23. Juni 2010
Die Tante hatte natürlich noch gefehlt. Die Tante Käthe natürlich. Heute wird die Reihe der Sommergeschichten fortgesetzt, und einer der fleißigsten “Matz-abber” hat seine Story rund um den HSV und die Raute für uns aufgeschrieben. Vielen Dank, Tante Käthe, es ist toll, dass Du uns damit verwöhnst. Ich wünsche nun allen viel Spaß beim Lesen:
“Geliebter Manni”
Wie bin ich zum HSV-Verrückten geworden? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht! Es fing an 1974 an, bei und mit der WM natürlich. Ich war mit meinen Eltern am Flughafen, das haben wir früher öfters gemacht, raus auf die Terrasse und Flugzeuge gucken. Vor dem Eingang zum Flughafen hielt ein Bus. Es war der Bus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und genau aus diesem Bus stiegen Kaiser Franz und sein Gefolge.
Mein Vater drückte mir noch schnell einen Zettel mit Kugelschreiber in die Hand und schubste mich gen Lichtgestalt. Dieser nahm von dem kleinen Buttje aber keinerlei Notiz – und so blieb ich ohne ein einziges Autogramm dort im Eingang stehen.
Das war bitter.
Es gibt Fotos von mir aus den 70-er Jahren, auf dem ich mit einem hellblauen Shirt mit den drei großen Buchstaben zu sehen bin, meine Haare wehten im Wind, den Ball hatte ich am linken Fuß. Ich war schon immer ein absoluter Fan von “Manni” Kaltz und seinen Bananenflanken, wie er die Stutzen trug, so lässig auf die Knöchel gerutscht. Als er dann später einen Vollbart trug, fand ich es aber doch sehr befremdlich.
Mein Vater schenkte mir dann später ein echtes Autogramm. Auf einer hellblauen Broschüre von der Airline PanAm hatte Günter Netzer, der neben meinem Vater im Flieger nach Berlin gesessen hatte, unterschrieben. Wer aber war Günter Netzer? Was sollte ich damit?
Mein Bolzplatz war in einer kleinen Wohnsiedlung in Hamburg-Farmsen. Der Platz hatte keine Tore und war eine Mischung aus Wildgras und Bauschutt. Zum Geburtstag bekam ich von meiner Mom gelb-schwarze Stutzen geschenkt. Und meine Oma hatte mir noch ein Paar in schwarz (?) selbst gestrickt, wobei anzumerken war, dass Omi in Rostock wohnte und nicht wusste, wie groß ich schon war.
Das sah „toll“ aus, hellblaues Shirt, rote kurze Hose und gelb-schwarze Stutzen. Das war mir aber so ziemlich egal, denn ich war ja klein Manni. Bis ich eines Tages – ohne Fremdeinwirkung – im Strafraum ausrutschte und sich ein drei Zentimeter großer roter Stein unter meine Haut des rechten Knies schob. Ich war verdutzt, denn es blutete gar nicht. Gehen ging auch nicht. Also „operierten“ wir den Stein mit Stöckern direkt ambulant auf dem Platz aus dem Knie.
Da ging die Sauerei erst richtig los, denn es blutete wie Sau. Ich humpelte nach Hause und meine Mom musste einmal mehr mit mir auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades zum Hausarzt nach Rahlstedt fahren. Mir war das egal. Ich bekam eine Spritze gegen Tetanus und ein schönes Pflaster.
Meine Mutter ermunterte mich daraufhin , es doch einmal in einem richtigen Verein zu versuchen. Also erkundigte ich mich. Es gab zwei Vereine, die für mich in Frage kamen. Der SC Condor und der Farmsener Turn-Verein. Warum ich zum SC Condor ging weiß ich auch nicht mehr. Das Training fand auf Grand unter Flutlicht statt. Die Rasenplätze durften nur für Spiele der Liga-Mannschaft betreten werden. Es war bitter. Was war ich enttäuscht. Und ich war meinem Idol Manni Kaltz ferner denn je.
Es kam wie es kommen musste, zum Trainingsabschluss wurden Elfmeter geübt. Ich habe so dermaßen versagt, dass meine Fußballkarriere hier ein jähes Ende nahm. Ich hasste Fußball, ich hasste alle.
Daraufhin ging ich total frustriert nach Hause und verstecke mich im Kinderzimmer. Einige Zeit später wurde mit der Combay-Dance-Band feierlich die Eissporthalle in Farmsen eröffnet. HSV-Eishockey, wow! Schnelles Spiel (John Barnett), Kampf (Ossi) und hübsche Trikots mit ‚ner Nixe vom Asmussen Rum, das hatte es mir nun angetan. Ich wollte ab sofort HSV-Eishockeyspieler werden, da ich ja zum Elferschießen nicht geeignet war
Mein Problem war nur: Ich konnte gar nicht Schlittschuhlaufen. Und um beim großen HSV zu spielen, musste man zumindest das können. Ich ging also zu jedem HSV-Training, um zu lernen. Und ich sammelte dabei fleißig die Pucks auf, die über die Bande geflogen waren. So bekam ich eines Tages zum Dank einen alten Eishockeschläger von John Barnett geschenkt, einfach so (ich hätt’s aber auch umsonst gemacht!).
