19. Juni 2010
Heute geht es in Sachen Sommergeschichten weit in die Vergangenheit. Unsere Altmeister Jonny und Benno Hafas haben herrliche Geschichten über den Fußball von damals verfasst. Vielen Dank dafür, Ihr beiden “Matz-ab-Urgesteine”, Ihr habt Euch viel Mühe gegeben, ich habe diese köstlichen Erinnerungen sehr, sehr gerne gelesen – und ich hoffe wieder einmal, dass das auch die Mehrzahl der Matz-ab-User so sehen, wenn sie mit diesen beiden Beiträgen “durch” sind.
Es beginnt mit Jonny:
Wie ich Fussels Weg zum Fußballgott stoppte
Es war im Sommer 1960, der HSV war in Frankfurt Deutscher Meister gegen 1 FC Köln geworden und ich war fußballerisch als 13-Jähriger so richtig euphorisch. Ich spielte mit meinen Freunden beim SC Sperber in einer guten Mannschaft, war hochgewachsen und auf langen Beinen pfeilschnell. Also ein echter Rechtsaußen. Man nannte mich auch den Helmut Rahn von der “Neuen Welt”, das waren die Sportplätze Jahnring und Ecke Hindenburgstraße.
Ja, so habe ich mich in Erinnerung. Und wehe, wenn einer etwas anderes erzählt.
Mein Cousin, einige Jahre älter als ich, war im Großraum Pinneberg katholischer Dekanatsjugendleiter und hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, an einem Jugend-Sommerzeltlager in der Rhön teilzunehmen. Da waren Sechsmannzelte mit jeweils drei Feldbetten, an jeder Seite an einer Jugendfreizeitstätte mit Speisesaal und Küche aufgebaut. Auch ein Kaplan der Pinneberger Kirchengemeinde war dabei, um die Betreuung sowie den sonntäglichen Gottesdienst zu gewährleisten.
Ich wollte gerne, und meine Eltern waren froh, mal ohne mich nach Kärnten in den Urlaub fahren zu können. Und ich war froh, das Gejammer von meinem Vater in den Kasseler Bergen, wo er immer behauptete, dass bei unserem VW Käfer der Motor kaputt sei, nicht hören zu müssen.
Der Bus würde mich am Winterhuder Marktplatz abholen, und ich packte vorsichtshalber noch meinen Sperber-Dress und meine Buffer ein, man kann ja nie wissen.
Und genau das war gut, denn schon am zweiten Tag wurde beschlossen, einen Lagerpokal auszuspielen. Die Mannschaften wurden nach Alter und der Herkunft der Jungen entsprechend gebildet. So waren Weltstädte wie Groß-Pinneberg, Klein-Pinneberg, Groß- u. Klein-Uetersen, und das Gleiche für Tornesch und Elmshorn am Start. Ich wurde Groß-Uetersen zugeschlagen, und weil die Mannschaften aus jeweils sechs Mann bestanden, wir aber einigermaßen groß waren , spielten für uns nur fünf Mann.
Auch bei Groß-Pinneberg , und die waren haushoher Favorit , denn alle spielten beim VfL in der Jugend, fehlte ein großer Spieler, ja und da spielte dann der Herr Kaplan, den die alle Fussel nannten, ob seiner geringen, eher fusseligen Haarpracht, die diesen noch jungen Mann zierte.
Es wurde ein Spielfeld gesucht und gefunden, leicht abschüssig zwar, aber schließlich musste ja jede Mannschaft mal bergauf spielen. So, wir wollen gleich loslegen, das erste Spiel war gleich Groß-Pinneberg gegen Groß-Uetersen. Fussel hatte sich , ich sehe ihn noch heute vor mir, ein großes kariertes Stofftaschentuch mit einem Knoten an jeder Ecke versehen auf die Beinahe-Glatze gesetzt, die Sonne brannte ja unbarmherzig vom Himmel des Herrn hernieder, und er stürmte in seinem langen schwarzen Talar, vorne durchgängig geknöpft, ständig ungestört auf unser Tor zu, weil die Jungs alle zu großen Respekt vor dem frommen Mann hatten. Keiner mochte ihn so recht angreifen. Und bergab ging`s für ihn auch noch. Also lagen wir zur Halbzeit nach 30 Minuten 0:3 hinten. Fussel hat immer kurz vor dem Tor abgespielt, damit ein Junge aus seiner Gemeinde das Tor schießen konnte.
