Tagesarchiv für den 20. Juni 2010

Reinhardt und die spanische Dame

20. Juni 2010

Irgendwann gleicht sich ja im Fußball alles aus. Heißt es immer wieder. Und manchmal muss man ganz, ganz lange darauf warten. Aber wenn ich so Italien gegen Neuseeland gesehen habe, so muss ich mal ganz neutral feststellen: Die Italiener sind mit ihren eigenen Waffen geschlagen worden. Beziehungsweise, sie sind nicht zum Sieg gekommen. Beim 1:1 haben die Neuseeländer italienisch gespielt. Herrlich. In der zweiten Halbzeit haben die Spieler des Außenseiters gefühlte 25 Minuten geschunden, in denen nicht Fußball gespielt wurde. Und in den vier Minuten der Nachspielzeit rollte der Ball gar nicht mehr, hatte ich das Gefühl.

Zu diesem fast perfekten Zeitschinden passte nur die Gelbe Karte nicht, die der Schiedsrichter dem neuseeländischen Kapitän Sekunden vor dem Schlusspfiff unter die Nase hielt, als der plötzlich und unerwartet mit einem Wadenkrampf zu Boden ging. Dafür Gelb? Das war höchst ungerecht, denn dafür haben die Italiener doch früher nichts bekommen. Oder nur eine Belohnung in Form einer Ehrenurkunde . . . Okay, okay, bevor Ihr auf mich einprügelt, ich gebe ja zu, da spielt bei mir auch ein wenig Schadenfreude mit. Und wahrscheinlich haben die meisten „Matz-abber“ ja auch nie gesehen, wie die Italiener uns einst eine Nachhilfestunde nach der anderen in Sachen Zeitspiel erteilt haben.

Bei diesem 1:1-Kick habe ich aber nicht nur an die Uhr und die 90 Minuten gedacht, sondern auch an Dennis Aogo. Ich hoffe doch sehr, dass sich der intelligente Dennis nie auf ein solches Abenteuer einlassen wird, nach Italien zu Juventus Turin (zum Beispiel) zu wechseln. Denn irgendwie habe ich seit einigen Jahren das Gefühl, dass Italien eine eher untergehende Fußball-Nation ist, auch wenn es der noch amtierende Weltmeister ist. Wenn man sich aber mal die Zuschauerzahlen der Serie A ansieht, dann ist da gewiss etwas dran.

Nun gut, das Thema mit Aogo ist im Moment ja auch nicht so akut. Hoffe ich jedenfalls (für uns, für mich und für den HSV). Dafür bastelt der HSV aber weiter emsig an der Mannschaft 2010. Was mir dabei spanisch vorkommt: Ich bekomme den Sportchef doch nicht mehr ans Handy. Als ich es heute erneut versuchte, meldete sich eine freundlich Spanisch sprechende Dame und sagte mir, dass der Herr Reinhardt im Moment nicht erreichbar sei. Und dass ich es ruhig später noch einmal versuchen solle. Vorsicht, bitte keine falschen Verdächtigungen, die Spanisch sprechende Dame kam vom Band . . . Ich habe es dann einige Stunden später so getan, wie sie es mir so nett vorgeschlagen hatte, aber dann war besetzt. Und beim erneuten Versuch meldete sich dann nicht einmal mehr die zuvor noch so freundliche Dame. Dafür bekam ich dann eine halbe Stunde danach eine SMS. Der Text lautete in etwa wie folgt: „Der Herr Reinhardt ist nun wieder auf Sendung, jetzt sollten sie es noch einmal versuchen, es besteht durchaus die Chance, dass Sie ihn bekommen . . .“ Hey, klang das gut. Voller Vorfreude ich also mein Bund Wurzeln wieder auf die Tastatur meines Handys gelegt – aber der Herr Reinhardt ließ dann durchklingeln . . . Es ist ja so bitter in diesen Tagen. Aber der gute „Basti“ hat eben auch schnell gelernt, wie Mann auf Zeit spielt. Hat wohl zu oft gegen Italiener gespielt. Oder doch mehr gegen Neuseeländer?

