Tagesarchiv für den 30. Juni 2010

Rost – und dazu auch Jarolim?

30. Juni 2010

Der Hammer sorgt immer noch bei Nachwirkungen. Der 30-jährige bisherige Hertha-Torwart Jaroslav Drobny soll zum HSV kommen, wird wohl auch zum HSV kommen – und was wird dann mit Frank Rost? Gegenüber meinem Kollegen Marcus Scholz hat sich die Noch-Nummer eins des HSV nicht geöffnet. Er will wohl erst einmal abwarten, was wirklich passiert. Fakt ist, dass sich Rost einen neuen Verein suchen darf. Und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Rost das auch tun wird. Nummer zwei hinter Drobny? Das wird er sich niemals antun, so lange wird er nicht mehr im Profi-Fußball mitmischen können, um dann die letzten Tage nur noch auf der Bank zu sitzen.

Um einmal klar Stellung zu beziehen: Ich bedaure diese Entwicklung. Sehr sogar, denn Frank Rost war in der vergangenen Saison einer der wenigen HSV-Spieler, der konstant eine gute, oftmals sogar eine überdurchschnittliche und einige Male sogar überragende Leistungen gebracht hat. Das können von der Saison 2009/10 nicht viele HSV-Profis von sich behaupten. Rost war eine Bank, er gehörte für mich stets zu den besten deutschen Torhütern, auf ihn war immer Verlass.

Die sportlichen Leistungen des seit heute 37-jährigen HSV-Torhüters waren immer über jeden Zweifel erhaben. Wie gesagt, die sportlichen Leistungen. An Rost schieden sich in der Vergangenheit aber auch stets die Geister, denn der Mann war unbequem, er war geradeaus, er war oft sogar gnadenlos ehrlich, zu ehrlich, zu offen, zu hart. Zu hart auf jeden Fall oftmals für die Klub-Führung, die ihre Nummer eins einige Male zurückpfiff. Rost aber ließ sich nie verbiegen. Er vertrat seine Meinung konsequent, fast könnte ich sagen, er vertrat sie ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst wenn er nach seinen Ausführungen attackiert wurde, wenn er Rüffel einstecken musste – er blieb unerschütterlich bei seiner Meinung. Dieser Mann, dieser Frank Rost, hat ganz einfach Rückgrat. Und er gehört im deutschen Fußball einer aussterbenden Gattung an: Typen wie Rost werden von Jahr zu Jahr seltener. Es lebe der aalglatte, pflegeleichte Profi, der nicht aufbegehrt, der wie die Fahne im Wind ist, der still seine Millionen kassiert und sich ansonsten fügt.

Ich gebe zu, dass auch ich nicht immer einer Meinung mit Frank Rost war. Im Gegenteil, wir hatten auch unsere schweren Kämpfe mit einigen harten Attacken auszutragen. Das ist allerdings längst Schnee von gestern. Ich bin auch deswegen von Frank Rost überzeugt, weil er mit seinem unbändigen Ehrgeiz stets vorlebte, wie die Berufsauffassung eines (Fußball-)Profis auszusehen hat. Rost konnte nicht gut verlieren. Aber er konnte vor allem nicht damit leben, wenn seine Kollegen nicht alles dafür getan hatten, eine Niederlage zu vermeiden, nicht genug gekämpft hatten, um sie noch abzuwenden. Dann war Frank Rost „ungenießbar“. Und womit? Mit Recht! Dazu muss ich zugeben, dass er dafür mein absolutes Verständnis hat, denn auch ich war früher als Fußballer eher ein Rost-Typ, wenn es um den vielleicht heikelsten Punkt im Sport geht, nämlich um die Niederlage „meiner“ Mannschaft. Das brachte mich immer auf die Palme . . . Obwohl ich auch zugeben muss: Der Ton macht die Musik.