In der Halbzeit besprach ich mit meinen Mitspielern die neue Taktik. Ich hatte erkannt, dass die Pinneberger eigentlich wenig konnten, ohne Fussel hätten wir schon bergauf geführt. „Ich spiele ab sofort gegen Fussel, ich bin ja nicht eines seiner Schäfchen“, sagte ich.
Jawoll , zweite Halbzeit und bergab, Fussel bekommt gleich wieder den Ball und will ihn bergauf zum Tor schleppen, da laufe ich schwungvoll bergab auf ihn zu , seine Augen unter dem Knotentaschentuch weiten sich in dem Moment, wo ich ihm unter den Talar grätsche, meine Alu-Schraubstollen hatten gute Arbeit verrichtet , denn Fussel, der , man sollte es nicht glauben, sogar geflucht hat, schleppte sich an den Spielfeldrand zu seiner Wasserflasche, nahm sein Tuch vom hochroten Schädel und machte sich damit einen kühlenden Umschlag.
Nach gut fünf Minuten spielte er wieder mit, wir hatten bereits zwei Tore aufgeholt. Aber jetzt spielte er immer sofort ab, wenn er nur sah, dass ich in seine Richtung guckte. Dadurch waren die Pinneberger auf sich selbst gestellt, und somit gewannen wir noch 5:3. Bergab! Na ja , ich hatte später, als mir am Ende des Turniers der Sieger-Pokal ( eine Torte ) für die Mannschaft überreicht wurde , nicht das Gefühl , das Fussel sich mit mir freute.
Aber meine Mitspieler sagten laut , was ich dachte: Der Zweck heiligt die Grätsche.
Es folgt nun Bennos Hafas mit:
Das Wunder von Bern
Ja, dieses Wunder begann eigentlich in Hamburg. Die alte Betonschüssel Volksparkstadion hatte man mit dem Deutschen Turn- und Sportfest, so etwas gab es damals, 1953 eröffnet.
Auch zur WM 1954 in der Schweiz mussten die Nationen sich qualifizieren. In der deutschen Gruppe spielten noch Norwegen und das Saarland. Richtig, das Saarland, es gab drei deutsche Staaten: Bundesrepublik, Sowjetzone und die Saar, die von ihrem Trainer Helmut Schön, ja genau der, betreut wurde.
Zurück nach Hamburg. Das Qualifikationsspiel gegen Norwegen wurde mit 5:1 gewonnen, der erste Schritt in die Schweiz. Und auch die Saar wurde zur Seite geräumt.
Mir als kleinem Jungen war das alles selbstverständlich, doch für die Erwachsenen etwas Besonderes. 1950 dürfte Deutschland wegen des verlorenen Krieges nicht an der WM teilnehmen. Das fing schon 1948 in London bei den Olympischen Spielen an, Germany? „No“.
Wir hatten uns nun qualifiziert, doch wer fährt mit in die Schweiz? Der 1. FC Kaiserslautern hatte das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft gegen Hannover mit 1:5 vergeigt, wieder im Volksparkstadion. Der DFB war noch nett zu Hamburg. Da gingen die Diskussionen hoch her, als Sepp Herberger fünf Spieler aus Kaiserslautern nominierte – und keiner aus der Meistermannschaft von Hannover 96 war dabei. Was hat mein alter Herr gezetert, selbst Gründe, die den 30-jährigen Krieg ausgelöst hatten, brachte er vor, doch der Bundes-Sepp ließ sich nicht beeindrucken.
So reiste dann der DFB Tross mit zwei HSVern, Jupp Posipal und Fritz Laband, sowie Schuster Adi Dassler und Masseur Deuser nach Spiez am Thuner See. Wegen Jupp Posipal bekam Sepp Herberger mit meinem Papa auch noch Ärger, doch dazu später.
In der Vorrunde spielte die deutsche Elf zusammen mit Türkei, Südkorea und Ungarn, diesem großen Favoriten, der seit über fünf Jahren ungeschlagen war und als erste Mannschaft vom Kontinent England in London besiegte.
