Tagesarchiv für den 29. Juni 2010

Reinhardt und die Baustellen des HSV

29. Juni 2010

Paolo Guerreo ist wieder da! Aber er redet nicht. Er selbst hat sich einen „Maulkorb“ gegeben. Er selbst? Vielleicht war es aber auch die höhere (HSV-)Gewalt. Und noch einer ist wieder da: Bastian Reinhardt. Er hat aber, im Gegensatz zu Paolo, sein „Schweigen“ gebrochen. Der Sportchef hat unruhige Tage hinter sich, er ist mittendrin und nicht nur dabei, und er ist – wie Trainer Armin Veh – zuversichtlich was die neue Saison und die Verstärkungen betrifft. „Es ging sofort los für mich. Jede Menge Termine, jede Menge Anrufe, jede Menge Mails. Und ich muss jede Menge Informationen verarbeiten. Es macht Spaß, aber es ist auch anstrengend“, sagt Reinhardt. In Sachen Verstärkungen gibt es offenbar eine klare Absprache: „Es ist nicht so, dass ich allein los ziehe, wir sind ein Team, wir arbeiten als Team.“ Und zu Urs Siegenthaler, der als Chef-Scout des DFB in Südafrika unterwegs ist, hat der Sportchef jeden tag mehrfach telefonischen Kontakt. Alles ist im Fluss.

„Wir sind auf einem guten Weg. Obwohl es während der WM ziemlich schwierig ist. Aber das erfährt zurzeit auch die ganze Bundesliga, außer Michael Ballack zu Leverkusen ist ja kaum etwas passiert“, sagt Reinhardt und fügt an: „Wir ständig dran, aber bei den Transfers, die wir machen wollen, die auch sinnvoll für den HSV sind, die brauchen noch Geduld. Es ist nur sinnvoll, Spieler zu uns zu holen, die uns auch weiterhelfen, aber die wachsen eben nicht auf den Bäumen. Und die Konkurrenz ist ebenfalls dran und bietet mit. Wir müssen uns dann behaupten und durchsetzen.“

Der HSV hat Geduld. Laut „Basti“ Reinhardt sogar „jede Menge“. Auch noch im „Fall Afellay“. Doch es gibt auch Grenzen, so der Sportchef: „Irgendwann werden wir natürlich sagen müssen, dass wir nicht mehr warte können, das ist klar. Denn er bindet ja auch Mittel. Und wenn wir keine Planungssicherheit mit dem Spieler haben, dann müssen wir die Mittel eben anderweitig verwenden“ Nur so macht es Sinn. Afellay hat angekündigt, sich nach der WM zu entscheiden. Das könnte noch vor diesem Wochenende Wirklichkeit werden, wenn die Niederländer im Viertelfinale gegen Brasilien verlieren (sollten).

Wenn Afellay aber nicht, wer dann? Wen oder was sucht der HSV eigentlich? Reinhardt: „Wir haben eine Baustelle in der Innenverteidigung, die muss geschlossen werden. Dann müssen wir schauen. Bei allen anderen Sachen drückt uns nicht so groß der Schuh.“ Zumal sich Armin Veh ja auch erst einmal ein Bild von seiner neuen Mannschaft machen muss. Vielleicht blühen ja genau jene Spieler auf, die zuletzt hinter den Erwartungen geblieben sind.

Und was ist mit „hinten rechts“? Guy Demel? Der mit der Elfenbeinküste ja schon Abschied von der WM nehmen musste? Und sich der zuletzt – öffentlich – mehr vom HSV erhofft hatte? Bastian Reinhardt bezieht klar Stellung: „Es ist ja bekannt, dass der Verein Guy gesagt hat, dass wenn er einen anderen Klub bringen kann und wechseln möchte, dass wir ihm dann keine Steine in den Weg legen werden.“ Das ist doch mal ein Wort. Anfragen aber liegen dem HSV für Demel noch nicht vor. Und: Außer Demel – will sich der HSV noch von dem einen oder anderen Spieler der vergangenen Saison trennen, der es jetzt noch nicht weiß? Reinhardt: „Nein.“ Dann aber ergänzte er: „Ich will s aber auch nicht ausschließen.“ Also „Jein.“

Der HSV-Kader soll überschaubar bleiben. Weil es ja keine Dreifach-Belastung mehr gibt. Der neue Sportchef weiß um die Gefahr eines zu großen Kaders: „Bei weniger Spielen gibt es dann mehr Unzufriedene, die keine Spielpraxis bekommen, das ist eine Gefahr. Deswegen werden wir in der kommenden Saison keinen zu großen Kader haben.“

