann weiß, was er will, er wird auf seine Werte pochen. Und er wird sich von uns, von Euch, von allen an seinen nun abgegebenen Vorgaben messen lassen müssen.

PS: An alle, die meinen dass ich zu viel schreibe (Trainerglück hat es angestoßen): Wenn es in Hamburg wieder ganz “normal” läuft, wird es pro Tag einen Bericht geben. Im Trainingslager ging es mal so, aber das wird nicht die Regel bleiben. Allerdings: Einige Sommergeschichten werden auch noch kommen . . .
Gute Nacht – oder guten Tag.

22.39 Uhr

Gewinner und Verlierer

30. Juli 2010

Der HSV ist wieder gut und heil in Deutschland gelandet. Am Vormittag wurde noch in Längenfeld trainiert, um 16 Uhr erfolgte dann von Innsbruck der Start in Richtung Heimat. Die Mannschaft wohnt an der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, in der am Sonnabend und Sonntag um den „Liga-total-Cup“ gespielt wird. Neben dem HSV sind Bayern München, Schalke und der 1. FC Köln am Start. Der HSV spielt um 16.45 Uhr gegen die Truppe von Felix Magath, live auf SAT.1 zu sehen.

Wie wird der HSV aus den Startlöchern kommen? Nach einem Trainingslager werden von den Journalisten immer wieder mal Gewinner und Verlierer der bisherigen Vorbereitung gekürt. Auch ich werde mich jetzt einmal daran versuchen, sage aber schon gleich: Es gibt mehr Gewinner als Verlierer. Meine persönliche Liste sieht wie folgt aus:

Die Gewinner:

David Jarolim: Ihr werdet es nicht glauben, viele werden fluchen – aber heut gegen Mitternacht werdet Ihr alle lesen, warum der ehemalige HSV-Kapitän bei mir an erster Stelle steht. Meine Wahl wird aus berufenem Munde genährt.

Manfred Düring: Der Leistungsdiagnostiker hat weite Teile und viele Phasen der Vorbereitung gestaltet, und er hat seine (Trainings-)Arbeit einfach überragend verrichtet. Wenn die Mannschaft am 21. August auf den Punkt fit sein sollte, dann ist es auch sein Verdienst. Kompliment.

Ruud van Nistelrooy: Der Niederländer hat hervorragend trainiert, hing sich voll rein, hatte trotz der Quälerei stets gute und beste Laune – und er war in Österreich der Liebling der Massen. Dass sich ein Weltstar so volksnah gibt, ist ungewöhnlich und eigentlich unfassbar. Selbst im größten Dauerregen blieb van Nistelrooy seiner unheimlich netten Linie treu – er ist ganz einfach ein Vorbild-Profi. Und ich erwarte von ihm eine ganz große Saison, weil die Grundlage dafür geschaffen wurde.

Heung Min Son: Um den Koreaner wurde in diesen Tagen viel Wirbel gemacht, ich sage jetzt: Wenn er das halten kann, was er in diesen Wochen verspricht, dann werden wir alle noch viel, viel Freude an ihm haben. Ich habe mich kürzlich ganz, ganz weit aus dem Fenster gelehnt, weil ich im Gespräch mit Armin Veh sagte: „Son erinnert mich an den 17-jährigen Cruyff.“ Ich weiß, ich weiß, sehr, sehr hoch gegriffen, ich werde eines Tages meine Worte „fressen“ müssen – aber ich stehe dazu. Mal abwarten, was wirklich wird.

Frank Rost: Tolle Leistungen im Training, er wirkt gefasst, hat seine Rolle (mit dem Konkurrenten Droby) offensichtlich angenommen, er schmollt nicht – und er wirkt absolut topfit und souverän. Bleibt das so, würde davon in erster Linie er – und der HSV profitieren.

Armin Veh: Ruhig, gelassen, mit Auge. Kein Schaumschläger, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden – seine Ansagen sind klar und unmissverständlich. Beim HSV sitzt nun ein ganz anderes Kaliber auf der Bank.

Joris Mathijsen: Hat in dieser Saison noch nicht einmal mit dem Team trainiert, ist aber auf jeden Fall gesetzt. Welcher andere HSV-Spieler kann das schon von sich sagen?

Markus Günther: Der Reha-Trainer war in dieser Vorbereitung auch enorm gefragt, ich habe ihn oft bei seinem Programm beobachtet: klasse. Er macht sich Jahr für Jahr bei jedem HSV-Coach unentbehrlich, so läuft es auch in dieser Saison. Der „große Schweiger“ des HSV, der kaum einmal den Mund aufmacht, lässt seine gute Arbeit für sich sprechen. Das ist beste Eigenwerbung.

Ze Roberto: Fit wie ein Turnschuh. Und nicht verletzt. Tut viel, weil er daran anknüpfen möchte, was er im vergangenen Jahr zum Saisonstart gezeigt hat, damals war er Weltklasse.
Paolo Guerrero: Spielfreudig in neuer Rolle hinter der Spitze. Er blüht auf, hat Lust und Ideen, er kann richtig gut kicken. Und wenn er das auch über volle 90 Minuten zeigen kann, dann ist er aus dieser HSV-Mannschaft nicht mehr wegzudenken.