Egal. In Deutschland soll in den vergangenen Stunden auch einiges in Sachen HSV passiert sein. Soll, Darauf liegt die Betonung. Ich werde nie mehr von 90 oder gar 99 Prozent sprechen, denn darauf werde ich ja heute noch immer festgenagelt. Also, die beiden neuesten Gerüchte (oder ist es schon mehr?) lauten wie folgt: Gojko Kacar (Hertha BSC) soll nach einer Meldung einer (oder der?) Berliner Zeitung fest beim HSV zugesagt haben. Der Serbe ist ja im Moment bei der WM tätig, war gerade gegen Deutschland siegreich. Der 23-jährige Mittelfeldspieler, der seine Stärken in der Defensive haben soll (ich habe aber auch schon viele gute Sachen von ihm in der Offensive gesehen!), spielt seit 2009 für die Berliner und wäre in meinen Augen eine Verstärkung, weil er stets giftig und engagiert zur Sache geht.

Zweites Gerücht: Ein Nürnberger Talent, von einigen von Euch schon lange gefordert oder ins Gespräch gebracht, soll beim HSV an der Angel sein. Auch schon fest? Abwarten. Vor einigen Wochen, als sich der neue HSV-Co-Trainer Michael Oenning in Hamburg vorstellte, fragte ich den früheren Chef-Coach der „Clubberer“, ob er noch die Telefonnummer von Dennis Diekmeier hätte? Oenning lächelte smart und entgegnete nur vielsagend: „Ich glaube, er hat auch meine Handynummer noch . . .“ Egal, wer nun wen angerufen hat, jetzt könnte der 20-jährige U-21-Nationalspieler, der einst bei Werder Bremen ausgebildet wurde, demnächst ein Hamburger werden. Hätte ja auch was. Zumal es Leute in Hamburg gibt, die steif und fest behaupten, dass für Diekmeier schon die Rückennummer zwei parat liegen soll. Abwarten.

Auch deshalb, weil sich Bastian Reinhardt ja zurzeit im Ausland aufhält. Wenn auch nicht unbedingt in Spanien, selbst wenn die nette Dame am Telefon ein perfektes Spanisch gesprochen hat.

Bei der Gelegenheit: Ich kann ja verstehen, dass hier der eine oder andere „Matz-abber“ ungeduldig wird, weil ja nun in einer Woche schon wieder das Training beim HSV beginnt (übrigens beim FC Bayern schon an diesem Montag), und noch immer gibt es keinen neuen Spieler. Aber ist sehe darin auch kein großes Problem. Außer natürlich Eure Ungeduld. Die ist selbstverständlich ein sehr ernst zu nehmendes Problem, obwohl sie dem HSV auch nicht so recht weiterhelfen wird. Erstens gibt es noch eine Woche Zeit, und in sieben Tagen lässt sich noch einiges auf die Beine stellen, und zweitens ist es bis zum ersten Bundesliga-Spiel der Saison 2010/11 noch etwas hin.

Ihr erinnert Euch doch noch: Saison 2008/09. Damals musste der HSV (sorry!) erst einmal verkaufen, bevor er sich neue Spieler leisten konnte. Erst Rafael van der Vaart weg, dann Vincent Kompany. Und als die Saison schon einen Spieltag alt war, stellten sich vier neue HSV-Profis vor: Thiago Neves, Alex Silva, Marcell Jansen und Mladen Petric. Von diesen Spielern wurde lediglich Petric im zweiten Spiel, beim mühsamen 2:1-Sieg gegen den KSC (90. Minute, Siegtor Joris Mathijsen), eingewechselt. Im dritten Spiel, beim 4:2 in Bielefeld, durfte Jansen bis zur 65. Minute mitmachen, Petric kam erst in der 65. Minute. Es dauerte immerhin bis zum sechsten Bundesliga-Spiel, ehe Petric einmal von Beginn an ran durfte, das war beim 1:0-Sieg gegen Mönchengladbach, und da schoss er prompt das einzige Tor.

Der HSV belegte am Ende dieser Saison, als es zu Beginn noch keine feste Mannschaft gab, immerhin noch Platz fünf. Also, was ich damit sagen möchte: Bitte bewahrt die Ruhe, es ist noch genügend Zeit, um eine vernünftige, um auch eine schlagkräftige neue HSV-Mannschaft auf die Beine stellen zu können. Die Herren, auch „Basti“ Reinhardt, werden es schon richten. Keine Panik. Und die, die jetzt noch Ruhe bewahren, sollten sich davon einigen Hektikern hier auch nicht runterziehen lassen.

