Tagesarchiv für den 21. Juni 2010

Charaktertest nur für Deutsche

21. Juni 2010

Wie schrieb doch kürzlich ein User hier sehr richtig: „Es ist doch so viel los – beziehungsweise überhaupt nichts.“ Genau. So ist es. Beim HSV wird tatsächlich fleißig gearbeitet, aber nichts – oder kaum etwas – dringt nach draußen. Das war nicht immer so, aber es ist in jüngster Zeit doch irgendwie verbessert worden. Auch wenn es für die Medien-Landschaft Hamburgs natürlich viel, viel schwerer geworden ist, an Namen und an Vorgänge zu kommen.

Doch irgendetwas sickert ja dann doch immer noch mal durch. So wie die beiden Namen Rafinha (Schalke 04) und Stefan Reinartz (Bayer Leverkusen). Die sollen nun tatsächlich ganz heiß gehandelt werden beim HSV. Nichts Genaues weiß man nicht, aber diese beiden Spieler sollen ganz oben auf der Einkaufsliste stehen. Beides Leute allerdings, die nicht ganz billig sein dürften. Es dürfte gleich zweimal in die Nähe der Summe gehen, die vor einem Jahr für Stürmer Marcus Berg bezahlt werden musste, also um die zehn Millionen.

Reinartz, der in Leverkusen ausgebildet wurde, kurz zum 1. FC Nürnberg wechselte und dann wieder zurück zu Bayer, entspricht genau jenen Anforderungen, die sich der HSV vor Wochen selbst auferlegt hatte: Jung, talentiert, Deutsch sprechend, charakterlich einwandfrei. Das trifft auf den 21-jährigen Jung-Nationalspieler zu. Zudem ist er vielseitig zu verwenden, Reinartz spielt im defensiven Mittelfeld, kann aber auch als Innenverteidiger in der Viererkette zum Einsatz kommen.

Etwas anders ist der Fall des Schalkers Rafinha gelagert. Der 24-jährige Brasilianer hat heute tagsüber schon für viel Wirbel im „Matz-ab“-Blog gesorgt, denn die Kriterien, die sich der HSV an die Raute geschrieben hatte, treffen ganz sicher nicht auf Rafinha zu. Eher ist wohl das Gegenteil der Fall. Aber, meine Frage an Euch ist die: Gibt es in der Bundesliga einen besseren Rechtsverteidiger als den Schalker? Charakterlich stark nun einmal hin oder her. Spontan denke ich da an den brasilianischen Nationaltrainer Carlos Dunga, der kürzlich so oder so ähnlich sagte: „Jeder Sieg ist schön, egal wie er herausgespielt wurde.“ Ich behaupte mal: Wenn Rafinha hier beim HSV die rechte Seite so beackert, wie er es in der Vergangenheit für die Magath-Truppe gemacht hat, dann werden alle Hamburger begeistert sein. Auch die, die jetzt den Charakter-Test machen wollen. Oder ihn auf jeden Fall hinterfragen.

Oder, vielleicht geht es ja auch so: Der HSV-Charaktertest wird nur für deutsche Spieler eingeführt.

Natürlich stimmt es, wenn die Kritiker dieses Charaktertestes nun sagen: Warum hat der HSV denn überhaupt solch ein Anforderungsprofil für Neuankömmlinge hinausposaunt, wenn sich dann doch nicht daran gehalten wird? Stimmt genau. Das war völlig überflüssig. Aber ich denke jetzt einmal so, wie Bernd Hoffmann und einst Konrad Adenauer auch: „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“ Wenn ein Rafinha zu haben ist, und offenbar ist das der Fall, dann muss man zugreifen. Und danach auch darauf hoffen, dass Armin Veh mit diesem etwas schwierigeren Profi namens Marcio Rafael Ferreira de Souza bestens umzugehen versteht. Und da wäre ich, ohne dass ich es näher erklären könnte, gewiss nicht so pessimistisch.