Klar liegt es dann auf der Hand, dass man im eigenen Team nicht immer nur Applaus erntet. Rost hatte nicht nur Freunde in der HSV-Mannschaft. Vielleicht ist es sogar so besser und treffender zu umschreiben: Frank Rost hatte nicht viele Freunde in dieser HSV-Mannschaft. Natürlich nicht, denn: Wenn jemand seine Leistung bringt (wie Rost), und derjenige dann andere Kollegen kritisiert, die schwächeln, dann gibt es höchst selten noch einvernehmliches Miteinander. Zumal dann, wenn sich dieser Prozess auch schon über einige Jahre hinzieht.

Im Herbst 2009 hatte sich Frank Rost zudem einen, vielleicht seinen größten Klops geleistet. Er hatte sich öffentlich (im Hamburger Abendblatt) gegen die Verpflichtung des Spieler-Beraters Roman Grill als HSV-Sportchef ausgesprochen. Ein fataler Fehler, denn: Grill war ausgerechnet der Wunschkandidat von HSV-Chef Bernd Hoffmann und Vorstandsmitglied Katja Kraus. Unter diesem schweren Fehler hat Frank Rost bis heute zu leiden.

Der HSV will unter der Regie von Trainer Armin Veh offenbar einen neuen sportlichen Anfang. Der Coach, Sportchef Bastian Reinhardt (der mit Frank Rost über die neue Situation sprach!), Urs Siegenthaler und der Vorstand – sie alle haben diskutiert und sich dann gemeinsam entschieden, dass es einen neuen Torwart beim HSV geben wird. Veh dazu vielsagend: „Es kann sein, dass wir auf der Position des Torwarts Konkurrenz wollen, es kann deswegen auch sein, dass ein neuer Torwart kommen wird.“ Armin Veh fügt aber auch noch an: „Der neue Torwart ist noch nicht da, deswegen kann man darüber auch erst reden, wenn er da sein sollte.“ Stichwort Konkurrenzkampf. Wie beurteilt Veh die Lage im HSV-Tor? Der Coach sagt: „Insgesamt tut Konkurrenz immer ganz gut, nicht nur auf dieser Position, sondern auch auf anderen. Konkurrenz belebt das Geschäft, und wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft. Der Beste spielt. Deshalb sollten wir immer schauen, dass man immer in Konkurrenz steht.“

Was wird nun aus dem bisherigen Rost-Ersatzmann Wolfgang Hesl? Der HSV-Trainer: „Er ist ja noch ein junger Torwart, der noch wachsen muss, jetzt gibt es im Endeffekt eben einen Torwart mehr.“

Also doch? Einen Torwart mehr . . . Armin Veh geht demnach doch davon aus, dass Drobny zum HSV kommen wird. Und dann heißt es abwarten. Abwarten, wie sich Rost entscheidet.

Am Donnerstag fährt der HSV nun mit 24 Spielern (also auch mit den vielen jungen Talenten) für vier Tage ins Trainingslager nach Sylt. Dort steht die Ballarbeit an letzter Stelle, es geht um Dinge wie Kraft, Kondition, Ausdauer. Nur eine Einheit soll es mit der Kugel geben – weil der Trainingsplatz in List zu schlecht sein soll. Und Armin Veh wird nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen trainieren lassen. Er sagt: „Wir haben früher als Bundesliga-Spieler mit Sicherheit intensiver und härter trainiert. Heute aber wird sinnvoller trainiert, Früher wurden Dinge trainiert, die man heute nicht mehr machen darf.“ Veh nannte auch gleich ein Beispiel: „Früher mussten wir als Spieler Steigerungsläufe machen, aber wir trugen dabei noch einen Kollegen auf dem Rücken. Wenn man das heute machen würde, würden einige Spieler gleich eine Woche ausfallen.“

Armin Veh generell über seine Auffassung: „Ich versuche wissenschaftliche Dinge mit ins Programm zu nehmen, aber natürlich sind auch einige Sachen noch gut, die wir früher schon gemacht haben.“ Die Synthese macht es. Deswegen sagt Armin Veh auch: „Die Wissenschaft ist wichtig, aber wichtig ist auch, dass man weiß, was für den Fußball wichtig ist – und allein wissenschaftlich zu trainieren, das geht nicht.“

