Tagesarchiv für den 17. Juni 2010

Kein Anschluss unter dieser Nummer

17. Juni 2010

Der gute Anelka, ein Kerl wie ein Baum, spielt mit Handschuhen. Der arme Zuckerjung. So kalt ist es in Polokwane in Südafrika. Die rosa Strumpfhose, so war zu hören, musste er aber wieder ausziehen, der Schiedsrichter hätte sie nur in der Farbe rot akzeptiert . . . Nein, ein Scherz, aber die Handschuhe sind wahr. Obwohl ich es nicht glauben kann. Und nicht nur Anelka trägt die Dinger. Da laufen doch glatt noch mehrere frierende Franzosen über den Rasen. Die benötigen offenbart sehr viel Fingerspitzengefühl. Bei den Mexikanern waren – natürlich bis auf den Torhüter – immerhin alle so mutig, dass sie „ohne“ spielten. Das ist irgendwie eine manchmal schon recht wundersame Weltmeisterschaft.

Aber zunächst möchte ich zum HSV kommen. Ruft mich doch gestern Gert „Charly“ Dörfel an. Sein Schwager wäre zu Besuch, und der hätte zwei interessante Fußballer, die noch auf Vereinssuche sind, anzubieten. Ein Torwart vom FC Arsenal, dazu einen Stürmer von Auxerre. „Charly“ wollte davon den HSV in Kenntnis setzen, aber kein Anschluss unter dieser Nummer. „Niemand war zuständig, und die Nummer von Bastian Reinhardt konnte mir keiner geben“, sagt Dörfel. Und er sagt noch eines: „Die nehmen unsereins ja gar nicht für voll.“ Wenn „die“ wüssten: „Charlys“ Schwager hat einen Mann namens Lewandowski gerade zur Borussia nach Dortmund transferiert.

Übrigens: Auch mir ist es nicht gelungen, Bastian Reinhardt ans Telefon zu bekommen. Der Sportchef nimmt mich zwar „für voll“, ruft gelegentlich auch zurück (wenn er Zeit hat), aber im Moment muss er irgendwie auf Achse sein. In Sachen Neuverpflichtungen. Obwohl sich da, so denke ich, noch lange nichts tun wird. Was aber nichts Negatives bedeuten muss.

Immerhin, es hat sich beim HSV aber personell etwas getan: Der Zweitliga-Klub FSV Frankfurt hat Innenverteidiger Kai-Fabian Schulz von der zweiten Mannschaft des HSV (Regionalliga) verpflichtet. Der 20-jährige U-20-Nationalspieler wechselt auf Leihbasis zu den Hessen. Schulz gehörte einige Male schon dem Profi-Kader des HSV an, besonders in der Ära Martin Jol, aber unter Bruno Labbadia geriet der 1,90 Meter große Abwehrspieler völlig aus dem Blickfeld der Bundesliga-Mannschaft.

Ob es ein Fehler war, Schulz gehen zu lassen? Bei uns („Matz ab“) wurde ja am Nachmittag schon lebhaft diskutiert, die Mehrheit, so mein Empfinden, kritisierte dieses Leihgeschäft. Ich aber muss sagen, dass ich damit leben kann. Schulz bot sich in meinen Augen nicht zwingend für die Erste Liga an, und das trotz der Tatsache, dass er Nachwuchs-Nationalspieler ist. Ich sehe ohnehin in der Abwehr der Regionalliga-Mannschaft noch keine Spieler, der den ganz großen Sprung (jetzt schon) schaffen könnte. Da muss noch viel, viel mehr kommen, bevor der HSV Spieler wie Badstuber oder Alaba oder Contento (alle FC Bayern) aus seinen eigenen Reihen hervorbringen kann. Und wenn, das möchte ich auch schnell noch einmal los werden, heir und dort gefordert wird, einen Mann wie zum Beispiel Schulz mal ins „kalte Wasser“ zu werfen, so muss ich entgegnen: „Das ist zwar wunderschön gesagt, das lässt sich auch ganz mühelos formulieren, aber wenn das dann schief geht, dann wird dem Trainer, der das macht, der „Kopf abgerissen“. Dann fordern auch die HSV-Fans eine Entlassung wegen Erfolgslosigkeit.

Wenn dazu das Beispiel Felix Magath kommt, dass der ja mit einem Schalker „Kindergarten“ Vizemeister geworden ist, dann ist das zwar eine wunderschöne Tatsache, aber Magath schmeißt da nicht irgendwen rein. Er bringt nur den, von dem er wirklich restlos überzeugt ist. Und solche Spieler gibt es eben in Gelsenkirchen, nicht aber in Hamburg. Das ist für mich eines der schlimmsten Themen beim HSV überhaupt. Aber gut, Urs Siegenthaler wird es wohl schon richten. Apropos Siegenthaler: Steht doch gestern Arne Friedrich (noch Hertha BSC) vor der Kamera bei der ARD und wird gefragt, was er über die Serben weiß. Meines Erachtens hat Friedrich dann wie folgt geantwortet: „Der Urs Meier hat uns noch nichts gesagt, das wird erst noch kommen.“ Falscher Film? Oder hängt es eventuell doch eher am Schiedsrichter?