Jede freie Minute daddelte ich ab sofort mit dem Eishockeyschläger auf der Straße mit einem Tennisball herum. Bis die Kelle des Schlägers vom harten Straßenbelag auf nur noch einen Zentimeter abgefeilt war. Das Problem war, das die Saison mittlerweile zu Ende war und ich somit auch keinen Schläger mehr erhalten konnte. Welch ein Drama!
Über einen Freund kam ich zu Hansi Dreher, der neben dem aktiven Spiel für den HSV auch noch eine Werksvertretung für Schläger und Eishockeyausrüstung hatte. Ein Schläger kostete damals unheimlich viel Geld, ich bekam einen ganz neuen für 15 Mark (danke Hansi ). Dabei fragte er mich, wieso ich nicht im Verein spielen möchte. Ich sagte ihm ,dass ich gar nicht Schlittschuhlaufen könnte und mir nicht sicher bin, ob ich das kann.
Es lotste mich zum SC Condor, genau in den Verein, in dem ich die Elfmeter verschossen hatte – diesmal allerdings in die neue Abteilung Eishockey. Es dauerte ungefähr eine Saison, bis ich endlich die Fähigkeiten hatte, zu spielen. Nebenbei musste ich das Abendblatt austragen, um mir die Ausrüstung, natürlich bei Hansi, kaufen zu können. Wir haben dann viele Spiele gegen den HSV, Altona, Harsefeld, Adendorf, Timmendorf etc. gewonnen, und es hatte mir viel Spaß gemacht. Hamburger Meister, Norddeutscher Meister und mit einer Nordauswahl Deutscher Vizemeister standen zu Protokoll.
Nachdem ich regelmäßig in Bundesleistungszentum nach Füssen gereist bin, um auch im Sommer zu trainieren (1.EHC Hamburg), ging der Verein aber pleite und ich landete nach einigen Jahren endlich bei meinem HSV! Später sogar in der damaligen Zweiten Liga – ich durfte die Raute voller Stolz tragen, wenn auch nur für zwei Jahre . . . Und ich durfte immer mit der HSV-Altliga (die Fußballer!) trainieren, einer wahrhaft tollen Truppe um Klaus „Micky“ Neisner, Dieter Kottysch, Jürgen Roland und einigen ehemaligen Eishockeyspielern, denen ich früher immer zugejubelt hatte, einfach toll!
Es kam der Tag des Barkassenunglücks 1984 im Hamburger Hafen. Es gab ein Benefizspiel zugunsten der Hinterbliebenen und ich sollte meine Ausrüstung einem Prominenten zur Verfügung stellen. Es hieß entweder für Jan Fedder, oder auch für Felix Magath! Klar bekommen die meine Klamotten. Ich wurde flugs zum Schiedsrichter umfunktioniert und los ging es. Jan Fedder in Torwartklamotten hielt sich am Tor fest, aber wo war Felix Magath?
Alle sahen irgendwie gleich alt aus in den „MC Donalds”-Trikots. Meine Ausrüstung trug ein gewisser „Manni“ Kaltz. Unfassbar, ich war überglücklich. Ob er denn alles heil lassen würde? Nach dem Spiel gingen wir ins Blockhouse am Wandsbek Markt. Für uns wurde ein Raum abgetrennt und ich durfte am Tisch direkt neben meinem Idolen Manfred Kaltz, Felix Magath und Uli Stein sitzen. Wir aßen und tranken, ich als 16-Jähriger trank nur das Gift Cola. Und landete spät in der Nacht im Zwick in Pöseldorf – bei Wolle.
Das vergesse ich niemals!
Drei Jahre später saß ich ( neben Eiche?) im Berliner Olympiastation und sah das freche Tor von „Manni“ Kaltz gegen die Stuttgarter Kickers: Freistoß in die Torwartecke, cool! Der lauwarme Abend auf dem Kuhdamm, die Rückfahrt nach Hamburg im „Konvoi“ über die Transitstrecke mit wehendem HSV Schaal und wildem
Gehupe. Allerdings nur bis zum Grenzübergang. Dort ließen uns die Spaßverderber erst einmal zwei Stunden abkühlen. Aber egal.
Einen echten Auftritt sollte ich aber dennoch im Volksparkstation erhalten. Ich durfte beim Spiel gegen den VfB Stuttgart in der Halbzeitpause in voller Eishockeyausrüstung (danke Paul Karner) eine Runde auf Triskates (Vorgänger der Inliner) über die rote Tartanbahn stolpern. Die Westkurve bedankte sich auf ihre Art mit einer Bierdusche bei mir.
Fazit: Seit ich denken kann, seit gestern also, bin ich ein echter HSVer, der mit allen Fans feiert, der aber auch mit leidet. Und mit Euch leide ich am Liebsten, Ihr Matz-abber – ich hoffe die Geschichte gefällt Euch.
Ach ja, und ich nenne mich Tante Käthe, weil ich ein Fan von Rudi Völler war und bin.
Eure Tante Käthe
13.32 Uhr
Tags: Barnett, HSV, Kaltz, Karner, Kottysch, Magath, Neisner, Netzer