Der neue HSV-Trainer sprach sich – so ganz nebenbei – auch noch für einen Verbleib von Piotr Trochowski beim HSV aus: „Er ist ein Hamburger Junge, er ist nicht umsonst bei der Nationalmannschaft. Dass er in Südafrika dabei ist zeigt, dass er die Leistung gebracht hat, um von Jogi Löw mitgenommen zu werden – und der Bundestrainer setzt ihn ja auch immer wieder ein. Natürlich sollten wir dann mit dem Spieler verlängern. Wenn es möglich ist . . .“

Abwarten. Sage ich ganz bewusst. Denn noch ist die WM nicht beendet, noch könnte sich Trochowski in den Vordergrund spielen, noch könnte es den einen oder anderen (ausländischen) Interessenten auf den Plan rufen. Was dabei zu bedenken ist: Piotr Trochowskis Vertrag läuft nur noch bis zum Sommer 2011. Dann wäre er – logisch – ablösefrei. Würde er jetzt wechseln, bekäme der HSV noch eine (wohl ordentliche) Ablösesumme. Es sei denn, der HSV und „Troche“ einigten sich schon jetzt auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung.

Um bei diesem Thema zu bleiben, aber mit einem anderen Spieler fortzufahren: Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Kapitän David Jarolim (ebenfalls) keine Chance mehr in Hamburg haben soll. Vom Vorstand (Frau Kraus) wird das in der Donnerstag-Ausgabe des Abendblattes verneint, aber ich würde auch in diesem Falle für ein Wort dieser Tage plädieren: abwarten. Der Tscheche selbst hält sich bedeckt, er will keinerlei Kommentar dazu abgeben – aber irgendwie liegt da doch noch etwas in der Luft.

Was mich, das gebe ich zu, noch mehr schockt als der „Fall Rost“. Wenn der HSV auf charakterstarke Spieler setzen will, in Zukunft setzt, dann wäre David Jarolim die Nummer eins auf diesem Sektor. Ich hoffe darauf, dass sich Armin Veh den Mittelfeldkämpfer noch ganz genau ansehen wird – und sich dann (doch) für ein Verbleiben Jarolims in Hamburg entscheidet. Alles andere wäre – für mich – ein einziges Dilemma. David Jarolim ist für mich ein absoluter Vorzeige-Profi, der seiner „Arbeit“ stets vorbildlich nachgegangen ist, der immer 100 Prozent gegeben hat, der sich auch mit dem HSV, diesem HSV, unserem HSV identifiziert. Ich weiß dabei durchaus, dass es auch in Eurem (unserem) Kreis Jarolim-Gegner gibt. Ich gestehe es (auch in diesem Fall) jedem zu, eine andere Meinung zu haben, das ist wie immer selbstverständlich, aber Ihr solltet im Gegenzug auch mir gestatten, dass ich mich für David Jarolim ausspreche. Ginge er noch in diesem Sommer, wäre das ein riesiger Verlust. Für den HSV. Für mich. Und auch sicher für viele, viele HSV-Fans.

Aber: abwarten.

PS: Es tut mir Leid, dass es ein wenig später geworden ist. Das hat zeitungstechnische Gründe. Ihr werdet Euch erinnern: Als Ruud van Nistelrooy zum HSV kam, hatten wir „Matz-abber“ das zuerst (und zwar schon zwei Tage vorher!). Als es dann abends raus war, übernahmen es andere Zeitungen – und eine dieser Zeitung wurde dann auch prompt im Videotext zitiert: „Nach Informationen der . . . wechselt RVN zum HSV.“ Dabei wusste diese Zeitung nichts. Erst durch uns wusste sie was. Der Prototyp der fremd schmückenden Feder. Und das Gerücht um David Jarolim tauchte bislang noch in keiner Zeitung auf. Allerdings morgen im Abendblatt. Gute Nacht. Und an diejenigen, die erst am Donnerstag bei uns sind: Euch (und uns) allen einen wunderschönen Sonnentag. Ich werde mich dann von der Insel Sylt melden.

23.24 Uhr

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