Egal. Zurück zum HSV. Eljero Elia (23) und sein Hang, unpassende Worte in einem total unpassenden Moment zu verlieren. Oder: Wie man es schafft, sich auch in 9000 Kilometer Entfernung unbeliebt zu machen. Der gute „Eli“ träumte mal wieder laut von einem Vereinswechsel, denn er möchte ja international spielen. „Ich will Champions League spielen., aber beim HSV haben wir uns noch nicht einmal für die Europa League qualifiziert“, sagte der Stürmer in gleich einigen niederländischen Tageszeitungen (Donnerstagausgaben). Der Dribbelkünstler klagt weiter: „Ich habe in Hamburg auf allen Positionen spielen müssen, auf denen ich nicht spielen wollte.“

Hier wurde ja auch schon einige Male gefordert, dass die Herren Profis vorsichtiger bei solchen Interviews vorgehen sollten. Es ist natürlich schwer, den Spielern vorzuschreiben, wann, wie und was sie sagen dürfen, zumal dann, wenn sie sich in ihrer Heimat aufhalten oder bei ihren Nationalmannschaften. Grundsätzlich aber sehe ich in diesem Punkt großen Nachholbedarf. Die Vereine (nicht nur der HSV) wären klug beraten, wenn sie ihren Angestellten vor der Saison „verklickern“ würden, wie in dieser (betreffenden) Stadt der Journalismus funktioniert. Wo Vorsicht geboten ist, wo besser Zurückhaltung an den Tag gelegt werden sollte, und, und, und.

Ich mache das mal an einem Beispiel fest: Entlassung von HSV-Trainer Felix Magath. Im Leistungszentrum Ochsenzoll erklärte Präsident Uwe Seeler der kompletten Mannschaft, warum und weshalb. Als dann die Spieler geschlossen den Weg zum Trainingsplatz antraten, beschlossen wir Journalisten schnell untereinander: „Jeder holt so schnell und so viele Stimmen wie möglich, dann wird hinterher ausgetauscht.“ Weil: Die Spieler blieben natürlich nicht stehen, und so kam jeder Journalist auf höchstens drei, vier HSV-Profis, die er als „Stimme“ im Block hatte. Um aber Vielfalt (für den Leser) zu haben, tauschten wir uns, wie vorher vereinbart, untereinander aus.

So kam es, dass ich für das Hamburger Abendblatt auch eine Stimme von Stefan Schnoor hatte (die mir der Mopo-Kollege gegeben hatte). Schnoor sprach aber schon seit einigen Wochen nicht mehr mit uns, speziell mit dem Abendblatt nicht. Trotz allem wurde die Stimme verwendet, er hatte sich wirklich nicht brisant sondern nur total belanglos geäußert. Dem Sinn nach so etwas wie: „Das ist allein die Sache des Präsidiums, da werde ich keinen zusätzlichen Kommentar mehr abgeben.“ Als Schnoor das am nächsten Tag las, ging er, als die Mannschaft zum Vormittagstraining ging, auf mich los, fauchte mich an; „Wie kommst du dazu, eine Stimme von mir bei eurer Zeitung zu veröffentlichen. Ich habe weder mit dir noch mit einem deiner Abendblatt-Kollegen gesprochen . . .“

Er war richtig sauer, schrie mich vor versammelter Mannschaft und vor einigen Fans an. Ich antwortete ihm nur kühl: „Solltest du irgendwann einmal Zeit haben, dann kannst du mich in der Redaktion besuchen, und ich erkläre dir dort, wie Journalisten arbeiten, wie sich auch manchmal, weil es die Umstände erfordern, arbeiten müssen.“ Stefan Schnoor kam natürlich nie, aber es wäre meiner Meinung nach schon ratsam, erklärende Dinge, die zwischen Mannschaft und Medien stehen könnten, einmal an die Männer zu bringen. Dann würde sich eventuell, aber auch nur eventuell, ein Eljero Elia ein wenig zurückhaltender über seinen Arbeitgeber äußern.

Aber im Moment ist ja „nur“ WM, da sind alle Spieler „weit vom Schuss“. Aber schnell noch einmal zu diesem Turnier: Beim Spiel Griechenland gegen Nigeria wackelte erst der griechische Keeper Tzorvas, auf der Gegenseite glänzte Torhüter Enyeama. Aber nur bis zur 71. Minute. Da schenkte er den Griechen dann mit einem haarsträubenden Fehler den ersten Sieg bei einer WM. Aber noch einmal zu den Torhütern: Ein Mann wie „unser“ Frank Rost, das haben wir heute während dieses Spiel in der Redaktion gesagt, würde doch wohl bei fast allen Mannschaften, die an diesem Turnier teilnehmen, die Nummer eins sein und zwischen den Pfosten stehen. Für ihn ist es Pech, dass Deutschland so viele gute Keeper hat, aber es ist eben Tatsache. Pech für Rost, Glück für Deutschland.

21.50 Uhr (Mexiko – Frankreich 1:0)

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