Noch einmal zur WM zurück. Unmittelbar vor dem zweiten Deutschland-Spiel habe ich ja die Schiedsrichter sehr gelobt. Zu früh, ich gebe es zu, viel zu früh. Mann soll den Tag nicht vor dem Abend loben, Matz auch nicht. Ganz bitter. Erst dieser Spanier, und dann die Pfeifen danach. Wenn ich den Herrn Roberto Rosetti aus Italien sehe, das gebe ich zu, sehe ich ohnehin nur noch Rot. Der ist mir seit dem EM-Finale 2008 gegen Spanien ein dicker Dorn im Auge. Und Australiens Fußball-Held Harry Kewell, der nach einem Handspiel vom Platz gestellt worden war, urteilte über Rosetti wie folgt; „Er ist Richter, Jury und Henker.“ Besser hätte ich es nicht formulieren können. Rosetti, einst ein sehr Guter, sind längst die vielen positiven Kritiken, die er früher erntete, zu Kopfe gestiegen.

Ein guter Gradmesser ist für mich ja auch immer Hellmut Krug, einst der weltbeste Unparteiische. Ich bin mit dem Mann aus Gelsenkirchen (fast) befreundet, er ist im Moment für die ARD in Südafrika und beurteilt knifflige Szenen – und auch die Kollegen Unparteiischen. Und wenn Krug schon die eine oder andere härtere Kritik anbringt, dann soll das schon was heißen, denn er stellt sich sonst immer vorbehaltlos vor die Schiedsrichter. Knut Kircher, Bundesliga-Referee aus Rottenburg, befand gegenüber den Stuttgarter Nachrichten zum spanischen Unparteiischen Alberto Undiano (der Deutschland gegen Serbien ver-leitete): „Tut mir Leid, für mich war er ein Kartenspieler ohne Persönlichkeit.“ So ist es.

Warum nur musste ich diese Jungs auch viel zu früh so loben? Warum nur?

Und was mir bei dieser WM noch auffiel: Aus vielen Ecken kommen ja noch Spieler hervor, die einst auch die HSV-Raute auf der Brust trugen. Bei Dänemark ist das Lars Jacobsen (30), der einst (2002 – 2003) 22 Bundesliga-Einsätze für Hamburg hatte und heute für die Blackburn Rovers verteidigt. Und bei den Amerikanern durfte acuh wieder ein Benny Feilhaber mittun. Der einst beste Spieler der U-20-Weltmeisterschaft brachte es nur auf neun HSV-Einsätze in der Bundesliga, er spielt jetzt in Dänemark für Aarhus. Müßig zu fragen, was aus ihnen wohl in Hamburg und beim HSV geworden wäre.

Kurz auch noch zur deutschen Mannschaft. Für das Ghana-Spiel am Mittwoch würde ich, wenn ich an „Jogi“ Löws Stelle wäre, hinten links Dennis Aogo spielen lassen, davor Marcell Jansen. Und „Chancentod“ Lukas Podolski dürfte dann in der Mitte für den gesperrten Miroslav Klose ran. Eines muss der Bundestrainer, das nur ganz am Rande, nun endgültig bemerkt haben: Mario Gomez ist kein Mann für diese WM. Ich würde den Münchner jetzt in einen Flieger mit Anelka setzen, dann könnte sich der gute Mario schon von diesem Montag an beim Bayern-Training wieder etwas bessere Form antrainieren. Nur (m)ein Vorschlag zur Güte. Löw muss ja nicht darauf hören.

Was mir noch bleibt? Zwei Dinge: Ich wünsche allen “Matz-abbern” und Ihren Lieben einen erfolgreichen Start in die neue Woche – und: Bitte werft noch einen Blick zurück, nämlich auf die vier Sommergeschichten, die an diesem Wochenende veröffentlicht wurden – und eventuell etwas zu kurz gekommen sein könnten. Danke.

19.29 Uhr

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