Die Fifa hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen und zwei Mannschaften jeder Gruppe gesetzt, die nicht gegeneinander spielen mussten. In unserer Gruppe waren das natürlich Ungarn und . . . Südkorea. Unglaublich, warum nicht wir? Da waren wieder finstere Mächte gegen Deutschland tätig, aber nur in den Köpfen der Großen; denn wir Lütten hatten gut damit zu tun, Fußballbilder zu sammeln. Nicht von Panini usw mit Album, nein schwarz-weiß. Aus Morgenpost oder Hamburger Echo wurden die Bilder ausgeschnitten. Hamburger Echo war ein SPD-Blatt, deshalb wurde Hamburger Abendblatt nicht gelesen. Einige Jahre später, als ich als Zeitungsausträger das Abendblatt unter die Leute gebracht habe, wurde aus Kostengründen (Freiexemplar) auf Abendblatt umgesattelt.
Zurück zur Vorrunde, wir mussten gegen die Türkei und Ungarn spielen. Die Türken wurden weggesemmelt, und dann kam das Spiel gegen die unschlagbaren Ungarn. Herberger ließ mit einer B-Elf spielen und der arme Torhüter Heini Kwiatkowski von Borussia Dortmund machte nur dieses Spiel und fing sich 8 (acht) Buden ein. 3:8 vergeigt und schon gingen die Diskussionen über Sepp Herberger wieder los. Es gab eben 1954 auch schon Millionen von Experten, die alles besser wussten. Da die Türkei Südkorea geschlagen hatte, kam es zu einem Entscheidungsspiel, welches mit 4:1 gewonnen wurde. Im Tor der Türken stand Turgay, was man nicht alles in seinem Gehirn speichert.
Zwischenrunde gegen Jugoslawien. Spiel auf ein Tor, das deutsche, doch unsere „Kontermannschaft“ gewann mit 2:0. Halbfinale gegen unsere Freunde aus der Alpenrepublik. Deutschland spielte mit grünen Trikots und der österreichische Rundfunkreporter Heribert Meisel ahnte schon Böses und jammerte ins Mikrofon. „Diese grünen Leibchen“. 6:1 wurde Kamerad Schnürschuh weggefidelt, und dass Cordoba 1978 für die Österreicher eine große Genugtuung war, kann man im Nachhinein verstehen.
Endspiel im Berner Wankdorfstadion. Ungarn wieder mit Major Ferenc Puskas, den Werner Liebrich, Stopper aus Kaiserlautern, beim 3:8 lädiert hatte. Sepp Herberger hatte, aus Sicht meines alten Herrn, doch die Unverfrorenheit, den besten Mittelläufer der Welt Jupp Posipal vom HSV, der in der Fifa-Weltelf spielte, zum rechten Verteidiger zu degradieren und dafür Werner Liebrich in der Mitte spielen zu lassen. Was für ein Glück, dass Herberger in der Schweiz und mein Papa an der Elbe waren, da waren Mord und Totschlag programmiert. Doch der alte Fuchs Sepp Herberger hatte seinen eigenen Kopf und hörte glücklicherweise nicht auf den Hamburger Arbeiter.
Die Aufstellung der deutschen Mannschaft hat sich tief in meinem Gehirn eingebrannt. Man kann mich nachts um drei Uhr wecken und ich bete die Mannschaftsaufstellung mit Vereinen herunter, von Toni Turek, Fortuna Düsseldorf, bis zu Hans Schäfer, 1. FC Köln. An diesem denkwürdigen Sonntag war „dem Fritz (Walter) sei Wetter“, es regnete in Strömen. Das Spiel sah ich bei Herrn Marx, unserem Nachbarn, der Rundfunktechniker war und sich einen Fernseher gebaut (!) hatte. Das Ergebnis und das ganze Drumherum sind ja allseits bekannt, Rahn müsste schießen… Das Spiel ist aus… Als zur Siegerehrung die Nationalhymne gespielt wurde, war ich als kleiner Buttje höchst verwundert, dass erwachsene Männer weinten.
Auf dem Turm im Stadion, wo das Ergebnis angezeigt wurde, prangte eine Werbung für Longines, und es sollte 52 Jahre dauern, bis ich mir eine Longines Uhr leisten konnte.
Mein Weihnachtsgeschenk 1954, das Buch „3:2“ von Fritz Walter, habe ich dem HSV-Museum vermacht, Dieter Matz ist mein Zeuge. Nur Dirk Mansen hat sich bis heute nicht bedankt. Aber so spielt das Leben.
Nochmals vielen Dank an Jonny und Benno – und wer sich bislang immer noch nicht getraut hat, mir seine Geschichte zu schicken: Nun aber los!
13.36 Uhr
Tags: Herberger, HSV, Laband, Liebrich, Posipal, SC Sperber, Schön, VfL Pinneberg