Tagesarchiv für den 26. Juni 2010

Kühner Plan mit Reizpunkten

26. Juni 2010

Mannomann, kann ich nur sagen. Wenn die neue Mannschaft des HSV nach der bald endenden Sommerpause ähnlich enthusiastisch und frisch und vital und engagiert in die Vorbereitung geht wie Ihr Matz-abber mit Euren tollen Sommergeschichten und mit Euren Kommentaren zu unterschiedlichen Themen, dann ist in der Saison 2010/11 ordentlich was drin. Was bringt es, den vergebenen Chancen für eine Teilnahme am internationalen Wettbewerb nachzutrauern? Nichts. Was bringt es, einen Abgang wie Jerome Boateng zu bedauern? Nichts. Also ziehe ich die einzige logische Konsequenz, die es gibt. Ich beschäftige mich mit dem Hier und Heute und mit der hoffentlich rosigen Zukunft.

Dass es auch in der Gegenwart einige Reizthemen und auch ein derartig gelagertes Klima gibt, habe ich ja gestern schon erklärt. Immer wieder rückt der kühne Vorstoß des Vorstands, Privatgelder eines leidenschaftlichen und millionenschweren HSV-Fans für Spielerverpflichtungen zu nutzen, in den Mittelpunkt der Diskussionen. Anstoß hoch drei, könnte man meinen, hat seinen Namen eigentlich verfehlt. Revolution hoch drei – so müsste der Arbeitstitel lauten, wenn ich die wirklich emotionalen und zum Teil auch sehr differenzierten Beiträge zu dem Thema betrachte.

Ja, vielleicht ist es sogar revolutionär, was da vom Vorstand geplant und vom Aufsichtsrat bestätigt wurde. Ich fasse es für diejenigen, die nicht so im Thema sind, mal vereinfacht zusammen. Bernd Hoffmann und Co. suchen stetig nach neuen Erlösquellen, um den Kader des HSV zu verbessern. Zuletzt, so muss man wohl zähneknirschend konstatieren, war es nicht mehr möglich, immer wieder neue und größere Beträge zu erwirtschaften, mit denen neue Stars oder zumindest starke Kicker internationalen Formats an die Elbe zu locken. Dann tüftelten Hoffmann und seine Mitstreiter am längst vorhandenen Projekt Anstoß hoch drei herum und passten es den neuesten Entwicklungen an. Sie fanden mit Klaus-Michael Kühne einen HSV-Liebhaber der besonderen Art, der bereit ist, mehrere Millionen Euro in den HSV zu investieren – aus seiner Privatschatulle. Gegenleistung des HSV: Sollte der Klub einen oder mehrere der Kühne-Geld-Neulinge gewinnbringend verkaufen, würde der Milliardär entsprechend einen Teil vom Kuchen abbekommen.

Nun kommen die Supporters ins Spiel, die der Angelegenheit mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen. Supporters-Chef Ralf Bednarek, der sich ja schon ziemlich heftige Anfeindungen gefallen lassen muss, weil er sich zu dem Projekt kritisch geäußert hat, und mehrere fördernde Mitglieder trauen dem Braten offenbar noch nicht. Warum? Weil sie ihres Erachtens zu wenig Einblicke in das Gesamtkonzept des Deals bekommen. Also haben sie eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Das mögen manches Mitglied und auch manch Verantwortlicher überzogen finden, es ist nun aber das gute Recht der Mitgliedschaft, und daher sehe ich das auch nicht so dramatisch. Für eine Portion Zusatzärger hat nun gesorgt, dass der Aufsichtsrat dem Projekt grünes Licht gegeben hat, bevor es am 13. Juli zur Mitgliederversammlung kommt. Da könne doch etwas nicht stimmen, denkt sich da mancher Supporter, sonst hätte man doch wenigstens bis danach warten können. Dass dem HSV in Sachen Hochkaräter aber ohne Kühnes Millionen – ob es nun zehn, 15 oder sogar 20 werden, habe ich bis heute nicht genau verstanden – kein einziger Volltreffer auf dem bald rumorenden Transfermarkt gelingen wird, also Eile geboten ist, wird natürlich auch nicht so richtig berücksichtigt. Der Ausgang dieses für die Medien herrlichen Sommerzoffs ist offen. Es wird bestimmt aber noch den einen oder anderen Nachschlag geben.

Da hier im Blog ja beide „Lager“, wenn ich sie jetzt einmal etwas flapsig so nennen darf, vertreten sind, möchte ich zum Wohle des HSV um Sachlichkeit bitten. Denn nur wer versucht, die Lage oder Argumentation seines schärfsten Kritikers nachzuempfinden, kann ihn vielleicht am Ende verstehen und eines Besseren belehren. Euch muss ich jawohl nicht sagen, dass sowohl Bernd Hoffmann als auch Ralf Bednarek am Wohle des HSV interessiert sind. Diesen beiden Vorsitzenden ihrer jeweiligen Riegen kann man nur raten, dass sie sich gerade in solchen Streitfällen mal intern intensiv austauschen, ruhig auch konstruktiv streiten, anstatt immer und immer wieder den Weg über die Öffentlichkeit zu suchen. Denn der endet selten mit zwei, beziehungsweise drei Gewinnern. Und wenigstens der HSV sollte am Ende doch immer als Sieger den „Platz“ verlassen, oder?

Ich habe übrigens lange mit meinem Kollegen Christian Pletz über dieses Projekt und den öffentlichen Streit diskutiert. Er war ja kürzlich in Brasilien, wo ein Vorstoß wie dieser des HSV-Vorstands alles andere als eine Sensation wäre. Dort wird bei den Vereinen ganz klar zwischen wirtschaftlichen Rechten und Transferrechten unterschieden. Es gibt Hunderte Spieler, die wirtschaftlich mehreren Privatinvestoren gehören. Beim Weiterverkauf profitieren diese Geldgeber dann gegebenenfalls – die meisten aber eher nicht. Entscheidend für den Verein ist, dass er 100-prozentiger Eigentümer des Transferrechts ist, so dass kein Investor mit entscheiden darf, wann, ob oder dass es zu einem Weiterverkauf kommt. Da muss der Verein den Hut aufhaben.

Apropos Brasilien, ich wollte ja eigentlich zum Abschluss noch kurz auf einen (wirklich nur einen!) Namen eingehen, der mal wieder mit dem HSV in Verbindung gebracht wird. Es geht um den brasilianischen Stürmer Vagner Love, der ja noch auf Leihbasis bei Flamengo Rio de Janeiro unter Vertrag steht. Sollten charakterliche Züge, stabile Verhaltensweisen und Vorbildfunktionen tatsächlich eine Rolle bei Spielerverpflichtungen spielen, dann kann ich nur hoffen, dass dieses Enfant terrible nicht in Hamburg landen wird. Sollte es mit Kühnes Millionen perfekt gemacht werden, würde ich das Projekt sofort umtaufen: von Anstoß hoch drei auf Abpfiff hoch drei…

22:23 Uhr

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