Was mich im Fall Rafinha noch ein wenig zum Nachdenken gebracht hat: Vor einem Jahr wollte ihn noch der FC Bayern. Damals hatte der Brasilianer noch zwei Jahre Vertrag auf Schalke, jetzt muss der Klub allmählich daran denken, die eine oder andere Millionen mit dem Enfant teribble zu machen, bevor er ablösfrei gehen darf. Deswegen denke ich, dass der HSV wahrscheinlich sehr gute Karten hat. Wenn nicht noch der FC Bayern sich daran erinnert, dass Rafinha ja einst einmal nach München kommen sollte. Und noch eines: Als ich am Freitag mit dem Abendblatt-Kolumnisten Felix Magath sprach, kam die Rede natürlich auch auf Rafinha (zum HSV) zu sprechen. Magath gab sich ahnungslos. Und er schauspielerte auch nicht. Der Kontakt zu Rafinha soll zuerst über dessen Berater gegangen sein.

Was mich insgesamt optimistisch stimmt ist die Tatsache, dass ein der Führung nahe stehender Mann im HSV mir geflüstert hat, dass er davon überzeugt ist, dass die neue HSV-Mannschaft personell besser besetzt ist, als die der vergangenen Saison.

In diesem Zusammenhang gibt es ja noch ein Gerücht: Joris Mathijsen wird mit Galatasaray Istanbul in Verbindung gebracht. Bei den Türken ist seit 2009 Frank Rijkaard Trainer, und der soll bei seinem Landsmann einiges an Überzeugungsarbeit geleistet haben. Und irgendwie habe ich noch immer im Hinterkopf, dass Mathijsen zum Schluss der vergangenen Spielzeit nicht mehr so froh darüber war, dass er beim HSV spielen darf. Ich könnte damit sehr wohl leben, wenn aus Mathijsen und Rijkaard ein türkisches Paar werden sollte, denn ein paar Dollars dürften dann ja auch vom Bosporus gen Elbe fließen.

Kurz noch zur WM. Die Spiele werden etwas besser – weil lebhafter, die Schiedsrichter immer schlechter. Es spricht aber für das unerschütterliche Selbstbewusstsein der Unparteiischen, dass sie sich selbst loben, dass sie nach einer WM-Woche nun selbst sagen, dass sie mit ihren Leistungen zufrieden sind. Der Herr El Ghamdi, der Chile gegen die Schweiz pfiff, war in meinen Augen so unterirdisch wie der Spanier, der das Kartensspiel zwischen Deutschland und Serbien beaufsichtigen sollte. Auf Wiedersehen sollte die Fifa solchen Leuten sagen, aber das werden die alten Herren natürlich nicht. Es würde ja darauf hinaus laufen, dass sie damit eventuell Fehler eingestehen müssten.

Was mir noch auffiel: Es gibt, bei diesem Turnier, wie übrigens auch in der Bundesliga, so unwahrscheinlich viele falsche Einwürfe. Mit nur einer Hand, mit einem Bein in der Luft, oder sogar ganz in die Luft springend – und trotzdem gibt es keine Pfiffe mehr. Das ist wohl eine Anordnung der hohen Fifa-Herren. Aber dann frage ich mich, warum denn überhaupt noch Einwürfe? Statt jeweils einen zusätzlichen Schiedsrichter bei Europa-League-Spielen ans Tor zu stellen, wo sie nur frieren, würde ich mir wünschen, dass es keine Einwürfe mehr gibt sondern dafür Einschüsse. Warum lässt die Fifa das nicht einmal testen. Es würden garantiert mehr Tore fallen, und dadurch wäre der Fußball dann auch noch ein Stück weit (oh, das ist eine standardisierte Redewendung eines ehemaligen HSV-Trainers!) attraktiver.

Und ganz zu Schluss: Es heißt ja auch in Südafrika immer öfter: Im Zweifel für den Stürmer. So erzielte zum Beispiel Chile das Abseitstor zum 1:0-Sieg. Nicht schön, aber es kommt vor. Was unschön ist, und das nimmt leider auch immer mehr zu: Als der Schweizer Behrami mit dem Ellenbogen nach hinten in Richtung des Chilenen Vidal auskeilte, traf er zwar den Hals des Leverkuseners, aber der kippte wie vom Blitz getroffen um und hielt sich das Gesicht. So, als sei es nicht mehr vorhanden. Dabei hatte der Ellenbogen dieses Ziel eindeutig nicht getroffen. Warum gibt es da nicht irgendeine Handhabe, solchen Schauspielern den Nerv zu ziehen? Wenn es den nachträglichen Videobeweis für Tätlichkeiten gibt (wie er nun eventuell auf den Spanier Villa angewendet werden dürfte), warum dann nicht auch für diese großen schauspielerischen Leistungen?

So, ich habe fertig. Für heute.

21.51 Uhr

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