Erstaunlich viele Anfragen anderer Klubs liegen dem HSV im Falle Marcus Berg vor. Der Schwede will aber nicht unbedingt gehen, obwohl Bastian Reinhardt sagt: „Junge Spieler brauchen Spielpraxis. Und Marcus hat Ruud van Nistelrooy vor sich, Mladen Petric und Paolo Guerrero. Da wird es sehr schwer für ihn.“ Zumal Eric-Maxim Choupo-Moting auch noch auf die vierte Position im HSV-Angriff hofft. Über den Kameruner WM-Teilnehmer sagt Reinhardt: „Ihm hat das Leihgeschäft zum 1. FC Nürnberg mit Sicherheit nicht geschadet, er hat sich weiterentwickelt.“ Als Nebenmann von Eto’o . . .

Ein ganz spezielles HSV-Thema ist schon seit Jahren Piotr Trochowski. Der Nationalspieler hat noch ein Jahr Vertrag, es wurde bereits über eine eventuelle Verlängerung Kontakt aufgenommen. Und es sieht durchaus gut aus, dass Trochowski in Hamburg und beim HSV bleibt. Aber: Es gibt auch das Gerücht (danke Dylan1941), dass Arsenal London hinter dem kleinen Dribbelkünstler her sein soll. Was ja echt ein Hammer wäre, wenn es tatsächlich wahr sein sollte – denn Arsene Wenger gilt doch eigentlich als Fußballfachmann . . . Okay, okay, ich will ja gar nicht provozieren. Warten wir doch ganz einfach mal ab, wie es in diesem Fall weitergehen wird.

„Basti“ Reinhardt, ich schrieb es bereits gestern, war als Mitspieler immer ein Befürworter Trochowskis, nun aber sitzt der Sportchef auf der anderen Seite, und er macht sich so seine eigenen Gedanken zu seinem früheren Mitspieler: „Piotr wird sich bei dem neuen Trainer nun beweisen müssen, und bei der neuen sportlichen Leitung.“ Zu der gehört ja auch Urs Siegenthaler, und der ist noch beim DFB und der Nationalmannschaft, als auch ein Kollege des Bundestrainers – und Löw steht ja bekanntlich auf Trochowski. Von daher müsste Siegenthaler ja eigentlich ein Trochowski-Anhänger sein. Sonst hätte er dem Herrn Löw doch geraten, auf den kleinen Hamburger zu verzichten. Oder?

Reinhardt über „Troche“: „Er hat zweifellos ein großes Potenzial, aber ich hätte mir gewünscht, dass er doch mehr Einsatzzeiten bei dieser WM bekommt. Das wäre für sein Selbstvertrauen zweifellos von großem Vorteil, es wäre wichtig gewesen, denn ich glaube, das Selbstvertrauen hat in den letzten Jahren ein wenig gelitten.“ Reinhardt weiter: „Er ist ein guter Junge, ich kenne ihn, er braucht das nötige Vertrauen, aber das muss er sich auch mit guten Leistungen erarbeiten.“

Ich setze da große Hoffnungen in das Duo Veh/Reinhardt. Sie werden diesen „Fall“ vielleicht ganz anders angehen, wie die HSV-Trainer in der Vergangenheit.

Erfreulich ist ein anderes Thema beim HSV: Der 17-jährige Heung Min Son. Der Koreaner scheint derzeit das größte Talent des HSV zu sein. Bereits am Montag hielten sich während des Trainings zwei Spielerberater im Volkspark auf, um mit dem Stürmer in Kontakt zu treten. Reinhardt sagt: „Wir wissen, dass hinter Son schon einige Bundesliga-Klubs her sind.“ Also aufpassen, HSV! Ein Interessent ist Hoffenheim. Der Sportchef: „Ich glaube aber, dass wir in diesem Fall ganz gute Karten haben.“ Es ist dem HSV zu hoffen.

Ein anderes Thema ist Dennis Aogo. Auch mit ihm will der HSV verlängern, auch mit ihm wurden bereits erste Gespräche geführt, auch bei ihm soll es – so der Sportchef – durchaus gut aussehen. Und: Aus Italien, speziell aus Turin, liegt dem HSV kein Angebot vor.