Heiko Westermann: Kam, sah und spielte. Hat, wenn er unverletzt bleibt (oder ganz fit wird), seinen Stammplatz sicher. Weil er abwehren und aufbauen kann, zudem torgefährlich ist.

Romeo Castelen: Ihm drücken sie alle die Daumen, er macht schon wieder viel Spaß – und auch ich hoffe, dass er noch einmal so richtig Gas geben kann – und wird. Die Ansätze dazu waren in diesen Tagen schon wieder vorhanden, vielleicht wird der gute Kerl ja noch ein „Neuzugang“, den keiner auf dem Zettel hatte.

Jonathan Pitroipa: Leider verletzt (Knöchel), aber er ist in Schwung, er hat Mut, er hat auch die nötige Frische für sein Spiel. Sollte er nun auch noch im Abschluss sicherer werden, dann könnte er (endlich, so wie einst bei seiner Verpflichtung geplant) in der Liga für Furore sorgen. Auch wenn es ihm einige HSV-Fans immer noch nicht so richtig zutrauen – sie werden sich (wohl) dran gewöhnen müssen.

Die Verlierer:

David Rozehnal: Dem Tschechen klebt das Pech nach wie vor an den Stiefeln, er kommt von seiner Serie der unglücklichen Szenen einfach nicht los. Das ist tragisch für ihn – und für den HSV. Ich glaube, dass eine sofortige Trennung das Beste wäre, auch für ihn, denn wohl fühlen kann er sich in Hamburg eigentlich nicht mehr.

Wolfgang Hesl: Ihm wurde im Frühjahr viel versprochen, als er einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag beim HSV unterzeichnete. Nun kommt alles anders, er hat gleich zwei starke Konkurrenten vor der Nase und driftet ab zur Nummer drei, was er eigentlich, weil er sich in der vergangenen Saison deutlich verbessert hatte, nicht verdient hat.

Mladen Petric: Der HSV spielt nur noch mit einer Spitze, der Kroate muss als Linksfuß nun über rechts kommen – und ist nicht besonders glücklich darüber. Ob es doch noch klappt? Ich habe meine Zweifel. Auf jeden Fall ist Petric hinter van Nistelrooy nur die Nummer zwei als Spitze, und das wird ihm nicht sonderlich schmecken.

Mickael Taveres: Trainer Armin Veh plante gleich ohne ihn, Tavares trainiert mit, aber ohne zu glänzen – er wird sich einen neuen Verein suchen müssen, in Hamburg hat er null Zukunft.

Jaroslav Drobny: Er ist ein anerkannt guter, sogar sehr guter Torwart in der Bundesliga, aber noch hat Frank Rost (für mich) die Nase vorn. Drobny wird Geduld aufbringen müssen – ob er die hat? Ich habe ganz, ganz leichte Zweifel, würde mich aber freuen, wenn ich mich da irre.

Sören Bertram: Unter Labbadia noch ein ganz großes Talent, nun aber nicht mehr in Längenfeld dabei, weil Veh „mal andere Jünglinge sehen wollte“. Das klingt nicht danach, als könne er seinem Ruf als „eines der größten HSV-Talente“ noch gerecht werden. Es geht für ihn wohl nur über die Zweite (die Veh beobachten lassen will, oder selbst beobachten will).

Tunay Torun: Veh will nur vier Stürmer. Das sind van Nistelrooy, Petric, Guerrero und Son. Für den verletzten Torun (Kreuzbandriss) bleibt wohl kein Platz mehr übrig – es sei denn, Veh gewährt dem jungen Stürmer eine gewissen Zeit, sich wieder an das Team heran zu kämpfen.

Eric-Maxim Choupo-Moting: Er wird wohl durchfallen, sagt mir mein Bauch. Vom Trainer und seinen Assistenten gibt es noch keine Erklärung, aber das, was der WM-Teilnehmer Kameruns bislang zeigte, war nicht dazu geeignet, auf seine Karte zu setzen. Das ist der Kollege Son doch aus einem anderen Holz geschnitzt.

Änis Ben-Hatira: War einst ein großes, für mich sogar riesiges Talent, aber er ist stehen geblieben. Leider. Trainiert zurzeit in England (West Ham), aber ob er da sein Glück findet? Ich habe meine Zweifel, obwohl ich einst sein größter Fan war – er konnte doch so viel, hat sich aber zu oft verzettelt.

Urs Siegenthaler: Die größte Enttäuschung für mich, denn ich hatte voll auf ihn gesetzt, er sollte dem HSV eine Talentschmiede verpassen, die in einzigartig Deutschland gewesen wäre. Ich habe ihn einst (mehrfach) bei der Nationalmannschaft gesehen, gehört und kennen gelernt, er ist ein absoluter Experte und Fachmann, wenn er über den Fußball spricht, hängen alle an seinen Lippen – er ist nicht umsonst im DFB-Team von Joachim Löw. Aber dann diese völlig unmögliche Absage, die geht gar nicht, ein Novum. Deswegen ist Siegenthaler schon jetzt für mich die HSV-Luftblase des Jahres 2010.

20.07 Uhr

Nächste Einträge »