So, das war es erst einmal zum HSV. Ein kurzer Abstecher sei mir noch zur WM gestattet. Was aus einem „Wembley-Tor“ so alles entstehen kann:

Eine delikate Eingabe zur Fußball-WM liegt dem Bundestag vor. Der Petitionsausschuss wurde am Dienstag aufgefordert, er solle dafür sorgen, dass den Engländern das am Sonntag im Spiel gegen Deutschland (1:4) nicht gegebene zweite Tor nachträglich anerkannt wird. „Fairplay“ sei das oberste Gebot, heißt es in der Petition, wie die Vorsitzende des Petitionsausschusses, die Abgeordnete Kersten Steinke (Linke), bei der Vorstellung des Jahresberichts in Berlin mitteilte. Über ein solches Angebot aus England hätten sich die Deutschen 1966 nach dem Wembley-Tor ebenfalls gefreut, meinte der Petent weiter. Er kommt aus der Bundesligastadt Mönchengladbach – mehr wurde aus Datenschutzgründen nicht verraten. „Wir werden gucken, wie wir mit dieser Petition umgehen“, meinte Steinke.

19.27 Uhr

Christians Sommergeschichte

29. Juni 2010

Liebe “Matz-abber”, sind es die Temperaturen, die einigen von Euch so gewaltig zu Kopfe steigen? Was ist hier nur wieder los? So geht es auf keinen Fall weiter, ich teile die Meinungen vieler User – so geht der Blog kaputt. Es muss etwas passieren, es wird etwas passieren. Was mich besonders trifft: Menschen, die ich als besonnen, vernünftig und nett kennen gelernt habe, die setzen sich nun auch schon über die Schmerzgrenze hinweg – das tut mir besonders weh. Ich wollte eigentlich namentliche Verwarnungen aussprechen, aber es es sollten sich ruhig viele “Matz-abber” angesprochen fühlen. Wir hatten uns alle schon einmal – oder sogar mehrfach – darauf geeinigt, dass wir jene Beiträge, die beleidigend sind, die agggressiv sind oder einfach nur nervig, ganz einfach ignorieren. Nur hält sich niemand daran.
Ich habe mir in den letzten Wochen genau in diesem Punkt Zurückhaltung auferlegt. Und ich habe vor allem jenen User, der hier inzwischen schon jeden dritten Beitrag “absondert”, mit absoluter Nichtachtung gestraft. Ich habe viele, viele Mails von ihm auch in mein privates Postfach bekommen, ich wurde beleidigt, Ihr wurdet beleidigt und diffamiert – ich habe mir aber seit vielen Wochen nicht ein Komma mehr davon angesehen.
Es geht. Warum könnt Ihr das nicht auch?

Wie gesagt, es werden nun Maßnahmen ergriffen, aber ich bitte gleichzeitig auch diejenigen, die weit, weit über das Ziel hinaus geschossen sind, in sich zu gehen. Vielfach wurde mir das auch schon per Telefon versprochen, doch die guten Vorsätze hielten dann nur bis zur nächsten Provokation. Es wäre schade, wenn wir wieder mit Aussperrungen drohen müssten – obwohl ich manchmal daran denke, dass offenbar nur diese Maßnahme so richtig fruchtet. Aber muss das sein?

Es könnte alles so schön sein. Der Sommer ist da – und wir haben immer wiedre neue Sommergeschichten. Heute ist Christian an der Reihe, ich danke Dir für Deine Mühe und für die nette Geschichte – es hat mir viel Spaß gemacht, sie zu lesen. Und los geht es:

Schwarz-Weiß-Blaue Erleuchtung

Ich hatte mein Leben lang mit Fußball nix am Hut, weder als Spieler, noch als Konsument. Und das bei besten Voraussetzungen: Mein Vater ging gerne zum Fußball und besonders in der Zeit, als sein Heimatverein Wuppertaler SV in der Bundesliga spielte, waren die Duelle HSV – WSV Pflichttermine für die Familie. Ich habe den Rothenbaum erlebt, sah Uwe Seelers letzte Spiele und es konnte mich trotzdem nicht fangen: So ging die große Zeit des HSV spurlos an mir vorbei.

Zum Fußball und zum HSV kam ich erst viel später – und völlig unverhofft: Nachdem ich des Berufs wegen Hamburg verlassen habe und jahrelang im Exil lebte, stand Ende 2002 ein neuer Job und die Rückkehr nach Hamburg an. Im November besuchte ich meinen Bruder, um Wohnungen zu besichtigen und saß in seinem Wohnzimmer, als er unvermittelt vorschlug, doch jetzt gleich zum HSV zu gehen. Frau und Schwägerin zurückgelassen, in den Bahn gesprungen und ab nach Stellingen.
Wir kauften Karten an der Tageskasse. Ich: „Kann ich mit Kreditkarte bezahlen?“ Sie: „Sie sind hier beim Fußball!“ (Durchwühlen des Portemonnaies nach Bargeldresten) Ich: „Dann bitte die billigste Karte“.

Als wir unsere Plätze ausgesucht hatten – das konnten wir damals noch, denn die Bude war nur halb voll – trabte Lotto zu seinem Lift, fuhr hoch. Die Nord zeigte die Schals und Fahnen, Lotto stimmte „Hamburg meine Perle“ an. Ich kannte das Lied nicht, ich hatte das Stadion noch nicht erlebt – es traf mich wie ein Hammerschlag.

Wäre mein Leben ein Film, es wäre ein Strahl vom Himmel gekommen, der mich in einen goldigen Glanz gehüllt hätte und ein Chor im Hintergrund hätte schwülstige Stimmung gemacht. Schlagartig war mir klar, was mir in den letzten Jahren entgangen war. Lotto und die Nord hatten mich bekehrt, ich war Fan geworden.

Seit der Folgesaison habe ich eine Dauerkarte in 22C und habe in dieser Zeit große Dinge gesehen. Unvergessen das UI-Cup-Spiel gegen Basel, eigentlich ein trostloser Kick, aber Rafael van der Vaart stand nach langer Verletzung wieder im Kader. Als die Fans sahen, wie er sich warmlief, begannen die Rufe und mit jeder Minute wurde es lauter Als er den Rasen wieder betrat, war es ganz und gar unbeschreiblich. Er war wieder zurück.

Dann sein erstes Spiel nach der Valencia-Affäre, als es gegen Leverkusen ging. Auf dem Weg zum Stadion sah ich Kinder, die den Schriftzug auf ihrem VdV-Trikot dick durchgestrichen hatten und seine Begrüßung im Stadion war eisig. Als er beim Stand von 0:0 den Ball nahm und zum Elfmeter antrat, war es totenstill im Stadion, alle hielten den Atem an. Obwohl schon Jahre her, ist mir die Szene und meine Anspannung noch höchst präsent Auch das Gefühl, als er ihn souverän versenkt hatte und die Arena völlig aus dem Häuschen war.

Daniel van Buyten, wie er im Heimspiel gegen Köln den blutenden Alexander Laas auf seinen Armen vom Feld trug. Wie in der Saison der 1000 Leiden Dortmund mit 3:0 aus dem Stadion gefegt wurde und die Wende gelang, erst ab der 80. Minute konnte ich mich wirklich freuen. Wie der HSV nach Wieses Karatetritt gegen Werder verlor und meine Frau nach dem Spiel in Richtung Gästeblock lief, um die Bremer Mannschaft abzufeiern. Auf dem Rückflug von Fulham der schwule Rugbyclub aus London mit Hünen in Netzstrumpfhosen und Nagellack auf den bratpfannengroßen Händen, der die mürrischen HSV-Fans wieder zum Lachen brachte. Wie Bastian Reinhardt sich in seinem letzten Spiel für uns warmlief, die Rufe nach ihm immer lauter wurden und ihn alle feierten. Wie mein Sohn an der Hand von Hermann Auflaufkind war und selbst seine grün-weiße Mutter Tränen der Rührung in den Augen hatte, als sie den kleinen Mann in die riesige Arena laufen sah.

Neun Jahre große Emotionen: Enttäuschungen, Freudensprünge, Siege, Niederlagen. Und immer das Gefühl, Teil von etwas Einzigartigen zu sein.
Vor allem aber habe ich gesehen, wie sich der HSV entwickelt hat, wie das Stadion immer voller wurde und wie es stetig weiterging in Richtung Spitze. Auch wenn zwei Schritten nach vorne gerne mal einer nach hinten folgt oder wir mal eine Pirouette drehen: Wir sind wieder wer. Die Zeit ist nicht mehr fern, das Bayern München nicht nur vor den Spielen gegen uns, sondern die ganze Saison über mit Sorge und Respekt auf den HSV schaut.

17.44 Uhr